Die Traumnovelle ist eine Novelle von Arthur Schnitzler aus dem Jahr 1926.
Schnitzler beschreibt in dieser Novelle die scheinbar harmonische Ehe von Fridolin, einem Arzt, und Albertine, unter deren Oberfläche beide von ungestillten erotischen Begierden heimgesucht werden, die sich durch wechselseitige Entfremdung zu einer Ehekrise auswachsen.
Das Geheimnisvolle dieser Novelle rührt von der Entdeckungsreise ins Selbst her, die Fridolin unternimmt, einen Abstieg in die Tiefen seiner eigenen Psyche, und den Veränderungen in den Beziehungen zwischen Menschen. Sie verkörpert eine Fülle von psychologischer Metaphorik und Symbolismus – vermittelt aber den Protagonisten in der abschließenden Aussprache die Erkenntnis der Gefährdung ihrer Beziehung durch das Unterbewusstsein und ihre Bewältigung.
Schnitzlers Novelle wurde 1999 von Stanley Kubrick als Eyes Wide Shut mit Nicole Kidman und Tom Cruise in den Hauptrollen verfilmt.
Die beiden zentralen Figuren in dieser Novelle sind Fridolin und Albertine. Sie sind verheiratet und es scheint, als ob sie eine intakte Beziehung führen. Jedoch wird in der Novelle deutlich, dass ihre Beziehung Gefahr läuft zu scheitern, da sie beide in Gedanken erotischen Verlockungen anderer erliegen.
Albertine repräsentiert die "typische" Frau um die Jahrhundertwende. Sie hat früh geheiratet und musste ihre Triebe unterdrücken, weil sie jungfräulich in die Ehe gehen sollte. Jetzt, wo sie älter geworden ist, empfindet sie die frühe Hochzeit und die sexuelle Unterdrückung als Verlust eines ausgedehnten Lebens einer jungen Frau. Den Verzicht, den sie erlebt hat, versucht sie durch ihren Traum von einem Liebesabenteuer mit einem fremden Mann zu kompensieren.Wiederholt deutet sie Vorwürfe gegenüber ihrem Mann an, der in seiner Jugend seine Sexualität nicht unterdrücken musste. Ihren Traum, in dem sie ihren - normalerweise geliebten - Mann foltern lässt und sogar seine Kreuzigung höhnisch lachend toleriert, kann man so als eine Art unbewusste Rache für den erzwungenen Triebverzicht sehen, für den sie ihren Mann verantwortlich macht.
Fridolin ist dem patriarchalistischen Denken verfallen. Er umsorgt seine Frau nach der typischen Rollenverteilung und merkt gar nicht, dass er sie dadurch entmündigt. Er denkt, seine soziale Fürsorglichkeit könne den Triebverzicht seiner Gattin ausgleichen, ohne zu merken, dass diese Annahme unzutreffend ist. Fridolin begegnet in den zwei Nächten, die er verbringt, vielen Personen. Doch bei keiner Begegnung kommt es zu einem Ende, immer bleiben Fragen offen (z.B. Was passiert mit der Tochter des Kostümverleihers?). Auf der Ebene der zwischenmenschlichen Beziehungen versagt Fridolin.
Der zentrale Konflikt in dieser Geschichte ist die gedankliche Untreue. Fridolin und Albertine merken, dass sie sich zu anderen außerehelichen Personen hingezogen fühlen und sich Liebesszenen mit diesen vorstellen. Daraus erfolgt eine Entfremdung der beiden voneinander. Diese Entfremdung könnte das Ende der Beziehung bedeuten, doch in diesem Fall findet das Ehepaar wieder zueinander.
In dieser Novelle ist das Leitmotiv der Traum. Der Traum gilt als ein Medium der Erkenntnis, da man in ihm verborgene Empfindungen aufspürt. So erkennt Albertine im Traum, dass ihre Beziehung zu Fridolin, aufgrund der vielen erotischen Verlockungen im Alltag, gefährdet ist. Diese Gefährdung wird durch Fridolins Erlebnisse angedeutet, jedoch durch Albertines Traum vertieft. Im Traum erkennt das Unbewusste etwas, was im wachen Zustand unerkannt bleibt. Die Maskenbälle der geheimen Gesellschaft verkörpern einen Anspruch des Einzelnen auf Unverwechselbarkeit. Doch nur die Männer erheben diesen Anspruch (nur sie sind maskiert), die Frauen befinden die Individualität für unbedeutend (sie sind nackt).
Die "Traumnovelle" (1926) ist ein Resultat von einer langjährigen Beschäftigung Schnitzlers mit der Psychoanalyse. Diese sieht er als wesentlich für seine Arbeit an, denn mit ihrer Hilfe kann er Individuen analysieren und sie in ihrer sozialen und emotionalen Beziehung zu anderen Menschen darstellen. Schnitzler glaubt an die Existenz des Unbewussten, und damit eröffnete er zu seiner Zeit den Weg zu völlig unbekannten, neuen Erkenntnissen. Er behandelt in seinen Werken die Rollenbeziehung zwischen Menschen, insbesondere die zwischen Mann und Frau. Zur gleichen Zeit wie Schnitzler lebte und arbeitete auch Sigmund Freud in Wien. Er ist der Begründer der Psychoanalyse, der als psychologischer und medizinischer Wissenschaftler vorgeht, Schnitzler tut dies dagegen auf literarischer Ebene. Schnitzler folgt Freud auch in dessen besonderen Interessen für die Traumdeutung.
Literarisches Werk | Literatur (20. Jh.) | Literatur (Deutsch) | Novelle
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