Als Urchristentum bezeichnet man die Entstehungszeit des Christentums, die vom Tod des Jesus von Nazaret um 30 oder 33 bis zur Verschriftung der synoptischen Evangelien zwischen 70 und 130 reichte. Sie wird in der kirchengeschichtlichen Einteilung gefolgt von der frühen Patristik, die von der Kanonisierung des Neuen Testaments seit dem 2. Jahrhundert bis zur Konstantinischen Wende 313 reicht.
Die Entstehungsphase umfasst in etwa jenen Zeitraum, den auch die Apostelgeschichte des Lukas - die erste Kirchengeschichte - darstellt. Sie ist jedoch nicht identisch mit der Geschichte der Jerusalemer Urgemeinde, da diese nur einen, wenn auch besonders hervorgehobenen Teil des Urchristentums bildete. Dieses verstand sich nicht als eigene Religion, sondern als ein Teil des Judentums. Es wurde auch von anderen jüdischen Gruppen und im Römischen Reich als jüdische Gruppe wahrgenommen.
Jedoch begriffen auch die ersten Judenchristen seit etwa 48 die Völkermission als Aufgabe aller Christen. Denn ihre Verkündigung war auf weltweite Ausdehnung angelegt. Das Urchristentum umfasste daher bald nicht nur die Gemeinden in Judäa, sondern auch im gesamten östlichen Mittelmeerraum bis hin zu Rom. Mit dem Ende der Urgemeinde um 135 war auch seine Trennung vom Judentum besiegelt. Viele christliche Konfessionen und Sekten beanspruchen die wahre Kenntnis des Urchristentums für sich, da sie daraus ihr Selbstverständnis im Gegenüber zu anderen christlichen Richtungen ableiten. Dieser Artikel beschränkt sich jedoch darauf, den historischen Befund möglichst objektiv darzustellen.
Das NT wurde durch die Kanonbildung im zweiten Jahrhundert zur Urkunde des Urchristentums. Es beansprucht und behielt bis heute normativen Charakter für die meisten christlichen Richtungen der Folgezeit. Jedoch sind von keiner NT-Schrift außer den echten Paulusbriefen Autor und Umstände der Abfassung zweifelsfrei bekannt. Die historischen Daten lassen sich meist nur indirekt aus diesen Schriften selber erschließen. Hinzu kommen eine Reihe außerbiblischer frühchristlicher Schriften, darunter die Apokryphen. Gemeinsam geben sie Aufschluss über die innere und äußere Entwicklung dieser neuen Weltreligion in der Spätantike.
Zu den urchristlichen Schriften außerhalb des NT gehören die Werke der „Apostolischen Väter“, die fließend in die Patristik übergehen:
Sekundäre Quellen sind auch die Notizen des Hegesippus (ca. 180), die nur durch Zitate bei Eusebius von Cäsarea bekannt sind, sowie Notizen über die Entstehung der Evangelien bei Papias von Hierapolis (um 150), die jedoch heute als weitestgehend unhistorisch eingestuft werden.
Seine folgende Geschichte fällt in die Regierungszeit der römischen Kaiser Tiberius und Claudius sowie ihrer judäischen Statthalter Felix, Gallio und Festus, die das NT nennt. Anhand dieser und weiterer Hinweise lassen sich einige Daten ungefähr bestimmen:
Die Kreuzigung Jesu war für seine ersten Nachfolger, die sich von ihm eine innergeschichtliche Befreiung erhofft hatten (Lk 24,21), eine Katastrophe. Denn sie waren allesamt Juden, für die diese Todesart ein Gottesurteil über Jesu Anspruch, Gottes Reich zu bringen, bedeutete: Ein Gehängter galt als endgültig aus Gottes Volk verstoßen, seine Gegner hatten demnach Recht behalten. Dies wie auch die Gefahr, als Anhänger eines Zelotenführers mit ihm hingerichtet zu werden, macht ihre Flucht plausibel (Mk 14,50). Obwohl die Texte dies nicht ausdrücklich feststellen, ist ihre Rückkehr in ihre Heimat Galiläa spätestens nach Jesu Hinrichtung wahrscheinlich. Damit dürfte die Gemeinschaft, die Jesus unter ihnen gestiftet hatte, beendet gewesen sein.
Bald darauf kam es dennoch in der Hauptstadt Judäas, die als Tempelstadt zugleich Kultzentrum des gesamten Judentums war, zur öffentlichen Verkündigung, Jesus sei der von Gott zur Rettung aller Menschen auferweckte Kyrios Christus (Apg 2,36). Alle Urchristen waren nach dem NT davon überzeugt, dass Jesus selbst diesen Glauben an ihn bewirkte, indem er sich seinen Jüngern nach seinem Tod als (von Gott) „Auferweckter" offenbart habe. Darauf beziehen sich die ältesten Credoformeln des NT, die nur diese eine Aussage variabel formulieren:
„Auferstehung" bzw. „Auferweckung" meint im jüdischen Kontext kein geistiges Weiterleben nach dem Tod, sondern eine radikale, leibhafte Neuschöpfung des Toten. Zwar gab es diesen Glauben damals im Judentum auch sonst: Aber noch nie war dergleichen von einem nach jüdischem Gesetz Verurteilten und durch Nichtjuden Gekreuzigten berichtet worden. Wie es zu diesem Wendepunkt im gescheiterten Glauben der Nachfolger Jesu kam, ist historisch nur schwer erklärbar. Denn die endgültige Erweckung zu ewigem Leben bedeutete für Juden ein unbegreifliches Gnadenurteil Gottes; zudem machte das 1. Gebot es ihnen unmöglich, einen Menschen als Gott zu verehren.
Eine leibhafte Begegnung mit Jesus nach dessen Tod hatten nach urchristlichem Zeugnis auch Jakobus, Jesu Bruder, der ihm zu Lebzeiten nicht gefolgt war, und erbitterte Gegner der Urchristen wie Paulus von Tarsus, der weder sein Auftreten noch seinen Tod erlebt hatte. Zudem erstrecken sich Berichte über Visionen vom auferstandenen Jesus über einen längeren Zeitraum: Paulus berichtet von „500 Brüdern", die eine Kollektivvision erfahren hatten und teilweise noch lebten, so dass er sie den Korinthern um 55 als befragbare Augenzeugen präsentierte (1 Kor 15,6).
Solche Visionen hatten nur spätere Christen: Sie ließen sich also nicht unbeteiligt beobachten, sondern veränderten die ganze weitere Lebensorientierung der Betroffenen. Daraus erklärt sich auch die Energie, mit der die erste Christengeneration missionierte, Gemeinden gründete und sich auf das erwartete baldige Weltende einstellte. Daher gehen auch nichtchristliche Historiker meist von irgendeiner realen Erfahrung der ersten Judenchristen aus, die sie zu dieser Überzeugung brachte.
Wem der auferstandene Jesus erschien, ist nach den NT-Berichten jedoch nicht eindeutig. Nach einer alten Augenzeugenliste der Urgemeinde erschien er zuerst dem Simon Petrus, danach den versammelten zwölf Jüngern (1 Kor 15,5f.). Nach dem Johannesevangelium (Jh 20,11-18) dagegen erschien er zuerst der Maria Magdalena; nach Lukas (Lk 24,13-35) zwei unbekannten Jüngern. Keines der Evangelien bestätigt die genannte Kollektivvision. Der als unecht angesehene Schluss des Markusevangeliums (Mk 16,9-20) ist ein späterer Harmonisierungsversuch dieser Widersprüche.
In jedem Fall spielten Petrus und einige der Frauen aus Galiläa eine wichtige Rolle dabei, die übrigen Anhänger wieder zusammenzurufen und nach Jerusalem zurückzuholen, um dort eine christliche Gemeinde zu gründen. Deren Leiter sollen nach der lukanischen Darstellung mit dem Kreis der zwölf Erstberufenen identisch gewesen sein. Ihre Autorität führen alle Evangelien auf eine gemeinsame Vision des Auferstandenen zurück, bei der sie ihren universalen Missionsauftrag erhalten haben sollen. Wo diese Vision stattfand, ist ebenfalls widersprüchlich überliefert (Mt/Mk: in Galiläa; Lk/Jh: in Jerusalem).
Von diesem Kristallisationskern aus wurde offenbar bald auch das vorherige Leben Jesu auf das zentrale Heilsereignis, seinen Tod und seine Auferstehung, hin nacherzählt. So entstand wohl schon im ersten Jahrzehnt der vormarkinische Passionsbericht in Jerusalem, den Markus in sein Evangelium, das vermutlich das älteste darstellt, einbaute und damit den weiteren Evangelien ihre Grundstruktur vorgab.
In Damaskus soll schon zur Zeit der Bekehrung des Paulus (um 32-35) eine Gemeinde existiert haben. Sie kann dort im Zuge der Verfolgung der Jerusalemer Gemeinde nach der Hinrichtung des Urchristen Stephanus durch Flucht einiger seiner Anhänger entstanden sein. Aus Syrien stammt wahrscheinlich auch das etwa gleichzeitig mit der schriftlichen Logienquelle entstandene apokryphe Thomasevangelium (um 50).
Sowohl in der Jerusalemer Urgemeinde als auch den hinzukommenden Gemeinden und Zirkeln war die Erwartung der Wiederkunft (Parusie) Jesu bestimmend, den seine Anhänger jetzt im jüdischen Sinne als Messias sahen. Auch bestanden alle frühen Gemeinden aus Judenchristen und sahen sich als Teil des Judentums, wie die Übernahme des mosaischen Gesetzes und der Tempeldienst der Jerusalemer veranschaulichen. Daneben gab es aber auch griechisch sprechende Judenchristen, die sogenannten Hellenisten, die sich kritisch zum Tempel äußerten, und wohl nicht zuletzt deshalb von den jüdischen Machthabern verfolgt wurden. Selbst innerhalb der christlichen Gemeinde bekamen sie wirtschaftliche Probleme, da sie keinen Zugang hatten zur Armenversorgung des Tempels: Dies war der Hintergrund der Wahl der sieben Diakone (Apg 6).
Mit dem Tod des Jakobus (62) verlor die Jerusalemer Urgemeinde ihre Führungsrolle im Urchristentum. Beginnend mit der Bekehrung von Diaspora-Juden (Gal 2,9), gewannen überwiegend heidenchristliche Gemeinden außerhalb Palästinas wie Antiochia rasch an Zahl und Bedeutung. Sie verbreiteten die neue Lehre ihrerseits im gesamten Mittelmeerraum. Paulus und seine Helfer prägten die Theologie dieser neuen Gemeinden.
Am jüdischen Aufstand von 66 verweigerten auch die Jerusalemer Christen die Beteiligung. Bei dem weiteren Aufstand Simon Bar Kochbas (130) musste die Urgemeinde deshalb in das ostjordanische Pella fliehen. Mit dem Scheitern dieses letzten jüdischen Aufstandsversuchs 135 war auch ihre Existenz beendet. Die von ihr beeinflussten Gemeinden in Syrien und im Ostjordanland galten einigen der maßgebenden Kirchenväter im 2. Jahrhundert bereits als "Häresie" des Christentums. Spätestens mit der Entstehung des Islam gingen die letzten Reste des nahöstlichen Judenchristentums unter.
Die Praxis der brüderlichen Belehrung (Mt 18 ,15-18) verschob sich so auf die »Erstlinge«, die Erstgetauften einer Gemeinde, und schließlich die ersten sich herausbildenden Ämter: Episkopen (Bischöfe) (vgl. Eph 4,1), Presbyter und Diakone ersetzten die charismatischen Ämter und konsoldierten die weiterhin autonomen Gemeinden. Dabei war in dem Versuch, die Einmaligkeit Jesu in der irdischen Hierarchie abzubilden, jeweils nur ein Bischof vorzufinden. Diesem monarchanischen Bischof unterstanden zur Hilfe bei der Liturgie die (oft an der Zahl der Apostel orientierten: zwölf) Presbyter. Ein Presbyter hier noch ein Ehrenamt und wurde erst später mit eigenen pfarrähnlichen Verpflichtungen versehen. Die praktischen Arbeiten oblagen dann den Diakonen, von denen eine bestimmte Anzahl nicht bezeugt ist.
Die Herausarbeitung von Hierarchie und Gemeindestruktur erwies sich als um so notwendiger, da sich die Erwartung vom nahen Ende der Welt und der Widerkunft Christi (Parusie), von denen die Jünger noch geprägt schienen, nicht erfüllte. Die Phase der sog. »Parusieverzögerung« wurde nun aber nicht als Ende der eschatologischen Perspektive gesehen, sondern als eine verlängerte Zeit für die Vorbereitungen verstanden. Die gepflegten Werte sollten dies in »Tat und Wahrheit« belegen (1 Joh 3,18): Der Dienst an der und für die Gemeinde wurde hervorgehoben wie auch die Gastfreundschaft, das Beten und Fasten. Das Liebesmahl (Joh 13,34) und der Liebesdienst (Agape) gewann so erweiterte Bedeutung.
Gerade in dieser Kombination von asketischen Vorschriften, die sich auf die Christen selbst bezogen und auch vor deren eigenem Tod (Martyrium) nicht brachen, und der praktischen Nächstenliebe, die sich am Dienst an den Armen, Kranken und Verlassenen, den Witwen und Waisen und den Sklaven vollzog, bereiteten sich nicht nur die Anhänger der neuen Religion auf das nahe Ende vor, sondern gewann diese Gemeinschaft auch nach außen ihre enorme Anziehungskraft. Schon Paulus hatte dies im Ansatz erkannt und daher für die Anfänge einer lokalen Mission nicht die größeren Städte selbst, sondern deren arme Vororte bevorzugt.
Als in der Zeit der Christenverfolgungen, die unter Domitian von 81 bis 96 ihren vorläufigen Höhepunkt erlangten, die Mission schwieriger wurde, konnte daher das Gemeindechristentum insgesamt überleben, wenn nicht erstarken. Die nun vermehrt Verfolgten und Getöteten wurden als Christus Nachfolgende anerkannt und verehrt und eröffneten dem jungen Christentum die ebenso wichtige wie problematische Perspektive einer vorweggenommenen »Endzeit« im persönlichen Bekennertod. Sollte später erhobene Forderung nach nahezu obsessivem Martyrium aber auch innerkirchlich zu Abgrenzung herausfordern, fand die Leidensbereitschaft der Christen außerhalb ihrer Gemeinden viel Anerkennung.
Mit dem Tod des Johannes um etwa 100 endet dann die Phase des Urchristentums. Johannes selbst hatte noch den logos in die christliche Lehre eingeführt und so für die kommenden Probleme ebenso den Boden bereitet, wie für die Akzeptanz, die die dem (mittleren) Platonismus nun offene Lehre auch in gehobenen Kreisen bald finden sollte. Die so genannte Nachapostolische Zeit des 2. Jahrhunderts, die nun in den Bereich der Geschichte der Alten Kirche gerechnet wird, sollte dann bestimmt sein durch die Frage der Stellung des Sohnes (mit den Extrema Subordination oder Ditheismus), mit der sich Ignatius von Antiochien auseinandersetzte, von der Auseinandersetzung mit dem Gnostizismus, dem Marcionitismus und dem Montanismus und von der Konsolidierung der allmählich über die Gemeindegrenzen hinaus wachsende und sich darüber hinaus auch als solche begreifenden Kirche.
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