Die Innere Mazedonische Revolutionäre Organisation, kurz IMRO (auch VMRO von bulgarisch Вътрешна Македонска Революционна Организация und mazedonisch Внатрешна Македонска Револуционерна Организација) wurde 1893 in dem zu diesem Zeitpunkt noch nicht vom Osmanischen Reich befreiten Thessaloniki als BMARK - Bulgarische Makedonien-Adrianopeler Revolutionäre Komitees (БМОРК - Български Македоно-Одрински революционни комитети) gegründet.
Die Anfänge
Gründungsmitglieder waren neben ihren späteren Führern
Christo Tatartschew und
Dame Gruew Petar Pop Arsow, Anton Dimitrow, Christo Batandshiew und Iwan Chadshinikolow.
1895 traf Gruew auf
Goze Deltschew, der dann schließlich auch dem
BMARK beitrat und später noch zu einer der bedeutendsten Personen in der IMRO werden sollte.
Ursprüngliches Ziel der BMARK war es, unter der mit der osmanischen Herrschaft unzufriedenen Bevölkerung in
Makedonien einen Aufstand zu organisieren, um die Befreiung oder wenigstens Autonomie Makedoniens und
Adrianopels zu erreichen, nachdem
Serbien,
Bulgarien und
Griechenland mittlerweile schon zumindest teilweise seit Jahrzehnten befreit waren. Obwohl die Führung des BMARK, vor allem Tatartschew und Pop Arsow, durchaus pro-bulgarisch war und die BMARK auch aus Bulgarien unterstützt wurden, stand ein Anschluss an Bulgarien zu diesem Zeitpunkt noch nicht zur Debatte.
Der bewaffnete Kampf
1897 kam es zur ersten Zäsur, als osmanische Polizeitruppen in der Ortschaft
Vinitza in der Nähe der damaligen osmanisch-bulgarischen Grenze ein Munitionslager der BMARK aufdeckten. Mit den darauffolgenden Verhaftungen und Repressionen gegen BMARK-Mitglieder wandelten sich die BMARK von einer Gruppe idealistischer Revolutionärer zu einer militanten
Guerilla.
1902 folgte die erste Umbenennung in
Geheime Makedonien-Adrianopel Revolutionäre Organisation (ТМОРО - Тайна Македоно-Одринска революционна организация). Die Organisation war mittlerweile in zwei Flügel gespalten: die Autonomisten um Deltschew, die als Ziel immer noch eine Befreiung Makedoniens verfolgten und die Supremisten, die über Provokation eines Krieges die
Annexion durch Bulgarien ohne Widerstände Serbiens und Griechenlands zu erreichen versuchten.
Ilinden und Kruševo
Zum Anfang des Jahres
1903 häuften sich Anschläge und Attentate der
GMARK - Geheime Makedonisch-Adrinopeler Revolutionäre Komittees (ТМОРК - Тайни Македоно-Одрински Революционни комитети), wie die BMARK ab 1902 hießen, auf die Osmanische Truppen mit ungleich härteren
Vergeltungsmaßnahmen reagierten. Unter der makedonischen Bevölkerung wuchs die Unruhe, und der geplante konzertierte Aufstand drohte bereits zum verfrühten Selbstläufer zu werden.
Serbien und
Griechenland nutzten diese Umstände, um ihrerseits bereits paramilitärische Truppen nach Makedonien zu schicken, um im Falle eines Aufstandes reagieren und eine Annexion einleiten zu können. Damit wurden Griechen und Serben zu gleichermaßen wie Türken Feinde der GMARK. Der Aufstand, der eigentlich für den Herbst 1903 geplant war, musste nun vorgezogen werden. Während der Vorbereitungen kam Deltschew ums Leben, dennoch konnte der
Ilinden-Aufstand wenige Monate später initiiert werden. Mit Ausrufung der
Republik Kruševo erlebten die GMARK ihren bis dahin größten Erfolg, der aber mit Niederschlagung des Aufstands zum Trauma wurde.
Die Zeit bis zu den Balkankriegen
Der in seinen Anfängen erfolgreich verlaufene und schliesslich doch desaströse Aufstand führte dazu, dass sich der linke Flügel der Autonomisten nun endgültig von den GMARK abspaltete.
1905 erfolgte abermals eine Umbenennung in
IMARO - Innere Makedonien Adrianopel Revolutionäre Organisation (ВМОРО - Вътрешна Македоно-Одринска революционна организация). Vordergründig lautete das Ziel zwar immer noch, die Befreiung Makedoniens zu erreichen; dies aber nur deshalb, um zum einen sich die Unterstützung durch Serbien und Griechenland, die für die IMARO hilfreich war, um die Osmanen zu schwächen, zu sichern, zum anderen weil weder
Serbien noch
Griechenland und
Österreich-Ungarn den erwünschten Anschluß an Bulgarien ohne weiteres zugelassen hätten.
Einige Jahre lang schränkte die IMARO ihre Tätigkeiten ein, bis sich
1912 der erste
Balkankrieg abzeichnete, der damit endete, dass Makedonien zwischen Serbien, Griechenland und zu einem kleineren Teil Bulgarien (das dafür
Thrakien und
Adrianopel erhielt) aufgeteilt wurde. Nachdem Adrianopel ja nun wie gewünscht bei Bulgarien war benannte sich die Organisation 1919 nun zum letzten mal in den endgültigen Namen
IMRO um.
Zunehmende Radikalisierung
Der bekennende Anhänger eines Großbulgarischen Reiches
Todor Aleksandrow übernahm
1912 die Führung der IMRO und beschritt nun endgültig einen radikalen bulgarisch-nationalistischen Kurs der Organisation. Die IMRO setzte nun ihre
Komitadshi genannten Guerilla-Kämpfer immer häufiger ein, um Anschläge und Attentate auf serbische und griechische Ziele auszuüben. Gleichzeitig etablierte sich in Bulgarien ein politischer Arm der IMRO, der als nationalistische Partei am äußersten rechten Rand schon bald erheblichen Einfluss auf die bulgarische Politik während des ausbrechenden
Ersten Weltkriegs haben sollte. Die IMRO, die den Kurs des Zaren als Teil der
Mittelmächte am Ersten Weltkrieg teilzunehmen unterstützte, erhoffte so, das gesamte Makedonien von Serbien und Griechenland abzutrennen und an Bulgarien anzuschließen. Dennoch erlitt Bulgarien
1919 als Kriegsverlierer abermals erhebliche Gebietsverluste, und der
Vertrag von Neuilly-sur-Seine schien nun den Verbleib Makedoniens bei Griechenland und Serbien endgültig zu machen. Der Erste Weltkrieg stürzte Bulgarien darüber hinaus in eine ernste soziale und wirtschaftliche Krise, zu deren Überwindung der damalige
Ministerpräsident Aleksandar Stambolijski den Ausgleich mit Griechenland und Serbien suchte.
Die Eskalation der Gewalt
Damit geriet Stambolijski in die Rolle des Feindbildes Nummer Eins der IMRO und der bulgarischen
Offiziers-Elite. Als Instrument des
Militärs verübten IMRO-Komitadshi
1923 ein Attentat auf Stambolijski, bei dem dieser ums Leben kam. Mit Stambolijskis Nachfolger
Aleksandar Zankow hatte Bulgarien nun wieder eine rechte Regierung, die der IMRO die Hoheit über
Pirin-Makedonien verlieh. Die IMRO übernahm die Kontrolle über die Grenze zwischen Bulgarien und dem
Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen und unterstützte nicht nur die rechte Regierung, sondern knüpfte auch enge Kontakte zum faschistischen Italien unter
Benito Mussolini.
1924 übernahm der
Revisionist Iwan Michajlow die Führung der IMRO, die ab diesem Zeitpunkt immer häufiger Anschläge ausübte. Diesmal konzentrierten sich die Anschläge nicht nur auf Serbien und Griechenland, sondern fanden in ganz Europa statt.
Ihren Höhepunkt erreichte die Gewalt
1934, als
Vlada der Chauffeur in
Marseille den von der IMRO in Zusammenarbeit mit der kroatischen
Ustascha geplanten Attentat auf den jugoslawischen König
Alexander I. und den französischen Außenminister
Louis Barthou verübten, bei dem beide ums Leben kamen. Damit besiegelte die IMRO ihr Schicksal, da das bulgarische Militär nicht mehr länger gewillt war, diese durch die IMRO provozierte Angreifbarkeit Bulgariens hinzunehmen. Die IMRO wurde faktisch entmachtet. Nachdem der
Kommunismus auch Bulgarien erreicht hatte wurde die IMRO zur verbotenen Organisation.
Die Abspaltung des linken Flügels
Bereits
1925 fanden sich in
Wien mehrere ehemalige Anhänger des linken Flügels der IMRO zusammen und gründeten die
Vereinigte IMRO (ВМРО (обединета)), die sich vom bulgarischen IMRO-Kurs distanzierte und stattdessen in der Tradition der
Republik Kruševo sah. Man verfolgte immer noch die Idee eines unabhängigen Mazedoniens, in dem alle
"....Nationalitäten die hier leben und gelebt haben, *, Bulgaren, Albaner, Türken, Juden, Vlachen, Griechen, Roma..." nach dem Vorbild der
Sowjetunion zusammenleben sollten. Es wurden enge Kontakte zu kommunistischen Parteien auf dem Balkan und der
KPdSU geknüpft und die Vereinigte IMRO schließlich durch die
Komintern anerkannt. Es entwickelte sich eine enge Zusammenarbeit vor allem mit der KKE, der
Kommunistischen Partei Griechenlands. Die Vereinigte IMRO löste sich zwar
1936 auf, wirkte aber im Wesen noch bis in den
Griechischen Bürgerkrieg nach. Spätestens ab
1948 wurde die IMRO nun auch in
Jugoslawien Vergangenheit. In den darauffolgenden Jahrzehnten entwickelte sich immer mehr eine Mystifizierung und Glorifzierung der IMRO, insbesondere in Jugoslawien.
Die Namen der IMRO
- 1894 - Makedonische Revolutionäre Organisation (MRO)
- 1895 - Bulgarische Makedonisch-Adrianopeler Revolutionäre Komitees (BMARK)
- 1902 - Geheime Makedonisch-Adrianopeler Revolutionäre Komitees (GMARK)
- 1905 - Innere Makedonisch-Adrianopeler Revolutionäre Organisation (IMARO)
- 1919 - Innere Makedonische Revolutionäre Organisation (IMRO)
(siehe auch Innere Revolutionäre Organisation, IRO)
Die Wiederentdeckung der IMRO
Als es im Zuge der politischen Umwälzungen in Osteuropa
1990 überall zu zahlreichen Parteigründungen kommt, wird die IMRO wiederentdeckt. In der
Republik Mazedonien wird 1990 die
VMRO-DPMNE (ВМРО-Демократска партија за македонско национално единство - IMRO-Demokratische Partei für Mazedonische Nationale Einheit) gegründet, die an die IMRO Goze Deltschews anknüpft und dabei eine Kontinuität suggeriert, die es nie gegeben hat.
In Bulgarien wurde die rechte Partei
VMRO-BND (ВМРО-Българско национално движение - VMRO-Bulgarische Nationale Bewegung) gegründet, die ebenfalls an die Geschichte der IMRO - allerdings an den bulgarisch-nationalen Flügel - anknüpft.
Weblinks
Makedonien | Geschichte Mazedoniens | Bulgarische Geschichte
Вътрешна македонска революционна организация | Internal Macedonian Revolutionary Organization | Внатрешно Македонска Револуционерна Организација | VMRO | 内部マケドニア革命組織