Die Thidrekssaga ist eine umfangreiche Sagenkompilation des 13. Jahrhunderts in altnordischer Sprache; neben der älteren norwegischen existiert auch eine knappere schwedische Fassung aus dem 15. Jahrhundert (Didrikskrønike). Die Saga erzählt in Prosa das Leben des Helden Thidrek af Bern, der im deutschen Sprachraum als Dietrich von Bern bekannt war. Der Sagaschreiber gibt an, seine Erzählung sei "zusammengestellt nach der Erzählung deutscher Männer, teilweise nach ihren Liedern, womit man große Herren unterhalten soll". Vorlage der Saga waren also offenbar Quellen aus dem niederdeutschen Raum (Sachsenland), teils in Prosa, teils in Versen. Seit dem Hochmittelalter, mit dem Eindringen einer niederdeutsch geprägten Adels- und Kaufmannskultur in den Norden (vgl. Hanse), vergrößerte sich das skandinavische Interesse an Dietrich zunächst in Dänemark, Schweden und Norwegen.
Um die Gestalt des im Kern historischen Dietrich von Bern - der in Verona (mittelhochdeutsch "Bern") residierende Ostgotenkönig Theoderich - wurden eine größere Zahl ursprünglich in andere Kontexte gehörende Heldensagen wie diejenige von Siegfried, die Nibelungensage, die Sage von Wieland dem Schmied und die Wilzensage gruppiert, deren Protagonisten mittels Gefolgschaft oder fiktiver Verwandtschaft mit Thidrek verknüpft werden. Die Quellen der Sagenkompilation sind nicht erhalten. Daher gewinnt die Thidrekssaga auch einen Quellenwert für die mündliche Sagenüberlieferung auf deutschem Boden im 12./13. Jahrhundert, etwa in Form des Heldenzeitliedes.
Neben dem historischen Dietrich von Bern bzw. Ostgotenkönig Theoderich wurde von der Forschung auch ein anderer möglicherweise historischer Thidrek ins Spiel gebracht, der im Frühmittelalter an den Kämpfen zwischen germanischen und slawischen (Wilzen) Stämmen zwischen Rhein und Elbe beteiligt gewesen sein soll. Es entspräche dem Wesen von Sagenüberlieferung, wenn entweder in der Thidrekssaga oder in ihren niederdeutschen Quellen ein Stoff, der ursprünglich nicht in den Kreis der Dietrich-Dichtung gehörte, aufgrund einer Namenidentität an diesen angebunden wurde.
Einer breiteren deutschen Öffentlichkeit ist die Thidrekssaga seit einigen Jahrzehnten ein Begriff geworden, weil die Publizisten Heinz Ritter-Schaumburg und Reinhard Schmoeckel sie zu Hauptzeugen für eine sagenhistorische Neuinterpretation des Nibelungenstoffs erhoben. In einigen medienwirksamen Veröffentlichungen vertraten sie die These, dass die Thidrekssaga nicht als später Ausläufer der ursprünglich südgermanischen Dietrichsepik, sondern als Bericht von historischen Ereignissen im norddeutschen Raum des 5./6. Jahrhunderts n. Chr. zu gelten habe. Daher habe die Thidrekssaga als historische Quelle für die germanische Frühgeschichte des Rhein-Weser-Raums einen hohen Wert.
Ritter-Schaumburg nahm eine verloren gegangene Frühfassung ("Svava") der schwedischen Überlieferung an, die vor der Umgestaltung der Stadt Soest (1170-1180) geschrieben sein soll bzw., wie Ritter-Schaumburg noch 1992 behauptete, bereits vor oder in der Zeit Karls des Großen vorgelegen habe. Für eine solche "Urfassung" fehlen allerdings nicht nur jegliche Belege, sondern sie wäre auch eine historische Unmöglichkeit, da es keine schriftliterarische Gattung gibt, der eine solche volkssprachige Prosaerzählung angehört haben könnte. "Svava" ist zudem ein Geisterwort. Ritter-Schaumburg hat die gängige Abkürzung für die altschwedische Version der Thidrekssaga (Didrikskrønike aus dem 15. Jahrhundert), nämlich "Sv", wie sie von Bertelsen in seiner Ausgabe von 1905-11 zusammenfassend für die Skoklosterhandschrift Nr. 115-116, quarto, und die Handschrift K 45 in der Königlichen Bibliothek Stockholm verwendet wurde, offensichtlich missverstanden und willkürlich zu "Svava" ergänzt. In Wirklichkeit steht "Sv" für "svensk" = "schwedisch".
Unter Fachgermanisten - die sich zuvor mit der Thidrekssaga wenig beschäftigt hatten, da diese als spätere Kopie und sekundäre Zusammenfügung anderer, älterer Einzelsagen gilt - werden die Thesen Ritter-Schaumburgs kritisch betrachtet. Sie zweifeln vor allem die Gleichsetzung von "Bern" und "Bonn" an, auf der die Argumentation Ritter-Schaumburgs im wesentlichen basiert, und halten seine Methoden für unwissenschaftlich, weil Ritter-Schaumburg gesicherte literarhistorische Erkenntnisse über die Sagen- und Geschichtsüberlieferung der germanischsprachigen Völker ignoriert.
Literarisches Werk | Mittelalter (Literatur) | Literatur (Altnordisch) | Roman, Epik
This article is licensed under the GNU Free Documentation License.
It uses material from the
"Thidrekssaga".
Home Page • arts • business • computers • games • health • hospitals • home • kids & teens • news • physicians • recreation• reference • regional • science • shopping • society • sports • world