Moderne Sagen (engl.: urban legends), auch Großstadtlegenden, moderne Mythen, Wandermärchen oder -sagen, verwandt mit Ammenmärchen und Schauermärchen, sind mehr oder weniger skurrile Anekdoten, die meist mündlich, inzwischen häufig auch per E-Mail, weitergegeben werden und deren Quelle sich in aller Regel nicht mehr zurückverfolgen lässt. In seltenen Fällen werden sie auch, bedingt durch unzureichende Recherche, als Nachrichten in den Medien verbreitet (Zeitungsente).
Die Protagonisten moderner Sagen sind normalerweise nicht namentlich bekannt. Allerdings wird oft berichtet, dass die jeweilige Geschichte dem Freund eines glaubwürdigen Bekannten passiert sei, im Stil „Ich kenne jemanden, der jemanden kennt, der definitiv...!“. Ein Phänomen, das auf Irisch-Gälisch, der ursprünglichen irischen Sprache, das Dúirt bean liom gur dhúirt bean léi-Syndrom genannt wird (soviel wie: Eine Frau sagte mir, dass eine Frau ihr sagte, …).
Der Begriff Urban Legend wurde von Jan Harold Brunvand, einem Professor für Englisch, bekannt gemacht. In seinem 1981 erschienenen Buch The Vanishing Hitchhiker: American urban Legends & Their Meanings (Der verschwundene Anhalter: Amerikanische Großstadtlegenden und deren Bedeutung) benutzte er eine Sammlung dieser Geschichten, um zwei Aussagen zu machen:
Einige frühe Historiker wie z. B. Herodot, Tacitus und Geoffrey von Monmouth waren die Stammväter der urbanen Sagen. Sie überlieferten Gerüchte und anekdotische Berichte als historische Fakten. Diese Aufzeichnungen waren dann wiederum die Grundlage für andere Berichte, und so wurden vielfach wiederholte, nicht exakte Überlieferungen zu einem selbstlaufenden Teufelskreis. Heutzutage behandeln Historiker historische Belege von Geschichtsschreibern wie die erwähnten mit äußerster Vorsicht.
Ebenso zahlreich sind die Sagen, die im Ausland spielen und die Ängste vor fremden Sitten und Unsitten spiegeln. Seltsame Essensgewohnheiten, Diebstähle, verschwundene Reisebegleiter und Lynchjustiz an unschuldigen Touristen sind Beispiele hierfür. Aber auch Sagen mit gefährlichen exotischen Tieren, gefährlichen Insektenstichen etc. sind häufig (Beispiel: Affenhirn).
Zuletzt sind außerdem verstärkt Sagen aufgetreten, in denen die Angst vieler Menschen vor islamistisch motiviertem Terrorismus deutlich wird. In den Geschichten treten meist seriös wirkende Personen aus dem islamischen Kulturkreis in Erscheinung, die einem Einheimischen gegenüber konkrete Anschlagspläne enthüllen. Oft wird von den Fremden auch nur ohne weitere Erklärung eindringlich dazu aufgefordert, sich in einem bestimmten Zeitraum nicht an einem bestimmten Ort aufzuhalten. Die nahe liegende Schlussfolgerung, was wohl hinter dieser Warnung steckt, bleibt in diesem Fall dem jeweiligen Zuhörer überlassen, was die Angst machende Wirkung der Sage noch verstärkt.
Die Geschichte von George Turklebaum, der in New York fünf Tage tot an seinem Schreibtisch gesessen haben soll, ohne dass es seinen Kollegen auffiel, schaffte es bis in die Londoner Times, den Guardian und die BBC.
Die Geschichte von dem Mann auf einer Geschäftsreise, der von einer Frau verführt wurde und am nächsten Morgen aufwachte und bemerkte, dass eine seiner Nieren zur Transplantation entfernt worden war.
Das Krokodil im Abwassersystem von New York brachte es immerhin zu einigen Kinderbüchern und Verfilmungen wie z.B. "Der Horror-Alligator" (1980).
Eine Berliner Legende sind die erfundenen Ereignisse um die tatsächliche Sprengung des Nord-Süd-Tunnels der Berliner S-Bahn im Jahr 1945, wo auch heute noch wahrheitswidrig von "tausenden" Ertrunkenen in der U-Bahn geschrieben und gesprochen wird.
Weitere Urban legends findet man in der Kategorie:Moderne Sage
Da heutzutage extrem viele moderne Sagen existieren, gibt es inzwischen sogar TV-Shows, die sie auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen. Die beiden berühmtesten sind wohl die Mythbusters und die Big Urban Myth Show. Bei Mythbusters werden vor allem technische Dinge überprüft ("Wurde wirklich mal jemand geköpft, weil er in einen Deckenventilator gesprungen ist?"), bei der 'Big Urban Myth Show werden oft Polizei- und Feuerwehrakten durchsucht ("Hat echt mal jemand den Tempomat in seinem Wohnmobil eingeschaltet und ist dann nach hinten gegangen, um sich einen Kaffee zu kochen?"''). Man kann übrigens nicht geköpft werden, wenn man in einen Deckenventilator springt (Ausgenommen Industrieventilatoren aus Metall), und der Polizei liegen keinerlei Hinweise vor, dass jemals jemand den Tempomat mit einem Autopiloten verwechselt hat.
Es gibt eine viel besuchte englischsprachige Usenet-Newsgroup namens news:alt.folklore.urban (deutscher Ableger: news:de.alt.folklore.urban-legends), in der über diese Geschichten diskutiert wird. Die FAQ dieser Newsgroup fasst zusammen, welche der Geschichten wahr sind und welche nicht, sofern das feststellbar ist. Eine ähnliche Liste kann man auf der „Urban Legends Reference Page“-Website unter snopes.com finden. Eine andere gute Quelle ist Virus Myths, eine weitere die Darwin-Awards, die jedes Jahr einige Geschichten als besonders fragwürdig herausstellen.
Schließlich gibt es Hoaxbusters, ein vom amerikanischen Energieministerium angebotener Dienst, der sich um alle Arten von Hoaxes kümmert, die über Computer verteilt werden.
Es gibt eine Reihe bekannter Aufdecker urbaner Legenden, die sich durch die Aufklärung verschiedener Legenden einen Namen gemacht haben:
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