Forensische Schriftvergleichung und Schriftpsychologie
Die forensische Handschriftenuntersuchung prüft die Echtheit handschriftlicher Dokumente. Fragliche Schriften X werden mit einer Reihe von Vergleichsschriften V eines Schreibers verglichen. Die zu prüfenden Schriften werden in der Regel X, die Vergleichsschriften werden meist V genannt. Die forensische Handschriftenuntersuchung hat eine spezifische Methode:
In der forensischen Handschriftenuntersuchung gibt es demzufolge keine Deutungen. Es werden nur beobachtbare Übereinstimmungen oder Unterschiede in den Schriftmerkmalen registriert.
Eine Befundbewertung hingegen ist erforderlich. Diese sollte nach möglichst exakten wissenschaftlichen Methoden erfolgen. Dazu ist eine erfahrungswissenschaftliche Schriftpsychologie notwendig.
Die Arbeit eines Schriftsachverständigen ist immer mit großer Verantwortung verbunden. Es geht oft um existentielle Fragen. In Zivilverfahren kann es um viel Geld gehen; es kann sein, dass eine Zwangsvollstreckung eingeleitet oder ausgesetzt wird. Bei einer Unterschriftsfälschung oder einer Testamentsfälschung ist - anschließend an ein Zivilverfahren - mit einem Strafverfahren zu rechnen. Zeugen können wegen eidlicher oder uneidlicher Falschaussage verurteilt werden, wenn sie z.B. gesehen haben wollen, dass jemand eine Unterschrift geleistet hat, die sich dann als Fälschung herausstellt. Forensische Schriftgutachten sind öffentlich. In Zivilverfahren haben die beteiligten Parteien Gelegenheit, sich zu einem Gutachten zu äußern. Da ein Gutachten meist für eine Partei vorteilhaft und für die andere Partei unvorteilhaft ist, wird jedes Gutachten kritisch betrachtet. Es kann eine mündliche Anhörung des Sachverständigen beantragt werden. Schließlich haftet der Sachverständige für sein Gutachten. Aufgrund der hohen Verantwortung ist es unumgänglich, dass forensische Schriftgutachten auf beobachtbaren Befunden und erfahrungswissenschaftlichen Methoden beruhen.
Angelika Seibt hat 1994 den Begriff „Schriftpsychologie“ aus einer Gegenüberstellung graphologischer und graphometrischer Methoden entwickelt und dabei auch den graphometrischen Ansatz kritisiert. Insbesondere die Vorstellung einer voraussetzungslosen Forschung ist in der heutigen Wissenschaft nicht mehr haltbar. Wissenschaft setzt Theoriebildung voraus. In diesem Sinne basiert „Schriftpsychologie“ auf den traditionellen graphologischen Theorien; zugleich wird die Notwendigkeit empirischer Forschung betont. Graphologische Theorien dienen der Hypothesenbildung für empirische Forschungen. Schriftpsychologie ist eine Erfahrungswissenschaft. Lothar Michel hat sich 1984 für eine Schriftpsychologie als Grundlagendisziplin ausgesprochen. Auch Michel intendierte eine Schriftpsychologie als Erfahrungswissenschaft. Im Unterschied zu Wallner ging es Michel aber nicht um Handschriftendiagnostik oder persönlichkeitspsychologische Diagnostik, sondern um die Erforschung der Entstehungsbedingungen der Handschrift. Hier wird ein weiterer Aspekt der Unterscheidung von Graphologie und Schriftpsychologie deutlich:
Dabei ist zu bedenken, dass solche Aspekte auch in der traditionellen Graphologie - wie z.B. in Pfannes „Lehrbuch der Graphologie“ oder in der „Graphologischen Diagnostik“ von Müller und Enskat - immer schon berücksichtigt worden sind.
Bei Deutungen und Interpretationen sind nicht nur empirische, sondern auch geisteswissenschaftliche Methoden sinnvoll. Auch dieser Gedanke soll kurz erwähnt werden - er ist aber nicht Thema dieser Arbeit.
Schriftpsychologie als Grundlagendisziplin erforscht die psychologischen, physiologischen, schreibtechnischen und sozialen Entstehungsbedingungen handschriftlicher Schreibleistungen mit erfahrungswissenschaftlichen Methoden. Die Ergebnisse schriftpsychologischer Forschungen können in der Praxis in vielfältigen Bereichen genutzt werden. Dazu gehören allgemeine psychologische Beratung, Beratung zur Persönlichkeitsentwicklung, Partnerschaftsberatung, Erziehungsberatung, Personalberatung. Auch Schreibbewegungstherapie sowie Zeichentests zur Diagnostik z.B. von Schulreife oder psychischen Schwierigkeiten sollen nicht unerwähnt bleiben. Ebenso ist an die traditionellen graphologischen Persönlichkeitsbilder und schriftpsychologischen Analysen zum besseren Verständnis von historischen Persönlichkeiten und geschichtlichen Vorgängen zu denken. Und schließlich können schriftpsychologische Forschungen auch in der forensischen Handschriftenvergleichung genutzt werden.
Der Auftraggeber erteilt den Gutachtenauftrag. Das kann in einem Begleitbrief geschehen. Der Gutachtenauftrag kann z.B. die folgende Formulierung beinhalten: „Gesucht wird eine vertriebsstarke Persönlichkeit, die durch ihre Ausstrahlung und persönliche Integrität, durch Kontaktfreude und Akquisitionsstärke Menschen überzeugen kann und zum Abschluss von Verträgen kommt. Unerlässlich für die vorgesehene Position sind überdurchschnittlicher Fleiß und Einsatzbereitschaft sowie Integrationskraft.“
Es ist sinnvoll, das Untersuchungsmaterial aufzulisten: handschriftlicher Lebenslauf, handschriftlich ausgefüllter Bewerbungsbogen, Stellenbeschreibung, Anforderungsprofil, Zeitungsanzeige, die vollständigen Bewerbungsunterlagen eines Bewerbers mit Anschreiben, Lebenslauf, Lichtbild, Ausbildungs- und Arbeitszeugnissen, Angaben zu Fortbildung und Tätigkeitsschwerpunkten.
Es ist ebenfalls sinnvoll, das vorliegende Untersuchungsmaterial einer Materialkritik zu unterziehen. Dabei wird gefragt, wie geeignet das vorliegende Untersuchungsmaterial zur Beantwortung der Frage der Untersuchungsauftrages ist. Welche Unterlagen hätte noch vorliegen sollen? Sind die Anforderungen an die Persönlichkeit des Bewerbers und die fachlichen Anforderungen ersichtlich? Gibt es eine Aufgabenbeschreibung? Sind in der Stellenbeschreibung die Position, Verantwortungsbereich, Anzahl der Mitarbeiter und das vorgesehene Gehalt genannt? Ist das Schriftmaterial umfangreich und ausdrucksstark genug? Handelt es sich um Kurrentschriften? Enthält es Unterschriften? Gibt es Arbeitsproben? Wurde ein persönliches Gespräch durchgeführt? Als Ergebnis der Materialkritik wird beurteilt, wie aussagekräftig die vorliegenden Untersuchungsunterlagen zur Beantwortung der Frage des Untersuchungsauftrages sind.
Bei der Durchführung der Untersuchung ist es sinnvoll, zwischen fachlichen und persönlichen Aspekten, zwischen der Inspektion und Prüfung der Bewerbungsunterlagen und der Analyse der Handschrift zu unterscheiden.
Das Ergebnis der Untersuchung beantwortet die Fragen des Untersuchungsauftrages. Das Gutachten soll eine Entscheidungshilfe für den Auftraggeber sein. Und das Gutachten sollte sprachlich so abgefasst sein, dass es mit auch dem Beurteilten besprochen werden kann. Schreibtechnische Bedingungen
Für Schriftsachverständige ist es selbstverständlich, zunächst nach schreibtechnischen Bedingungen zu fragen, die sich auf eine Schreibleistung ausgewirkt haben könnten. Dazu gehören Schreibstift, Schriftträger, Schreibunterlage, Schreibhaltung.
Auch in der seriösen traditionellen Graphologie sind solche Aspekte berücksichtigt worden. Als Beispiel kann auf die Ausführungen von Pfanne zu den Begriffen „Feder“, „Federbeine“ und „Federwinkel“ hingewiesen werden. Heute wird weniger mit einem Federhalter, sondern meist mit Kugelschreiber geschrieben. Auch bei Kugelschreiberschriften sind materialtechnische Einflüsse wirksam. Solche schreibtechnischen Einflüsse haben nichts mit der Persönlichkeit des Schreibers zu tun. Bei der Arbeit mit Eindruckscharakteren kann es aber sein, dass hier rein materialtechnische Einflüsse wirksam sind. Auch für Graphologen ist es daher sehr sinnvoll, sich mit schreibtechnischen Einflüssen zu beschäftigen.
Die forensische Handschriftenvergleichung ist eine Erfahrungswissenschaft. Es gibt hier keine Deutungen oder Interpretationen sondern nur beobachtbare Befunde und ein Set von Bewertungsregeln, das erfahrungswissenschaftlich begründet sein muss.
Schriftpsychologie als Grundlagendisziplin erforscht die psychologischen, physiologischen, schreibtechnischen und sozialen Entstehungsbedingungen handschriftlicher Schreibleistungen mit erfahrungswissenschaftlichen Methoden.
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