Diagramm_verlagssystem.png Das Verlagssystem ist eine sich seit dem 14. Jahrhundert herausbildende Form der dezentralen Gütererzeugung. Der Verleger beschafft die benötigten Rohstoffe, gibt diese meist vorschussweise an den Produzenten aus und organisiert schließlich den Verkauf des Endproduktes. Das Wort „Verlag“ leitet sich von Vorlage ab. Der Verleger tritt mit Geld und/oder Rohstoffen in Vorlage. Die Produktion selbst wird in Heimarbeit vorgenommen.
Es werden mehrere Varianten des Verlagssystem unterschieden:
Gemeinsam ist allen Varianten, dass die verlegten Produzenten meist schnell in eine große Abhängigkeit vom Verleger geraten, da sie nur noch durch diesen einen Zugang zum Markt haben. Die Produktionsmittel bleiben formal das Eigentum des Handwerkers, dieser ist „Selbständiger“ und weitgehend schutzlos. Jegliches Lohnrisiko wird auf die Produzenten verlagert.
Aufgrund dieser zusätzlichen Einnahmequelle wurden die ländlichen Ehebeschränkungen gelockert. Geheiratet werden konnte nun auch, wenn man über keinen ausreichenden Landbesitz verfügte. Hierdurch wurden mehr Ehen geschlossen und mehr Kinder geboren, was wiederum zum weiteren Anstieg der Bevölkerung beitrug.
Der Verleger nutzte die entstehenden freien Arbeitskräfte, um die Beschränkungen des städtischen Zunfthandwerkes zu umgehen. Auf dem Land hatte er es mit unorganisierten und daher weitgehend schutzlosen Hausgewerbetreibenden zu tun. Letztlich führte die Verlagerung der Produktion auf das Land zu einem erheblichen Druck auf das städtische Zunfthandwerk, welches damit ebenso ins Verlagssystem gezwungen wurde. Ursprünglich hatten die Zunftordnungen bestimmt, dass jeder Handwerksmeister seine Ware selbst verkaufen musste. Teilweise wurde des Prinzip aufgegeben als die Zünfte Verkaufsgenossenschaften gründeten. Die Vertriebsmöglichkeiten der Zünfte trat jedoch an ihre Grenzen, wenn die lokalen Absatzmärkte keine ausreichende Nachfrage mehr aufwiesen. In diesem Fall musste auf Fernkaufleute zurückgegriffen werden, die eine bessere Kenntniss der Exportmärkte hatten. Der Verleger übernahm diese Rolle.
Das Verlagssystem verbreitete sich überall dort, wo größere Stückzahlen einheitlich hergestellt werden konnten: im Textilgewerbe (Leinen- und Baumwollweber, Wolltuche und Seide), im Metallgewerbe (Kleineisenproduktion), im Verhüttungsgewerbe, in der Drahtfabrikation, im Waffengeschäft, im Holzgewerbe, im Buchdruck und in der Spielzeugherstellung.
Obwohl eine verlegerische Organisationstätigkeit auch in der Textilindustrie schon im ausgehenden Mittelalter beobachtet werden kann lag ihr Höhepunkt im 18. Jahrhundert. Der Verleger wurde oftmals als „Fabrikant“ und das Verlagshaus als „Fabrik“ bezeichnet - insbesondere, wenn die im Verlagssystem produzierte Ware nur ein Zwischenprodukt darstellte (beispielsweise: Kattundrucker lässt im Verlagssystem seine Stoffe herstellen). Das Verlagssystem war neben den entstehenden Manufakturen eine Basis des modernen Fabrikwesens.
Die wirtschaftliche Situation der verlegten Landhandwerker wurde im Laufe der Jahre immer schlechter, vor allem weil nur teilweise in bar entlohnt wurde. Ein Teil des Warenwertes wurde meist mit den Rohstofflieferungen verrechnet. Das Streben des Verlegers nach Profitmaximierung, welche letztlich durch niedrige Produktionskosten erreicht werden sollte, führte zu immer niedrigeren Stückpreisen, welche durch das Überangebot an billiger Arbeitskraft auch durchgesetzt werden konnten. Die bedrängten Familien versuchten dies über eine Produktionssteigerung auszugleichen, was zu einer erheblichen Ausweitung der Kinderarbeit, aber auch zu schlechterer Qualität führte. Letztere wurde vom Verlegen wiederum als weiteres Druckmittel im Lohndumping verwendet.
Zum Ende des 18. Jahrhunderts war das textile Landhandwerk von einer massenhaften Verarmung (Pauperismus) bedroht. Dies führte vielerorts zu Weberaufständen.
Zur selben Zeit wurde das Verlagssystem auch auf die städtischen Handwerksbetriebe ausgedehnt und führte langfristig zum Ende der Weberzünfte. Die hochwertigen Erzeugnisse der Weberzünfte waren vom globaleren Markt verdrängt worden. Die Weber mussten auch hier in immer größerem Maße schlechtere Qualität produzieren, um überhaupt noch im Geschäft zu bleiben. Im Laufe dieses Prozesses kam es auch unter den städtischen Webern zu Aufständen. Die Entwicklung des städtischen Handwerkers reichte dabei, je nach den wirtschaftlichen Verhältnissen, vom Abstieg zum bloßen Lohnhandwerker bis zum Aufstieg zum Verleger.
Die in England beginnende industrielle Revolution führte zum Aussterben des Verlagssystems im textilen Umfeld. Bereits 1783/1784 war mit der Cromforder Spinnerei in Ratingen die erste Textilfabrik auf dem europäischen Festland entstanden. Etwa um 1830 war der Produktionsprozeß des Spinnens bereits weitgehend mechanisiert.
Die Mechanisierung des Webens steckte jedoch bis ca. 1820 technisch in den Kinderschuhen. Die ersten mechanischen Webstühle erbrachten noch keine Produktivitätssteigerung. So konnte das Weben noch lange Zeit als Handarbeit betrieben werden. Tatsächlich erlebte die Handweberei in der Mitte des 19. Jahrhunderts quantitativ ihre größte Blühte. Erst die Erfindung des Schnellschützen machte den mechanischen Webstuhl konkurrenzfähig. Zuerst wurde die Leinenweberei, erst später auch die Baumwollweberei mechanisiert. In manchen Gebieten konnte sich die Baumwoll-Handweberei bis in die 80er und 90er Jahre des 19. Jahrhunderts halten.
Handwerk | Textilindustrie | Wirtschaftsgeschichte der Frühen Neuzeit
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