Vernichtung durch Arbeit ist ein Begriff, der im nationalsozialistischen Lagersystem geprägt wurde und die planmäßige und vorsätzliche Tötung von Zwangsarbeitern oder Häftlingen durch übermäßige Schwerarbeit und mangelhafte Versorgung bezeichnete. Das Konzept der Vernichtung durch Arbeit wurde auch in den Lagern anderer totalitärer und diktatorischer Systeme angewandt, besonders folgenreich im sowjetischen Gulag.
NS-Zeit: Arbeit oder Vernichtung?
In den aufgefundenen Dokumenten aus dem "
Dritten Reich" taucht der Ausdruck “
Vernichtung durch Arbeit” nur im Zusammenhang mit der "
Auslieferung asozialer Elemente aus dem Strafvollzug" auf
[IMT (Hrsg.): Der Nürnberger Prozess. Band XXXVI, Seite 201 / Doku 654-PS}}]. Die hohe Sterblichkeit unter russischen Kriegsgefangenen und Juden, die als Arbeitssklaven der
SS in den deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagern ausgebeutet wurden, führte jedoch zum gleichen Ergebnis und rechtfertigt daher die selbe Bezeichnung. So starben beim Arbeitseinsatz für
Buna im
KZ Auschwitz III Monowitz etwa 25.000 von 35.000 eingesetzten Häftlingen. Die durchschnittliche Lebenserwartung eines jüdischen Häftlings im Arbeitseinsatz betrug weniger als vier Monate.
[Raul Hilberg: Die Vernichtung der europäischen Juden. erw. Aufl. Frankfurt 1990. ISBN 2-596-24417-X Band 2 Seite 994f] Die ausgemergelten Zwangsarbeiter starben vor Erschöpfung oder durch Krankheit oder sie wurden als arbeitsunfähig selektiert und getötet.
Die Industrie verlangte dringend nach Arbeitskräften. Oswald Pohl, der Leiter des SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamtes
lieferte die erforderlichen Arbeitssklaven und befahl am 30. April 1942:
- "Der Lagerkommandant allein ist verantwortlich für den Einsatz der Arbeitskräfte. Dieser Arbeitseinsatz muß im wahren Sinne des Wortes erschöpfend sein, um ein Höchstmaß an Leistung zu erzielen.Die Arbeitszeit ist an keine Grenzen gebunden.[... Zeitraubende Anmärsche und Mittagspausen nur zu Essenszwecken sind verboten."
[IMT (Hrsg.): Der Nürnberger Prozess. Band XXXVIII, Seite 366 / Doku. 129-R]
In der Folge wurden zahlreiche Außenlager in der Nähe von Bergwerken, und Industriebetrieben eingerichtet. Zugleich erhöhte sich die Sterberate unter den Arbeitssklaven. Am 26. Dezember 1942 schrieb Richard Glücks, Leiter des Amtes D vom SS- WVHA:
- "In der Anlage wird eine Aufstellung über die laufenden Zu- und Abgänge in sämtlichen Konzentrationslagern zur Kenntnisnahme übersandt. Aus derselben geht hervor, dass von 136.000 Zugängen rund 70.000 durch Tod ausgefallen sind."
[Ernst Klee: Auschwitz, die NS-Medizin und ihre Opfer. 3. Aufl. Frankfurt/M. 2004. ISBN 3-596-14906-1 Seite 45] Es ist rational kaum nachvollziehbar, dass die eingesetzten Häftlinge angesichts des beklagten Mangels an Arbeitskräften nicht schonender behandelt und angemessen versorgt, sondern faktisch durch Arbeit vernichtet wurden.
Es gibt Hinweise darauf, dass eine derartige Vernichtung durch Arbeit beabsichtigt war. Im Protokoll der Wannsee-Konferenz vom 20. Januar 1942 heißt es:
- "Unter entsprechender Leitung sollen nun im Zuge der Endlösung die Juden in geeigneter Weise im Osten zum Arbeitseinsatz kommen. In großen Arbeitskolonnen, unter Trennung der Geschlechter, werden die arbeitsfähigen Juden straßenbauend in diese Gebiete geführt, wobei zweifellos ein Großteil durch natürliche Verminderung ausfallen wird. Der allfällig endlich verbleibende Restbestand wird, da es sich bei diesem zweifellos um den widerstandsfähigsten Teil handelt, entsprechend behandelt werden müssen, da dieser, eine natürliche Auslese darstellend, bei Freilassung als Keimzelle eines neuen jüdischen Aufbaues anzusprechen ist."
Diese Textpassage ist vielfach als Anweisung für den Holocaust interpretiert worden, wobei der „Vernichtung durch Arbeit“ eine erhebliche Bedeutung zukam. Neuerdings schränken Historiker wie Jan Erik Schulte jedoch diese Sichtweise ein und bezweifeln, dass hier schon ein detaillierter Plan für den Völkermord vorlag: "Auch wenn viele Juden sterben würden, war der Arbeitseinsatz nicht nur Mittel zum Zweck der Vernichtung jüdischer Menschen.“ (Zitat aus
*)
Vernichtung durch Arbeit im Nationalsozialismus
Die
Ideologie des
Nationalsozialismus betrachtete die "germanischen Völker" der
Deutschen, der Flamen,
Niederländer,
Engländer und
Skandinavier als "Arier", als "Herrenmenschen" und "
Übermenschen". Das "deutsche Blut" und die "
arische Rasse" mussten "von Fremdrassigen" "rein gehalten" werden. Als "Fremdrassige" galten die
südeuropäischen und die
slawischen Völker und ganz besonders die
Juden und die
Sinti und Roma.
Homosexuelle, als "Asoziale" denunzierte Unangepasste, Sinti und Roma, als "Arbeitsscheue" Beschuldigte, Alte und Kranke galten als "nutzlose Esser" und "unnützer Ballast". Sie wurden in Ämtern und Polizeistellen auf Listen und Karteikarten registriert, gegen ihren Willen unfruchtbar gemacht und später planmäßig ermordet. Wer sich gegen die Hitler-Diktatur auflehnte (zum Beispiel entschiedene Christen, Kriegsdienstverweigerer, Kommunisten, Demokraten und Sozialdemokraten), wurde denunziert, mundtot gemacht, eingesperrt bzw. verschleppt in Straflager. In den nationalsozialistischen Arbeitslagern geschah dies vor allem durch
Die Haft im
Konzentrationslager sollte den Eingelieferten nicht nur brechen, sondern vernichten. Die Aufnahme und
Registrierung der neu eingelieferten Häftlinge, die
Arbeit, die Unterbringung der Häftlinge, die Zählappelle – das ganze Leben im Lager war von Demütigungen und Schikanen begleitet.
Die Aufnahme, die Registrierung und das Verhör der Verhafteten war begleitet von höhnischen Bemerkungen der SS-Leute. Bei den Zählappellen wurden die Häftlinge getreten und geschlagen. Die Zwangsarbeit bestand teilweise aus sinnlosen Verrichtungen und aus Schwerarbeit, die die Häftlinge zermürben sollte.
Besonders zynisch erscheint in diesem Zusammenhang der in einigen Konzentrationslagern des Dritten Reiches vorzufindende Schriftzug "Arbeit macht frei", z. B. an den Eingangstoren der Lager. (Das Konzentrationslager Buchenwald war das einzige KZ mit dem Spruch "Jedem das Seine" am Eingangstor.)
Opfer
Opfer der Vernichtung durch Arbeit waren vor allem Juden aus fast allen Staaten
Europas,
Sinti und
Roma, Angehörige
slawischer Völker,
politische Gegner,
Homosexuelle, so genannte "Asoziale", auch entschiedene
Christen.
Schätzungsweise kamen insgesamt sechs Millionen Juden, 80.000 Kranke und Behinderte deutscher Staatsangehörigkeit, 500.000 Sinti und Roma und sieben Millionen sowjetische Kriegsgefangene und russische Zivilisten in den Konzentrationslagern um. Genaue Zahlen sind nicht möglich, weil die Nationalsozialisten über ihre Opfer oft keine Listen führten.
Hintergrund
Die
nationalsozialistische Ideologie forderte die "
Reinhaltung" der "arischen Rasse" und des "deutschen Blutes" von "Fremdrassigen". Zu diesen "Fremdrassigen" zählten vor allem die
slawischen Völker, die Farbigen, die
Juden und die
Sinti und Roma. Alte Menschen, Kranke, "Arbeitsverweigerer", so genannte "Asoziale" und
Behinderte galten als "unnütze Esser". Auch
Nazi-Gegner, wie zum Beispiel
Kommunisten,
Demokraten,
Sozialdemokraten und entschiedene
Christen, wurden verfolgt, weil sie sich dem "Aufbruch" und dem "nationalen Erwachen" entgegenstellten.
Vernichtung durch Arbeit im Kommunismus
Ähnliches geschah auch in
kommunistischen Staaten wie zum Beispiel in der
Sowjetunion unter
Stalin, der die Lager seines Vorgängers
Lenin weiter ausbaute, in
Rumänien unter
Ceausescu oder im
kommunistischen Nordkorea oder
China. Hier stand die Vernichtung von
politischen Gegnern und anderen
Missliebigen durch Arbeit und Haftbedingungen im Vordergrund.
Alexander Solschenizyn schrieb in seinem Buch
Der Archipel Gulag: "Für
Gaskammern hatten wir kein
Gas".
Also setzte der Stalinismus zur Vernichtung seiner Gegner kein Giftgas ein, sondern ließ sie als Häftlinge auf großen Baustellen (beispielsweise Kanäle oder im Städtebau) arbeiten. Die Haftbedingungen waren durchgängig geprägt von
- sehr hohen Arbeitszeiten und -normen
- Hungerrationen, die bei Untererfüllung der Arbeitsnorm weiter reduziert wurden
- eisiger Kälte, bei oft völlig ungenügender Bekleidung
- gefährlichen Arbeitsbedingungen,
- Krankheiten (wie z. B. Typhus und Skorbut), bei unzureichender medizinischer Versorgung
- Dreck, Ungeziefer, unzureichende Hygiene-Einrichtungen, vor allem in Frauenlagern
- drastischen Bestrafungen für geringste Regelverletzungen, Schikanen, Beleidigungen und Misshandlungen.
Ebenso zynisch, wie das "Arbeit macht frei" bei den Nationalsozialisten, prangte bereits im Jahre 1923 über dem ersten größeren Zwangsarbeitslager der Sowjetunion der Spruch, "Laßt uns mit eiserner Hand die Menschheit ihrem Glück entgegentreiben" (Quelle: M. Stark, Frauen im Gulag, dtv, 2005).
Allerdings fehlte dieser kommunistischen Art von Vernichtung durch Arbeit das "industrielle" Massentöten, wenngleich aus ethischer Sicht jede Methode der Tötung gleich zu beurteilen ist.
Opfer
Die Anzahl der Opfer des
Stalinismus kann nur geschätzt werden. Viele Historiker gehen von bis zu 50 Millionen Toten im
Archipel Gulag (
Gulag) aus. Es waren Angehörige von angestammten Völkern der
Sowjetunion, von neu einverleibten Völkern der Sowjetunion (Polen, Balten, Deutsche u.v.a.), von Staaten des Warschauer Paktes (DDR/SBZ, Westpolen, Rumänien, Bulgarien, Jugoslawien, u.v.a.), Kosaken, Kulaken, tatsächliche und angebliche politische Gegner, Nonnen und Mönche,
Geistliche,
Kriminelle darunter auch
Jugendliche und im Lager geborene Kinder. Hinzu kommen die überlebenden Gefangenen Lenins und seiner Tscheka.
Der berüchtigte § 58 stellte "konterrevolutionäre" Tätigkeiten und "antisowjetische Agitation" unter Strafe, was sehr weit ausgelegt wurde. Unter diesen Strafparagraphen fielen auch kritische Äußerungen gegen die Politik oder die kommunistische Partei oder "Hoffnungen auf eine Wiederherstellung des kapitalistischen Systems". Unter solchen Vorwänden wurden auch Millionen eher unpolitischer Menschen, die keine Kriminellen waren, verhaftet. Massenerschießungen fanden meist bereits vor dem Eintreffen im Lager statt, in Gefängnishöfen, in Wäldern, auf Dorfplätzen, am Rande von Gruben und Gräben.
Unter den oben genannten 50 Millionen Opfern machen die Opfer der Vernichtung durch Arbeit in den sowjetischen Lagern nach Schätzungen 1-2,5 Millionen Tote aus.
Ahnliche Konzepte setzten auch viele andere kommunistische Regierungen in ihren Ländern ein: China, Vietnam, Nordkorea, Kambodscha, u.a.
Hintergrund
Die Ausrottung von "
Kapitalisten", Angehörigen der "Bourgeoisie" und Kritikern des Systems wurde mit der
kommunistischen Ideologie gerechtfertigt. Der "real existierende
Sozialismus" bzw.
Kommunismus wollte die Klassen- und Standesunterschiede überwinden und eine "Diktatur des Proletariats" errichten. Das bedeutete die Abschaffung des Privateigentums, die Konfiszierung des Produktionskapitals, die Organisation der Arbeiterklasse in einer dominierenden Partei (KP) und viele weitere gesellschaftliche Umwälzungen. Dies konnte nur auf Kosten der früheren
Großgrundbesitzer, der Fabrikanten, der Adelingen, des Bürgertums und des Klerus gehen. Es führte darüberhinaus aber zur Ermordung von Millionen, die gar nicht zu diesen Gruppen gehörten: selbständige Kleinbauern
Kulaken, kleine Geschäftsleute, Hausbesitzer, Akademiker, Beamtenschaft, Demokraten, sog. Anderparteimitglieder, frühere Politiker, ehemalige Offiziere, orthodoxe Laien. Da der
Wahrheitsanspruch des
Kommunismus eine
Ideologie ist, die keine abweichenden Meinungen oder Strömungen zuließ, wollten die
kommunistischen Regierungen auch die
Kritiker oder alle, von denen sie Opposition erwarteten, zum Schweigen bringen.
Die Ursachen: Die kommunistische Ideologie forderte seit Marx den "gewaltsamen Umsturz aller bisherigen Gesellschaftsordnung". Diese Ziele wurden unter Lenin ab 1917 konsequent und "gewaltsam" umgesetzt. Betroffen waren "Klassenfeinde" und "Klassendfremde" vieler verschiedener Bevölkerungsgruppen (siehe erster Absatz). Die Millionen Betroffenen weigerten sich natürlich. Sie wurden entweder liquidiert oder verbannt oder beugten sich schließlich oder wurden in Lagern interniert, wo ab Mitte der 20´er Jahre Stalin die Häftlinge der Vernichtung durch Arbeit ausgesetzt waren.
Moralische Rechtfertigung für die Vernichtungen (also Tötungen) liegt u.a. in Formulierungen der kommunistischen Literatur und Schriftwelt: "Klassenfeind", "gewaltsam" (Marx), "Säuberung der russischen Erde von allem Ungeziefer" und "Roter Terror" (Lenin, 1918), "Parasiten", "Liquidieren", "Ausrupfen", "Vertilgen", "Niedermachen", "Umlegen" u.a. radikalen Begriffen, die in der kommunistischen Literatur und Schriftwelt gängig waren (Solschenizyn). Die Opfer wurden, wie diese Formulierungen zeigen, nicht mehr als Menschen angesehen, sondern als Feind oder Tier oder Unkraut.
Dass aus revolutionstypischen Opferzahlen der ersten Revolutionsmonate die massenhafte Vernichtung von Millionen Menschen wurde, hat im Kern daran, dass die kommunistischen Ziele und Methoden einem so großen Anteil der russischen Bevölkerung zuwider liefen und dass viele Millionen sich so dauerhaft über Jahrzehnte gegen den Kommunismus wehrten.
Literatur
- Stéphane Courtois:Das Schwarzbuch des Kommunismus, Unterdrückung, Verbrechen und Terror. Piper, 1998. 987 S. ISBN 3-492-04053-5
- Jörg Echternkamp: "Die deutsche Kriegsgesellschaft : 1939 bis 1945 : Halbband 1. Politisierung, Vernichtung, Überleben". Dt. Verl.-Anst., Stuttgart 2004. 993 S., graph. Darst. ISBN 3-421-06236-6
- Joel Kotek/Pierre Rigoulot: "Das Jahrhundert der Lager.Gefangenschaft, Zwangsarbeit, Vernichtung", Propyläen 2001
- Rudolf A. Mark (Hrsg.): "Vernichtung durch Hunger : der Holodomor in der Ukraine und der UdSSR". BWV, Berliner Wiss.-Verl., Berlin 2004. 207 S ISBN: 3-8305-0883-2
siehe auch
Fußnoten
Arbeit | Konzentrationslager | Geschichte des Holocaust
Extermination through labour