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Das Universalienproblem (auch: Universalienstreit) war eine grundlegende Diskussion in der Philosophie der Scholastik über die Frage, ob man Allgemeinbegriffen (sogenannten Universalien) eine ontologische Existenz beimessen kann.

Das Grundproblem


Ausgangspunkt der Diskussion über die Universalien ist die Ideenlehre Platons, der z.B. im Phaidon davon ausging, dass Ideen eine eigenständige Existenz haben. Als Universalien wurden im Laufe der Diskussionen sehr unterschiedliche gedankliche Prinzipien gekennzeichnet. Neben den angesprochenen Ideen Platons waren dies vor allem Regeln, Tugenden, Transzendentalien, Kategorien oder Werte. Diese Position wird Realismus genannt.

Im christlichen und islamischen Monotheismus des Mittelalters spitzt sich das Universalienproblem zu. Dabei muss man bedenken, dass es sich nicht um eine vom Alltag losgelöste "rein philosophische" Problematik handelt, sondern es um sehr konkrete Fragen der Machtkonzentration und ihrer Legitimierung ging, wenn zum Beispiel über die Einheit der Dreifaltigkeit diskutiert wurde. Wenn Verallgemeinerungen wirklich sind, haben sie eine viel größere Autorität, als wenn sie von Interpretationen abhängen. Die zunehmende Abkehr vom Realismus im Lauf der Spätmittelalters bedeutet zugleich eine Emanzipation von Autoritäten, die das Göttliche für sich in Anspruch nehmen.

Die Gegenposition des Nominalismus (lateinisch nomen = Name) ist der grundsätzlichen Auffassung, dass alle Allgemeinbegriffe gedankliche Abstraktionen sind, die als Bezeichnungen von Menschen gebildet werden. Realität kommt danach nur den Einzeldingen zu. Da der Nominalismus die historisch neuere Position ist, spricht man über ihn auch über die Via moderna, während die entgegengesetzte Position Via antiqua genannt wird.

Das Grundproblem wird in abgewandelter Form auch in der Gegenwart diskutiert. Zum einen wird in der Sprachphilosophie gefragt, ob Eigenschaften und Klassen ontologisch eigenständig sind. Zum anderen wird im Bereich der Philosophie der Mathematik unterstellt, dass logische Klassen, Zahlen, Funktionen eine eigenständige Existenz haben. Diese Position wird auch als Platonismus bzw. semantischer Realismus bezeichnet. In der soziologischen Theorie Pierre Bourdieus wird eine Verknüpfung zwischen nominalistischen und realistischen Aspekten vorgelegt.

Universalien in der Antike


Eines der Kernthemen der Philosophie Platons ist das Verhältnis der sogenannten 'Ideen' (ideai) zu den empirischen Gegenständen und den Handlungen der Menschen. In den Platonischen Dialogen fragt Sokrates nach dem, was gerecht, tapfer, fromm, gut usw. ist. Die Beantwortung dieser Fragen setzt die Existenz der Ideen, die in den Allgemeinbegriffen ausgedrückt werden, voraus. Die Idee ist das, was in allen Gegenständen oder Handlungen das selbe bleibt, so sehr sich diese auch voneinander unterscheiden mögen. Sie ist die Form (eidos) oder das Wesen (ousia) der Dinge. Die Ideen werden bei Platon durch eine Art geistiger „Schau“ (theoria) erkannt. Diese Schau erfolgt im Dialog, der die Kunst der richtigen Gesprächsführung (Dialektik) voraussetzt.

Die Ideen sind das „Urbild“ (paradeigma) aller Dinge. Sie sind den Einzeldingen vorgeordnet, die an ihnen nur teilhaben (methexis). Nur sie sind im wahren Sinn des Wortes seiend. Die sichtbaren Einzeldinge stellen nur mehr oder minder vollkommene Abbilder der Ideen dar. Ihr Ort ist zwischen Sein und Nicht-Sein.

Gegenüber seinen frühen und mittleren Schriften hat Platon seine Position in den Spätschriften relativiert und auf Probleme der Ideenlehre hingewiesen.

Aristoteles milderte die idealistische Position Platon in einer Abstraktionslehre ab, vertrat aber ebenso einen Universalienrealismus. Ideen und das Sein der wahrgenommenen Gegenstände fallen in den Objekten noch zusammen und werden erst durch intellektuelle Akte getrennt.

Die Überlegung einer nominalistischen Position findet sich erst in der Kommentierung des Porphyrios zur Kategorienlehre des Aristoteles, wie sie in der Übersetzung des Boethius in der Scholastik im Mittelalter rezipiert wurde. Was nun die genera und species betrifft, so werde ich über die Frage, ob sie subsistieren oder ob sie bloß allein im Intellekt existieren, ferner, falls sie subsistieren, ob sie körperlich oder unkörperlich sind und ob sie getrennt von den Sinnendingen oder nur in den Sinnendingen und an diesen bestehend sind, es vermeiden, mich zu äußern; denn eine Aufgabe wie diese ist sehr hoch und bedarf einer eingehenden Untersuchung. Porphyrios hatte zwar keine Stellung bezogen, aber die Grundlagendiskussion vorbereitet.

Die Diskussion in der Scholastik


Radikaler Realismus

Da der Neuplatonismus über Boethius und vor allem über Augustinus, der die Ideen als Gedanken Gottes vor der Schöpfung ansah, die vorherrschenden philosophische Grundlage für die Frühscholastik war, findet sich hier auch zunächst die Position des Universalienrealismus. Erster prominenter Vertreter eines radikalen Realismus war Eriugena, für den die Universalien geistige Wesenheiten waren, die den Einzeldingen in der Entstehung vorausgingen. Einen ähnlich undifferenzierten Realismus vertraten auch Anselm und Wilhelm von Champeaux. Da man jeder Substanz Akzidenzien zuordnete, musste Individualität aus den verschiedenen Akzidenzien hervorgehen. Das Universale wurde auf eine einzige identische Substanz zurückgeführt. Daraus wiederum ergab sich logisch die Indifferenz des Universalen. Diese "Indifferenztheorie" Wilhelms wirkte stellenweise noch Generationen später nach.

Nominalismus

Als einer der Begründer des ebenso extremen Nominalismus gilt Roscelin, d.h. dass nach seiner Auffassung nur solche Gegenstände existieren, die mit den Sinnesorganen wahrgenommen werden können. Begriffe dagegen – die von den Realisten als eigentlich existierend angesehen werden – seien lediglich Bezeichnungen (flatus vocis = von der Stimme erzeugter Lufthauch) und als solche nur Schall und Rauch. Eine Schlussfolgerung war, dass die Dreieinigkeit lediglich ein solcher Begriff sei und tatsächlich ein Aggregat von drei (verschiedenen?) Substanzen sei – eine eindeutig häretische Auffassung, die er auch in Soissons 1092 widerrufen musste.

Ein späterer Vertreter eines differenzierteren Nominalismus war Wilhelm von Ockham. Die Allgemeinbegriffe haben keine eigene Existenz, sondern sind nur die Summe der gedachten Dinge. Beispiel: Eine einzelne Rose hat eine reale Existenz, „die Rose“ an sich, als Begriff, hat hingegen nur eine rein gedankliche Existenz. Ockham wies allerdings schon auf die Bedeutung von Zeichen in der Diskussion um die Existenz von Begriffen hin.

Weitere Vertreter des Nominalismus waren Nicolaus von Autrecourt, Pierre d'Ailly, Marsilius von Inghen (der erste Rektor der Universität Heidelberg), Jean Gerson und Biel (Professor in Tübingen), Johannes Buridan und Albert von Sachsen ebenso wie Nikolaus von Oresme als bedeutender Naturphilosoph des 14. Jahrhunderts.

Dadurch dass der Einzelne Träger der Ideen war, gerieten die überkommenen Dogmen der Kirche im Nominalismus in Rechtfertigungsschwierigkeiten als vermittelnde Instanz zwischen dem Gläubigen und Gott. Auch für die Entwicklung der Naturwissenschaften war ein Zurückdrängen der Dogmen der Kirche befreiend.

Konzeptualismus

Im Universalienstreit hatte Abaelard die konträren Positionen bei seinen Lehrern, zunächst den radikalen Nominalismus bei Roscelinus und danach den entschiedenen Realismus bei Wilhelm von Champeaux kennen gelernt. Abaelard rückte bei seiner Untersuchung dieser Frage in seinen Schriften Logica Ingredientibus und Logica Nostrorum Petitioni Sociorum neben dem rein ontologischen Aspekt auch die sprachlogische Perspektive in den Vordergrund. Zunächst kritisierte er die vorhandenen Argumente. Für ihn konnten die Universalien nicht jeweils eine einheitliche Entität sein, weil sie nicht verschiedenen, getrennten Dingen zugleich innewohnen können. Auch konnte das Universale nicht etwas Zusammengefasstes sein, weil das Einzelne dann das Ganze enthalten müsse. Ebenso wies er die These zurück, Universalien seien zugleich individuell und universell, da der Begriff der Individualität als Eigenschaft des Universellen dann durch sich selbst widersprüchlich definiert würde. So können z.B. Begriffe wie Lebewesen nicht existieren, weil diese nicht zugleich vernunftbegabt (Mensch) und nicht-vernunftbegabt (Tiere) sein könnten.

Da die Argumente für die Realität der Allgemeinbegriffe nicht zu einem haltbaren Ergebnis führten (Wilhelm von Champeaux musste sich verärgert korrigieren), schloss Abaelard, dass die Universalien Wörter sind, die vom Menschen zur Bezeichnung festgelegt werden. Soweit sie sich auf sinnlich konkret Wahrnehmbares beziehen, sah Abaelard in ihnen nur Benennungen, also uneigentliche Universalien (appelatio). Soweit sie sich auf sinnlich nicht Wahrgenommenes beziehen, handelt es sich um echte Allgemeinbegriffe (significatio). Solche Begriffe werden vom Menschen konzipiert, um das Gemeinsame und nicht Unterscheidende verschiedener gleichartiger Gegenstände zu bezeichnen. Die Erkenntnis hierüber entsteht nicht durch körperliche Sinneswahrnehmung (sensus), sondern durch gedankliches Begreifen (intellectus) der Seele, indem der Geist (animus) eine Ähnlichkeit (similitudo) herstellt. Stoff und Form existieren verbunden und werden nur durch die Einbildungskraft (imaginatio) der Vernunft (ratio) im Wege der Abstraktion (forma communis) getrennt. Universalien sind damit weder „vor den Dingen“ (Realismus), noch „nach den Dingen“ als Bezeichnungen (Nominalismus), sondern rein im Verstand als Abstraktion der einzelnen Dinge entstanden. Sie liegen damit „in den Dingen“ (in rebus). Das Wort als Naturlaut (vox) ist Bestandteil der Schöpfung. Das Wort aber als Sinn (sermo) ist eine menschliche Einrichtung (institutio). Dadurch dass Allgemeinbegriffe eine eigene Bedeutung haben, stehen sie zwischen den realen Dingen (res) und den reinen gedanklichen Bezeichnungen (ficta). Universalien sind damit semantisch existent (mental wirklich). Diese Position, die ähnlich auch von Gilbert De La Poirée, Adelard von Bath und John von Salisbury vertreten wurde, wurde später als Konzeptualismus bezeichnet.

Gemäßigter Realismus

Als Aristoteliker und ausgehend von den Kommentaren zu Aristoteles von Averroes und Avicenna vertraten Albertus Magnus und Thomas von Aquin einen gemäßigten Realismus. Thomas unterschied dabei
  1. Universalien, die sich in der göttlichen Vernunft bilden und vor den Einzeldingen existieren,
  2. Universalien, die als Allgemeines in den Einzeldingen selbst existieren,
  3. Universalien, die im Verstand des Menschen existieren, d.h. nach den Dingen.

Auch die modistische Sprachtheorie des Thomas von Erfurt nimmt eine Position des gemäßigten Realismus ein.

Bedeutungswandel des Realismus-Begriffs

Während der Begriff des Realismus in der Betrachtung der antiken Philosophie mit den Universalien verbunden wird, erhielt er im Zuge des Cartesianismus eine neue, in erkenntnistheoretischen Betrachtungen begründete Bedeutung. Die Frage lautete nun, ob die Gegenstände unmittelbar erkannt werden (Realismus) oder ob sie durch Vorstellungen bestimmt sind (Idealismus). In diesem Zuge nahmen die Vertreter des Rationalismus überwiegend eine Position des Realismus ein, während die Vertreter des Empirismus vorrangig der idealistischen Grundkonzeption folgten. In dieser Form besteht sie noch grundlegend in der erkenntnistheoretischen Diskussion des 20. Jahrhunderts.

Das Universalienproblem der Moderne wird dagegen mit den Begriffen des (wissenschaftstheoretischen) Platonismus und des Essentialismus verbunden.

Die Diskussion in der Moderne


Sprachphilosophie

Mit dem linguistic turn und der Sprachphilosophie des 20. Jahrhunderts setzte sich eine stark nominalistische Position durch. Insbesondere im Neopositivismus des Wiener Kreises wurde Erkenntnis auf die sinnlich wahrnehmbaren Einzeldinge beschränkt. Entsprechend war man der Auffassung, dass die Bedeutung von Begriffen und Aussagen ausschließlich auf die Erfahrung zurückzuführen ist. Vor allem Carnap und der frühe Wittgenstein wollten alle Begriffe auf phänomenalistische Grundbegriffe zurückführen und hieraus eine rein nominalistische Sprache entwickeln. Aus dieser Sicht gibt es für Allgemeinbegriffe außerhalb des Bewusstsein keine Bezugsgrößen (Designate). Klassen sind nichts Reales, sondern Zusammenfassungen in Gedanken.

Gesetzesaussagen werden deshalb als bloße syntaktische Regeln ohne Wahrheitswerte (bei Hermann Weyl, Frank Plumpton Ramsey u.a.) oder als bloße Hypothesen (bei Moritz Schlick, Karl Popper u.a.) aufgefasst.

Philosophie der Mathematik

Die klassische Auffassung in der Mathematik ist ein Universalienrealismus, nach dem logische Klassen, Zahlen, Funktionen etc. eine eigenständige Existenz besitzen. Die Gegenpositionen des Intuitionismus und des Konstruktivismus gehen hingegen davon aus, dass die Gegenstandsbereiche der Mathematik durch schrittweise Entwicklung von Theorien entstehen. Soweit mit der Entwicklung von Theorien die Vorstellung verbunden wird, dass die durch menschliche Leistungen entstandenen Allgemeinbegriffe eine semantische Existenz haben, wird hier auch der Begriff des Konzeptualismus verwendet (Quine, Stegmüller).

Literatur


  • Wolfgang Stegmüller: Glauben, Wissen und Erkennen. Das Universalienproblem einst und jetzt, 3. Aufl. Darmstadt 1974
  • Peter F. Strawson: Einzelding und logisches Subjekt, Stuttgart 1972
  • Hans-Ulrich Wöhler (Hrsg.): Texte zum Universalienstreit. 2 Bde. Berlin: Akademie 1992. ISBN 3-05-001792-9
  • Pierre Bourdieu: Meditationen. Zur Kritik der scholastischen Vernunft. Frankfurt a. M. 2001. ISBN 3-51829-295-1
  • Alain der Libera: Der Universalienstreit. Von Platon bis zum Ende des Mittelalters, Fink, München 2005 (Original: La querelle des universaux, 1996), ISBN 3-7705-3727-0

Siehe auch


Begriff; Frege

Weblinks


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