Totalitarismus bezeichnet eine diktatorische Herrschaftsform. Im Unterschied zu autoritären Diktaturen erheben totalitäre Diktaturen den Anspruch, einen „neuen Menschen“ gemäß einer bestimmten Ideologie zu formen, und in alle sozialen Verhältnisse hinein zu wirken. Während sich autoritäre Diktaturen damit begnügen, dass das Volk nicht gegen die Herrschenden aufbegehrt und der status quo bestehen bleibt, fordern totalitäre Diktaturen die aktive Unterstützung der Beherrschten und die Weiterentwicklung eines Zustands in Richtung der jeweiligen Ideologie ein. Typisch ist die dauerhafte Mobilisierung in Massenorganisationen und die Ausgrenzung oder ggf. Vernichtung von denjenigen, die sich den Strukturen nicht unterwerfen wollen.
Der Begriff wurde 1923 von dem italienischen Liberalen Giovanni Amendola geprägt. Er bezeichnete das vom damaligen Diktator Italiens Benito Mussolini geschaffene Herrschaftssystem des Faschismus als totalitäres System ("sistema totalitario"). Während die Antifaschisten damit vor einer absoluten und unkontrollierbaren Herrschaft warnen wollten, wurde der Begriff von den Faschisten selbst übernommen und in ihrem Sinne positiv belegt.
Der Begriff fand Eingang in die allgemeine innenpolitische Auseinandersetzung Italiens. Die katholische Volkspartei Italiens etwa stellte unter Verwendung des Begriffs die Lager der Faschisten und Kommunisten gleich, da beide die parlamentarische Demokratie ablehnen würden. Der national-konservative Staatsrechtler Carl Schmitt führte diesen Begriff in Deutschland ein.
Nach dem Zweiten Weltkrieg, als im Zuge des kalten Krieges immer mehr die Wesensähnlichkeit der Regierungssysteme des gerade besiegten Nationalsozialismus und des Stalinismus, also des Kommunismus Stalin'scher Prägung, herausgestellt wurde, wird von Totalitarismus nur noch in negativer Konnotation gesprochen.
Einer der bekanntesten Kritiker des Totalitarismus ist der Schriftsteller George Orwell, der ihn in seinem Roman 1984 schon im Jahre 1948 beschreibt und darin spätere Erkenntnisse anderer Kritiker auf fiktiver Ebene vorwegnimmt. Franz Borkenau stellte 1940 in seinem Werk The Totalitarian Enemy eine frühe Totalitarismuskonzeption mittels des Vergleichs von Nationalsozialismus und Bolschewismus vor.
Die meistrezipierten Theoretiker des Totalitarismus sind Hannah Arendt sowie Carl Joachim Friedrich und Zbigniew Brzezinski. Hannah Arendt unternahm 1952 in ihrem Buch "Origins of Totalitarianism" (deutsch: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft) den Versuch, die strukturelle Gleichheit von Nationalsozialismus und Stalinismus zu analysieren und Ursprünge und Elemente ihrer Herrschaft zu erklären.
In den Medien und im Sprachgebrauch der Politiker ist der Begriff mittlerweile Normalität geworden.
Um jedes von der herrschenden Ideologie abweichende Denken schon im Keime zu ersticken, sind die Bürger des totalitären Staates einer ständigen Kontrolle durch Spitzel und Geheimdienste und auch oft willkürlichen Repressionen wie etwa spontaner Verhaftung ausgesetzt.
Friedrich und Brzezinski weisen weiterhin auf die zentrale Rolle des technischen Fortschritts hin, der die Merkmale 3-6 erst ermögliche.
1. monopolistische Konzentration der Einflussmöglichkeiten auf Entscheidungsprozesse in einem Führungszentrum
Nach Kielmansegg zöge die Inanspruchnahme von Entscheidungsgewalt unbegrenzter Reichweite (2) die obige Struktur nach sich. Dieser Punkt sei also als Beginn der Entstehung totalitärer Systeme zu sehen. Sobald das Herrschaftsmonopol erst einmal etabliert sei, werde die Sicherung des Monopols (Machterhalt) zum Selbstzweck des Monopols. Nach Kielmansegg besteht also in totalitären Systemen ein Vorrang der Sicherung des Entscheidungsmonopols vor allen ideologischen Herrschaftszielen. Ideologie und Massenpartei hätten lediglich die Aufgabe, zu motivieren, zu kontrollieren und Legitimation zu verschaffen.
Nach Hannah Arendt ist die Rolle des Terrors das entscheidende Merkmal für ein totalitäres System. In ihrer zunächst in englischer Sprache erschienenen umfangreichen Untersuchung: Totalitarism, die 1955 in Frankfurt am Main als Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft herausgebracht wurde, heißt es:
Als weitere Kriterien der totalitären Herrschaft nennt sie: den Willen zur Weltherrschaft, fanatisierte Massenbewegungen auf der Grundlage des Führerprinzips, millionenfache Morde im Namen einer „neuen“ gesetzmäßigen Ordnung, d.h. die Umdeutung und Manipulation der Moral sowie die Verknüpfung mit einer Ideologie.
Arendt bezeichnete lediglich den Nationalsozialismus und den Stalinismus als totalitäre Herrschaftssysteme. Andere Ausprägungen politischer Unterdrückung, beispielsweise in Kriegszeiten, betrachtete sie seit der Antike als Diktaturen bzw. als Systeme der Tyrannis. Hierfür liefert sie eine Fülle von Beispielen. Die „Satellitenstaaten“ der Sowjetunion kennzeichnete sie als nichttotalitäre Diktaturen. Sie äußerte die Sorge, dass in Zukunft wiederum mit totalitären Gesellschaftsformen zu rechnen sei.
Häufig werden folgende Staaten als totalitär bezeichnet:
Umstritten ist dagegen in der Forschung, ob der Begriff etwa auf die DDR angewendet werden kann. Nach Eckhard Jesse kann die DDR unter Walter Ulbricht als totalitär bezeichnet werden. Unter Erich Honecker habe die DDR aufgrund der abnehmenden Ideologisierung selbst innerhalb der SED, sowie der abnehmenden Mobilisierung der Bevölkerung diesen Charakter zunehmend verloren und sich in Richtung eines autoritären Systems bewegt.
Hauptkritikpunkt ist, dass das Totalitarismus-Konzept nicht die Ziele und Inhalte politischer Systeme, sowie die Motivation politisch Handelnder erfasse, sondern nur die äußeren Formen wie Unterdrückung und Repression. Kritiker der Theorie des Totalitarismus werfen ihr dabei vor, als rein politikwissenschaftlicher Begriff die mit einer Gesellschaft untrennbar verbundene, jeweils unterschiedliche historische Genese, sowie die wirtschaftliche und gesellschaftliche Struktur der als totalitär bezeichneten Staaten nicht zu berücksichtigen. Eine Reihe von makropolitischen Merkmalen, wie z. B. Einheitspartei, allzuständiger Machtapparat, Kommunikationsmonopol und Führerkult reichten ihnen in wissenschaftlicher Hinsicht nicht aus, um zu erklären, was eine totalitär regierte Gesellschaft sei. So setze die Totalitarismustheorie letztendlich Systeme gleich, die im Kern völlig unterschiedlich seien.
Den normativen Ausgangspunkt der Betrachtung stelle der demokratisch-pluralistische Verfassungsstaat westlicher Prägung dar. Dieser würde aber weder empirisch-analytisch an seinen eigenen Maßstäben gemessen, noch zum Vergleich mit den als totalitär geltenden Staaten herangezogen, sondern als ein Positiv außerhalb der gesamten Untersuchung gestellt. Die Theorie vom Totalitarismus sei deshalb eine bipolare Schwarz-Weiß-Typologie, deren erkenntnistheoretischer Gehalt gering sei. Die Rede von totalitären Staaten sei als „reine Herrschaftsideologie“ (K. H. Roth) zu betrachten, und könne von demokratisch-pluralistischen Staaten gegen alle anders organisierten Staatsgebilde argumentativ aufgefahren werden.
Reinhard Kühnl kritisiert die heutige Wiederbelebung demokratiefeindlicher Richtungen der Totalitarismustheorie. So sei die so genannte "wahre Demokratie" von Carl Joachim Friedrich als bedeutendstem Vertreter einer modernen Totalitarismustheorie auf die Interpretation des „Verfassungsstaat“ von Carl Schmitt ausgerichtet. Schmitt und die Konservative Revolution lehnten aber „Volkssouveränität“, „Partizipation“ und „Mitbestimmungsbegehren“ grundsätzlich ab. Antitotalitarismus und Demokratie sind somit nicht dasselbe. Anti-partizipatorischer Konstitutionalismus werde hier lediglich wegen der negativen Besetzung des Begriffes „totalitären Diktatur“ von ihr abgehoben. Kühnl: „In der Tat lässt sich die Logik der herrschenden Totalitarismustheorie so zusammenfassen: Das eigentliche Übel ist die radikale Demokratie, die Volkssouveränität, die den Volksmassen direkte politische Handlungs- und Gestaltungsmöglichkeiten gewährt. Danach führt die totalitäre Entwicklungslinie von Rousseau über die Französische Revolution, über Marx und Lenin bis zu Stalin und Hitler. (…) Der ‚Antitotalitarismus‘ ist also in Wahrheit ein Antidemokratismus.“
Die Totalitarismustheorie habe durch den Extremismus-Ansatz eine Fortführung erfahren, deren ideologischer Gehalt offen zu Tage trete. Mit ihr ließe sich schon in der Vergangenheit nicht das Wesen von Faschismus und Nationalsozialismus beschreiben und heute müsse sie bei der Erklärung des Rassismus und Neofaschismus versagen. Problematisch sei dabei die Gleichsetzung über idealtypische Kennzeichen von Stalinismus und Faschismus. Jeder strukturelle Vergleich führe unvermeidlich auch zur strukturellen Relativierungen. So werde der Holocaust zu einem Verbrechen unter anderen gemacht. Damit fände auch unter den Bekundungen einer so betriebenen Historisierung des Holocaust, z.B. durch den so genannten "Massakervergleiche", die den antisemitischen Kern von Auschwitz nicht berücksichtige, eine Entsorgung der deutschen Geschichte statt. Eine Auseinandersetzung mit und Aufarbeitung der Vergangenheit und deren Kontinuität in die Gegenwart werde damit abgewehrt. Kritiker wie Wolfgang Wippermann fordern daher statt eines Extremismusbegriffs mit idealtypischen Merkmalen einen der Ideologie angepassten realtypischen Begriff des Faschismus.
Vor allem von sozialistischer Seite wird die Totalitarismusthese als „Totalitarismusdoktrin“ bezeichnet. Diese sei ein ideologisches Konstrukt des Kalten Krieges, das die Länder des real existierenden Sozialismus diffamieren solle. Gemäß sozialistischer Theorien ist der Faschismus vielmehr eine reaktionäre Form des Kapitalismus und damit mit Sozialismus oder Kommunismus überhaupt nicht zu vergleichen. Heute würde die Totalitarismusthese von „Rechtsintellektuellen“ etwa aus dem Veldensteiner Kreis neu belebt.
Der Totalitarismustheorie wird von manchen eine ideologische Auswirkung auf das "Alltagsdenken" der Gesellschaft zugeschrieben. Dazu gehören Denkmuster, die die Aktivitäten rechtsextremer Gruppen mit denen antirassistischer Gruppen gleichsetzen. Dazu trugen sowohl politische Entlastungs-Kampagnen bei, die die Brandanschläge von Rostock-Lichtenhagen linken und rechten Gruppen gleichzeitig vorwarfen, als auch ein von der Bundeszentrale für Politische Bildung massenhaft verteiltes Standardwerk von Eckhard Jesse und Uwe Backes: „Politischer Extremismus in der BRD“. Darin heißt es: „Der Begriff des politischen Extremismus soll als Sammelbezeichnung für unterschiedliche politische Gesinnungen und Bestrebungen fungieren, die sich in der Ablehnung des demokratischen Verfassungsstaates und seiner fundamentalen Werte und Spielregeln einig wissen.“
Stefan Vogt untersucht das „kritische Potenzial“ des Totalitarismusbegriffs für eine kritische Theorie des Faschismus und unterscheidet dabei den Begriff des Totalitarismus von dem des „Totalitären“. Nach Stefan Vogt muss eine Kritische Theorie des Faschismus „Konvergenzen und Divergenzen, vielleicht sogar Differenzen des historischen Faschismus zur Nachkriegsdemokratie" erfassen. Er stellt fest, dass sie einem solchen Anspruch nicht erfüllen kann, da die Totalitarismustheorie in „ihrer Entwicklung und Popularisierung“ nach dem Zweiten Weltkrieg unter der „Prämisse“ gestanden habe, einen „unüberwindlichen Gegensatz zwischen Totalitarismus und bürgerlicher Demokratie zu beweisen.“ Dagegen sei der Begriff des „Totalitären“ bei Max Horkheimer, Franz Neumann und Hannah Arendt im Sinne einer kritischen Philosophie für ein Kritische Faschismustheorie durchaus geeignet. Horkheimer, Neumann und Arendt erkennen gemeinsam, trotz unterschiedlicher philosophischer Ausrichtung, einen „Kern des Totalitären“ des Nationalsozialismus in der „Dialektik von Kontinuität und Bruch“: Danach schneide der Nationalsozialismus die Möglichkeiten für seine Überwindung, für eine gesellschaftliche Veränderung zum Besseren ab und stelle somit einen „Bruch der Kontinuität des historischen Prozesses“ dar. Gleichzeitig sei die totalitäre Ordnung, die sich auf diese Weise „etabliert“ nach dieser kritischen Philosophie „ohne jeden Zweifel aus der bürgerlichen Gesellschaft erwachsen“.
aus kritischer Sicht:
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