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Unter Vandalismus (auch „Wandalismus“) versteht man in der Regel (blinde) Zerstörungswut oder Zerstörungslust. Vandalismus ist bewusste, illegale (bzw. normenverletzende) Beschädigung oder Zerstörung fremden Eigentums als Selbstzweck. Es wird zwischen mehreren Varianten unterschieden:

Herkunft des Begriffes


vandalen.jpg Der Begriff Vandalismus für blinde Zerstörungswut (Duden) geht auf Henri-Baptiste Grégoire, Bischof von Blois, zurück. In seiner im Konvent zu Paris am 28. August 1794 veröffentlichten Schrift Rapport sur les destructions opérées par le vandalisme prangerte er mit dieser Wortneuschöpfung schlagwortartig sinnlose Morde sowie die Zerstörung von Kunstwerken durch radikale Jakobiner im Anschluss an die Französische Revolution an. Vandalismus leitete er dabei von den Vandalen ab, einem germanischen Volksstamm, der im Jahre 455 den weströmischen Kaiser Petronius Maximus besiegt hatte, in Rom einmarschiert war und die Stadt geplündert hatte. Von dieser Begebenheit allerdings den Begriff Vandalismus als Bezeichnung für „fanatisches Zerstören um seiner selbst willen“ herzuleiten, ist historisch sowie sachlich letztlich falsch.

Die Vandalen plünderten die Stadt Rom für die damalige Zeit sehr gesittet, äußerst gezielt und ohne blinde Zerstörungswut. Papst Leo I versicherte ihnen im Gegenzug, dass es keinen Widerstand geben werde, damit Kampfhandlungen, Feuersbrünste und Vergewaltigungen vermieden würden. Erst in den Beschreibungen späterer Geschichtsschreiber werden, ggf. auch aus dem kirchenpolitischen Zweck heraus, im Gegenzug die Leistungen Papst Leos gezielt überbewerten zu können, Grausamkeiten und Zerstörungswut der Vandalen immer stärker betont.

Wie wenig gerecht Grégoires Wortschöpfung den Vandalen wird, ergibt sich auch aus den Worten des Bischofs Salvanius von Massilia (Marseille), welcher quasi als Zeitzeuge im 5. Jhr. schrieb: „Wenn unter Goten- oder Vandalen-Herrschaft jemand ein lasterhaftes Leben führt, dann ist es ein Römer. Denn die Goten und Vandalen setzen durch sittliche Reinheit und Gradlinigkeit einen so hohen Maßstab, dass sie nicht nur selber zuchtvoll waren, sondern sie haben auch die Römer geläutert.“

Dennoch wurden von italienischen und französischen Humanisten die Goten und Vandalen seit der frühen Neuzeit als sprichwörtliche Kulturzerstörer angeprangert. Als Gegenstück kam es zu einer positiven Besetzung dieser germanischen Stämme im deutschen-humanistischen Schrifttum etwa durch Beatus Rhenanus: Nostri ... sunt Gothorum Vandalorum Francorumque triumphi (Unser sind die Triumphe der Gothen, Vandalen und Franken). Diese Auseinandersetzungen sind schon quasi protonationale Streitigkeiten in der früheren Neuzeit. Historische Identitäten dienten als Aufhänger. Die Dynamik der französischen Revolution bedingte die Suche nach neuen Begrifflichkeiten. So wurden etwa, aufbauend auf älteren Bildern, die historischen Vandalen 1789 zur Negativbesetzung der Aristokratie als Nachfahren der germanischen Eroberer aufgegriffen. Der politische Allgemeinbegriff vandalisme diente Henri-Baptiste Grégoire zur Abgrenzung einer idealen bürgerlichen Revolution von radikalen Elementen, denen zusätzlich die Steuerung aus dem Exil unterstellt wurde. Er prangerte die Vernichtung von Kunstwerken an, welche die politische Führung zu verhindern suchte. Zuerst also gegen Radikale in den eigenen Reihen gerichtet, bezeichnete vandalisme nach dem 9. Thermidor die Schreckensherrschaft (Terreur) als Ganzes. Ihre Proponenten wie etwa Robespierre seien die neuen Vandalen. Wie die alten im 5. Jh. wollten diese Wüteriche die Kultur Frankreichs zerstören. Die drei Rapports sur le vandalisme, die Grégoire dem Konvent vorlegte, fixierten nicht zuletzt wegen ihrer hohen Auflage den Begriff endgültig und bereiteten den Boden für seine Übernahme in fast alle europäische Sprachen.

Jedenfalls war die Wahl der Vandalen als Paten des Begriffs v. a. durch die Topik von den gewaltigen Zerstörungen bei deren früherem Einfall in Gallien von 406 bedingt. Darauf wollte sich die französische Debatte der Revolutionszeit in nationalem Geschichtsbewusstsein bezogen wissen, weniger auf die Plünderung Roms von 455. Grégoire bedauerte später, den Begriff nicht mehr zurücknehmen zu können, da er einen pauschalen Vorwurf und eine in dieser Form nicht haltbare Herabsetzung enthält; er hatte irrtümlich angenommen, dass es keine Nachfahren der Vandalen gebe, die sich verunglimpft fühlen könnten.

Zur Charakterisierung „blinder Zerstörungswut“ wird heute statt „Vandalismus“ zum Teil die klanglich ähnliche Wortneuschöpfung „Randalismus“ verwendet. Grundsätzlich wäre angesichts des vorstehend beschriebenen Hintergrundes aus heutiger Sicht allerdings am treffendsten, dennoch sogar von „Jakobinismus“ zu sprechen.

Abgrenzung des Begriffs


Der Begriff „Vandalismus“ bezeichnet, wie oben beschrieben, im weitesten Sinne die bewusste, illegale (bzw. normenverletzende) Beschädigung oder Zerstörung fremden Eigentums. Darunter fällt also nicht die Beschädigung infolge von Verschleiß oder die Beschädigung aufgrund Unachtsamkeit oder Nachlässigkeit (Fahrlässigkeit), es muss ein bewusster Wille oder zumindest ein bewusstes Inkaufnehmen eines Schadens vorliegen. Des Weiteren gilt das bewusste, aber nicht illegale oder nicht normenverletzende Zerstören von Gegenständen nicht als Vandalismus (z. B. Abriss eines Hauses, Verschrottung eines Autos). Darüber hinaus gibt es auch normenverletzendes Verhalten, das nicht zerstörend wirkt (z. B. unübliche, provozierende Verhaltensweisen) und daher natürlich auch nicht in die Kategorie Vandalismus fällt.

Eine Grauzone bildet das Phänomen Graffiti, das zwar häufig illegal und normenverletzend geschieht, aber es ist umstritten, ob es sich hierbei vorrangig um einen destruktiven Akt (Vandalismus) oder einen konstruktiven Akt (Kunst) handelt. Diese Problematik wird teilweise auch im Kontext der Diskussion über den Dekonstruktivismus (Architektur) thematisiert: Immer wenn etwas Neues geschaffen wird, wird etwas Bestehendes zerstört (ein neues Haus auf der grünen Wiese zerstört die grüne Wiese).

Kulturvandalismus


Kulturvandalismus oder negative Kulturgeschichte bezeichnet die rohe Zerstörung von Kunstwerken, weil die Vandalen unter Geiserich zu Rom in dieser Weise gehaust haben sollen (der von Lucan in anderem Zusammenhang so genannte Furor Teutonicus); weitere rhetorisch kanonisierte Schreckensfiguren im Sinne des Begriffs Vandalismus liefern Alarich und seine Goten (Gothorum et Vandalorum furor, die Wut der Gothen und Vandalen), Inschrift auf der Karlsbrücke in Prag von 1648), Attila und seine Hunnen sowie die Wikinger.

Kulturvandalismus ist die "Beschädigung oder Beseitigung von Kunstwerken und Denkmälern in einem größeren politischen, ideologischen oder ökonomischen Kontext, in der Absicht oder mit der Folge einer Bewusstseinsänderung, d. h. der gewaltsame Versuch, Erinnerung zu beseitigen oder zu verändern" (Demandt 1997).

Vandalismus heute


Vandalpedia.jpg]]Schadenszufügung oder Zerstörung lassen sich heute nicht mehr allgemein als sogenannter Vandalismus erkennen. Dennoch ist die konservative Verwendung des Begriffs weiterhin wirkmächtig. Die Bezeichnung hat, wie die historische Herleitung des Begriffs und seine Demythologisierung zeigt, ihre Begründung u. a. in Besitz, Eigentum und der Infragestellung oder Aufhebung dieser beiden Ordnungen. Oft wird die Bearbeitung und teilweise Zerstörung bzw. Auflösung von Gegenständen, beispielsweise bei Graffiti und Street Art im öffentlichen, aber vor allem städtischen Raum als Vandalismus bezeichnet. Ebenso kommt der Begriff oft zur Anwendung bei als mutwillig bezeichneten Löschungen oder Störungen von digital gespeicherten textuellen Materialien, wie sie in Weblogs als hauptsächliche Inhalte vorkommen oder bei der dekonstruktivistischen Manipulation von Werbeinhalten (Adbusting).

Literatur


  • Alexander Demandt: Vandalismus – Gewalt gegen Kultur, Siedler: Berlin 1997, ISBN 3-88680-624-3
  • Henri Baptiste Grégoire, Rapport sur les destructions opérées par le Vandalisme (31. August 1794); 2. Rapport ... (29. Oktober 1795); 3. Rapport ... (14. Dezember 1795), in: Œuvres II, 256-78, 321-57
  • J. Guillaume: Grégoire et le Vandalisme, Paris 1901
  • Hanno Helbling: Goten und Wandalen. Wandlung der historischen Realität, Zürich 1954
  • Pierre Michel, Barbarie: Civilisation, Vandalisme, in: R. Schmitt; E.Reichardt (Hg.): Handbuch politisch-sozialer Grundbegriffe in Frankreich 1680–1820, 8, 1988, 7-51
  • G. Sprigath: Sur le vandalisme révolutionnaire, in: Ann. hist. de la Rév. Fr. 52, 1980, 510-35
  • R. Steinacher: Vandalen – Rezeptions- und Wissenschaftsgeschichte. In: Hubert Cancik (Hrsg.): Der Neue Pauly. Metzler, Stuttgart 2003, (Band 15/3), S. 942–946, ISBN 3-476-01489-4

Siehe auch


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