Als Tierversuche werden Experimente mit oder an Tieren bezeichnet. Sie dienen der Grundlagenforschung als Erkenntnisgewinn und werden in der Medizin zur Entwicklung und Erprobung neuer Therapiemöglichkeiten durchgeführt.
Die medizinische Grundlagenforschung an Tieren und am Menschen ist für das Verstehen der Ursachen vieler Krankheiten von zentraler Bedeutung. Auch die angewandtere medizinische Forschung, bei der es gezielter um die Entwicklung von Therapien geht, hätte ohne Tierversuche kaum Fortschritte zu verzeichnen gehabt. Darüber hinaus gab und gibt es auch im Bereich der Hirnforschung und des Militärs jährlich weltweit zehntausende Tierversuche, wobei insbesondere die Letzteren aufgrund ihrer nicht direkten positiven Auswirkungen auf den Menschen umstritten sind.
Für Tierversuche werden speziell gezüchtete Tiere verwendet, da man für aussagekräftige Resultate genaue Daten über diese Tiere braucht, z.B. durchschnittliche Lebensdauer, aber auch Daten darüber, welche Krankheiten (Krebs, Diabetes etc.) wie häufig normalerweise in der Population auftreten. Darüber hinaus gibt es auch Populationen, die z.B. garantiert an Leberkrebs erkranken. In der freien Wildbahn eingefangene Tiere werden aus diesen Gründen niemals verwendet. Gerüchte über "Tierfänger", die im Auftrag von Pharmaunternehmen Haustiere einfangen (insbesondere streunende Katzen) gehören in den Bereich der "Urban Legends".
Tierrechtler und Tierschützer sowie beispielsweise die Organisation Ärzte gegen Tierversuche führen an, dass Tierversuche mitunter lediglich eine Tendenz anzeigen, ob das Medikament Nebenwirkungen am Menschen haben wird. Sie sind damit vom Kosten/Nutzen-Verhältnis eher ungünstig und schlecht als Sicherheit geeignet. Ein Beispiel: In den Sechzigern führte das Schlaf- und Beruhigungsmittel Contergan zu schweren Missbildungen bei Kindern, wenn die Mutter das Medikament während der Schwangerschaft einnahm (teratogene Wirkung). In Tierversuchen konnte eine solche Verbindung nicht festgestellt werden, da das Medikament ausschließlich an Mäusen und Ratten getestet und für sicher erklärt wurde. Bei Kaninchen ruft die Substanz jedoch Missbildungen hervor, die auch beim Menschen auftreten können. Aus diesem Sachverhalt kann man interpretieren, dass ausführlichere Tierversuche die Wahrscheinlichkeit zur Erkennung von diesen Nebenwirkungen erhöht hätten. Andererseits werden die zahlreichen Fälle, in denen ein Pharmaunternehmen ein vielversprechendes Medikament nicht auf den Markt gebracht hat, weil es in Tierversuchen zu starken, nicht akzeptabeln Nebenwirkungen kam, erst gar nicht bekannt.
Eine weithin kontroverse Diskussion hat auch der vermeintlich moralische Fehlschluss des Tierversuchs per se hervorgebracht. Tierrechtler führen hier das vermeintliche Paradoxon auf, dass Versuche an Tieren ja anerkannter Maßen nur dann wissenschaftlich sinnvoll sind, wenn man eine nahe körperliche, geistige und/oder moralische Ähnlichkeit von nichtmenschlichen und menschlichen Tieren annimmt, damit die Ergebnisse auf den Menschen übertragen werden können. Wenn diese große menschliche Ähnlichkeit wenigstens zu einigen Tieren besteht, scheinen Tierversuche aber aus moralischen Gründen nicht mehr durchführbar zu sein.
Die Konsequenzen aus dem möglichen Rückzug von Tierversuchen müssen überdacht werden. Ein Beispiel: Deutschland führt seit einiger Zeit keine Versuche an Schimpansen mehr durch. In den U.S.A. jedoch werden Schimpansen zur Gewinnung von Hepatitis-Medikamenten verwendet. Obwohl Deutschland keine Versuche an Schimpansen mehr durchführt, werden Hepatitis-Medikamente aus den U.S.A. importiert. An Alternativen zu den herkömmlichen Tierversuchen wird noch geforscht. Da Zellkulturen keinen eigenen Stoffwechsel besitzen (Metaboliten der Wirkstoffe können eine verheerende Wirkung haben), reicht diese Methode allein nicht aus, um Tierversuche abzulösen.
Tierschützer beklagen, dass die Alternativmethoden zu Tierversuchen bisher nicht ausreichend gefördert werden, weshalb politische Maßnahmen zur Unterbindung vermeidbaren Tierleides erforderlich seien. Insbesondere die Problematik, dass viele Tierversuche an verschiedenen Orten und von unterschiedlichen Firmen gleichzeitig durchgeführt werden, ist noch ungelöst. Eine bessere Vernetzung der einzelnen Forschungslabore könnte das Leid der Versuchstiere zumindest begrenzen, da so Doppel- und Dreifach-Tierversuche ausbleiben würden.
In der medizinischen Forschung am häufigsten sind Testreihen mit je acht bis zehn Tieren (meist Mäuse oder Ratten), denen je Testreihe eine unterschiedlich große Dosis eines bestimmten Wirkstoffs gespritzt wird. Nach einer bestimmten, vorgegebenen Zeit wird dann zum Beispiel Blut entnommen, um Abbauprodukte des Wirkstoffs zu analysieren. In vielen Fällen werden die Testtiere am Versuchsende getötet um den Einfluss des Wirkstoffs auf innere Organe untersuchen zu können.
Die Wirkungen und Nebenwirkungen von Hormonpräparaten wie der Antibabypillen werden in aller Regel an jugendlichen weiblichen Ratten untersucht, denen vor Gabe des Wirkstoffs die Eierstöcke entfernt wurden. Diese Medikamente, die nahezu täglich und oft jahrelang von gesunden jungen Frauen eingenommen werden und deshalb besonders sicher sein müssen, sind zugleich ein Beispiel dafür, dass viele Arzneimittelwirkstoffe noch immer im lebenden Tier getestet werden müssen: Nur im voll funktionstüchtigen "System Tier" kann die Hauptwirkung (die Aufrechterhaltung einer bestimmten Hormonkonzentration im Körper) in unmittelbarer Verbindung mit möglichen Nebenwirkungen (Veränderung der Fett- oder Wassereinlagerung im Gewebe) und den natürlichen Abbauprodukten der Wirkstoffe analysiert werden.
Ein bemerkenswertes Resultat lieferten solche komplexen Labyrinthe bei Ratten: Wenn sie sicher zum Beispiel eine zehnfache Links-Rechts-Wahl meistern konnten und daher rasch zum Ausgang des Labyrinths gelangten, wurden sie in ein spiegelbildliches Labyrinth gesetzt. Bei der ersten Wahl liefen sie erwartungsgemäß falsch, bei der zweiten Wahl zögerlich zunächst falsch - und ab der dritten Wahl korrekt und zielstrebig zum Ausgang. Ein Mensch hat diese Fähigkeiten im Labyrinth nicht, wohl aber bekanntlich bei komplexen visuellen Problemstellungen, zum Beispiel beim Lesen von Spiegelschrift.
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