Ursula Lehr, geb. Leipold, (* 5. Juni 1930 in Frankfurt am Main) ist eine führende Wissenschafterin auf dem Gebiet der Erforschung und Gestaltung des Alterns und war zeitweise eine deutsche Politikerin (CDU) und Ministerin.
Die vielseitig interessierte Psychologin gründete 1986 in Heidelberg im Auftrag der Landesregierung das Institut für Gerontologie und 1995 das Deutsche Zentrum für Alternforschung (DZFA), eine Stiftung des Bundes und Baden-Württembergs. Von 1988 bis Anfang 1991 war Frau Lehr Bundesministerin für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit.
Lehr initiierte die öffentliche Stiftung des Deutschen Zentrums für Alternforschung (DZFA) in Heidelberg, dessen Gründungsvorstand sie 1995 wurde. Ende 1998 emeritierte sie als Professorin der Heidelberger Universität; 1997 - 1999 war Frau Lehr Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie.
Lehr gilt als "Gerontologin der ersten Stunde" und als Impulsgeberin für zwei Generationen deutscher Hochschullehrer auf diesem Gebiet. Sie ist bis heute auch international für und in der Gerontologie tätig.
Im Kontext der Familienpsychologie befasste sie sich ferner mit den Entwicklungschancen für Mutter und Kind, die aus gelungener Berufstätigkeit der Frau erwachsen, sowie mit den gegenseitigen Anregungen zwischen Vater und Kind. Ihre Forschungen zur Entwicklungspsychologie bestätigten den Wert einer gemeinsamen Verantwortung des Elternpaares für die Kindererziehung und das Tagesmutter-Modell.
Usula Lehr und Hans Thomae initiierten die erste deutsche Längsschnittstudie zum späten Erwachsenenalter, seiner psychischen Entwicklungsprozesse und der Wechselwirkung mit körperlichen und sozialen Veränderungen(BOLSA). Die Studie lief gemeinsam mit Thomae (Bonn) von 1965 bis 1987 und verwirklichte erstmals in der BRD einen interdisziplinären Ansatz der gerontologischen Forschung. Ihr zentraler Befund war der Nachweis großer Unterschiede zwischen Senioren in der Form ihres Alterns, was sich in weiteren empirischen Untersuchungen bestätigte. Lehr definiert die Entwicklung im Alter als einen Prozeß, dessen Einflüsse biologisch, sozial, ökologisch und personal wirken. Der wesentliche Schluss daraus ist die " selbstverantwortliche Gestaltung des Alterns". Als weiterführendes Forschungsthema ergab sich die Frage, inwieweit man Entwicklungsprozesse im Alter durch spezifische Formen der Intervention fördern kann.
Allgemein findet Ursula Lehr: Früher waren Ältere Ratgeber, heute gibt es immer mehr entsprechende Bücher für sie.
Das Institut für Gerontologie konnte unter ihr rasch ein eindeutiges Forschungsprofil entwickeln und konzentrierte sich auf Entwicklungsprozesse im Alter, die Bewältigung seiner Anforderungen und Belastungen und sein Rollenbild ("Altersbild"). Neben der Förderung von Alltags- und kognitiver Kompetenz wird auch die Leistungsfähigkeit älterer Arbeitnehmer untersucht. 1991 erhielt das Institut den Status eines WHO-Kollaborationszentrums, was dem Austausch mit internationalen gerontologischen Institutionen starke Impulse gab und zu einigen WHO-Kongressen in Heidelberg führte. In die Lehre hat die Ordinaria einen interdisziplinären Ansatz eingeführt, der sich u.a. in enger Kooperation mit der Geriatrie und Gerontopsychiatrie bei der Ausbildung zum Diplom-Gerontologen auswirkt. Schwerpunkte der Lehre sind neben Erkenntnissen der Grundlagen- auch jene der Interventionsforschung. Neuer Institutsleiter wurde 1997 Andreas Kruse.
Lehr begann kurz nach Bestellung zur Familien- und Gesundheitsministerin, an der Gründung eines als notwendig erachteten " nationalen Zentrums für Alternsforschung" zu arbeiten. Unter ihrer Leitung befasste sich Mitte November 1988 in Stuttgart der 6. Zukunftskongress "Altern als Chance und Herausforderung" mit interdisziplinären Aspekten des Alterns. Ministerpräsident Lothar Späth griff den Vorschlag für ein deutsches Forschungszentrum auf und vereinbarte mit Bundeskanzler Helmut Kohl eine Bund-Land-Finanzierung. Schon am 28.November 1988 verabschiedete die Landesregierung Baden-Württembergs einen Grundsatzbeschluß und das Bonner Wissenschaftsministerium bildete einen Arbeitskreis zur Definition des Forschungskonzepts. Im Oktober 1990 ging der Abschlussbericht an das Land BW, welches im November zustimmte. Doch die Verhandlungen zur Bund-Land-Finanzierung zogen sich über Jahre, und das DZFA verdankt nur der Beharrlichkeit von Lehr seine Gründung als Stiftung öffentlichen Rechts am 30.September 1995. Als Gründungsdirektorin sorgte Ursula Lehr für eine ausgewogene Mischung zwischen interdisziplinärer Grundlagenforschung und ihrer Umsetzung in die Praxis sowie in politische Entscheidungen.
Zwei Jahre später war der Ausbau von 2 der 4 Institute abgeschlossen und erste Forschungsergebnisse lagen vor. Die Abteilung für Entwicklungsforschung (Peter Martin) untersucht Veränderungen des Erlebens und Verhaltens im Erwachsenenalter, die Entwicklung von Kognition, Persönlichkeit und sozialer Netze. Seine Angewandte Forschung betrifft die Aufrechterhaltung körperlicher und geistiger Gesundheit bis ins hohe Alter, z.B. bei Hundertjährigen (in Deutschland etwa 10.000 Menschen). Als erstes Großprojekt unter Lehr war die Interdisziplinäre Längsschnittstudie des Erwachsenenalters (ILSE). Diese schon seit 1992 durch zwei Ministerien geförderte Studie untersucht in Kooperation von Medizinern, Psychologen, Psychiatern und der Sportwissenschaft die Bedingungen für ein gesundes und zufriedenes Altern.
Die Abteilung für Soziale und Ökologische Gerontologie (Hans-Werner Wahl) erforscht Altersaspekte der Person-Umwelt-Relation mit Schwerpunkt auf dem räumlich-dinglich-technischen Umfeld alter Menschen. Konkret geht es um Wohnen, Wohnumfeld und altersgemäßes Design, sowie um die Bereitschaft der Senioren zu Mobilität (z.B. Umzug, neue Technologien). Untersucht wird auch, wie Behinderungen beim Sehen oder Gehen den Prozess des Alterns beeinflussen.
Der Start der zwei jüngsten Abteilungen fiel bereits in die Kompetenz von Ursula Lehrs Nachfolgern. Die Abteilung für Epidemiologie von Erkrankungen und funktionelle Beeinträchtigungen im Alter erforscht seit 1999/2000 die Häufigkeit und Risikofaktoren für Krankheiten und daraus folgende Einschränkungen. Die Abteilung für Interventions- und Rehabilitationsforschung begann zwei Jahre später ihre Tätigkeit.
Seit dem Endausbau vereinigt das DZFA erstmals alle für die Gerontologie wichtigen Disziplinen unter einem Dach. Den Impuls dieser Innovation spürt die deutsche wie auch die internationale Alternsforschung. Zusätzlich hat die politische Tätigkeit von Lehr zu größerem öffentlichem Interesse an der Demografie und zu mehr Verständnis von normalen Alternsprozessen geführt.
Ein großes Anliegen ist ihr eine Änderung des "Altersbildes", da unsere Gesellschaft trotz ihrer zunehmenden Überalterung ein stark "jugend-zentriertes" Rollenbild hat.
Politisch relevant wurden vor allem ihre Arbeiten zur Berufstätigkeit der Frau und die Rückwirkungen auf die Gesundheit, sowie zur Leistungsfähigkeit älterer Arbeitnehmer. Damit qualifizierte sie sich in besonderer Weise für ihr späteres Amt als Familien- und Gesundheitsministerin.
Im Laufe des Jahres 1989 geriet sie in harte Kontroversen mit ihrer CDU/CSU-Bundestagsfraktion, als sie Kinderbetreuung für unter Dreijährige forderte ("Krabbelstuben"). Sie argumentierte mit der starken Zunahme von Einzelkindern, bei deren Entwicklung der soziale Einfluss von Geschwistern fehlt (siehe auch Familienpolitik und soziale Rolle).
Ende 1990 -- nach der ersten gesamtdeutschen Wahl Bundestagswahl 1990 -- wurde das Ministerium geteilt, und Lehr schied am 18. Januar 1991 aus der Regierung aus. Ihre Nachfolgerin wurde Hannelore Rönsch (CDU), die das nunmehrige Ministerium für Familie und Senioren 1991-1994 leitete.
Ursula Lehr war seit 1988 treibende Kraft zur Gründung des Deutschen Zentrums für Alternsforschung (DZFA, Heidelberg) und wurde 1995 Gründungsdirektorin dieser Stiftung (bis 1998?).
Seit Oktober 1997 ist sie Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie.
Frau | Familienminister (Deutschland) | Gesundheitsminister (Deutschland) | Bundestagsabgeordneter | CDU-Mitglied
Träger des Bundesverdienstkreuzes | Psychologe | Geboren 1930
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