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Sprachfamilien der Welt (non Altai).png

Die Turksprachen – auch turkische Sprachen, Türksprachen oder türkische Sprachen genannt – bilden eine in Eurasien weit verbreitete Sprachfamilie von rund 40 relativ eng verwandten Sprachen mit etwa 155 Mio. muttersprachlichen Sprechern (bis zu 180 Mio. mit Zweitsprechern). Sie sind eine Untergruppe der altaischen Sprachen. (Die beiden anderen Untergruppen sind die mongolischen und tungusischen Sprachen.)

Alle Themen, die sich auf die altaischen Sprachen als Ganzes beziehen, sind im Artikel Altaische Sprachen behandelt, insbesondere die Frage, ob die altaischen Sprachen eine genetische Einheit (Sprachfamilie) oder – wie heute eher angenommen – nur einen Sprachbund typologisch verwandter Sprachen bilden.

Zum geschichtlichen Hintergrund siehe den Artikel Turkvölker.

Hinweis zur Bezeichnung: „turk“ und „türk“

In den Turksprachen erfolgt – ähnlich wie auch in anderen Sprachen – keine Unterscheidung zwischen den Wortstämmen „turk-“ und „türk-“. Diese im Deutschen vorhandene besondere Unterscheidungsmöglichkeit bietet den Vorteil, klar zwischen „türkisch“ (Adjektiv zu „Türkei“ und „Türken“) und „turkisch“ (bezieht sich auf alle Turksprachen und Turkvölker) zu unterscheiden. Diese Praxis wird allerdings in der Turkologie - der Wissenschaft von den Turksprachen - noch nicht allgemein genutzt. In der deutschsprachigen Turkologie werden von manchen Forschern neben „Turksprachen“ und „turkische Sprachen“ auch die Bezeichnungen „Türksprachen“ und selten „türkische Sprachen“ für die gesamte Gruppe verwendet. Das „Türkische“ (im engeren Sinne) wird dann als „Türkei-Türkisch“ bezeichnet, um die Unterscheidung deutlich machen zu können.
In der Mehrzahl der aktuellen Ausgaben der deutschsprachigen Sprachlexika und in der aktuellen Brockhaus-Enzyklopädie wird der Begriff „Turksprachen“ verwendet.
Das Englische unterscheidet „turkic“ für „turkisch“ und „turkish“ für „türkisch“, differenziert also durch die Endung.

In diesem Artikel bietet es sich aus stilistischen und fachlichen Gründen an, außer "Turksprachen" gelegentlich auch die Varianten "turkisch" als Adjektiv und "Turkisch" als Namen für die genetische Einheit der Turksprachen zu verwenden, auch wenn sie in der deutschsprachigen turkologischen Literatur nur von einer Minderheit der Forscher so benutzt werden.

Die Familie der Turksprachen


Mit insgesamt etwa 40 Sprachen, die von 155 Millionen Menschen als Muttersprache gesprochen werden (bis zu 180 Mio. mit Zweitsprechern), bildet die Familie der Turksprachen die mit Abstand größte und bedeutendste der drei Untergruppen des Altaischen. Sie ist – nach der Zahl ihrer Sprecher – die siebtgrößte Sprachfamilie weltweit (nach Indogermanisch, Sinotibetisch, Niger-Kongo, Afroasiatisch, Austronesisch und Drawidisch) und besitzt in den nächsten Jahrzehnten noch ein erhebliches Wachstumspotential.

Die meisten Turksprachen sind sich in der Phonologie, Morphologie und Syntax sehr ähnlich, allerdings weichen Tschuwaschisch, Chaladsch und die nordsibirischen Turksprachen Jakutisch und Dolganisch nicht unerheblich von den übrigen ab. Zwischen den Sprechern der meisten turkischen Sprachen ist eine partielle wechselseitige Verständigung möglich, vor allem wenn sie zur gleichen Untergruppe gehören (zur Klassifikation vgl. den nächsten Abschnitt). Diese relativ große Ähnlichkeit der Sprachen erschwert die klare Festlegung von Sprachgrenzen, zumal zwischen Nachbarsprachen meist Übergangsdialekte bestehen. (Häufig werden diese Grenzen künstlich durch politische Entscheidungen und Zugehörigkeiten gezogen.) Auch die innere genetische Gliederung der Turksprachen ist wegen ihrer Ähnlichkeit und intensiven wechselseitigen Beeinflussung problematisch, was zu unterschiedlichen Klassifikationsansätzen geführt hat (siehe „Klassifikation“).

Geographische Verbreitung

Die Turksprachen sind über ein riesiges Gebiet in Ost- und Südosteuropa und West-, Zentral- und Nordasien verbreitet (siehe Verbreitungskarte). Dieses Gebiet reicht vom Balkan bis nach China, von Zentralpersien bis zum Nordmeer. In rund dreißig Ländern Eurasiens werden eine oder mehrere Turksprachen in nennenswertem Umfang gesprochen, bemerkenswert ist der hohe Anteil Türkischsprechender in Deutschland und im sonstigen Westeuropa aufgrund der Migrationen der letzten Jahrzehnte. (Siehe auch „Turksprachen nach Staaten“.)

Die wichtigsten Turksprachen

Rund drei Viertel aller Sprecher von Turksprachen verwenden nur eine der drei größten :

  • Türkisch   60 Mio. Sprecher, mit Zweitsprechern 70 Mio.: Türkei, Balkanstaaten; auch West- und Mitteleuopa (durch rezente Migration)
  • Aserbaidschanisch (Aseri)   30 Mio. Sprecher: Aserbaidschan und Nordwestiran
  • Usbekisch   24 Mio. Sprecher: Usbekistan, Nordafghanistan, Tadschikistan und Westchina

Weitere Turksprachen mit mehr als einer Millionen Sprecher sind:

  • Kasachisch   11 Mio. Sprecher: Kasachstan, Usbekistan, China, Russland
  • Uigurisch   8 Mio.: hauptsächlich in der chinesischen Provinz Xinjiang
  • Turkmenisch   6,8 Mio.: Turkmenistan, Nordiran
  • Kirgisisch   3,7 Mio.: Kirgisien, Kasachstan, chines. Turkestan
  • Tschuwaschisch   1,8 Mio.: im europäischen Teil Russlands
  • Baschkirisch   2,2 Mio.: in der russischen autonomen Region Baschkirien
  • Tatarisch   1,6 Mio. (ethnisch 6,6 Mio.): von Zentralrussland bis Westsibirien
  • Kaschgai   1,5 Mio.: in den iranischen Provinzen Fars und Chusistan

Sprecherzahlen 3/2006 aus diversen geprüften Quellen. 5 % bis 10 % höhere Werte sind durch den zeitlichen Abstand zwischen Ermittlung und Veröffentlichung möglich.

Die enge Verwandtschaft der Turksprachen

Wie eng die Turksprachen miteinander verwandt sind – wenn man von Tschuwaschisch, Chaladsch und den nordsibirischen Turksprachen absieht - zeigt bereits ein Blick auf die folgende Tabelle, die einige Wortgleichungen des Grundwortschatzes für die Sprachen Altturkisch, Türkisch, Turkmenisch, Tatarischen, Kasachisch, Usbekisch und Uighurisch enthält. (Eine umfassende Übersicht enthält der Abschnitt „Lexikalischer Vergleich der Turksprachen“.)

Vergleich einiger Grundwörter in wichtigen Turksprachen

Deutsch Altturkisch Türkisch Turkmenisch Tatarisch Kasachisch Usbekisch Uighurisch
Mutter ana anne ene ana ana ona ana
Nase burun burun burun boryn murιn burun burun
Arm qol kol qol kul qol qo'l kol
Straße jol yol ýol jul zhol yo'l yol
fett semiz semiz semiz simyz semiz semiz semiz
Erde topraq toprak topraq tufrak topιraq tuproq tupraq
Blut qan kan gan kan qan qon qan
Asche kül kül kül köl kül kul kül
Wasser suv su suw syw suw suv su
weiß aq ak ak ak aq oq aq
schwarz qara kara gara kara qara qora qara
rot qyzyl kιzιl qyzyl kyzyl qιzιl qizil qizil
Himmel kök gök gök kük kök ko'k kök

Turkische National- und Offizialsprachen

Turkische Nationalsprachen sind Türkisch, Aserbaidschanisch, Turkmenisch, Kasachisch, Kirgisisch und Usbekisch. Einen besonderen Status als offizielle Regionalsprachen autonomer Republiken oder Provinzen haben darüber hinaus in Russland Tschuwaschisch, Kumykisch, Karatschai-Balkarisch, Tatarisch, Baschkirisch, Jakutisch, Chakassisch, Tuwa, Altaisch und in China Uighurisch.

Turksprachen nach Staaten

Turksprachen werden in etwa 30 Staaten Europas und Asiens gesprochen. Die Tabelle zeigt ihre Verbreitung in den einzelnen Staaten. Die Sprachen sind nach den turkischen Unterfamilien angeordnet (siehe Klassifikation).

SpracheSprecherzahlhauptsächlich verbreitet in folgenden Ländern (mit Sprecherzahlen)
OGHURISCH  
Tschuwaschisch1,8 Mio.Russland (Tschuwaschien u.a.) 1,8 Mio., Kasachstan 22.000
KIPTSCHAKISCH  
Karaimischfast †Litauen 20, Ukraine <10, Polen <10
Kumykisch280.000Russland (Dagestan)
Karatschai-Balkarisch250.000Russland (Karatschai-Tscherkessien, Kabardino-Balkarien)
Krim-Tatarisch500.000Ukraine 200.000, Usbekistan 190.000, Kirgisien 40.000
Tatarisch1,6 Mio.Russland 480.000, Usbekistan 470.000, Kasachstan 330.000, Kirgisien 70.000,
Tadschikistan 80.000, Turkmenistan 50.000, Ukraine 90.000, Aserbaidschan 30.000
ethnische Tataren: 6,6 Mio.
Baschkirisch1,8 Mio.Russland 1,7 Mio., Usbekistan 35.000, Kasachstan 20.000
Nogaisch70.000Russland (Nordkaukasus)
Karakalpakisch400.000Usbekistan
Kasachisch11 Mio.Kasachstan 8 Mio., China 1 Mio., Usbekistan 800.000, Russland 650.000, Mongolei 100.000
Kirgisisch3,7 Mio.Kirgisien 3,3 Mio., Usbekistan 200.000, China 200.000
OGHUSISCH  
Türkisch60 Mio.Türkei 55 Mio. (S2 65 Mio.), Balkan 2,5 Mio., Zypern 180.000, GUS 300.000,
Deutschland 2 Mio., sonstiges West- und Mitteleuropa 700.000
Gagausisch330.000Moldawien 170.000, Balkan 130.000, Ukraine 20.000, Bulgarien 10.000
Aserbaidschanisch30 Mio.Iran 20 Mio., Aserbaidschan 8 Mio., Türkei 500.000, Irak 500.000, Russland 350.000,
Georgien 300.000, Armenien 200.000
Turkmenisch6,8 Mio.Turkmenistan 3,8 Mio., Iran 2 Mio., Afghanistan 500.000, Irak 250.000, Usbekistan 250.000
Chorasan-Türkisch400.000Iran (Provinz Chorasan)
Kaschgai1,5 MioIran (Provinzen Fars, Chuzestan)
Aynallu7.000 Iran (Provinzen Markazi, Ardebil, Zanjan)
Afscharisch300.000Afghanistan (Kabul, Herat), Nordost-Iran
Salarisch55.000China (Provinzen Qinghay, Gansu)
UIGHURISCH  
Usbekisch24 Mio.Usbekistan 20 Mio., Afghanistan 1,5 Mio., Tadschikistan 1 Mio., Kirgisien 750.000,
Kasachstan 400.000, Turkmenistan 300.000
Uighurisch8 Mio.China (Provinz Xinjiang) 7,2 Mio., Kirgisien 500.000, Kasachstan 300.000
Yugur5.000China (Provinz Gansu)
Ainu7.000China (Provinz Xinjiang)
SIBIRISCH  
Jakutisch360.000Russland (AR Jakutien)
Dolganisch5.000Russland (Autonomer Kreis Taimyr)
Tuwinisch200.000Russland (AR Tuwa) 170.000, Mongolei 30.000
Tofalarischfast †Russland (AR Tuwa)
Chakassisch65.000Russland (AR Chakassien)
Altaisch50.000Russland (AR Altai, Region Altai)
Schorisch10.000Russland (AR Altai)
Tschulymisch2.500Russland (AR Altai, Nordaltaigebiet)
'''ARGHU  
Chaladsch42.000Iran (Zentralprovinz, zwischen Qom und Arak)

Gefährdete Turksprachen

Einige Turksprachen sind in ihrer Existenz stark gefährdet, da sie nur noch von wenigen, meist älteren Menschen gesprochen werden. Direkt vom Aussterben in den nächsten Jahren bedroht sind das südsibirische Tofa oder Karagassische, das Karaimische in Litauen, das Jüdisch-Krim-Tatarische und das Ili-Turki in Nordwestchina (Ili-Tal). Nur noch einige Tausend Sprecher haben das Aynallu in Iran, das Yugur (Gansu-Provinz) und Ainu (bei Kaschgar), beide China, das nordsibirische Dolganisch und das südsibirische Tschulymisch, am Tschulym-Fluss nördlich des Altai. Alle anderen Turksprachen sind relativ stabil, die Sprecherzahlen der großen turkischen Sprachen nehmen zu.

Die Klassifikation der Turksprachen


Probleme der Klassifikation

Wie schon oben erwähnt, erschwert die relativ große Ähnlichkeit und intensive gegenseitige Beeinflussung der Turksprachen, außerdem die hohe Mobilität der turkischen Ethnien die klare Festlegung von Sprachgrenzen und die innere genetische Klassifizierung, was zu unterschiedlichen Klassifikationsansätzen geführt hat. Dennoch haben sich heute relativ stabile und gleichartige Einteilungen ergeben, die alle letztlich auf den russischen Linguisten Alexander Samoilowitsch (1922) zurückgehen. Obwohl Klassifizierungen grundsätzlich genetisch sein sollten, spielt bei der Gliederung der Turksprachen die geographische Verteilung eine große Rolle.

Sonderfall Tschuwaschisch

Das Tschuwaschische (zusammen mit dem ausgestorbenen Bolgarischen) bildet einen eigenen „bolgarischen“ Zweig der Turksprachen, der dem Rest der Familie (Turkisch i. e. S. oder Gemeinturkisch) mit relativ weitem Abstand gegenübersteht. (Vgl. auch Street 1962, Poppe 1965, Miller 1971, Voegelin & Voegelin 1977 u. a.) Einige Forscher hielten das Tschuwaschische nicht einmal für eine „richtige“ Turksprache, da es so stark von allen anderen turkischen Sprachen abweicht. Ob dieser große Unterschied auf eine frühe Abspaltung des bolgarischen Zweigs von den anderen Turksprachen oder auf eine längere Phase der sprachlichen und kulturellen Isolierung zurückzuführen ist, konnte bisher nicht geklärt werden. Ein Merkmal dieser Trennung ist die Opposition von finalem tschuw. /-r/ zu gemeinturk. /-z/, zum Beispiel die Finalkonsonanten in

tschuw. taχar, aber nogaisch toγiz – „neun“
tschuw. kör, aber türk. göz – „Auge“

Das Tschuwaschische wird vor allem im europäischen Teil Russlands östlich von Moskau in der AR Tschuwaschien im großen Wolgabogen von 1 Mio. Sprechern gesprochen, weitere Tschuwaschen gibt es in Tatarstan und Baschkirien (insgesamt 1,8 Mio. Sprecher). Die Tschuwaschen sind orthodox, verwenden die kyrillische Schrift, besitzen eigene tschuwaschische Magazine, Zeitungen, Radio- und Fernsehprogramme, 80 % sprechen Russisch als Zweitsprache. Sie betrachten sich kulturell und historisch als Nachfolger der Wolga-Bolgaren. (Ob sie tatsächliche deren direkte Nachfahren sind, ist eher fraglich.)

Sonderfall Chaladsch

Von den restlichen „gemeinturkischen“ Sprachen weicht das Chaladsch am stärksten ab. Es ist – nach der heute weitgehend akzeptierten Auffassung Gerhard Doerfers – der einzige noch existente Vertreter des Arghu-Zweiges der Turksprachen, der ebenfalls früh isoliert wurde und dann im Laufe des 13. Jhdt. in der zentraliranischen Provinz auftritt – umgeben von Sprechern des Persischen. (Es ist also nicht näher mit dem Aserbaidschanischen verwandt, wie es in ETHNOLOGUE 2005 klassifiziert wird.) Heute wird Chaladsch von etwa 40.000 Menschen in der iranischen Zentralprovinz zwischen Qom und Akar gesprochen und ist nach linguistischen Gesichtspunkten eine der interessantesten Turksprachen im Iran. Die frühe Isolation von anderen Turksprachen und die starke Beeinflussung durch das Persische haben einerseits archaische Merkmale erhalten (z. B. ein Vokalsystem mit drei Quantitäten kurz-mittellang-lang, Beibehaltung des anlautenden /h-/ und des altturkischen Dativsuffixes /-ka/ : chalad. häv.kä – türk. ev.e – „für das Haus“), andererseits zu verbreiteten Iranismen in Phonologie, Morphologie, Syntax und Lexikon (sogar bei einigen Zahlwörtern) geführt.

Die übrigen Turksprachen

Die übrigen vier Gruppen der Turksprachen sind vor allem geographisch gegliedert, wobei für die Einteilung nicht die heutigen Siedlungsgebiete gelten, sondern die Frühphase der turkischen Sprachen nach ihren ersten Wanderungen und Siedlungsprozessen. Somit unterscheidet man Kiptschakisch oder Nordwest-Zentral-Turkisch, Oghusisch oder Südwest-Turkisch (die nach der Zahl ihrer Sprecher größte Gruppe mit den Sprachen Türkisch, Aserbaidschanisch, Turkmenisch, Kaschkai), Uighurisch oder Südost-Turkisch und die sibirischen Turksprachen.

Das Jakutische und Dolganische weichen aufgrund ihrer langen Isolierung im Grundwortschatz (siehe Tabelle „Lexikalischer Vergleich“) stark von den restlichen gemeinturkischen Sprachen ab. Unterschiedlich sind auch Wortstellung und Satzbau. In dieser Hinsicht hat sich das Jakutische mehr den mongolischen und tungusischen Sprachen angeglichen. Außerdem fehlen alle Fremdwörter persisch-arabischen Ursprungs, die in anderen Turksprachen vorkommen.

Zur Ähnlichkeit der gemeinturkischen Sprachen trägt natürlich auch die lange arabisch-persische Prägung von Wortschatz und Idiomatik bei, die die meisten Turksprachen durch den Islam erfahren haben. Für die turkischen Sprachen auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion kommen viele gemeinsame russische Fremd- und Lehnwörter hinzu.

Klassifikationsschema

Insgesamt ergibt sich für die Turksprachen nach der aktuellen Literatur (z. B. Johanson-Csató, The Turkic Languages 1998) folgendes Klassifikationsschema (mit Sprecherzahlen Stand 2006):

Turkisch /Türkisch

  • Oghurisch (Bolgarisch)
    • Bolgarisch †, Tschuwaschisch (1,8 Mio.)
  • Turkisch/ Türkisch i.e.S. (Gemeinturkisch/ Gemeintürkisch)
    • Kiptschakisch (Nordwest-Turkisch)
      • West Krim-Tatarisch (500.000), Kumykisch (280.000), Karatschai-Balkarisch (250.000), Karaimisch (†)
      • Nord Tatarisch (1,6 Mio.), Baschkirisch (2,2 Mio.), Kumanisch †
      • Süd Kasachisch (11 Mio.), Kirgisisch (3,7 Mio.), Karakalpakisch (400.000), Nogaisch (70.000)
    • Oghusisch (Südwest-Turkisch)
      • West Türkei-Türkisch (60 Mio., S2 70 Mio.), Aserbaidschanisch (30 Mio., S2 35 Mio.), Gagausisch (330.000)
      • Ost Turkmenisch (6,8 Mio.), Chorasan-Türkisch (400.000 ?)
      • Süd Kaschgai (1,5 Mio.), Afshar (300.000), Aynallu (7.000), Sonqori (?)
      • Salar Salarisch (60.000)
    • Uighurisch (Südost-Turkisch)
      • Tschagatai Tschagataisch †
      • West Usbekisch (24 Mio.)
      • Ost
        • Altturkisch † (mit Orchon-Kök, Jenissei-Kök, Alt-Uighurisch, Karachanidisch)
        • Uighurisch (8 Mio.)
        • Yugur (West-Yugur) (5.000)
        • Aynu (Ainu) (7.000)
        • Ili Turki (100)
    • Sibirisch (Nordost-Turkisch)
      • Nord
        • Jakutisch (360.000), Dolganisch (5000)
      • Süd
        • Jenisseisch Chakassisch (65.000), Schorisch (10.000)
        • Sajan Tuwinisch (200.000), Tofa (Karagassisch) (†)
        • Altaisch Altaisch (50.000) (Dialekte: Oirotisch; Tuba, Qumanda, Qu; Teleutisch, Telengitisch)
        • Tschulym Tschulym (500)
    • Arghu
      • Chaladsch (Khalaj) (42.000)

Die Differenzierung Turk vs. Türk ist auf die sowjetische bzw. russische Turkologie zurückzuführen. In den betreffenden Sprachemn gibt es die Unterscheidung zwischen Turk und Türk nicht.

Linguistische Kriterien der Klassifikation

Neben den geographischen gibt es einige traditionelle linguistische Kriterien für die obige Klassifikation:

  • Die schon erwähnte tsuchwaschisch-gemeinturkische Opposition /-r/ gegen /-z/ trennt das Oghurische von allen anderen Turksprachen
  • Der intervokalische Konsonant im Wort für 'Fuß' trennt die sibirisch-turkischen Sprachen von den anderen Gruppen: tuwa adaq, jakutisch ataχ gegenüber ayaq in den anderen Gruppen, allerdings chaladsch hadaq.
  • Die oghusischen Sprachen sind von den anderen durch den Verlust des suffix-einleitenden G-Lautes getrennt: qalan gegenüber qalγan – „zurückgelassen“
  • Die Verstummung des suffix-finalen G-Lauts trennt Südost- von Nordwestturkisch: uighurisch taγliq gegenüber tatarisch tawlι – „gebirgig“.

Lexikalischer Vergleich der Turksprachen

Die folgende Tabelle gibt eine Übersicht über den Grundwortschatz der Turksprachen (etwa 60 Wörter), wie er sich in mehreren wichtigen Turksprachen realisiert. Sie zeigt das abweichende Verhalten des Tschuwaschischen und Jakutischen und die große Ähnlichkeit der übrigen Turksprachen. Lücken in der Tabelle bedeuten natürlich nicht, dass die entsprechende Sprache kein Wort für den Begriff hätte, sondern nur, dass dieser Begriff von einem anderen Stamm gebildet wird und somit für den etymologischen Vergleich ausfällt.

PersonenAltturk.TürkischTurkmen.Tatar.Kasach.Usbek.Uighur.Jakut.Tschuw.
Vaterata ata ata  ota    
Mutterana anne ene ana ana ona ana  an'n
Sohn o'gul oğul oğul (o'g)ulul o'gil oghul uol yvul
Mann er(kek)erkekerkekir yerkekerkak är er ar
Mädchenkyz kız gyz kιz qιz qiz qiz ky:s χe'r
Personkiši kişi kişi keše kisi   kihi  
Brautkelin gelin geli:nkilen kelin kelin kelin kylyn kilen
Schwiegermutter kaynana gayın ene kayınana kayın ene kayın ana keyınana
KörperteileAltturk.TürkischTurkmen.Tatar.Kasach.Usbek.Uighur.Jakut.Tschuw.
Herz jürek yürek ýürek yorak zhürekyurak yüräk süreq  
Blut qan kan ga:n kan qan qon qan qa:n jon
Kopf baš baş baş baš bas  baş bas puš
Haar qyl kıl qyl kyl kyl kyl kyl kyl χe'le'r
Auge köz göz göz küz köz ko'z köz kos kör
Wimperkirpikkirpikkirpikkerfekkirpikkiprikkirpikkirbi:χurbuk
Ohr qulqaqkulak gulak kolak qulaq quloq qulaq gulka:kχo'lga
Nase burun burun burun boryn murιn burun burun murun  
Arm qol kol gol kul qol qo'l  qol χol
Hand el(ig)el el     ili: ala'
Fingerbarmakparmakbarmakbarmak barmoqbarmaq  
Fingernag.tyrnaqtırnakdyrnaqtyrnaktιrnaqtirnoqtirnaqtynyraq 
Knie tiz diz dy:z tez tize tizza tiz tüsäχ  
Wade baltyrbaldırbaldyrbaltyrbaldyrboldyrbaldirballyr 
Fuß adaq ayak aýaq ajak ayaq oyoq  ataq  
Bauchqaryn karın garyn qaryn qarιn qorin qor(saq)qarynχyra'm
TiereAltturk.TürkischTurkmen.Tatar.Kasach.Usbek.Uighur.Jakut.Tschuw.
Pferdat at at at at ot at at ut
Rind siyir sığır sygyr sιyer siyιr sigir    
Hund yt it it et iyt it it yt jyda
Fischbalyq balık balykbalyq balιq baliq beliq balyk pola'
Laus bit bit bit bet biyt bit pit byt pyjda
SonstigesAltturk.TürkischTurkmen.Tatar.Kasach.Usbek.Uighur.Jakut.Tschuw.
Haus ev ev öý öy üy uy öy  av
Zelt otag otağotaq  otaq otoq  otu:  
Straßeyol yol yo:l yul zhol yo'l yol suol sol
Brückeköprüqköprüköpri küpar köpir ko'prikkövrükkürpe 
Pfeiloq ok ok uk  o'q oq ugu
Feuerot od ot ut ot o't ot uot vot
Aschekül kül kül köl kül kul kül kül kö'l
Wassersuv su suw syw suw suv su ui syv
Schiffkemi gemi gämi kimä keme kema   kim
See köl göl köl kül köl ko'l köl küöl  
Inselatov ada ada atan aral orol aral  odu
Sonne/Tagkünešgüneşgünkojaškün kün kün χövel
Wolkebulut bulut bulut bolyt bult bulut bulut bylyt pelet
Sternyulduzyıldızýyldyzyoldyzzhuldιzyulduzyultuzsulussoldor
Erde topraqtopraktopraktufraktopιraqtuproqtupraqtoburaχto'pra
Hügel töpü tepe depe tübä töbe tepa  töbö tübe'
Baum yağac ağaç agaç agaç ağaš     
Gott tenri tanrı taňry    tängritanaratura
AdjektiveAltturk.TürkischTurkmen.Tatar.Kasach.Usbek.Uighur.Jakut.Tschuw.
lang uzun uzun uzyn ozyn uzιn uzun uzun uhun vorom
neu yany yeni yany yana zhangayangi yengi sana sene
fett semiz semiz semiz simyz semiz semiz semiz emis samar
voll tolu dolu do:ly tuly tolι to'la toluq tolorutolli
weiß aq ak ak ak aq oq aq   
schwarzqarakara gara kara qara qora qara χara χora
rot qyzyl kızıl gyzyl kyzyl qızıl qizil qizil kyhyl χerle
Himmelkökgök gök kük kök ko'k kök küöq kovak
ZahlenAltturk.TürkischTurkmen.Tatar.Kasach.Usbek.Uighur.Jakut.Tschuw.
1 bir bir bir ber bir bir bir bi:r perre
2 eki iki iki ike yeki ikki ikki ikki ikke'
4 tört dört dö:rt dürt tört to'rt töt tüört  
7 yeti yedi yedi yide zheti yetti yättä sette  
10 on on o:n u on o'n on uon vonu
100 yüz yüz yü:z yüz zhüz yuz yüz sü:s ser

Sprachliche Charakterisierung der Turksprachen


Die typologischen Merkmale

Typologisch weisen die Turksprachen große Ähnlichkeit mit den beiden anderen Gruppen der altaischen Sprachen (Mongolisch und Tungusisch) auf, diese Merkmale sind also weitgehend gemeinaltaisch und finden sich zum Teil auch bei uralischen und paläosibirischen Sprachen (siehe Altaische Sprachen).

Die wichtigsten typologischen Charakteristika der Turksprachen sind:

  • Mittelgroße Phoneminventare (20-30 Konsonanten, 8 Vokale) und einfache Silbenstruktur, kaum Konsonantencluster. (Als Beispiel siehe unten "Phoneminventar des Türkischen".)

  • Vokalharmonie, die auf verschiedenen Vokaloppositionen beruht: vorne-hinten, gerundet-ungerundet, hoch-tief.
    • Ein Beispiel aus dem Türkischen: elma-lar "Äpfel", aber ders-ler "Lektionen". Der Pluralmarker heißt /lar/ oder /ler/, je nachdem, welche Art von Vokal ihm vorausgeht. (Vertiefung und weitere Beispiele im Abschnitt "Vokalharmonie".)
    • Die Vokalharmonie ist in nahezu allen Turkspachen erhalten, teilweise allerdings nur in den gesprochenen Varianten, während sie nicht mehr im Schriftbild deutlich wird (z.B. im Usbekischen).

  • Eine durchgehend agglutinative Wortbildung und Flexion, und zwar nahezu ausschließlich durch Suffixe. (Präfixe kommen allenfalls in der Wortbildung vor.) Dies kann zu sehr langen und komplexen Bildungen führen (allerdings werden im Normalfall selten mehr als drei bis vier Suffixe verwendet). Jedes Morphem hat eine spezifische Bedeutung und grammatische Funktion und ist - abgesehen von den Erfordernissen der Vokalharmonie - unveränderlich.

  • Adjektive werden nicht flektiert, sie zeigen keine Konkordanz mit ihrem Bestimmungswort, dem sie vorausgehen.

  • Bei der Verwendung von Quantifizierern (Zahlwörter, Mengenangaben) entfällt die Pluralmarkierung.

  • Es gibt kein grammatisches Geschlecht, nicht einmal bei den Pronomina. (Selbst die ältesten Formen der Turksprachen lassen keinerlei Reste eines grammatischen Geschlechts erkennen, so dass man davon ausgehen kann, dass auch das Proto-Türkische diese Kategorie nicht besaß.)

  • Das Verbum steht am Satzende, die normale Satzfolge ist SOV (Subjekt-Objekt-Verb).

Phoneminventar am Beispiel des Türkischen

Das Türkische zeigt ein für die Turksprachen typisches Phoneminventar von acht Vokalen und 20 Konsonanten.

Vokale

Die Vokale können nach ihrer Artikulationsstelle (vorn-hinten), Rundung (gerundet-ungerundet) und Höhe (hoch-tief) eingeteilt werden. Diese Klassifikation ist für die Vokalhrmonie von entscheidender Bedeutung.

Artikulationsort vorn hinten
Rundungungerundetgerundetungerundetgerundet
hochiüıu
tiefeōao

Konsonanten

Artikulation labial apikal palatal velar glottal
Stop stimmlosptç *k 
Stop stimmhaftbdc *g 
Frikativ stimmlosfsş *  
Frikativ stimmhaftvzj *  
Nasalmn   
Lateral l   
Vibrant r   
Gleitlaut  y h

Hier sind die Buchstaben des türkischen Alphabets verwendet worden, in eckigen Klammern stehen die Lautwerte.

Vokalharmonie am Beispiel des Türkischen

Die bei den Turksprachen weitverbreitete Vokalharmonie, also die Angleichung der Suffixvokale an die Vokale des Stammes oder der vorhergehenden Silbe, soll am Beispiel des Türkischen gezeigt werden. Im Türkischen beruht die Vokalharmonie sowohl auf einer Angleichung der Artikulationsstelle (vorne-hinten) als auch einer Assimilation im Rundungstyp (gerundet-ungerundet) der betreffenden Vokale.

Beispiele

  • (1) elma.lar "Äpfel" aber ders.ler "Lektionen"
  • (2) ev.de "im Haus", aber orman.da "im Wald"

In (1) und (2) gleicht sich das Pluralsuffix /-ler/ oder /-lar/ und das Lokativsuffix /-de/ oder /-da/ dem Stammvokal in der Artikulationsstelle (vorne-hinten) an.

  • (3a) isci.lik "Kunstfertigkeit"
  • (3b) pazar.lık "Geschäftstüchtigkeit"
  • (3c) coğun.luk "Mehrheit"
  • (3d) ölümsüz.lük "Unsterblichkeit"

Das Suffix /-lik/ "-keit" besitzt vier Varianten, die sich sowohl nach der Artikulationsstelle des Stammvokals (hinten-vorn) als auch seiner Rundung anpassen.

  • (4) püskül - ümüz - ün
Troddel - POSS.1pl - GEN
"unserer Troddel (oder Quaste)"

  • (5) püskül - ler - imiz - in
Troddel - PL - POSS.1pl - GEN
"unserer Troddeln"

In (4) bewirkt der letzte Vokal von püskül (/ü/: vorn, gerundet) entsprechende Vokalisierung im Possesivsuffix /imiz/ (hier /ümüz/) und Kasusmarker /in/ (hier /ün/). (Zu Possessivsuffix und Kasusmarker siehe den Abschnitt "Morphologie".)

In (5) bewirkt das /ü/ von püskül die vordere Variante des Pluralmarkers /ler/, dessen ungerundetes vorderes /e/ wiederum die ungerundete vordere Varianten /imiz/ und /in/ der folgenden Marker auslöst. Analog sind die nächsten Beispiele zu erklären.

  • (6) torun - umuz - un
Enkel - POSS.1pl - GEN
"unseres Enkels"

  • (7) torun - lar - ımız - ın
Enkel - PL - POSS.1pl - GEN
"unserer Enkel"

Morphologie der Turksprachen

Kasusmarkierung

Turksprachen haben in der Regel sechs Kasus: Nominativ (unmarkiert), Genitiv, Dativ-Teminativ, Akkusativ, Ablativ (woher?) und Lokativ (wo?). Die Kennzeichnung dieser Fälle erfolgt durch angehängte Kasusmarker, die innerhalb der einzelnen Sprachen sehr unterschiedlich ausfallen können. Dennoch gibt es eine erkennbare generelle Struktur, die auf die turkische Protosprache zurückgeht und die in der Markerformel angegeben ist. (V bezeichnet einen Vokal, der sich nach der Vokalharmonie richtet, K einen beliebigen Konsonant). Diese Struktur lässt aber für die konkrete Realisierung der Kasus in den einzelnen Sprachen einen relativ großen Spielraum. Die folgende Tabelle zeigt die Kasusmarkerformeln und ihre Realisierungen in drei Beispielsprachen Kirgisisch, Baschkirisch und Türkisch, die einige - aber nicht alle - Varianten der Formel umsetzen.

Die Kasusmarkerformeln und ihre Realisierung in einigen Turksprachen

Kasus Markerformel Kirgisisch Baschkirisch Türkisch
Nominativ köz "Auge" bala "Kind" ev "Haus"
Genitiv -(d/t/n) V n köz-nün bala-nın ev-in
Dativ -(k/g) Vköz-göbala-gaev-e
Akkusativ -(d/n) Vköz-dü bala-nıev-i
Ablativ-d/t/n V n köz-dön bala-nan ev-den
Lokativ -d/t/l V köz-dö bala-la ev-de

Personalpronomina

Die Personalpronomina sind in allen Turksprachen sehr ähnlich. Im Türkischen lauten sie:

Person Singular Plural
1benbiz
2sensiz
3oonlar

Possessivsuffixe

Besonders wichtig sind die Possessivsuffixe, die in den Turksprachen das Possessivpronomen ersetzen, in ähnlichen Formen aber auch in der Verbalmorphologie verwendet werden:

Person Singular Plural
1-(i)m-(i)miz
2-(i)n-(i)niz
3-(s)i-leri/ları

Nominalphrasen

Am Beispiel des Türkischen wird die Konstruktion von Nominalphrasen gezeigt. Die Reihenfolge der Konstituenten ist dabei festgelegt. Es ergeben sich im Wesentlichen folgende Positionen:

1 Attribut - 2 Nomen - 3 Ableitungssuffix - 4 Pluralmarker - 5 Nominalisierung - 6 Possessivsuffixe - 7 Kasusmarker

Beispiele:

  • araba - lar - ımız - a >> 2 Auto - 4 PL - 6 POSS.1pl - 7 DAT
"zu unseren Autos"

  • çocuk - lar - ınız - ı >> 2 Kind - 4 PL - 6 POSS.2pl - 7 AKK
"ihre (pl.) Kinder (Akk.)"

  • gül - üş - ler - iniz - i >> 2 lachen - 3 NOMINAL - 4 PL - 6 POSS.2pl - 7 AKK
"ihre Gelächter (Akk. pl.)"

  • yaşlı adam-lar-a >> 1 alt - 2 Mann - 4 PL - 7 DAT
"den alten Männern" (Attribut vor dem Bestimmungswort, ohne Konkordanz in Numerus und Kasus)

  • birçok çocuk >> 1 viel 2 Kind
"viele Kinder" (wegen des Quantifizierers "viele" steht kein Pluralmarker)

Das Verbalsystem der Turksprachen

Eine typische Verbalform weist folgende Positionen auf:

1 Stamm - 2 Tempus/Modus-Marker - 3 Personalendung

Die folgende Tabelle zeigt die Tempora und Modi des Verbs in den Turksprachen mit genereller Formel und Realisierung im Aserbaidschanischen (1.sg. von der Wurzel al- "nehmen, bekommen, kaufen")

Tempus/Modus Formel Aserbaidschanisch Bedeutung
Infinitiv m+V+k/gal-magnehmen
ImperativØal; alınnimm! nehmt!
PräsensV+ral-ır-amich nehme
Futuracakal-aca-y-amich werde nehmen
Präteritumd/t+Val-dı-mich nahm
Konditionalsaal-sa-m(wenn) ich nehme
Optativ(j)Val-mag is-ti-ramich möchte nehmen
Necessitivmalıal-malı-y-amich soll nehmen
Part. PräsensV nal-annehmend
Part. Perfektd V k/gal-dığ-ımgenommen (habend)
Gerundiumipal-ıbdas Nehmen
Passivi l/nal-ın-maggenommen werden
Kausativd/t + i + r(t)al - dırt - magveranlasst, zu nehmen

Beispiele komplexere türkischer Verbalformen, die auch ganze Nebensätze ersetzen können:

  • ben milyoner ol-mak ist-yor-um >> ich - werden-INF will-PRÄS-1sg
"ich will Millionär werden"

  • ben biz-im haps-e at-ıl-acağ-ımız-ı duy-du-m
>> ich Gefängnis-DAT werfen-PASS-FUT-1pl--AKK hören-PRÄT-1sg
"ich hörte, dass wir ins Gefängnis geworfen werden sollen"

  • öp-üş-tür-ül-dü-ler >> küssen-REZIP-KAUS-PASS-PRÄT-3pl
"sie wurden veranlasst, sich gegenseitig zu küssen"

  • yıka-n-ma-malı-yım >> waschen-REFL-NEG-NECESS-1sg
"es ist nicht notwendig, dass ich mich selbst wasche"

  • yıka-n-acağ-ım >> waschen-REFL-FUT-1sg
"ich werde mich selbst waschen"

(Einige Beispiele nach IEL, Artikel Turkish; und G.L.Campbell, Concise Compendium of the World's Languages)

Frühe Turksprachen und ihre Überlieferung


  • Die ältesten altturkischen Schriftzeugnisse sind die sog. türkischen Runeninschriften des Orchon-Jenissei-Gebietes sowie die turkischen Turaninschriften. Diese stammen überwiegend aus dem 8. Jahrhundert. Die Schrift, in der die Orchon-Texte überliefert sind, weist äußere Ähnlichkeiten mit den germanischen Runen auf (ohne jedoch mit diesen verwandt zu sein), so dass auch sie als Runenschrift bezeichnet wird.

  • Die eigentliche Schrifttradition der südöstlichen Turksprachen beginnt im späten 10. und frühen 11. Jahrhundert unter den Karachaniden mit dem Karlukischen, einem Dialekt des Altturkischen.

  • Inschriften des Wolgabolgarischen sind erst aus dem 13./14. Jahrhundert überliefert, daraus - oder aus einem verwandten Dialekt - entwickelte sich später das stark abweichende Tschuwaschische.

Die Verschriftung der Turksprachen


  • In der Zeit 1924-30 wurden weitere Turksprachen verschriftet, zuerst auf Basis eines lateinischen Alphabets, das seit 1922 für das Aserbaidschan-Türkische verwendet wurde.

  • Ab 1936-40 begann im russischen Machtbereich der Übergang zur einer den Bedürfnissen der Turksprachen angepassten kyrillischen Schriftform. Waren die arabischen und lateinischen Verschriftlichungen noch auf gegenseitige Verständlichkeit verschiedener Turksprachen angelegt, so galt bei den kyrillisch verschriftlichten Sprachen genau das Gegenteil – dort wurden aus verschiedenen Dialekten künstlich separate Sprachen erzeugt.

  • In den 1990er Jahren - nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion - wurde von den turksprachlichen Staaten Aserbaidschan, Kasachstan, Kirgisistan, Turkmenistan und Usbekistan beschlossen, bis zum Jahre 2005 für ihr Staatsgebiet erneut die lateinische Schrift mit einem Alphabet einzuführen, das eng an das türkische Alphabet angelehnt sein sollte. Ziel dieses Schrittes ist die Bewahrung des gemeinsamen Kulturerbes der Turkvölker. Beabsichtigt ist ferner, dass auch die turksprachigen Minderheiten in den übrigen Ländern dieses Alphabet bis 2010 übernehmen.

Siehe auch


Literatur


  • Johanson, Lars and Eva Agnes Csató: The Turkic Languages. Routledge, London 1998. ISBN 0415082005
  • Öztopçu, Kurtuluş: Dictionary of the Turkic Languages. Routledge, London 1996, 1999. ISBN 0-415-14198-2

Weblinks


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