Thukydides.jpg | Thukydides_night.jpg Thukydides (* um 460 v. Chr.; † wohl zwischen 399 v. Chr. und 396 v. Chr.) war ein aus Athen stammender General und Historiker. Gesichert zugeschrieben wird ihm nur Der Peloponnesische Krieg (der Originaltitel ist nicht überliefert). Dieses Werk, mit dem er die wissenschaftliche Geschichtsschreibung begründete, machte ihn zum bedeutendsten Historiker der Antike.
Der Name seines Vaters deutet sowohl auf eine thrakische wie auch auf eine königliche Herkunft (Herodot 6,39), was zumindest ungewöhnlich für athenische Verhältnisse war. In Thrakien verfügte die Familie wahrscheinlich über ererbte Bergwerkskonzessionen (Goldbergwerke). Auch seine Beschreibungen der thrakische Wildheit, Wirtschaft und Mythologie in seinem Werk muten sehr sachverständig an. In diesem Licht erscheint es nicht verwunderlich, dass ausgerechnet Thukydides 424 v. Chr. als einer der beiden athenischen Strategen in Thrakien eingesetzt wurde.
Bei Ausbruch des Peloponnesischen Krieges 431 v. Chr. war Thukydides ca. 30 Jahre alt. Da er dessen Bedeutung schon früh erkannte, begann er, Aufzeichnungen darüber anzufertigen. Als im Jahr 430 v. Chr. die „Pest“ in Athen ausbrach, erkrankte Thukydides an dieser Krankheit, deren Verlauf er ausführlich in seinem Werk schildert. Seine anschauliche und sachverständige Darstellung der Krankheit ist heute eine wichtige Quelle für Medizinhistoriker. Interessant ist nicht nur Thukydides' Wissen um die Krankheit, sondern auch um die gewonnene Immunität nach überstandener Krankheit.
Im Jahre 424 v. Chr. bekleidete er das Amt eines Strategos in der Nord-Ägäis und war in Thrakien stationiert. Den Verlust der strategisch wichtigen Stadt Amphipolis an die völlig überraschend unter ihrem General Brasidas angreifenden Spartaner konnte er nicht verhindern – er kam mit seiner Flotte wenige Stunden zu spät. Er wurde für diese Niederlage, obwohl unverschuldet, abgesetzt und auf Vorschlag Kleons von der Volksversammlung aus Athen verbannt. Es ist nicht gesichert, ob er wirklich die Verurteilung abwartete (häufig wurden Strategen auch mit dem Tod bestraft), oder ob er sich der Verurteilung nicht schon durch Flucht entzogen hatte. In seinem Geschichtswerk versuchte er sich nicht zu entlasten oder die Schuld seinem Mitstrategen Eukles anzulasten.
Das Exil verbrachte er vor allem auf den Besitzungen seiner Familie in Thrakien. Dort schrieb er auch sein berühmtes Werk nieder. Mit den Aufzeichnungen begann er zwar schon bei Kriegsbeginn, jedoch deuten Bemerkungen über das Kriegsende im Werk darauf hin, dass die eigentliche Niederschrift erst nach Kriegsende 404 v. Chr. erfolgte. Nach seinem Ausscheiden als aktiver Kriegsteilnehmer nutzte er die Zeit, um zu reisen und Informationen zu sammeln. Die teilweise recht detaillierten Ortsbeschreibungen lassen die Vermutung zu, dass er einige Schauplätze des Krieges zu Recherchezwecken selbst bereiste, zum Beispiel Sizilien. Auch in Sparta hat er sich zeitweise aufgehalten. Nach neueren Forschungen ist es möglich, dass Thukydides zumindest längere Zeit in Korinth gelebt hatte, was seine besonders detaillierten Kenntnisse und Beschreibungen der Stadt nahelegen. 420 v. Chr. scheint er die Olympischen Spiele besucht zu haben.
Das genaue Datum seines Todes ist nicht bekannt, genauso wenig wie die Todesursache. Allerdings kann man einige Hinweise in seinem Werk finden, wann er noch gelebt hatte. Seine Beschreibung des makedonischen Königs Archelaos klingt wie ein Nachruf. Da dieser 399 v. Chr. verstarb kann man annehmen, dass Thukydides zu diesem Zeitpunkt noch lebte. Sollte eine Inschrift, die man in Thasos fand (die in das Jahr 397 v. Chr. datiert wird) und die einen gewissen Lichas noch als lebend nennt, denselben Lischas betreffen, von dessen Tod Thukydides berichtet (8,84,5), schrieb er mindestens noch 397 v. Chr. an seinem Werk.
Die so genannte Thukydideische Frage, nämlich ob das Werk in Etappen oder als Ganzes entstanden ist, ist in der Forschung bis heute umstritten.
Bei der Auswahl des Quellenmaterials ging Thukydides nach eigenen Aussagen systematisch und nach dem Grundsatz der Genauigkeit vor (Thuk. I. 22,2 f.). Das Werk selbst ist klar strukturiert, in einem nüchternen, knappen Stil verfasst, wobei sich in den (stilisierten) Reden der Einfluss der sophistischen Rhetorik bemerkbar macht: Die Idee von Rede und Gegenrede (die dissoi logoi) war in dieser Zeit sehr einflussreich. Die Reden stellen ohnehin ein Herzstück des Werkes dar, wobei diese Art der Darstellung sich teilweise an die Tragödiendichtung anlehnt. Letztlich handelt es sich bei den Reden um literarische Schöpfungen des Thukydides, die höchstens im Kern "dem tatsächlich Gesagten" entsprechen. Die geschichtsphilosophischen Erwägungen heben das Geschichtswerk deutlich von Herodots Werk ab: Thuykdides analysiert sowohl innenpolitische Konflikte (wie die stasis in Kerkyra) als auch die Verzahnung der Innen- mit der Außenpolitik (exemplarisch kann dafür das Wirken des Alkibiades angeführt werden). Allerdings ist seine Darstellung der griechischen Frühgeschichte (Archailogia) weitgehend wertlos, und auch die Darstellung der Pentekontaetaia weist schmerzhafte Lücken auf, wohingegen die Schilderung des Krieges mit großer Ausfühlichkeit erfolgt – freilich nicht ohne Selektion und immer auch mit der Intention verbunden, uns die Sicht der Dinge so nahezubringen, wie sie Thukydides verstand. Dies ist denn auch das große Problem bei der Beschäftigung mit seinem Werk.
Thukydides wollte nicht nur den gewaltigen Krieg zwischen den Bündnissystemen Athens und Spartas beschreiben, er suchte auch nach den anthropologischen Ursachen und ging der Frage nach, wie eine Hegemonialmacht zu Grunde gehen kann. Sein Hauptaugenmerk galt dabei der Macht, die er als Triebfeder des Politischen erkannte. Nirgends wird dies deutlicher als im berühmten Melierdialog (Thuk V. 85 ff.). Dieser gipfelt in der zynischen Feststellung der Athener, dass Recht und Gerechtigkeit nur zwischen Gleichstarken gelten könnten, und dass moralische Entrüstung über die Unterwerfung der Schwachen (hier also der Insel Melos) durch die Starken (Athen) unangebracht sei. Dabei weist Thukydides auch auf die Verrohung der Sitten hin, zu welcher der Krieg geführt habe, ähnlich wie bei der Beschreibung des Bürgerkriegs in Kerkyra.
Thukydides trennte vorgeschobene Anlässe von den (seiner Meinung nach) wahren Ursachen des Konflikts, der die Geschichte des klassischen Griechenlands nachhaltig verändern sollte. Die wahre Ursache für den Ausbruch des Krieges sah Thukydides im Großmachtstreben Athens, dem sich die alte Hegemonialmacht Sparta widersetzte. Für Thukydides ist dabei der Athener Perikles der Prototyp eines großen Staatsmannes, auch wenn er Athen in den Krieg steuerte; allerdings scheint Thukydides die Meinung vertreten zu haben, dass die Strategie des Perikles die erfolgversprechendste für einen Sieg Athens gewesen wäre.
Bei der Darstellung der Kriegsereignisse verfährt Thukydides nach dem chronologischen Muster von Jahreszeiten – eine Neuerung für die Griechen, die eine einheitliche Jahreszählung noch nicht kannten. Dabei werden manche Ereignisse recht knapp, andere hingegen sehr ausführlich behandelt, wobei gerade in den Reden teilweise eine beeindruckende Argumentationskette aufgebaut wird.
Die wissenschaftliche Haltung eint Thukyidides mit seinem Zeitgenossen Hippokrates, der die empirische und vernunftbasierte Herangehensweise in die Medizin einführte. Dies wird vor allem in seiner Analyse der Pestepidemie deutlich.
Gerade die rationale und kühle Analyse der Politik – sein Werk sollte schließlich, in didaktischer Absicht, ein „Besitz für alle Zeit“ (ktéma eis aeí) sein und den Zynismus der Handelnden aufdecken – macht dieses Werk so bedeutend, trotz vieler Kritikpunkte. Dabei stellt Thukydides außerdem fest, dass sich das Wesen der Menschen nicht grundlegend ändere. Das Werk geht in seiner das geschichtliche Wirken tief durchdringenden Weise weit über eine bloß aufzählende Kriegs-Chronik hinaus.
Durch solcherlei Abstraktion ist es schwierig, die Intention des Thukydides vom eigentlichen Zeitgeschehen zu trennen, vor allem, wenn manchem Redner die Meinung des Thukydides in den Mund gelegt wird (wie die berühmte Grabrede des Perikles 34 ff., die wohl so nie gehalten wurde), auch wenn sich die Reden angeblich so nah wie möglich am tatsächlich Gesagten orientieren. Zudem arrangierte Thukydides sein Werk derart, dass vor allem seine Betrachtungsweise der Realpolitik deutlich wurde – was ihn freilich dazu verleiten konnte, manche Ereignisse stilisiert wiederzugeben oder manche überhaupt nicht anzusprechen, wie etwa den so genannten Kalliasfrieden: Thukydides erwähnt den Frieden nicht, obwohl es ihn wahrscheinlich gegeben hat (zu diesem Punkt siehe Forschungsproblematik des Kalliasfriedens).
Thukydides tritt nicht vollständig hinter die Handlung zurück, er orientiert sich jedoch weitgehend am Grundsatz der größtmöglichen Objektivität. Daran besteht auch in der modernen Forschung wenig Zweifel: zwar lassen sich nicht alle Angaben des Thukydides verifizieren, aber doch ein guter Teil (wie Vergleiche mit Inschriften oder die Methodik der Prosopographie belegen). Dass uns allein Thukydides als Hauptquelle für einen wichtigen Zeitabschnitt der antiken Geschichte zur Verfügung steht und wir seine persönlichen Auswahlkriterien nicht immer kennen, muss in diesem Kontext stets mitbedacht werden. Gerade seine methodische Entscheidung, nur das zu berichten, was er selbst für plausibel und korrekt hielt, versperrt uns heute mitunter die Sicht auf andere mögliche Versionen. Wir sind vom Urteil des Thukydides abhängig.
In der Moderne wurde er als 'Vater der politischen Geschichtsschreibung' gefeiert und seine (vermeintliche?) Objektivität gerühmt. Macchiavelli, Thomas Hobbes (stark von ihm beeinflusst), David Hume, Immanuel Kant, Hegel und Nietzsche (um nur einige Beispiele zu nennen) priesen ihn, ebenso wie viele Historiker der Neuzeit.
Die Geschichte des Thukydides ist das Werk eines großen und scharfsinnigen Geistes. Vielleicht ist es sogar das größte und bedeutendste Geschichtswerk, welches jemals geschrieben wurde. Es entwickelte, trotz seiner Komplexität, die es nicht gerade leicht machte, das Werk zu erfassen. eine ungeheure Breitenwirkung bis in unsere heutige Zeit hinein (siehe den berühmten Melierdialog; Thukydides Worte über die Demokratie 37 standen – vor ihrer Streichung – als Motto des Textentwurfs zur EU-Verfassung; siehe die politische Geschichtsschreibung als solche). Am Naval War College in Newport, USA, – ebenso wie an anderen Militärakademien – ist das Werk beispielsweise Pflichtlektüre.
Trotzdem muss gesagt werden, dass gerade die Wirkungsmächtigkeit seines Werkes die modernen Historiker dazu verleiten kann, seine Darstellung unreflektiert zu übernehmen. Thukydides verfährt in Teilen recht selektiv, von der Problematik der Reden ganz zu schweigen (siehe oben). Seine pessimistische Weltsicht war zwar in der Neuzeit enorm einflussreich, doch greift seine Vorstellung, der Mensch sei letztlich nur von Machtstreben bestimmt, wohl doch zu kurz.
Und dennoch war sein von der Sophistik beeinflusstes Geschichtsverständnis einmalig, denn er unterschied erstmals streng zwischen Ursache und Anlass, womit er den Schritt zur wissenschaftlichen Beurteilung eines Geschehens machte. So kritisch man im Einzelnen verfahren kann, so bleibt doch der Gesamteindruck eines intelligenten und scharfsinnigen Autors bestehen, der mit seiner Monographie über den Peloponnesischen Krieg ein bedeutendes Werk geschaffen hat.
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