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Direkte Anrede --Joystick 18:37, 29. Apr 2006 (CEST)


Vergesslichkeit ist nicht nur eine negative menschliche Eigenschaft (Zitat: "Hach, was bin ich nur vergesslich", Eduard Künnekes-Operette Liselott; u.v.a.m.) sondern auch eine notwendige Fähigkeit des Gehirns.

Vergesslichkeit ist normal. Auch wenn es zunächst unlogisch klingt: Das Gedächtnis (in unserem Gehirn) funktioniert nur, wenn es Vergesslichkeit gibt.
Allerdings kann sie auch Symptom(Anzeichen), eine Vorstufe krankhaften Intelligenzabbaus (einem Alterssyndrom) der Demenz sein. Als Symptom gilt sie erst bei einer länger als 6 Monate anhaltenden veränderten und auch für Dritte beobachtbaren Gedächtnisleistung. Und nicht, wenn immer mal wieder "Kleinigkeiten" wie ein Paßwort, ein Termin oder ein Einkauf entfallen.

Lurija und Vester wiesen ziemlich als Erste darauf hin: Könnte das Gehirn nicht, relativ automatisch, etwas vergessen, müßte dort jede Wahrnehmung verarbeitet werden. Und zwar lebenslang, dauerhaft. Jede Reaktion auf einen Reiz erfordert zuerst einen Vergleich des Neuen mit früheren Reizen, ob tatsächlich etwas neu ist - etc. Die notwendige Zahl der Neuronen-Verknüpfungen würde schnell in unvorstellbare Größenordnungen anwachsen. Weit über die Kapazität der relativ vielen Gehirnzellen hinaus. Diese neuronale Arbeit wird durch Vergesslichkeit "gespart" und damit Gehirnleistungskapazität für unbewusste (z. B. Reflexe) und bewusste Denkprozesse bereit gestellt.

Aus allen drei Speicherarten (einem wichtigen Modell der Neurowissenschaft) des Gehirns gibt es stets auch einen Ausweg für "überflüssige" Informationen in den Papierkorb der Vergesslichkeit: Sensorischer Speicher (Eingangsfilter), Arbeitsgedächtnis (früher Kurzzeitgedächtnis genannt), Langzeitgedächtnis können vergessen.

Allerdings können wir nicht willentlich etwas vergessen. Durch das Denken daran werden die entsprechenden Neuronen-Verbindungen aktiviert und es tritt genau das Gegenteil ein. Der Beitrag der Psychoanalyse zur Verdrängung widerspricht dem nicht.

Sozialpsychologisch ist der Ansatz von Welzer u. a. recht gut fundiert, der sagt, dass nicht die Realität sondern die wiederholte Bearbeitung von Erinnerungen unseren Eindruck von der Wirklichkeit stets neu schafft. Erwünschtes (individuell oder sozial) wird so teilweise zur Erklärung von Vergessen oder Behalten.

Erklärungsmodelle:

Warum vergessen wir? Es gibt verschiedene Ursachen für Gedächtnisverlust. Sie wirken evtl. nebeneinander:

  • Der häufigste Grund ist Stress. Zu hohe Konzentrationen des Stresshormons Cortisol schädigen wahrscheinlich die Nervenzellen.
  • Störungen beim Aufnehmen von Informationen
  • Auch das Alter mit seinem Gewerbsverlust wird in der Gerontologie seit langem angeschuldigt. Dieser Annahme widerspricht allerdings der relativ hohe Anteil über 90jähriger, der nicht an Alzheimer o. ä. erkrankt. Genaueres erhofft sich zur Zeit die gentechnische Untersuchung der Ursachen der Alzheimer-Krankheit.
  • Drogen, Medikamente und Alkohol können unsere Speicher- und Erinnerungsfähigkeiten angreifen.
  • Umgekehrt ist auch Ernährungs-Mangel als eine Ursache verminderter Gedächtnisleistung nachgewiesen.
  • Sicher ist auch, dass sich Depressionen negativ auswirken
  • Die Interferenztheorie geht von der Überlagerung oder Störungen durch neue Informationen aus.
  • Die Theorie des Kanadiers Endel Tulving, die HERA-Theorie (Hemispheric Encoding and Retrieval Asymmetry)

Wieweit eine kumulative Wirkung verschiedener Ursachen vorliegt, ist nicht erforscht. Weder auf der Individualebene noch allgemein.

siehe auch:


Literatur


  • Alan D. Baddeley: Essentials of Human Memory, Psychology Press, ISBN 0863775454
  • Alan D. Baddeley: So denkt der Mensch. Verlag Droemer Knaur
  • Jürgen Bredenkamp: Lernen, Erinnern, Vergessen, ISBN 3406432964
  • Hermann Ebbinghaus: Über das Gedächtnis; ISBN 9060310071
  • Alexander Romanowitsch Lurija: Das Gehirn in Aktion. Einführung in die Neuropsychologie, Reinbek 1974, 1992 x- A. ISBN 3-499-19322-1
  • Klaus Oesterreich: Psychiatrie des Alterns. Heidelberg: Quelle & Meyer, 1981 (2. Aufl.)
  • Dieter Platt, Klaus Oesterreich: Handbuch der Gerontologie, 7 Bde., Bd.5, Neurologie, Psychiatrie. 1998. ISBN 3437109030.
  • Erasmus von Rotterdam: Encomium Moriae. (dt: Lob der Torheit) 1508, Reclam.
  • Oliver Sacks: Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte. 1990, ISBN 3499187809
  • Manfred Spitzer: Lernen, Heidelberg: Spektrum Verlag, 2003. ISBN 3827413966
  • Spektrum der Wissenschaft: Gedächtnis, Spezial Nr. 2002/1, ISBN 3936278083
  • Frederic Vester: Denken, Lernen Vergessen. München: dtv, 1975. 2005 256 Seiten. dtv. 1998 Neuaufl. ISBN 3423330457
  • Harald Welzer: Das kommunikative Gedächtnis. Eine Theorie der Erinnerung, München: Beck, 2002. ISBN 3-406-49336-X

Weblinks


  • Wenn das Gedächtnis streikt. Quarks & Co . wdr-Sendereihe. Sendungsskript. Auch download.
    • Dort auch ein wissensch. fundierter Gedächtnistest nach Alan Baddeley von der Applied Psychology Unit in Cambridge

Gedächtnis

Forgetting

 

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