Vegetarian diet.jpg Vegetarismus ist eine Ernährungsweise, die den Verzehr von Tieren ausschließt.
Der Begriff "Vegetarismus" leitet sich von engl. "vegetarianism" (vegetable = pflanzlich, Gemüse) ab. Dies wiederum stammt vom lateinischen "vegetus", was "ganz gesund, frisch und lebendig" bedeutet.
Über den Verzehr von Nahrungsmitteln, die von Tieren produziert werden, wie Eier, Milch, Milchprodukte oder Honig, gehen die Ansichten der Vegetarier auseinander. Die völlige Ablehnung tierischer Produkte - auch über die Nahrung hinaus - wird als Veganismus bezeichnet. Zwischen Veganismus und Vegetarismus besteht ein fließender Übergang, meist abhängig von den jeweiligen Beweggründen für die Entscheidung zur vegetarischen Ernährung.
Im normalen Sprachgebrauch bezeichnet der Begriff Vegetarismus einen vollständigen und dauerhaften Verzicht auf alle Arten von Fleisch- und Fischnahrung. Daher gehören Personen, die auf diese Nahrungsmittel nur teilweise oder nur zeitweilig verzichten, nicht zu den Vegetariern.
Es werden mehrere Unterarten vegetarischer Ernährung unterschieden:
Einige Menschen lehnen den Verzehr bestimmter Fleischsorten ab, andere den Verzehr des roten Fleisches. Dies hat jedoch mit Vegetarismus nichts zu tun.
Jedenfalls wurde seit der Sintflut der Fleischverzehr akzeptiert, obwohl eine konsequente Auslegung des 5. Gebotes ("Du sollst nicht töten", wird auch von Jesus zitiert) dies verbietet. In Matthäus 15,11 nimmt Jesus allgemein zu den Speisevorschriften der mosaischen Reinheitsgebote Stellung: Diese Stelle bezieht sich zwar nicht auf die konkrete Art und Weise der Ernährung, sondern vielmehr um für die Christen aufgehobene Reinheitsgebote des Alten Testamentes, ist aber ein gängiges Argument jener Christen, die den Vegetarismus ablehnen. Manche christliche Vegetarier hingegen glauben, dass Jesus – wie Buddha – das Töten von Tieren zwar ablehnte, aber als Gast Fleischgerichte gegessen hat, um die Gastgeber nicht zu kränken. Paulus hatte offenbar keine Vorbehalte gegen Fleischverzehr, kannte aber offenbar das Problem aus der Gemeinde und empfahl dazu Röm 14,21:
In den Büchern von Jakob Lorber ("Die Haushaltung Gottes") wird übereinstimmend mit der Bibel berichtet, daß die "Urkirche", angefangen von Adam bis Noah, sich von Milch und Früchten ernährte und kein Fleisch gegessen wurde. Überreste dieser Urkirche seien bis heute in Indien anzutreffen (Hauptwohnsitz der Urväter sei das Himalayagebirge gewesen), weswegen sich dort der Vegetarismus und der Tierschutz im Hinduismus und Buddhismus bis heute erhalten haben. Nach Lorber und auch anderen christlichen Mystikern wie Anna Katharina Emmerick und Maria von Agreda waren die ersten Fleischesser unter den Nachkommen von Kain, die in der Sintflut umgekommen sind. Später sollen namentlich nicht genannte Nachkommen von Noah mit dem Fleischessen begonnen haben, worauf dann die Schlachtopfer und Reinheitsgebote eingeführt wurden, um so das Fleischessen möglichst einzuschränken. Die gröbste Form des Fleischessens ist der Kannibalismus, der aber bis heute von keiner Weltreligion geduldet wird.
In außereuropäischen Kulturen ist religiös begründeter Vegetarismus nur in Traditionen indischen Ursprungs anzutreffen, nämlich in einzelnen Richtungen des Hinduismus, bei manchen Buddhisten und ganz allgemein im Jainismus. Die Motivation ist ihnen allen gemeinsam. Es ist in erster Linie das Gebot der Gewaltlosigkeit (Ahimsa), welches im Prinzip das Verletzen und Töten untersagt und daher auch verbietet, davon auf irgendeine Weise zu profitieren. Nichtvegetarische Nahrung wird als Anlass zur Entstehung von schlechtem Karma aufgefasst. Außerdem sind diese Traditionen ursprünglich asketisch orientiert; die Nahrung soll einfach sein und sich auf das unbedingt Notwendige beschränken. Man nimmt auch an, dass manche Nahrungsmittel, besonders Fleisch, unerwünschte Auswirkungen auf Bewusstseinszustand und Charakter des Essenden haben; in hinduistischen Lehren sind solche Speisen der Guna (Eigenschaftstypus) Tamas (Trägheit, Dumpfheit, Verwirrung) zugeordnet. Aus diesen Gründen gilt die Fleischnahrung als Hindernis auf dem Weg zur Reinigung und Erlösung, die in diesen Richtungen das Ziel aller Bestrebungen bildet. Milch und Milchprodukte sind hingegen in allen diesen asiatischen Traditionen erlaubt, und zum Teil wird ihr Verzehr sogar ausdrücklich empfohlen.
Sehr unterschiedlich ist allerdings die Konsequenz, mit der der Gedanke der allgemeinen Gewaltlosigkeit in die alltägliche Praxis umgesetzt wird. Weitaus am konsequentesten verwirklichen die Anhänger des Jainismus und unter ihnen vor allem die Mönche diese Grundidee. Bei allen Jainas sind Fleisch, Fisch und Eier streng verpönt, ebenso wie auch außerhalb des Nahrungsbereichs sämtliche Produkte, die aus toten Tierkörpern gewonnen werden, und sogar der Honig, der unter allen Umständen gemieden wird.
Im Buddhismus hingegen hat sich der Vegetarismus nicht auf breiter Basis durchsetzen können. Nur eine relativ kleine Zahl besonders frommer buddhistischer Priester enthält sich freiwillig jedes Genusses tierischer Nahrung. In Tibet, Sri Lanka, Burma und Thailand essen die buddhistischen Priester Fleisch. Buddhisten dürfen zwar nicht töten oder bei einer Schlachtung anwesend sein, aber sofern das Tier nicht eigens ihretwegen geschlachtet wurde, dürfen sie sein Fleisch essen. Die Schlachtung wird zwar als sündhaft betrachtet, doch geht man davon aus, dass karmische Folgen nur die unmittelbar daran Beteiligten treffen. Buddhistische Laien essen gewöhnlich so viel Fleisch oder Fisch, wie sie sich leisten können. In der vedischen Religion (Hinduismus) wurde ursprünglich Fleisch - einschließlich Rindfleisch - grundsätzlich als normales Nahrungsmittel betrachtet. Im Rahmen religiöser Zeremonien wurden Tiere geschlachtet und ihr Fleisch anschließend verzehrt. Das Gesetzbuch des Manu, das grundlegende Gesetzeswerk des Hinduismus, erlaubt den Fleischverzehr und legt die Bedingungen fest, an die er geknüpft ist. Im Lauf der Zeit konnte sich aber der Lakto-Vegetarismus in den drei höheren Kasten durchsetzen. In der Kolonialzeit wurde er von der Oberschicht in der Regel befolgt, während die Angehörigen der untersten Kaste meist aßen, was sie bekommen konnten. Strikten Lakto-Vegetarismus praktizieren seit jeher die Yogis und die Vaishnavas (Vishnu-Verehrer), insbesondere die Richtungen, die sich auf Chaitanya berufen. Die Unantastbarkeit der heiligen Kühe ist ein besonderes religiöses Tabu und gehört nicht zum Thema Vegetarismus.
Ein häufiger Grund für den Wechsel zum Vegetarismus sind gesundheitliche Beschwerden, vor allem im Herz-Kreislauf-System, oder Hauterkrankungen wie Neurodermitis oder Psoriasis. In diesen Fällen kann ein Wechsel zum Vegetarismus symptomlindernde Auswirkungen haben.
Das durch den tierischen Stoffwechsel ausgeschiedene Methangas wird als ein wesentlicher Faktor für den derzeitigen weltweiten Klimawandel angesehen. Zudem belasten die im Tierkot (Jauche oder Gülle) enthaltenen Nitrate das Grundwasser. Die Herstellung der enormen benötigten Futtermengen führt zu großflächigen Waldrodungen, insbesondere in den Ländern der Dritten Welt.
Außerdem argumentieren Experten, dass nur eine Erhöhung des pflanzlichen Nahrungsanteils den wegen der Zunahme der Weltbevölkerung rasch wachsenden Bedarf an Proteinen und Kalorien decken kann. Sie meinen, der Umweg über das Tier sei hierbei verschwenderisch, da zur Bildung von einem Kilogramm tierischen Proteins etwa fünf bis zehn Kilogramm Pflanzeneiweiß benötigt werden. Mit der als Tiernahrung angebauten Pflanzenmenge könnten somit sehr viel mehr Menschen ernährt werden. In den wohlhabenden Ländern wird ungefähr die Hälfte des Getreides an das Vieh verfüttert.
Ein weiterer Grund für den Verzicht auf Fleisch aus Massentierhaltung sind die dort eingesetzten Medikamente, insbesondere Antibiotika. Es wird befürchtet, daß der großflächige Einsatz von Antibiotika Resistenzen in gefährlichen Erregern bewirkt.
Seit in vielen Studien Vegetariern ein besserer Gesundheitsstatus als dem Bevölkerungsdurchschnitt bescheinigt wurde, gilt die vegetarische Ernährung als bedarfsdeckend und bei guter Planung als gesund. Manche Wissenschaftler sprechen ihr einen gesundheitsfördernden Einfluss zu. Einige Studien ergaben, dass Vegetarier in westlichen Industriegesellschaften auch bei anderen Belangen der Lebensführung vermehrt auf die Gesundheit achten, zum Beispiel im Durchschnitt beachtlich seltener rauchen, weniger Alkohol trinken und häufiger Sport treiben als Nichtvegetarier. Daher bieten diese Studien keine ausreichende Grundlage für den Schluss, die vegetarische Ernährung sei generell eine gesündere Ernährungsform als ausgewogene Mischkost.
Katzen gehören jedoch zu den Fleischfressern. Die vegetarische oder auch vegane Ernährung von Katzen ist dennoch möglich, jedoch muss die Nahrung mit einer Reihe von teilweise künstlichen Nahrungsergänzungsstoffen angereichert sein, um ein Defizit auszugleichen, ansonsten drohen schwere gesundheitliche Schäden. Hierfür stehen neben Fertigfutter auch komplette, einfach anzuwendende Supplementmischungen zur eigenen Nahrungszubereitung zur Verfügung. Bei diesen Supplementen handelt es sich um die gleichen Stoffe, die meist auch fleischhaltigem Fertigkatzenfutter zugesetzt werden, zum Beispiel Taurin.
In der Ethikdebatte argumentieren die Kritiker des Vegetarismus, es sei dem Menschen grundsätzlich nicht möglich, die Verursachung von Leid und Tod in der Tierwelt völlig zu vermeiden. Daher sei jede Festlegung einer Grenze des ethisch Vertretbaren subjektiv und willkürlich. Somit sei der ethisch begründete Vegetarismus nicht konsequent.
Außerdem meinen Kritiker, die vegetarische Ernährung entspreche nicht der natürlichen Veranlagung des Menschen, da er biologisch gesehen ein Omnivor (Allesesser) sei. Sein Körper sei für gemischte Kost eingerichtet, wenn auch mit einem Schwerpunkt auf pflanzlicher Kost.
Als weiteres Argument gegen den Vegetarismus wurd von Seiten von Kritikern angeführt, dass Hitler aus gesundheitlichen Gründen Vegetarier gewesen sei.
Dem Argument, dass ethische Grenzen nur sehr schwer zu ziehen seien, halten Vegetarier entgegen, dass zwar nicht jede Verursachung von Leid und Tod vermieden werden könne, wohl aber das Vermeidbare zu vermeiden sei.
Zur natürlichen Veranlagung des Menschen bemerken Vegetarier, das menschliche Gebiss entspreche viel eher dem eines Pflanzenfressers als dem eines Fleischfressers, und sein Darm sei ebenso lang wie bei reinen Pflanzenfressern, was für gute Verdauung pflanzlicher Nahrung zweckmäßig ist, wohingegen der kurze Darm der reinen Fleischfresser die Nahrung schneller aus dem Körper abtransportiert.
Der Vegetarismus entwickelte sich in religiös-philosophischen Traditionen Indiens und unabhängig davon, aber aus ähnlichen Motiven im östlichen Mittelmeerraum. Weltweite Verbreitung hat er erst in der Moderne gefunden.
Dort, wo Vegetarismus - im antiken griechischen Kulturkreis und in Indien - erstmals historisch glaubhaft überliefert ist, erscheint er von Anfang an als Frucht philosophisch-religiöser Reflexion und als Anliegen von Minderheiten. In Europa ist der Vegetarismus erstmals im 6. Jahrhundert v. Chr. bezeugt, und zwar in der religiösen Bewegung der Orphiker, die aus Thrakien stammte und sich damals in Griechenland verbreitete, sowie bei Pythagoras und im engeren Kreis der Pythagoreer. In beiden Traditionen enthielt man sich auch der Eier sowie der damals allgemein üblichen rituellen Tieropfer. Bei den Pythagoreern - zumindest ihrer Elite - war die Tötung von Tieren generell verpönt. Im 5. Jahrhundert v. Chr. trat Empedokles als radikaler Vertreter des Vegetarismus und einer allgemeinen Verschonung der Tiere hervor. Plotinus.jpg In der Platonischen Akademie traten die Scholarchen Xenokrates und (wahrscheinlich) Polemon für den Vegetarismus ein, unter den Peripatetikern Theophrastos, der Nachfolger des Aristoteles. Theophrast verwarf auch die Tieropfer und billigte nur die Tötung schädlicher Tiere. Die Stoiker hingegen waren fast alle entschieden antivegetarisch; dies hing mit ihrer negativen Einschätzung der mentalen Fähigkeiten der Tiere zusammen und mit ihrer Überzeugung, dass der Mensch gegenüber der Tierwelt keinerlei ethische Pflichten habe. Auch den Epikureern war die Idee einer Rücksichtnahme auf die Tierwelt fremd. Ein Teil der prominenten kaiserzeitlichen Platoniker und Neuplatoniker lebte vegetarisch, darunter Plutarch (allerdings wohl nur zeitweilig), Apollonios von Tyana, Plotin und Porphyrios. Porphyrios lehnte auch die Tieropfer ab, Iamblichos hingegen verteidigte die rituellen Schlachtungen.
In der Antike wurde der Vegetarismus, den man Enthaltung vom Beseelten nannte, stets als Angelegenheit einer sehr kleinen philosophischen Elite betrachtet. Die Vegetarier waren asketisch ausgerichtet und betrachteten Fleischnahrung als nachteilig für asketische und philosophische Bestrebungen. Großenteils waren sie auch ethisch motiviert, verwarfen Tieropfer und betonten die Gemeinsamkeiten zwischen Mensch und Tier (während ihre Gegner die Unterschiede hervorhoben). Die Frage, ob es ethische Pflichten gegenüber den Tieren gibt (Tierrechte), wurde kontrovers diskutiert. Unter den Platonikern war der Anteil der Vegetarier und Tierfreunde relativ hoch, in den anderen Philosophenschulen (Peripatetiker, Stoiker, Epikureer) sehr klein bzw. nicht vorhanden. Die extreme Anspruchslosigkeit der Kyniker bewog sie zu weitgehend fleischloser Ernährung, doch machten sie daraus kein Prinzip.
Oft war der Vegetarismus mit religiösen Überzeugungen verbunden, zu denen auch die Seelenwanderungslehre gehörte. Auch unter Nichtvegetariern war die Ansicht verbreitet, in einem Goldenen Zeitalter am Anfang der Menschheitsgeschichte habe es noch keine Fleischkost (und keinen Krieg und Mord) gegeben und die Erde habe von sich aus alle benötigte Nahrung hervorgebracht. Dieser Mythos findet sich bei Hesiod (Werke und Tage 109 ff.), Platon (Staatsmann 271-2), Ovid (Metamorphosen 1,89 ff.; 15,96 ff.) und anderen. Hier besteht eine Parallele zur christlichen Vorstellung, die Fleischnahrung sei erst nach der Sintflut eingeführt worden.
Bei den Manichäern waren die „Electi“ (Auserwählte) ethisch motivierte Vegetarier, die auch keine Eier aßen und grundsätzlich nicht töteten; für den breiteren Kreis der „Auditores“ (Hörer) galten weniger strenge Regeln.
Der bekannteste unter ihnen war der Kirchenvater Hieronymus, der diesen Standpunkt ausführlich begründete. Den Benediktinern gestattete ihre Ordensregel das Fleisch vierfüßiger Tiere nur im Krankheitsfall, aber Fisch und Geflügel waren erlaubt. Viele andere Mönchs- und Nonnenregeln enthielten ähnliche Fleischverbote und dehnten sie zum Teil auf Geflügel aus, niemals aber auf Fisch.
Solche Vorschriften gehörten in den Zusammenhang von bescheidener Lebensweise, freiwilliger Entbehrung und Abtötung der Begierden. Ein ethisch motivierter Vegetarismus aus grundsätzlicher Rücksichtnahme auf das Leben von Tieren war im kirchlichen Christentum unbekannt.
Häretiker der Antike (insbesondere Enkratiten) betrachteten den Verzicht auf Fleisch als wichtigen Teil der Askese.
Erst in der frühen Neuzeit im Zusammenhang mit dem humanitären Gedankengut brachten wieder prominente Persönlichkeiten Argumente für einen ethisch begründeten Vegetarismus vor, darunter Leonardo da Vinci, Michel de Montaigne und Pierre Gassendi. Sie ließen es aber – mit Ausnahme von da Vinci – bei verbalen Bekundungen bewenden und praktizierten den Vegetarismus selbst nicht oder nur zeitweilig. Vor dem 19. Jahrhundert gab es in Europa zwar literarische Kritik an gewissen Aspekten von Jagd und Schlachtung, aber fast keine aus Überzeugung konsequent praktizierenden Vegetarier. Einflussreiche Philosophen wie Descartes und Kant vertraten die Auffassung, dass es keine ethischen Pflichten gegenüber der Tierwelt geben könne.
Ein berühmter Vegetarier war auch Tolstoj, der sich allerdings erst im Alter dieser Idee zugewandt hatte.
Als Begründer der vegetarischen Bewegung in Deutschland gilt Gustav Struve (1805-1870). Er wurde durch Jean-Jacques Rousseaus Roman "Emile" zu einem Leben ohne Fleisch bekehrt. 1868 gründete er mit Gesinnungsgenossen aus Stuttgart und Umgebung einen vegetarischen Verein, der noch heute besteht. 1869 erschien sein grundlegendes Werk "Pflanzenkost - die Grundlage einer neuen Weltanschauung", das die vegetarische Bewegung nachhaltig beeinflusste.
Auch Wilhelm Zimmermann wurde durch die Lektüre Rousseauscher Schriften angeregt, sich fortan nur mit pflanzlichen Produkten zu ernähren. Nach einer Englandreise verfasste er sein Büchlein "Weg zum Paradies" (1844) und wurde einer der wichtigsten und frühesten Vermittler des religiös motivierten Vegetarismus angelsächsischer Prägung in Deutschland.
Theodor Hahn (1824-1883) war der erste Vertreter der Naturheilkunde in Deutschland, der seinen Patienten seit 1852 auch eine vegetarische Diät verordnete. Durch Hahns Schriften wurde Eduard Baltzer (1814-1887) auf den Vegetarismus aufmerksam. Baltzer gründete 1867 mit Familienangehörigen einen "Verein für natürliche Lebensweise", der rasch wuchs und 1869 in "Deutscher Verein für naturgemäße Lebensweise (Vegetarianer)" umbenannt wurde. In der vierbändigen Schrift "Die natürliche Lebensweise" pries er den Vegetarismus als die Quelle individuellen und sozialen Glücks. Dabei und in einer späteren Veröffentlichung bezog er sich auch auf Bibelstellen, die angeblich die Gottgewolltheit vegetarischer Lebensweise belegen.
Durch zahlreiche Vereinsgründungen und durch die wirksame publizistische Tätigkeit Eduard Baltzers gewann die vegetarische Bewegung im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts stark an Bedeutung. Dabei waren die von den jeweiligen Anhängern propagierten Begründungen für eine fleischlose Lebensweise unterschiedlich. Der "hygienische" Vegetarismus führte vor allem physiologisch-anatomische Elemente ins Feld. Zu den Hauptargumenten seiner Vertreter zählte der Hinweis, dass der Fleischkonsum für eine Vielzahl von Krankheiten verantwortlich sei. Andere Anhänger des Vegetarismus unternahmen wiederholt den Versuch, den Verzicht auf Fleischkonsum auch oder vor allem sozioökonomisch zu begründen. Meist waren solche Konzepte mit einer scharfen Zivilisationskritik und stark romantischen oder gar utopischen Züge verbunden. 1893 wurde von Anhängern der Lebensreformbewegung in Oranienburg bei Berlin eine vegetarische Obstbaukolonie gegründet, die den verheissungsvollen Namen "Eden" trug. In der Weimarer Republik wurde sie zu einem Kristallisationspunkt reformerischer Ideen und Arbeit auf vielen Gebieten. In ihren offiziellen Selbstdarstellungen wird jedoch meist verschwiegen, dass dort völkisch-antisemitische Bestrebungen einen fruchtbaren Nährboden fanden. Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs lebten fast 1000 Menschen im genossenschaftlich organisierten "Eden".
Eine dritte Richtung in der vegetarischen Bewegung bildeten die "Gemütsvegetarier", die den Fleischverzicht in erster Linie mit ethischen Argumenten rechtfertigten. Sie verabscheuten in der Regel das Töten von Tieren und unterstützten teilweise bereits im 19. Jahrhundert die Gegner der Tierversuche (Antivivisektionisten). Nicht zuletzt wegen der Beteiligung an deren Kampagnen waren die Vegetarier den naturwissenschaftlich orientierten Ärzten und medizinischen Forschern suspekt. Es gab heftige Auseinandersetzungen, besonders um die Bedeutung des tierischen Eiweißes für die menschliche Ernährung.
Die in zahlreichen Vereinen organisierten Vegetarier waren dagegen größtenteils überzeugt, ein Allheilmittel für sämtliche Lebens- und Gesundheitsprobleme zu haben. Sie schlossen sich regional und überregional zusammen, erlebten jedoch auch rivalisierende Abspaltungen. Erst 1892 fand bei einem festlichen vegetarischen Menü der Zusammenschluss zweier Dachverbände zum "Deutschen Vegetarier-Bund" mit Sitz in Leipzig statt.
Der erhoffte Aufschwung blieb jedoch aus; die Mitgliederzahlen waren seit dem Ersten Weltkrieg stark rückläufig. Albert Schweitzer.jpgObwohl der Bund bereits vor 1933 Versuche unternommen hatte, sich bei den Nationalsozialisten anzubiedern, wurde er nach der "Machtergreifung" gleichgeschaltet und mit Teilen der Lebensreformbewegung im sogenannten "Reichsvollkornbrotausschuss" zusammengefasst. Offensichtlich waren der Parteiführung die pazifistischen und sektiererischen Tendenzen der Vegetarier ein Dorn im Auge. Andererseits kam die Ernährungsweise, die die Vegetarier propagierten, den Machthabern entgegen, weil sich so die Ernährungskrise, die sich bereits vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs in Deutschland abzeichnete, politisch besser bewältigen ließ.
Nachdem sich bereits im neunzehnten Jahrhundert mehrere Vegetarierverbände auf nationaler Ebene gebildet hatten, entstand im Jahr 1908 die Internationale Vegetarier-Union als Dachverband.
Albert Schweitzer hat sich intensiv mit der ethischen Problematik der Anwendung tödlicher Gewalt gegen Tiere auseinandergesetzt. Dieses Thema beschäftigte ihn seit seiner Jugend. Er hat die europäische und fernöstliche Kulturgeschichte unter diesem Gesichtspunkt studiert und beschrieben. Das von ihm entwickelte Prinzip der Ehrfurcht vor dem Leben spielt noch heute in einschlägigen Diskussionen eine Rolle. Er ist aber erst kurz vor seinem Tod zur vegetarischen Ernährung übergegangen.
Der Ernährungsforscher Werner Kollath propagierte die sogenannte "Vollwerternährung". Im Mittelpunkt verschiedener Ernährungssysteme, die daran anknüpfen, steht das Bestreben, sich von der "denaturierten" Zivilisationsnahrung abzuwenden und mit vollwertiger Nahrung die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit zu fördern, auch Krankheiten vorzubeugen oder sie gar zu heilen. Dies hatte zur Folge, dass Kliniken und Sanatorien mit teilweise oder gar ausschließlich vegetarischer Ernährung entstanden.
Auf die Frage "Wie häufig essen Sie Fleisch bzw. Fleischprodukte" antworteten im Allbus 2004 (Allgemeine Bevökerungsumfange der Sozialwissenschaften) rund 1,5% mit "nie" (Westdeutschland ca. 2%, Ostdeutschland 0,5%). Befragungen von Vegetarier-Magazinen bzw. in Naturkost- oder Reformläden überschätzen den Anteil der Vegetarier an der Bevölkerung häufig massiv.
Ein Trend zur vegetarischen beziehungsweise fleischarmen Ernährung bei jüngeren Menschen wurde auch durch die Shell-Studie „Jugend '97” belegt. Eigens hierfür wurden 2102 Personen im Alter von 13 und 14 Jahren befragt. Der Anteil derer, die sich fleischarm ernähren wollen, stieg von dreißig Prozent im Jahr 1991 auf sechsunddreißig Prozent im Jahr 1997 an. Bei den befragten weiblichen Personen lag die Zahl der „Fleischarmen” laut der zwölften Shell-Jugendstudie „Jugend ’97” sogar bei zweiundfünfzig Prozent.
In England wird das Label „suitable for vegetarians“ schon seit den 80er Jahren verwendet, es gibt dafür jedoch keine einheitlichen Kriterien.
In Deutschland informiert der Vegetarier-Bund Deutschlands, kurz VEBU, über die vegetarische Lebensweise. Er gibt die Zeitschrift natürlich vegetarisch heraus und bietet engagierten Menschen die Möglichkeit, in Regionalgruppen aktiv zu werden.
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