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Die Tocharer (Eigenbezeichnung Arshoi) waren das ursprünglich am östlichsten beheimatete Volk der Indogermanen. Die Tocharer siedelten im Altertum in den Oasen-Becken des Altai, einer Region die heute als Turkestan bezeichnet wird und früher zeitweilig den Namen Tocharistan trug. Einzelne Geschichtsschreiber rechneten sie wegen ihrer geografischen Lage zu den Turkvölkern. Intensive Nachforschungen lassen sie jedoch, insbesondere in neuerer Zeit, als eigenständige Ethnie und Kultur erscheinen, die noch am ehesten mit dem iranischen Kulturkreis verwandt sein könnte. Mongolische Ursprünge können ebenfalls weitgehend ausgeschlossen werden.
Meinecke datiert die Tocharer auf 1800 v. Chr. bis 750 n.Chr.
Sprache
Die
tocharische Sprache gehört zum angeblich westlichen
Kentum-Zweig der
indogermanischen Sprachen, im Gegensatz zu den benachbarten
iranischen und
indischen Sprachen, die zum "östlichen"
Satem-Zweig gehörten. Sie wurde noch bis ins 8. Jahrhundert n. Chr. im Gebiet der Oase
Turfan und an anderen Plätzen gesprochen.
Man unterscheidet aufgrund alter Übersetzungsprobleme heute in "echte" Tocharer (Yüe-tschi oder tocharische Kuschanen) und in "falsche" Tocharer (Arshoi, Arschi). Eine These beschäftigt sich damit, ob die Wu-sun und die Arschi aus Karachar/Tarimbecken identisch sind (Arschi bzw. Orsun => Wusun?). Die Alanen könnten wiederum Nachfahren der Wu-sun sein (U-sun = U-lun, da s und l in dieser Sprache wechselten?).
Der Heidelberger Sibirienforscher Karl Jettmar stellt folgende These auf: Das Indoeuropäische Idiom, das die Tocharer benutzten, enthielt Anklänge aus dem Keltischen, dem Germanischen und dem Italienischen.
Dem Wiener Sprachforscher und Journalisten Adolf Josef Storfer ist die Zurückführung des Namens Asien auf die Gruppe der Asioi (Arshi) zuzuschreiben.
Alle Funde deuten auf eine direkte Zuwanderung aus West- bzw. Mitteleuropa, wobei die ethnische Einheit gewahrt blieb. Ob die Wanderung vor oder nach ihren Nachbarn erfolgte, ist in der Fachwelt umstritten.
Kultur
Den Tocharern soll die Webkunst in einer fortgeschrittenen Stufe, nach den aufgefundenen Zubehörteilen, bekannt gewesen sein. Als Grundmaterialen dienten Schaf oder Ziegenhaare, Rosshaar, Filz und Leder. Auch Wolle und Färbetechniken wurden verwendet. Ledermäntel gehörten zur Bekleidung. Röcke mit einer Länge von bis zu 15 m wurden gefunden. Ungewöhnlich waren Funde von Spitzhüten mit großer Krempe für Frauen mit bis zu 60 cm Höhe. Ein aufgefundener Mann trug sogar einen mit Gold verzierten Hut. (Die Bezeichnung für weiche Metalle ist ähnlich der Benennung, wie sie in Mitteleuropa in der Bronzezeit üblich war.) In einer persischen Schrift von ca.
520 v. Chr. wird vom einem Sieg über das "Saka-Volk mit den spitzen Hüten" berichtet. Vergleichbare Funde im Sinne der Verarbeitung gibt es sonst nur im weit entfernten Mitteleuropa.
Die Waren-Funde lassen auf einen regen Austausch mit den Bewohnern benachbarter Regionen schließen. Technologien, die ein Volk hatte, wurden schnell weiter gereicht und kamen somit allen Völkern dieses ostasiatischen Kreises zu Gute.
Die Reiterei war ihnen geläufig, wenn sie nicht gar selbst ein Reitervolk waren. Auch das Rad war ihnen nicht unbekannt, wobei es sich bei den Fundstücken um eine Konstruktion aus drei verdübelten Planken handelte. Man kann die Tocharer also als eines der Streitwagenvölker einordnen, die ab ca. 1500 v.Chr. nahezu Zeitgleich im nahen und fernen Osten auftauchten.
Mumienfunde
Die im trockenen, sandigen
Wüstenklima der
Taklamakan und des
Lop Nor immer wieder aufgefundenen
Mumien waren erstaunlich groß (z.B. 1,76 m), blond, blauäugig, mit Bart, teils hellhäutig und mit kaukasischen Gesichtszügen und werden dadurch sehr sicher den Indoeuropäern zugeordnet. Die reguläre Bestattung erfolgte in Grabkammern. Die Mumien datieren auf Zeiträume von 1800 v. Chr. bis 1200 v. Chr. und auf 200 v. Chr. bis 200 n. Chr. Auch die durchgeführten Gen-Analysen stützen das Bild vom Indo-Europäer. Es wurde eine Verwandtschaft mit den Schweden und Finnen, aber auch mit den Toskanern, Korsen und Sardiniern festgestellt.
Einzelne Mumien weisen chirurgische Nähte auf, die mit Pferdehaar gemacht wurden. Weibliche Mumien hatten Beutel bei sich, die heilende Pflanzen enthielten, sowie ein kleines Messer, vermutlich um diese zu zerkleinern. Von Organentnahmen durch "Huato"-Leute (=Hut-Träger?) berichten chinesische Quellen, wobei die Chinesen selber solche Aktivitäten aus eigener Furcht nicht entwickelt hatten.
Geschichte
Der Einfall der
Hunnen verdrängte z.B. Yüe-tschi aus Ost-Turkestan. Mit ihren Verbündeten (Saken, Parther) eroberten sie in der Folge Baktrien. Von dort aus errichteten sie in der Folgezeit das Reich der
Kuschan, das nicht unerheblichen Einfluss auf die Ausbreitung des
Buddhismus haben sollte. Die
Tadschiken sollen Nachfahren dieser Gruppen sein. In wie weit der Volksname mit den chinesischen Bezeichnungen Ta-Yüe-tschi (tocharische Kuschanen), Dayuan (Ferghana) und Ta-Hia (Baktrien) zusammenhängt, ist nicht ganz geklärt. Es wird davon ausgegangen, dass die Bezeichnung in der Zeit der Unterwerfung der Tadschiken durch
Turkvölker geformt oder gefestigt wurde.
Wissenschaftliche Analysen lassen vermuten, dass die folgenden Gruppen zu den Tocharern zu rechnen sein könnten, oder zumindetst eng mit ihnen verwandt sind:
Eine später eher ionische Prägung wird der Gruppe der Dayuan (Ta-Yüan, Da-Iona) im Ferghanatal zugeschrieben. Diese dürfte aber erst im Verlauf der Eroberungszüge von Alexander dem Großen eingetreten sein. Die Spuren der tatsächlichen Ursprünge haben sich dadurch leider stark verwischt. Ihr Reich wurde später erst durch den Einfall der Yüe-tschi und endgültig durch die Wu-sun vernichtet. Auch ihnen wird eine Verwandtschaft zu den heutigen Tadschiken nachgesagt.
Siehe auch: Turaner, Kuchis, Gutäer, Ötzi
Literatur
- Meinecke, Erich: Das blonde Volk der Taklamakan. Mensch und Maß, Folge 16, 23. August 2001, 41. Jahr, Verlag Hohe Warte GmbH.
- Barber, Elizabeth Wayland; Barber, E. J. W.: The Mummies of Urumchi, 1999, ISBN: 0393045218, W. W. Norton & Company.
- Kappeler, Suzanne: Fabelwesen der Wüste. Antike Textilien aus Zentralasien in der Abegg-Stiftung. In: Neue Zürcher Zeitung. 17. Juli 2001, Nr. 163, S. 53. Auch auf: http://archiv.nzz.ch/books/nzzmonat/0/$7IE25$T.html
- Fabulous Creatures from the Desert Sands. Katalog zur Ausstellung in Riggisberg (Schweiz) (50Fr., im Buchhandel 85Fr.)
- Brennecke, Detlef: Sven Hedin mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Rowohl Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 1986
- Staniland, Kay: Rezension von: Elizabeth Wayland Barber: The Mummies of Urumchi. (Macmillan) In: New Scientist, 15. Mai 1999, S. 46
- Frühe Europäer in Fernost. In der chinesischen Provinz Xingjiang wurden jahrtausendealte Mumien mit westlichem Aussehen entdeckt. In: Geo(-Magazin), Nr. 7 (Juli) 1994, S. 162-165
- Jettmar, Karl: Die Tocharer, ein Problem der ethnischen Anthropologie? In: Homo, Vol . 47/1-3, 1996, S. 34-42
- Kobbe, Bruni: Diese Superfrauen, die aus dem Osten kamen. Suche nach den legendären Amazonen – Mumien in China (...) legen eine heiße Spur. In: Weltwoche, Nr. 35, 27. August 1998. Auch auf: www.weltwoche.ch/3598/35.98.amazonen.html
- Jettmar, Karl: Trockenmumien in Sinkiang und die Geschichte der Tocharer. Verlag von Zabern, Mainz 1998 (142 S.)
- Mair, Victor H. (Hrsg.): The Bronze Age and Early Iron Age Peoples of Eastern Central Asia. 1998.
- Der Westen hatte doch Einfluß auf China. Bild der Wissenschaft-Online, Newsticker 23. Februar 1999
- Zink, Michael: Der Mumien-Beweis. Europäer herrschten im alten China. In: Bild der Wissenschaft, 9/1999, S. 40-44
- Schmoeckel, Reinhard: Die Indoeuropäer. Aufbruch aus der Vorgeschichte. Bastei-Lübbe-Verlag, Bergisch Gladbach 1999.
- Malloey, J. P. und Mair, Victor H.: The Tarim Mummies. (2000).
- Baumer, Christoph: Die südliche Seidenstraße. Inseln im Sandmeer. Mainz 2002. ISBN 3-8053-2845-1 (Mit aktuellen Literaturangaben).
Weblinks
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