| Ton Steine Scherben | |
|---|---|
| Gründung: | 1970 |
| Auflösung: | 1985 |
| Genre: | Folkrock/Blues/Rock |
| Website: | http://www.tonsteinescherben.de/ | http://www.scherbenfamily.de/
| Gründungsmitglieder | |
| Gesang/Gitarre/Keyboard: | Rio Reiser (1970-85) |
| Gitarre: | R.P.S. Lanrue (1970-85) |
| Schlagzeug: | Wolfgang Seidel (1970/71) |
| Bass: | Kai Sichtermann (1970-85, außer 74/75) |
| Weitere/Spätere Mitglieder | |
| Gesang/Saxophon/Management: | Nikel Pallat (1970-78) |
| Flöte/Organisation: | Jörg Schlotterer (1971-78) |
| Schlagzeug: | Sven Jordan (1971) |
| Schlagzeug: | Olaf Lietzau (1972) |
| Schlagzeug: | Captain Hynding (1972) |
| Schlagzeug: | Helmut Stöger (1973) |
| Schlagzeug: | Funky K. Götzner (1974-85) |
| Bass: | Werner "Gino" Götz (1974/75) |
| Percussion/Schlagzeug: | Britta Neander (1974-82) |
| Keyboard: | Martin Paul (1981-85) |
| Gitarre/Gesang: | Marius del Mestre (1981-82) |
| Gitarre: | Dirk Schlömer (1982-85) |
| Percussion, Chor: | Angie Olbrich (1972-82, außer 76/77) |
| Management: | Elser Maxwell (1978-82), Claudia Roth (1982-85) |
Größere Bekanntheit erlangten die Scherben am 6. September 1970, nachdem sie beim Love-and-Peace Festival auf Fehmarn aufgetreten waren. Bei ihrem dritten Lied „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ zündeten Unbekannte das Organisationsbüro der Veranstaltung an, so dass das Rockfestival, auf dem kurz zuvor Jimi Hendrix sein letztes Konzert gegeben hatte, abgebrochen werden musste. Auch wenn vermutlich nicht die Band für den Brand verantwortlich war, sondern zornige Tourhelfer anderer Bands, da sich die Veranstalter mit der Tageskasse aus dem Staub gemacht hatten, so erzählte man sich dennoch, die Scherben hätten das Feuer gelegt, was in der Szene Anerkennung fand. Schlagartig war ihr Name dort berühmt. Interview mit Rio Reiser, am 2005-09-06 in WDR 5 wiederholt
Die Musik der Band war stilbildend für die deutsche Rockmusik, den deutschsprachigen Punk und Teile der Neuen Deutschen Welle. Bei ihrem rockigen Stil hatte die Gruppe den Anspruch, ein neues Verständnis von Volksmusik zu kreieren - im Sinn einer eingängigen, verständlichen Musik für das im Widerspruch zu den „Herrschenden“ stehende „Volk“, indem sozial relevante Themen des „einfachen“ Volkes, im engeren Sinn der aufbegehrenden damaligen Jugend, in einem Musikstil aufgegriffen wurden, der dieser Zeit angemessen schien. In diesem Zusammenhang hatten sie für die textlich-inhaltlich anspruchsvolle Rockmusik in der Bundesrepublik eine ähnlich prägende Bedeutung, wie dies - etwa sieben Jahre vor Gründung der „Scherben“ - in den USA für Bob Dylan und seinen nachfolgenden Einfluss auf die dortige gesellschaftskritische Folk- und Rockmusik der Fall war.
Einige Titel und Textpassagen der „Scherben“ sind bis in die Gegenwart bekannte Slogans der außerparlamentarischen linken und linksradikalen Szene, so zum Beispiel „Keine Macht für Niemand“, „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ und andere.
Die neue Band traf mit ihren hemmungslosen, rebellischen und radikalen Texten (zum Beispiel mit ihrer ersten Single „Macht kaputt, was euch kaputt macht“) den Nerv einer Zeit, die im Zeichen der 68er-Bewegung und des gesellschaftlichen Aufbruchs stand. Ton Steine Scherben waren nach Ihre Kinder und noch vor Udo Lindenberg eine der ersten Rockmusikbands, die ausschließlich und von Anfang an deutsche Originaltexte sangen. 1971 gründeten sie das erste deutsche Independent-Label, die David Volksmund Produktion, um ihre Veröffentlichungen unabhängig von der Plattenindustrie produzieren und vertreiben zu können. Damit hatten sie ein Höchstmaß an Freiheit, aber auch entsprechend geringen Profit, was trotz hoher Popularität zu permanenten finanziellen Problemen führte. In deutschsprachigen Radiosendern werden die Lieder der Band wegen ihres radikalen Rufes bis heute praktisch nicht gespielt, auch nicht die unpolitischen Stücke.
Anfang der 70er Jahre waren die Scherben mit ihren revolutionären Texten, die versuchten, die proletarische Jugend anzusprechen, Identifikationsfigur für anarchistische und linksradikale Kreise („Der Kampf geht weiter“, „Die letzte Schlacht gewinnen wir“, „Menschenjäger“). Auch gewaltverherrlichende Elemente fanden sich in ihren Texten wieder (Paul Panzers Blues). Mit ihrer Musik lieferten sie den Soundtrack zu Hausbesetzungen und Demonstrationen. Musikalisch bevorzugte die Band einen harten und sparsam instrumentierten Rhythm’n’Blues.
1975 verließen die Scherben Berlin und ließen sich auf einem Bauernhof in Fresenhagen (Nordfriesland) nieder. Der Umzug war eine Flucht vor dem immer größer werdenden Druck, bei jeder radikalen Aktion in Berlin die Protagonistenrolle übernehmen zu müssen, und entsprang dem Wunsch nach größerer künstlerischer Freiheit. Mit der Doppel-LP „Wenn die Nacht am Tiefsten ...“ (1975) erfolgte eine Hinwendung zu lyrischeren, melancholischeren Texten und ausgefeilteren musikalischen Arrangements, die gekonnt Jazz- und Folk-Elemente aufgriffen. In politischer Hinsicht ist deutliche Desillusionierung erkennbar, was den „Kampf“ gegen das Establishment anbelangt. Diese mündete jedoch in den Glauben an eine Utopie, in der Liebe, Toleranz und Frieden herrschen. Kreativ hatte sich die Band von der radikalen Berliner Szene emanzipiert und wandte sich Ende der 70er Jahre auch offen den Belangen der Schwulen-Bewegung zu.
Das Album „IV“ von 1981 lässt sich musikalisch nur schwer, am ehesten im Bereich eines unkonventionellen New Wave, einordnen. Rio Reiser übte sich in beeindruckend subtilen und psychedelischen Wortspielen, in denen ein politischer Bezug nur noch indirekt erkennbar ist („Der Turm stürzt ein“, „Jenseits von Eden“). Auf dieser Platte betätigten sich vermehrt auch die anderen Bandmitglieder und Freunde der Band als Texter und Komponisten. Dem Kollektiv Ton Steine Scherben gelang mit dieser Doppel-LP (22 Songs) musikalisch ein Prozess der Reifung. Durch die Scherben-Biografie „Keine Macht für Niemand“ wurde bekannt, dass die Lieder auf der Grundlage des Tarot entstanden sind. Die Platte war im Original auf sehr schlechtem Vinyl gepresst und daher klanglich miserabel und bediente inhaltlich kaum die Erwartungen der Fans, sodass sie finanziell ein Flop wurde. Erst die Neuveröffentlichung Anfang der 90er auf CD bot einen brauchbaren Klang. Trotz allem beeindruckt „Die Schwarze“, wie sie auch genannt wird, durch die Verarbeitung von Rock, Jazz, Klassik und Sound-Experimenten, sowie von ungeraden Rhythmen und offenen Akkordformen und muss als ein Meilenstein der deutschen Rockgeschichte bezeichnet werden.
1982 wurde die spätere Grünen-Politikerin Claudia Roth Managerin der Scherben.
Mit ihrer letzten Platte „Scherben“ von 1983 wandten sich die Scherben wieder einem erdigen Rock und deutlicheren Aussagen zu, die aktuelle Probleme („Mole Hill Rockers“ zum Thema Arbeitslosigkeit) aufgriffen.
Nach einer erfolgreichen Tour, von der postum zwei Live-Mitschnitte erschienen, lösten sich Ton Steine Scherben 1985 infolge kreativer Krisen und hoher Schulden, die die gesamte Band durch Lizenzverzicht abtrug, auf. Rio Reiser startete ab Mitte der 80er Jahre seine höchst erfolgreiche Solokarriere. Die Band wollte nach eigenen Aussagen keine „Musikbox“ mehr sein, die auf Zuruf ihre „Parolenhits“ spielen sollte.
Wolfgang Seidel widmete sich nach dem Verlassen von Ton Steine Scherben der elektronischen Musik und arbeitete u. a. mit Conrad Schnitzler sowie Klaus Freudigmann zusammen, half aber auf Wunsch der Band gelegentlich als Schlagzeuger aus. Als „Wolf Sequenza“ wirkte er an Vibraphon, Percussion und Marimba bei den Aufnahmen für „IV“ mit und trat auch mit der Gruppe live im Berliner Tempodrom auf. Mitte der 80er scheiterte die Veröffentlichung von Aufnahmen eines Coverbandprojektes („Die Coverboys“) Seidels mit Rio Reiser und diversen Ton Steine Scherben-Mitgliedern aufgrund vertraglicher Komplikationen.
Viele Coverversionen sind auf dem Rio-Reiser-„Familienalbum“ zu finden, das 2003 erschien, dem Sampler „Viva L'Anarchia“ (1997) oder „Keine Macht für Niemand - Die Erben der Scherben“ (2001), auf dem unter anderem Nina Hagen zu hören ist. Im Oktober 2005 wurde das Familienalbum Band 2 veröffentlicht.
Musikalische sowie politische Kontinuitäten zwischen Ton Steine Scherben einerseits und sich als links bzw. gesellschaftskritisch verstehenden Musikern aus der aktuellen Independent-, Deutschrock- und HipHop-Szene andererseits, thematisiert der Dokumentarfilm „Der Traum ist aus oder die Erben der Scherben“ aus dem Jahr 2001. Inhalt des Films ist weniger die „Musik an sich“, sondern vielmehr die Frage, was aus dem Protest und dem Lebensgefühl der Siebziger und Achtziger Jahre geworden ist, bzw. inwiefern dieses in der Gegenwart eine neue Entsprechung gefunden habe. Zu Wort kommen u.a. Musiker und Bands wie Tocotronic, Lassie Singers, Die Sterne, Tilman Rossmy. In diesen Traditionszusammenhang gestellt werden darüber hinaus auch Fink, Element of Crime sowie die beiden Liedermacher Funny van Dannen und Hans Söllner.
Zu den aktuellen Mitgliedern gehören unter anderem Jörg Schlotterer, Nikel Pallat, Kai Sichtermann, Funky K. Götzner, Angie Olbrich, Martin Paul, Marius del Mestre, Dirk Schlömer; gemanagt von Elser Maxwell und Thomas Malz.
Neben Klassikern der Scherben aus den 1970er und 1980er Jahren werden auch Titel aus der Solozeit von Rio Reiser gespielt.
http://www.scherbenfamily.de
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