Die Lehre von der Erbsünde (lat. peccatum originalis, eigentlich „Ursprungssünde“) wurde in der christlichen Theologie entwickelt, wird aber nicht von allen christlichen Theologen vertreten. Das deutsche Wort Erbsünde soll zum Ausdruck bringen, dass diese Sünde nicht durch spezielle Handlungen erworben wird, sondern dass alle Menschen durch die Trennung von Gott der Sünde ausgeliefert sind. Die Vererbung dieser Sünde wird also als eine umfassende Unvollkommenheit der „gefallenen Kreatur“ verstanden und bezieht sich nicht auf spezifische Eigenschaften, die z.B. von den Eltern auf ihre Kinder vererbt werden.
Gemeinsam ist allen christlichen Traditionen die Lehre, dass der Mensch durch die Erbsünde von der Gemeinschaft mit Gott getrennt ist, dass er aus eigener Kraft diese Gemeinschaft nicht wieder herstellen kann, und dass diese Trennung durch Jesus Christus überwunden wird. Über die genaue Art dieser Erlösung und den Weg dorthin gibt es innerhalb der verschiedenen christlichen Konfessionen unterschiedliche Auffassungen (s. Rechtfertigung (Theologie)).
(*) griechisch eph' hô. In der lateinischen Bibelübersetzung, der Vulgata, wurde dieses als in quo wiedergegeben, also: „In ihm (Adam) haben alle gesündigt“. Diese Übersetzung führte Augustinus von Hippo, der als Vater der ausdrücklichen Erbsündenlehre angesehen werden kann, zu seiner Auffassung der Vererbbarkeit der Sünde. Das eph' hô kann auch als „deshalb (also wegen des Todes) haben alle gesündigt“ verstanden werden (Orthodoxe Kirche).
Der zentrale Punkt wird im ersten Brief an die Korinther des Paulus nochmals betont:
Nach Auffassung Luthers - die hier im Gegensatz zur katholischen Lehre steht - ist die menschliche Natur aber vom Beginn seines Lebens an schlecht (im „Zustand der Sünde“) und ist dadurch von Gott getrennt. Dabei konstituiert nicht das gute oder schlechte Handeln des Einzelnen den Zustand, sondern weil der Mensch sich schon immer in diesem vorfindet und befindet, ist auch sein Handeln dadurch negativ beeinflusst. Selbst das neugeborene Kind ist nach dem Verständnis sündig und bedarf von vornherein der Erlösung.
Die von Augustinus von Hippo begründete Lehre von der Erbsünde ist zentral für das westliche Christentum. Ohne die Erbsünde könnte der Mensch sich zum Guten oder Bösen entscheiden (wie es etwa in den verwandten Religionen des Judentums oder des Islam oder in dem von der Kirche als Häresie verworfenen Pelagianismus gelehrt wird). Da der Mensch, anders als die gefallenen Engel, deren Auflehnung gegen Gott unwiderruflich ist, an die Zeit gebunden ist, ist Vergebung und Reue möglich. Aus der Erbsünde ergibt sich daher die Notwendigkeit der Erlösung des Menschen, die durch die Menschwerdung (Inkarnation), Kreuzigung und Auferstehung Jesu Christi ermöglicht wurde. Aus diesem Grund spricht der Apostel Paulus von Christus als dem neuen Adam. Diese Erlösung findet der Mensch in der Wiedergeburt (eigentlich wohl Neugeburt), deren äußeres Zeichen das Sakrament der Taufe ist. Der Christ unterliegt danach nicht mehr der Erbsünde, sondern ist in den Zustand der Gotteskindschaft emporgehoben. Gleichwohl verbleibt er in der irdischen Welt den Folgen der Erbsünde verhaftet.
Nach Ansicht der Orthodoxen Kirche wird nicht die Sünde Adams selbst auf seine Nachkommen vererbt, sondern nur die Folge dieser Sünde, der Tod. Dieser wird jedoch nicht nur an die Nachkommen Adams vererbt, sondern erfasst und versklavt die gesamte Schöpfung, wobei die Angst vor dem Tod in einem Teufelskreis zur Hauptursache weiterer Sünden wird. Die Orthodoxe Kirche geht davon aus, dass die Menschen auch nach dem Sündenfall noch ihren freien Willen haben und immer noch fähig zu guten Taten sind. Der Sündenfall hat jedoch eine Welt hinterlassen, in der Sünde bequem, einfach, angenehm und naheliegend erscheint, Tugend dagegen anstrengend, schwierig, abgehoben, und langweilig. So hat der Sündenfall eine Barriere zwischen den Menschen und Gott aufgestellt, die der Mensch von sich aus nicht niederbrechen kann. Da der Mensch nach dem Sündenfall nicht mehr zu Gott kommen kann, kam Gott in Christus zu den Menschen und versöhnt die Menschen so wieder mit sich. Es wird betont, dass nicht etwa Gott mit dem Menschen versöhnt wird, wozu kein Anlass besteht, da Gott dem Menschen in keiner Weise feindlich gesinnt ist, sondern der Mensch mit Gott.
Aufgrund der dem Menschen gegebenen Freiheit konnte sich dieser in Person Adam und Evas im Sündenfall von Gott abwenden. Alle Nachkommen Adams und Evas erben diese auch Sünde genannte Abwendung. Vom Zeitpunkt des Sündenfalls an wird der Mensch (protestantisch) als seinem ganzen Wesen nach böse und verdorben angesehen, (katholisch) als nicht mehr im Vollbesitz seiner Freiheit betrachtet, so dass er relativ leicht zum Bösen verführt werden kann oder (orthodox) als im Besitz seiner Entscheidungsfreiheit aber bei ihrer Ausübung zum Bösen tendierend betrachtet. Durch die Erlösungstat Jesu Christi ist es dem Menschen möglich, erneut mit Gott in Gemeinschaft zu leben, die erbsündige Tat ist damit grundsätzlich überwunden, wenngleich ihre Folgen (leichte Verführbarkeit zur Sünde aber auch die körperlichen Strafen wie Krankheiten und Tod) bis zur Endzeit vorerst bestehen bleiben.
Die wichtigste jüdische Aussage zum Status der Seele des Menschen lautet, sie sei rein geschaffen. Nach jüdischem Glauben bleibt die Seele des Menschen auch dann rein, wenn er sündigt, seine Vorfahren sündigten oder er nicht mehr im Garten Eden in Gottes Nähe lebt. Der liebende Gott der Barmherzigkeit (adonai) vergibt allen Menschen die Sünden, insbesondere, wenn sie diese bereuen (vergleiche Teshuva). Eine "Erlösung" ist nicht nötig, da es eben keine erbsündlichen "Erlösungsbedürftigkeit" der Menschen gibt. In diesem Zusammenhang ist allerdings die Lehre vom "bösen Trieb", welche insbesondere in der rabbinischen Tradition des Mittelalters ausgebaut wurde, zu berücksichtigen, welche eine im Effekt dem katholischen Konkupiszenz-Begriff nicht unähnliche Ansicht über den Seelenzustand der nachadamitischen Menschheit lehrt.
Die Erbsünde stellt somit ein spezifisch christliches Dogma dar, das im Judentum kein direktes lehrmäßiges Vorbild hat.
Nach islamischer Auffassung ist jeder einzelne Mensch für sich selbst und nur für seine eigenen Sünden verantwortlich.
Die Sichtweise der Neuoffenbarungen, beispielsweise bei Bertha Dudde, überschreitet die Schranken des biblisch begrenzten Umfangs als zu berücksichtigende Quelle theologisch zu gewinnender Erkenntnisse.
Der eigentlich Ur-Sündenfall, der das Geschöpfliche von Gott trennte, geschah nach diesen Darstellungen noch weit vor dem biblischen Erschaffungsakt der materiellen Schöpfung, im geistigen Reich Gottes. Da aus Gott, als höchst vollkommener Wesenheit, auch nur Vollkommenes hervorgehen kann, ist alles ursprünglich als wesenhaft geschaffene nach dieser Sichtweise als wahrhaftiges Ebenbild Gottes anzusprechen. Der Großteil dieser rein geistigen Wesenheiten wandte sich im Zustand vollster Erkenntnis seiner Handlungsweise und dessen Folgen in freiem Willen von Gott ab und nahm einen der göttlichen Ordnung entgegengesetzten Zustand an. Diese Schuld des gefallenen Geistigen ist, da es den diesen Verstoß gegen die Liebe Gottes in vollster Erkenntnis seiner Verantwortlichkeit beging, auch in Ewigkeit nicht durch eigene Sühneleistung abzutragen.
Jede menschliche Seele ist nach dieser Sichtweise nichts anderes als ein einstmals gefallener Urgeist, der nach langer Zeit der vorbereitenden, zwangsweisen Wandlung durch den Gang durch die materielle Schöpfung (s.a. Joh 8,23; Rö 8,19-22), die einzig zu dem Zweck von Gott geschaffen wurde, dem einstmals gefallenen Geistigen die Rückkehr zu ihm zu ermöglichen, nun wieder in einem Reifegrad, der eine freie Entscheidung zulässt, wozu diesem eine menschliche Außenform und erneut Denkfähigkeit, Ichbewusstsein und der freie Wille als Zeichen seiner göttlichen Herkunft (...ein Bild, das uns gleich sei...) für seine Willenserprobung zurückgegeben wird. Das erste Menschenpaar bestand die ihm gestellte Willensprobe nicht und schwächte dadurch das nachfolgende Menschengeschlecht in der Bereitschaft, sich in freiem Willen Gott wieder zuzuwenden; Dies bezeichnet den Sündenfall, welcher aus biblischer Quelle bekannt ist.
Die menschliche Seele hat also nach dieser Auffassung deshalb einen Hang zum Bösen, weil sie noch mehr oder weniger geistige Anteile des Gegners Gottes in sich trägt, dem sie einstmals folgte, als sie sich im freien Willen von Gott abwandte und in die Tiefe stürzte. Die Macht des Gegners Gottes über seinen damaligen Anhang zu brechen und dafür zu sorgen, dass der Wille einer jeden einzelnen Menschenseele soweit gestärkt würde, damit sie sich frei und ungezwungen entscheiden kann, welchem Herrn sie sich nun zuwendet, erklärt die Größe des Opfers Jesu Christi. Der ursprüngliche Verstoß gegen die göttliche Liebe bedurfte wegen der ebenfalls vollkommenen Gerechtigkeit Gottes, welche selbst durch die göttliche Liebe nicht umgangen werden kann, ein entsprechendes Erlösungswerk, in dem Gott als die ewige Liebe selbst sich im Menschen Jesus opferte, um seinen gefallenen Geschöpfen die Möglichkeit zu eröffnen, wieder zu ihm zurückzukehren.
Auch für das Verständnis der menschlichen Kultur, anthropologisch also – wie René Girard in seiner mimetischen Theorie zeigt, hat die neutestamentliche Lehre von der Erbsünde einen Beitrag zu leisten. Die ewige Schuld der Menschen besteht darin, dass sie immer versuchen, die eigene Gewalt durch Gewalt einzudämmen: damit halten sie den Opferzyklus im Gange indem sie unschuldige Opfer töten und heiligen. Das erkannt und verurteilt zu haben ist Girard zufolge das Hauptverdienst der neutestamentlichen Offenbarung.
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