article

Das Tibetische (Tibetisch: བོད་ཡིག , Wylie: bod yig, gehört zu den tibeto-birmanischen Sprachen Asiens. Es wird von ca. 6 Millionen Tibetern gesprochen, wovon die meisten in Tibet leben. Daneben gibt es etwa 130.000 Tibeter im Exil, hauptsächlich in Nepal, Indien und Bhutan. Die Sprache wird mit dem tibetischen Alphabet geschrieben, das aus dem Devanagari abgeleitet ist.

Offizieller Status

Formell ist Tibetisch neben Chinesisch Amtssprache im Autonomen Gebiet Tibet und anderen Teilen Chinas mit tibetischer Bevölkerung.

Dialekte und Stilebenen

Die modernen tibetischen Dialekte kann man wie folgt einteilen:

Dialektgruppe Untergruppe Lokale Dialekte
dBus-gTsang
(Ü-Tsang)
ca. 1 Mio. Sprecher
dBus Lhasa, Painbo, Doilungdêqên, Maizhogungkar, Qüxü (Xoi), Lhagyari, Zêtang
gTsang Xigazê, Gyangzê, Lhazê, Tingri, Sa’gya, Yadong (Chomo/Xarsingma)
Khams
(Kham)
ca. 1,5 Mio. Sprecher
Nördliche Dialekte Garzê: Kangding (Dardo), Yajiang (Nyagquka), Chaggo, Nyarong, Garzê, Dainkog, Dêgê
Qinghai - Yushu (Gyêgu): Nangqên
Qamdo entlang der Straße
Südliche Dialekte Garzê: Litang, Batang, Yidun (Daxod), Dêrong, Dabpa
Dêqên und Qamdo: Markam, Calho
Nomadendialekte Nord-Qamdo: Dêngqên, Baqên
Nagqu
Yushu (Gyêgu): Chindu, Qoima
A-mdo
(Amdo)
ca. 800.000 Sprecher
Bauerndialekte Xiahe (Labrang), Luqu, Tianzhu (Ra’gyei), Ledu (Nianbai), Rongren (Rêbgong), Tongde, Chiga
Nomadendialekte Zêkog, Marqu, Xinghai, Qilian, Gangca, Haiyan (Chinkuxung), Jigzhi, Baima, Gadê
Ngawa

Dzongkha, die Amtssprache in Bhutan, steht dem Tibetischen sehr nahe bzw. ist ein Dialekt des Tibetischen. Tibetische Dialekte werden auch in Nepal (Sherpa und Mustang) und Indien (Ladakhi) gesprochen. Die tibetische Exil-Koine basiert auf dem dBus-Dialekt.

Tibetisch verfügt über drei Stilebenen: die Umgangssprache Phal-skad, die höfliche gesprochene Sprache She-sa, die vor allem in Lhasa benutzt wird, und das klassische Tibetisch Chos-skad, in welchem die klassischen Schriften (v.a. religiöse Texte) verfasst sind. Besonders in den oberen Stilebenen werden zahlreiche Ehrentitel verwendet. Wie in vielen asiatischen Sprachen besitzen häufig gebrauchte Wörter unterschiedliche Formen, um hierarchische Unterschiede auszudrücken.

Phonologie


Das klassische Tibetisch und die moderne tibetische Schriftsprache unterscheiden sich in ihrer schriftlichen Form phonologisch nicht von einander.

Es haben sich jedoch verschiedene tibetische Dialekte entwickelt, die untereinander teilweise nicht verständlich sind. Die moderne Schriftsprache ist pan-dialektal, d.h. wird von Sprechern verschiedener Dialekte verwendet.

Einige zentraltibetische Dialekte haben Töne entwickelt, aber weil östliche Dialekte wie Amdo und westliche wie Balti keine phonemischen Töne haben, kann das Tibetische nicht durchgängig als Tonsprache bezeichnet werden.

Schriftsprache

Die tatsächliche Aussprache des klassischen Tibetisch ist eine Rekonstruktion auf der Grundlage ihrer geschriebenen Form und der modernen tibetischen Dialekte. In der folgenden Darstellung wird neben der tibetischen Schrift die Transkription von Wylie und eine mögliche Rekonstruktion in Internationaler Lautschrift (IPA) angegeben.

Silbenanlaute

=Einfache Anlaute
=

Tibetisch Wylie IPA Tibetisch Wylie IPA Tibetisch Wylie IPA Tibetisch Wylie IPA
-
ka k ca ta d pa p
-
kha cha tɕʰ tha pha
-
ga g ja da t/d ba b
-
nga ŋ nya ɲ na n ma m
-
Tibetisch Wylie IPA Tibetisch Wylie IPA Tibetisch Wylie IPA Tibetisch Wylie IPA
-
tsa ts zha ʑ ra r ha h
-
tsha tsʰ za z la l a
-
dza dz ’a ɦ sha ɕ
-
wa w ya j sa s

=Kombinierte Anlaute
=

Neben den oben angeführten einfachen Anlauten sind auch Konsonantenkombinationen als Silbenanlaute möglich. Traditionell wird nach der Schreibweise unterschieden zwischen Grundanlauten mit darüber-, darunter- und vorangestellen Konsonanten.

Vokale

Die tibetische Schriftsprache unterscheidet fünf Vokale: a, i, u, e und o.

Silbenauslaute

Am Silbenende kommen folgende einfache Konsonanten (in Wylie-Transkription) vor: -g, -ng, -d, -n, -b, -m, -’, -r, -l und -s. Außerdem können noch folgende Konsonantenkombinationen auftreten: -gs, -ngs, -bs und -ms.

Lhasa-Dialekt

Als Dialekt der Hauptstadt der Autonomen Region Tibets und des Großteils der tibetischen Exilgemeinde kommt dem Lhasa-Dialekt eine besondere Rolle zu. In der folgenden Darstellung wird das Lautinventar des Lhasa-Dialekts in Internationaler Lautschrift und der offiziellen Transkription in China (die auf der chinesischen Pinyin-Umschrift beruht) beschrieben, außerdem sind die schriftsprachlichen Entsprechungen in Wylie-Transkription angeführt.

Töne

Der Lhasa-Dialekt hat vier Töne. Für die Angabe in IPA wird hier der Vokal a verwendet. Bei der Angabe in Ziffern bezeichnet 1 die niedrigste Tonhöhe, 5 die höchste.

Register Kontur IPA Ziffern Länge
-
hoch fallend â 53 kurz
-
hoch eben áː 55 lang
-
tief eben bzw. etwas steigend à 12 kurz
-
tief steigend ǎː 14 lang

Silbenanlaute

Die pränasalisierten Anlaute (mp, nt, nts, ɳʈʂ, ɲc, ɲtɕ, ŋk) werden nicht von allen Sprechern bzw. nicht in allen Kontexten pränasalisiert ausgesprochen.

Der Ton einer Silbe hängt vom Anlautkonsonanten ab. Zur Veranschaulichung sind in der Tabelle die Anlaute in Lautschrift jeweils mit dem Vokal a und einem Tonzeichen für das jeweilige Register (hoch oder tief) versehen.

IPA Wylie offiziell
-
p, sp, dp, lpa b
-
rb, sb, db, sbr b
-
mpà lb, ’b b
-
pʰá ph, ’ph b
-
pʰà b p
-
rm, sm, dm m
-
m, mr m
-
w, db w
-
t, rt, lt, st, tw, gt, bt, brt, blt, bst, bld d
-
ntá lth d
-
rd, sd, gd, bd, brd, bsd d
-
ntà zl, bzl, ld, md, ’d d
-
tʰá th, mth, ’th t
-
tʰà d, dw t
-
rn, sn, gn, brn, bsn, mn n
-
n n
-
kl, gl, bl, rl, sl, brl, bsl l
-
l, lw l
-
ɬá lh lh
-
tsá ts, rts, sts, tsw, gts, bts, brts, bsts z
-
tsà rdz, gdz, brdz z
-
ntsà mdz, ’dz z
-
tsʰá tsh, tshw, mtsh, ’tsh c
-
tsʰà dz c
-
s, sr, sw, gs, bs, bsr s
-
z, zw, gz, bz s
-
ʈʂá kr, tr, pr, dkr, dpr, bkr, bskr, bsr zh
-
ʈʂà dgr, dbr, bsgr, sbr zh
-
ɳʈʂà mgr, ’gr, ’dr, ’br zh
-
ʈʂʰá khr, thr, phr, mkhr, ’khr, ’phr ch
-
ʈʂʰà gr, dr, br, grw ch
-
ʂá hr sh
-
r, rw r
-
ky, rky, lky, sky, dky, bky, brky, bsky gy
-
dgy, bgy, brgy, bsgy gy
-
ɲcà mgy, ’gy gy
-
cʰá khy, mkhy, ’khy ky
-
cʰà gy ky
-
tɕá c, cw, gc, bc, lca, py, dpy j
-
tɕà rj, gj, brj, dby j
-
ɲtɕà lj, mj, ’j, ’by j
-
tɕʰá ch, mch, ’ch q
-
tɕʰà j q
-
tɕʰá phy, ’phy q
-
tɕʰà by q
-
ɕá sh, shw, gsh, bsh x
-
ɕà zh, zhw, gzh, bzh x
-
ɲá rny, sny, gny, brny, bsny, mny, nyw ny
-
ɲà ny, my ny
-
g.y y
-
y y
-
k, rk, lk, sk, kw, dk, bk, brk, bsk g
-
rg, sg, dg, bg, brg, bsg g
-
ŋkà lg, mg, ’g g
-
kʰá kh, khw, mkh, ’kh k
-
kʰà g, gw k
-
ŋá rng, lng, sng, dng, brng, bsng, mng ng
-
ŋà ng ng
-
ʔá —, db
-
ʔà
-
h, hw h

Vokale

Im Lhasa-Dialekt gibt es 17 Vokale:

IPA offiziell IPA offiziell
-
i i ĩ in
-
e ê en
-
ɛ ai/ä ɛ̃ ain/än
-
a a ã an
-
u u ũ un
-
o o õ on
-
ɔ o
-
y ü ün
-
ø oi/ö ø̃ oin/ön

Silbenauslaute

Im Lhasa-Dialekt können Silben auf folgende Konsonanten auslauten:

IPA offiziell
-
p b
-
ʔ g/—
-
r r
-
m m
-
ŋ ng

Auslautendes -r fällt häufig aus und führt nur zur Längung des Vokals. Auslautendes -n der geschriebenen Formen führt meist zur Nasalisierung des vorhergehenden Vokals (s.o.).

Sandhi

Beim Aufeinandertreffen von Silben treten einige Lautveränderungen auf.

Grammatik


Tibetisch gehört zu den Ergativsprachen und ist flektierend.

Wie im Chinesischen werden abstrakte Substantive gerne durch Zusammenstellung von gegensätzlichen Adjektiven gebildet. Beispiel: tsha-trang wörtlich "heiß-kalt", d.h. "Temperatur".

Morphologie

Substantive

In der klassischen Schriftsprache werden neun Fälle mit Suffixen markiert, die in der modernen Schriftsprache weitgehend erhalten sind: Absolutiv (nicht markiert), Genitiv (-gi, -gyi, -kyi, -’i, -yi), Ergativ/Instrumental (-gis, -gyis, -kyis, -’is, -yis), Lokativ (-na), Allativ (-la), Terminativ (-ru, -su, -tu, -du, -r), Komitativ (-dang), Ablativ (-nas) und Elativ (-las).

Es gibt mehrere Pluralsuffixe (-rnams, -dag), die jedoch nicht verwendet werden, wenn aus dem Kontext hervorgeht, dass das betreffende Wort im Plural ist.

Verben

Verben flektieren nicht nach Person und Numerus. Jedes Verb hat bis zu vier verschiedene Stämme, die von tibetischen Grammatikern traditionell als Gegenwart (lda-ta), Vergangenheit (’das-pa), Zukunft (ma-’ongs-pa) und Befehlsform (skul-tshigs) bezeichnet werden. Die verschiedenen Stämme werden meist durch Ablaut gebildet, z.B. byed, byas, bya, byos „machen“. Die genaue Funktion dieser Stammformen ist bis heute umstritten.

Die wenigsten Verben können sämtliche vier Stammformen bilden. Dieser Mangel an zeitlichen Ausdrucksformen wird im modernen Tibetisch durch Hilfsverben oder die Beifügung von Suffixen ausgeglichen.

Syntax

Die Satzstellung ist grundsätzlich Subjekt-Objekt-Verb. Adjektive stehen nach dem Substantiv. Adverbialbestimmungen stehen vor dem Verb. Nomen im Genitiv stehen vor dem regierenden Substantiv.

Wortschatz


Schrift


Hauptartikel: Tibetische Schrift, Tibetische Literatur

Das tibetische Alphabet soll im 7. Jahrhundert von Thonmi Sambhoṭa geschaffen worden sein. Der Legende nach erfand er nicht nur die tibetische Schrift, sondern auch die Sprache selbst, die er in einem zweibändigen Werk vollständig beschrieben haben soll.

Literatur


Allgemein

  • Jīn Péng 金鹏 (Hg.): Zàngyǔ jiǎnzhì 藏语简志 (Abriss der tibetischen Sprache; Běijīng 北京, Mínzú chūbǎnshè 民族出版社 1983).
  • Qú Ǎitáng 瞿霭堂: Zàngzú de yǔyán hé wénzì 藏族的语言和文字 (Sprache und Schrift der Tibeter; Běijīng 北京, Zhōngguó Zàngxué chūbǎnshè 中国藏学出版社 1996), ISBN 7-80057-278-1.
  • Zhōu Jìwén 周季文, Xiè Hòufāng 谢后芳: Zàngyǔ Lāsàhuà yǔfǎ 藏语拉萨话语法 (Grammatik des Lhasa-Dialekts; Běijīng 北京, Mínzú chūbǎnshè 民族出版社 2003), ISBN 7-105-05659-2.
  • Wáng Zhìjìng 王志敬: Zàngyǔ Lāsà kǒuyǔ yǔfǎ 藏语拉萨口语语法 (Grammatik der tibetischen Umgangssprache von Lhasa; Běijīng 北京, Zhōngyāng mínzú dàxué chūbǎnshè 中央民族大学出版社 1994), ISBN 7-810-01359-9.

Wörterbücher

  • Jäschke, Heinrich August: A Tibetan-English Dictionary (London, 1881; unzählige Nachdrucke).
  • Goldstein, Melvyn C.; Shelling, T. N.; Surkhang, J. T.: The New Tibetan-English Dictionary of Modern Tibetan (University of California Press 2001), ISBN 0520204379.
  • Goldstein, Melvin C.: English-Tibetan Dictionary of Modern Tibetan (Paljor 2002), ISBN 8185102465.
  • bod rgya shan sbyar gyi lha sa'i kha skad tshig mdzod བོད་རྒྱ་ཤན་སྦྱར་གྱི་ལྷ་སའི་ཁ་སྐད་ཚིག་མཛོད། / Zàng-Hàn duìzhào Lāsà kǒuyǔ cídiǎn 藏汉对照拉萨口语词典 (Tibetisch-chinesisches Wörterbuch der Umgangssprache von Lhasa; Běijīng 北京, Mínzú chūbǎnshè 民族出版社 1983).

Lehrbücher

  • Tibetisch Wort für Wort, Band 33 Reise Know-How, Florian Reissinger, ISBN 3-89416-541-3
  • Bartee, Ellen; Nyima Droma sGrol-ma: A beginning textbook of Lhasa Tibetan (Běijīng 北京, Zhōngguó Zàngxué chūbǎnshè 中国藏学出版社 2000), ISBN 7-80057-430-X.
  • Goldstein, Melvyn C.; Gelek Rimpoche, Lobsang Phuntshog: Essentials of modern literary Tibetan. A reading course and reference grammar (University of California Press 2001), ISBN 0520076222.
  • Zàngwén pīnyīn jiàocái - Lāsàyīn 藏文拼音教材•拉萨音 / bod yig gi sgra sbyor slob deb, lha sa'i skad བོད་ཡིག་གི་སྒྲ་སྦྱོར་སློབ་དེབ། ལྷ་སའི་སྐད། (Lehrmaterial für die Transkription des Tibetischen, Lhasa-Dialekt; Běijīng 北京, Mínzú chūbǎnshè 民族出版社 1983), ISBN 7-105-02577-8.

Weblinks


Tibetische Sprache

Tibeteg | Tibetština | Tibetan language | Tibeta lingvo | Idioma tibetano | Tiibetin kieli | Tibétain | チベット語 | Tibetaans | Język tybetański | Тибетский язык | Tibetčina | Tibetanska | Tiếng Tây Tạng | Tibetin | 藏语

 

This article is licensed under the GNU Free Documentation License. It uses material from the "Tibetische Sprache".

Home Pageartsbusinesscomputersgameshealthhospitalshomekids & teensnewsphysiciansrecreationreferenceregionalscienceshoppingsocietysportsworld