Ulama oder Ulema (, Pl. von ālim, arab. , „Wissender“) heißen die Religionsgelehrten des Islam. Ihre Organisation und ihr Einfluss variieren in den unterschiedlichen islamischen Gemeinschaften. Am stärksten ist sie im schiitischen Islam, wo ihre Rolle institutionalisiert wurde. In den meisten Ländern bilden sie die lokalen Autoritäten, die über die korrekte Interpretation der islamischen Glaubenslehre entscheiden.
Dem religiösen Ideal nach sollte der Kalif oder sein Repräsentant die Vorschriften der Scharia getreu der Auslegung der Ulama umsetzen, die Gelehrten dagegen hatten ihr Wissen – ungebunden an den Herrscher – geltend zu machen, gemäß dem häufig zitierten Hadith: „Der nichtswürdigste unter den Gelehrten ist der, der Prinzen Besuche abstattet und der würdigste aller Prinzen ist jener, der die Gelehrten aufsucht.“S. 39 In der Praxis gingen die Herrscher allerdings angesichts der realen Umstände häufig von der Scharia abweichend vor und versuchten, sich der Unterstützung der Ulama zu versichern, indem sie diese durch staatliche Positionen und Vergabe von Ländereien an sich zu binden trachteten.S. 39
Deren Unterrichtsinhalte waren im wesentlichen die Koranexegetik, das Studium der arabischen Grammatik und Literatur, der Hadithe, des Rechts und der Rechtsprechung und der Theologie, welche letztere jedoch oft wegen ihrer Verfänglichkeit für gläubige Moslems ausgelassen wurde.S. 33ff In geringerem Umfang kamen auch Mathematik und Medizin oder ausgewählte Schriften des Sufismus auf den Lehrplan, wohingegen aber Philosophie und eigentliche Naturwissenschaften vom Lernstoff der Ulama und in den Medresen ausgeschlossen wurden, obwohl der Islam den Europäern in diesen Disziplinen noch voraus war.S. 34
Ismail I. hatte als Staatsreligion die Zwölfer-Schia (isna ascharija) etabliert.S. 46 Der Schiismus war ursprünglich als Oppositionsbewegung gegen die ersten Kalifen entstanden und diente als Legitimation für die Nachkommen von Mohammeds Neffen und Schwiegersohn Ali als rechtmäßige Nachfolger des Propheten.S. 46 Denn die Schiiten propagierten den Glauben, dass neben einer allgemein verständlichen Koranexegese eine geheime Exegese existiere, die Mohammed nur Ali als seinem Erben und als Imam oder Führer der Gemeinschaft zur Fortführung der Tradierung überliefert habe.S. 46 Die Linie der Imame (nach der Zwölfer-Schia zwölf an der Zahl) erfuhr schließlich übermenschliche Überhöhung als Inkarnationen des „Lichtes“, welches durch die Propheten von Adam auf sie übertragen sei und sie „unfehlbar“ und frei von Sünde mache.S. 46 Daraus folgte für die Schiiten im Gegensatz zu den orthodoxen Sunniten, dass die religiöse Autorität nicht im Konsens der Gemeinschaft, sondern in der Hand der „unfehlbaren“ Imame liege, die neben Gott und dem Propheten zu verehren seien.S. 47 Als Inkarnationen der Propheten aber galten nun Ismail I. und seine Erben, und die königliche Familie stützte ihre Legitimierung zusätzlich auf die vorgetäuschte Abstammung vom siebten Imam, Musa-al-Kazim.S. 47 Ismail I. ließ sich als vollkommener Sufi-Lehrmeister von den die wichtigsten Staatsämter bekleidenden Kysylbasch-Schülern verehren und zwang die Ulama und das Volk mit Gewalt zum Schiismus.S. 47 Sunnitische Ulama, die sich dem widersetzten, mussten fliehen, um dem Tod zu entgehen.S. 47 1514 erschütterte die Niederlage gegen die Osmanen die Loyalität der Kysylbasch zu ihrem Schah und etwa zur selben Zeit begann das theokratische Wesen des Staates durch Trennung der religiösen und politischen Gewalt aufzuweichen, wodurch das Verhältnis von Ulama zum Staat sich in den folgenden zwei Jahrhunderten wandelte:S. 45 u. 47 Zu Beginn der Safawiden-Herrschaft stand die Ulama ganz im Dienst der staatlichen Machtausübung, zumal aufgrund des Mangels an schiitischen Ulama im Iran solche aus Syrien oder Bahrein gerufen werden mussten, die somit in ihrem Vermögen und in ihrer Position vom Staat abhängig waren.S. 47 u. 49 Unter Schah Abbas begannen die Ulama jedoch die Gottesgnadentum-Doktrin – der Schah sei der „Schatten Gottes“ (zillullah) – öffentlich anzugreifen, indem Mulla Ahmad Ardabili Abbas vortrug, der Schah verwalte nur die Macht für den Imam und es liege in der Entscheidung der Ulama, diese Treuhänderschaft anzuerkennen oder nicht.S. 49 u.112 Unter den Nachfolgern Abbas verschärften die Ulama schließlich den Angriff auf die Legitimität der königlichen Herrschaft und erklärten, als berechtigter Vertreter des Zwölften Imam käme einzig ein Mudschtahid in Frage.S. 47,49,112 u 224 Als Mudschtahid hatten die Ulama das Recht, mittels ihrer „Vernunft“ (Idschtihad) Regeln der Scharia zu ermitteln.S. 224 Schließlich konnten die materiell immer unabhängiger gewordenen Ulama unter Sultan Hussain durch ihren führenden Mudschtahid Mohammed Bakir Madschlisi die Regierung lenken, die Reste der safawidischen Sufi-Ordnung tilgen und den orthodoxen Schiismus weitgehend durchsetzen.S. 112
Wie die Safawiden das Fundament für den heutigen Staat Iran legten und den Glauben einer Minorität im Staatsvolk verankerten, so erreichten die Ulama, dass die Legitimität seiner künftigen Regierungen von der Unterstützung durch die Mudschtahid abhängig wurde.S. 49
Die theoretische Grundlage des Widerstandes gegen diese religiöse Haltung, der schließlich von Anhängern des Nakschbendija-Orden angeführt wurde, erwuchs vor allem nach dem Eintreffen von Chodscha Baki-billah in Indien.S. 62 Sein Schüler Abd al-Haq aus Delhi, beeinflusste maßgeblich die Reaktion der Ulama. Er entzog sich zunächst dem freigeistigen Hof Akbars durch Rückzug nach Mekka, ließ sich dann zwar zurückrufen, doch verfasste er die Grundzüge einer gelehrten Gegenoffensive unter besonderer Berücksichtigung der Überlieferungen.S. 62 Noch wichtiger wurde sein Schüler Scheich Ahmed Sirhindi, der mit Hilfe des Sufismus die Muslime wieder an den Koran heranführte und das pantheistische Postulat der „Allgegenwärtigkeit Gottes“ „widerlegte“ und den Sufismus modifizierte.S. 62ff Zwar büßte er seinen Vorschlag an den Nachfolger Akbars – Jahangir – den Staat nach den Vorschriften der Scharia auszurichten, noch mit dem Gefängnis, doch war der Nachfolger von Dara Schikoh – Aurangzeb – den Ulama und der Anhängerschaft Ahmed Sirhindis zugeneigt und ersetzte die eklektische Politik durch ein orthodoxes und uniformes Regiment.S. 63 u. 114 Er zerstörte nach 1669 viele hinduistische Tempel, führte 1679 die Dschisja wieder ein, reetablierte den islamischen Mondkalender, stärkte die Anwendung der Scharia, erschwerte das Studium pantheistischer Ideologien und veranlasste eine umfassende Gesetzessammlung der hanefitischen Rechtsschule (Fatawa-i Alamgiri), auf deren Basis das Mogulreich in eine islamische Theokratie überführt wurde.S. 63
Der Sultan war zur Zeit Süleymans I. noch Autokrat.S. 22ff Zwar lag der Grundbesitz in den Städten größtenteils in den Händen „frommer“ Stiftungen (Awqāf - Sg. Waqf, türk. Evkaf - Sg. Vakıf) unter der Kontrolle religiöser Einrichtungen.S. 22 Doch herrschte Süleyman zu Beginn seiner Regentschaft über rund 90 % der Landesfläche außerhalb der Städte als Eigentümer, da alle neu eroberten Territorien in den Besitz des Sultans übergingen, also Staatseigentum wurden.S. 22 Diesen Besitz nutzte er als Grundlage für ein Lehensystem, in dem einem Reitersoldaten (Sipahi) der türkischstämmigen MilitäroberschichtS. 72 als Vertreter des Besitzers ein Lehen (Tımar) zur Verwaltung und Steuereintreibung anvertraut wurde.S. 22ff Als zweite militärische Säule hatte bereits Murat I. im 14. Jahrhundert auf dem Balkan die Janitscharen (türk. Yeni Çeri) als Kern des ersten stehenden Heeres Europas eingeführt, die sich wenig später aus der regelmäßigen Knabenlese (türk. Devşirme) rekrutiertenS. 45 S. 72ff und, ausgezeichnet als indoktrinierte und loyale Klasse, allmählich seit Süleyman I. die alte türkischstämmige Aristokratie aus wichtigen Schlüsselpositionen verdrängte und die führende Stellung erlangte.S. 73
Die Ulama wurden im Osmanischen Reich privilegiert und von der Steuer befreit.S. 23 Sie bildeten bald die einzige staatliche Einrichtung, in der die alteingesessenen osmanischen Sippen vorherrschend blieben.S. 74 Schon innerhalb 100 Jahre nach der autokraten Herrschaft Süleymans I. erreichten die Ulama so viel Einfluss, dass sie Sultane einsetzen konnten und bis zum Ende des Osmanischen Reiches über die Hälfte der Sultane per Fetva absetzten.S. 23
Als nach dem Verfall der Effizienz des osmanischen Heeres durch den schädlich gewordenen Einfluss der Janitscharen eine Reform des Heerwesens nötig geworden war, wurde die Entmachtung der Janitscharen 1826 erst möglich, als es dem Sultan Mahmud II. gelungen war, die Gunst der Ulama und damit den Rückhalt der Bevölkerung zu erlangen.S. 140 Doch fiel auch der Einfluss der Ulama im Osmanischen Reich dem Drang nach Reform nach westlichem Vorbild bald zum Opfer.S. 135 Hatte das Osmanische Reich die Scharia in der Vergangenheit streng in sein Gesellschaftssystem eingebunden,S. 77 so führte es schon ab Mitte des 19. Jahrhundert europäische Gesetzbücher ein und degradierte die Ulama zu „Staatspensionären“.S. 135
Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts ist gekennzeichnet durch einen signifikanten Verlust von Autorität und Einfluss der Ulama in den meisten islamischen Staaten, von Saudi-Arabien und Iran abgesehen. Viele säkulare arabische Regierungen versuchten, den Einfluss der Ulama nach ihrer Machterlangung zu beschneiden. Religiöse Institutionen wurden verstaatlicht und das Prinzip der waqf, der wohltätigen Stiftungen, das die klassische Einkommensquelle für die Ulama bildete, wurde abgeschafft. 1961 wurde die die Al-Azhar-Universität durch das ägyptische Nasser-Regime unter direkte staatliche Kontrolle gestellt. . In der Türkei wurden in den 1950ern und 1960ern die traditionellen Derwischkonvente und Koranschulen aufgelöst und durch staatlich kontrollierte Predigerschulen ersetzt. Nach der Erringung der Unabhängigkeit Algeriens beraubte Präsident Ben Bella ebenfalls die algerischen Ulama ihrer Macht.
Islamwissenschaftler wie Kepel sprechen davon, dass der Niedergang des Einflusses der Ulama ein Vakuum übriggelassen hat, das durch das Aufkommen islamistischer Bewegungen in den 1970er Jahren aufgefüllt wurde.
Die afghanischen Taliban waren fast ausschließlich Dorf-Ulama, die in dem Chaos der postsowjetisch-afghanischen Kriegszeit an die Macht kamen. Der Bekannteste von ihnen war Mullah Omar, der direkt vom Herrscher eines Dorfes zum Diktator ganz Afghanistans aufstieg.
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