Theodor Ludwig Wiesengrund-Adorno (* 11. September 1903 in Frankfurt am Main; † 6. August 1969 in Visp, Schweiz) war ein deutscher Philosoph, Soziologe, Musiktheoretiker und Komponist.
Adorno selber charakterisierte sich als nach Herkunft und früher Entwicklung, Künstler, Musiker, doch beseelt von einem Drang zur Rechenschaft über die Kunst und ihre Möglichkeit heute, in dem auch Objektives sich anmelden wollte, die Ahnung von der Unzulänglichkeit naiv ästhetischen Verhaltens angesichts der gesellschaftlichen Tendenz. Er war bereits als junger Musikkritiker und noch als akademischer Lehrer der Soziologie vor allem Philosoph. Als Komponist blieb er stets der Schüler seines Lehrers Alban Berg. Der Titel eines Sozialphilosophen, der Adorno häufig verliehen wird, hebt auf den gesellschaftskritischen Schwerpunkt seines Philosophierens ab, dem nach 1945 die intellektuell führende Rolle im Frankfurter Institut für Sozialforschung entsprach.
Im Elternhaus wohnte auch Adornos Tante Agathe, eine Schwester seiner Mutter, die ebenfalls Sängerin, aber in erster Linie Pianistin war. Vor allem am vierhändigen Klavierspiel beteiligte sich der Junge von klein auf mit Leidenschaft. Ein Übriges zum Glück der Kindheit tat die alljährliche „Sommerfrische“ der Familie in Amorbach (Odenwald). Am Kaiser-Wilhelm-Gymnasium (heute Freiherr vom Stein Gymnasium) in Frankfurt wusste das Wunderkind zu glänzen: Bereits mit 17 Jahren machte er das Abitur als „bester von allen“. Neben der Schule hatte er (bei Bernhard Sekles) Privatunterricht in Komposition genommen (1923 Aufführung eines eigenen Streichquartetts) und sich an vielen Samstagnachmittagen gemeinsam mit dem 14 Jahre älteren Freund Siegfried Kracauer in eine wissenssoziologische Lektüre von Kants „Kritik der reinen Vernunft“ vertieft. „Nicht im leisesten übertreibe ich, wenn ich sage, daß ich dieser Lektüre mehr verdanke als meinen akademischen Lehrern.“ An der heimischen Universität belegte er ab 1921 Philosophie, Musikwissenschaft, Psychologie und Soziologie. Das Studium absolvierte der Frühreife zügig: Ende 1924, noch nicht mündig, schloss er es mit einer Dissertation über Edmund Husserl „summa cum laude“ ab; die Arbeit, die er ganz im Geist seines Lehrers Hans Cornelius abfasste, war reine Schulphilosophie, die noch kaum etwas von Adornos späterem Denken ahnen ließ. Inzwischen war er seinen wichtigsten intellektuellen Weggefährten begegnet: Max Horkheimer und Walter Benjamin.
Bereits während der Frankfurter Studienzeit publizierte Adorno zahlreiche Artikel als Musikkritiker; in der Tätigkeit des Musikkritikers mag er zeitweilig sogar seinen künftigen Beruf gesehen haben. Die Bekanntschaft mit Alban Berg, dessen Oper „Wozzeck“ er 1924 kennenlernte, nutzte er ab Januar 1925 zu einem „Aufbaustudium“ in Komposition an dessen Wirkungsstätte in Wien. Sein Klavierspiel vervollkommnete Adorno gleichzeitig bei Eduard Steuermann, dem maßgeblichen Pianisten der Zweiten Wiener Schule, der die meisten Klavierwerke Schönbergs uraufgeführt hat. Auch zu den beiden anderen Protagonisten der Zweiten Wiener Schule bahnte Adorno Beziehungen an: zu Arnold Schönberg und Anton von Webern. Vor allem Schönbergs revolutionäre Atonalität, aber auch seine Zwölftonkompositionen spielten für Adorno bei der Entfaltung seiner Philosophie der neuen Musik eine entscheidende Rolle. Schönberg selbst zeigte sich allerdings von diesen Versuchen sozialphilosophischer Deutung seiner Musik wenig beeindruckt.
Auch wenn Adorno vor 1945 immer komponiert hat, so waren die Jahre um seinen Wiener Aufenthalt doch die kompositorisch intensivsten. Unter seinen Kompositionen machen eine Reihe von Klavierliederzyklen den umfangreichsten, auch den gewichtigsten Teil aus. Daneben hat er Orchesterstücke, Kammermusik für Streicher und a capella-Chöre komponiert und französische Volkslieder bearbeitet, später, in der Emigration, auch Klavierstücke von Schumann für kleines Orchester instrumentiert. 1926 wurden die Zwei Stücke für Streichquartett, op. 2, durch das Kolisch-Quartett uraufgeführt. Alban Berg stellte daraufhin seinen Schüler als vollgültigen Vertreter der Zweiten Wiener Schule dem Schuloberhaupt Schönberg vor. Nur die Sechs kurzen Orchesterstücke, op. 4, deren Partitur 1968 bei Ricordi in Mailand erschienen ist, sind zu Adornos Lebzeiten gedruckt worden. Gespielt wurden der Komponist Adorno vor 1933 gelegentlich, erst seit den fünfziger Jahren häufiger. Dirigenten vom Rang Gary Bertinis, Michael Gielens, Giuseppe Sinopolis und Hans Zenders setzten sich für den Komponisten Adorno ebenso ein wie Walter Levin mit dem LaSalle-Quartett. Die Pianistin Maria Luisa Lopez-Vito hat seit 1981 die Klavierstücke Adornos nach und nach bei Konzerten in Palermo, Bozen, Berlin, Hamburg und an anderen Orten uraufgeführt. Frühe Streichquartette wurden vom Neuen Leipziger Streichquartett, Streichtrios vom Freiburger trio recherche uraufgeführt. Unter dem beschämend schwachen Echo allerdings, das seinen Kompositionen zu seinen Lebzeiten beschieden war, hat Adorno nicht wenig gelitten; diese Enttäuschung dürfte dazu beigetragen haben, dass er allmählich seine Ambitionen als Komponist zugunsten einer Laufbahn als akademischer Lehrer der Philosophie zurückstellte.
Von 1928 bis 1931 war er leitender Redakteur der musikalischen Avantgarde-Zeitschrift „Anbruch“. Für seine Konzert- und Opernkritiken, die Adorno bis 1933 weiterhin schrieb, war von früh an der philosophische Anspruch charakteristisch gewesen. Adornos Wiener Zeit stand unter dem Eindruck von Karl Kraus, dessen Lesungen er zusammen mit Alban Berg besuchte, und, in geringerem Maß, von Georg Lukács, dessen „Theorie des Romans“ bereits den Abiturienten begeistert hatte, während „Geschichte und Klassenbewußtsein“ für Adornos Marx-Rezeption wichtig wurde. Mit dem Prager Schriftsteller und Musiker Hermann Grab verband Adorno in dieser Zeit eine enge Freundschaft.
Zurück aus Wien, blieb Adorno zunächst ein weiterer Misserfolg nicht erspart: Eine umfangreiche philosophisch-psychologische Abhandlung „Der Begriff des Unbewußten in der transzendentalen Seelenlehre“, gegen die sein Doktorvater Hans Cornelius und auch dessen Assistent Max Horkheimer Bedenken hatten, zog er daraufhin Anfang 1928 als Habilitationsschrift zurück. Auch mit dieser Arbeit hatte Adorno sich noch auf den Standpunkt der Cornelius'schen Version des transzendentalen Idealismus gestellt; einen Standpunkt, den er aber sehr schnell wieder verlassen sollte, im Grunde mit den letzten Seiten dieser sogenannten ersten Habilitationsschrift schon aufgegeben hatte. Auf ihnen kündigte sich bereits der Übergang der Adornoschen Philosophie zum Materialismus an. Er hing, wenn man Namen nennen will, mit der Ablösung von Cornelius und dem Anschluss an Walter Benjamin auf das engste zusammen.
Drei Jahre später erhielt Adorno die „Venia legendi“ mit dem Manuskript „Kierkegaard – Konstruktion des Ästhetischen“, die von Paul Tillich angenommen wurde. Die Arbeit war im Druck dem Freund Kracauer gewidmet, sie bildet zugleich eine Art Abschied von Adornos früherem Denken, das, auch unter Kracauers Einfluss, der Existenzphilosophie Kierkegaards in stärkerem Maß verpflichtet gewesen ist, als die Sekundärliteratur bisher erkannt hat. Adornos Antrittsvorlesung als Privatdozent im Mai 1931 handelte von der „Aktualität der Philosophie“; Adorno selber hat diese Arbeit später nicht mehr erwähnt; aus seinem Nachlass zum ersten Mal gedruckt, zeigte sich, dass der Text programmatisch für sein späteres Gesamtwerk war. Darin wurde erstmals ausdrücklich der Begriff der Totalität in Frage gestellt, was bereits auf sein gegen Hegel gerichtetes Diktum „Das Ganze ist das Unwahre“ vorausdeutete, das später zu einer Art „Erkennungsmelodie“ der Adornoschen Philosophie werden sollte. Weiter entwickelte Adorno in der Antrittsvorlesung seine Konzeption von Philosophie als „Deutung“, und dies lange bevor die Hermeneutik zu einer Mode wurde. Auch vom Positivismus wie von der Philosophie Heideggers, Adornos späteren Hauptgegnern, setzte er sich bereits in „Die Aktualität der Philosophie“ eindeutig ab. Zu den ersten Lehrveranstaltungen Adornos gehörte ein Seminar über Benjamins Abhandlung „Ursprung des deutschen Trauerspiels“. 1932 war der Aufsatz „Zur gesellschaftlichen Lage der Musik“ sein Beitrag zum ersten Heft der Zeitschrift für Sozialforschung, die Horkheimer herausgab; in dessen Institut sollte er jedoch erst 1938 eintreten. Denn kaum hatte der Philosoph Adorno zu sprechen begonnen, da wurde er schon wieder zum Schweigen verurteilt: seine Lehrtätigkeit endete mit dem Wintersemester 1933; das Naziregime entzog ihm im Herbst die Befugnis zur akademischen Lehre.
Seit den späten zwanziger Jahren war Berlin zunehmend wichtig für Adorno geworden. Hier lebte die promovierte Chemikerin Margarete („Gretel“) Karplus (1902-1993), die Adorno 1923 in Frankfurt kennengelernt hatte und die er 1937 in London heiraten sollte. Benjamin und Ernst Bloch, die für ihn wichtig waren, lebten ebenso in Berlin, wie er hier auch Kurt Weill, Hanns Eisler und Bertolt Brecht begegnete. An der Kroll-Oper verfolgte Otto Klemperer Opern-Pläne, in denen Adorno eigene Vorstellungen realisiert fand; zur Uraufführung des „Wozzeck“ begleitete er im Dezember 1925 Berg nach Berlin. An eine lange Dauer des Naziregimes mochte er anfangs nicht denken, er glaubte, unter ihm „überwintern“ zu können. Einige Zeit machte er sich vergeblich Hoffnung auf den Posten eines Musikkritikers bei der Vossischen Zeitung. 1934 emigrierte er dann doch nach England, um sich in Oxford nochmals zu habilitieren. Als Postgraduierter betrieb er ein eingehendes Studium der Philosophie Husserls und bereitete ein größeres Buch über sie vor, das jedoch erst 1956 beendet wurde und unter dem Titel „Zur Metakritik der Erkenntnistheorie“ erschienen ist. Um sein Leben in England finanzieren zu können, musste Adorno regelmäßig nach Deutschland zurückkehren, da die Devisenbestimmungen nur die Ausfuhr geringer Beträge erlaubten. So konnte er wenigstens die Sommerferien bis 1936 mit seinen Eltern und bei seiner Lebensgefährtin verbringen. 1936 erschien in der Zeitschrift für Sozialforschung unter Pseudonym die Arbeit „Über Jazz“, weniger eine Auseinandersetzung mit dieser besonderen Musikrichtung, als vielmehr Adornos erste prinzipielle Polemik gegen die aufkommende Unterhaltungs- und Kulturindustrie. Der in dieser Zeit intensive briefliche Kontakt mit dem bereits im amerikanischen Exil lebenden Horkheimer mündete in dessen Angebot einer existenzsichernden wissenschaftlichen Tätigkeit jenseits des Atlantiks.
Vor der Übersiedlung nahm Adorno in Brüssel Abschied von den Eltern, die 1939 nachkommen konnten, und in San Remo von Walter Benjamin, der in Europa zurückblieb und mit dem der briefliche Gedankenaustausch intensiviert wurde. In New York wurde Adorno offizielles Mitglied von Horkheimers Institut for Social Research, seine Hauptarbeit bestand in der Leitung des musikalischen Teils des von dem österreichischen Soziologen Paul Lazarsfeld ins Leben gerufenen Princeton Radio Research Projects, eines frühen Forschungsunternehmens zur Massenkommunikation. Differenzen zwischen dem radikal-positivistischen Empiriker Lazarsfeld und dem theoretisch interessierten Adorno führten zur Beendigung des Forschungsauftrags, der zugleich Adornos umfangreichste Untersuchung in englischer Sprache hervorbrachte: die unter dem Titel „Current of Music“ zusammengefassten Studien, deren Rekonstruktion der von Robert Hullot-Kentor herausgegebenene gleichnamige Band der „Nachgelassenen Schriften“ darstellt. Die Aufmerksamkeit Adornos verlagerte sich danach auf die direkte Zusammenarbeit mit Horkheimer, die 1941 mit seinem Umzug nach Los Angeles begann, wohin Horkheimer schon vorher übergesiedelt war.
Hier entstand die „Dialektik der Aufklärung“, das Hauptwerk der Kritischen Theorie in dieser Phase. Angesichts der Shoah, der industriell organisierten Vernichtung der europäischen Juden, versuchten die beiden Autoren, eine Geschichtsphilosophie der Gesellschaft nach Auschwitz zu entwickeln, die die bislang für sie gültige marxistisch-dialektische Lehre ablösen sollte. Was in Auschwitz und in den anderen Vernichtungslagern geschehen ist, bedeutete für Adorno und Horkheimer nicht weniger als den Zusammenbruch der bisherigen Kultur; auch Philosophie konnte nicht länger betrieben werden wie bisher. Die ersten Sätze des Buches fassen die Diagnose der Autoren keimhaft zusammen: Seit je hat Aufklärung im umfassendsten Sinn fortschreitenden Denkens das Ziel verfolgt, von den Menschen die Furcht zu nehmen und sie als Herren einzusetzen. Aber die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils. Für Adorno war es seither „ungewiß, ob Philosophie, als Tätigkeit des begreifenden Geistes, überhaupt noch an der Zeit sei. Für Kontemplation scheint es zu spät. Was in seiner Absurdität zutage liegt, sträubt sich gegens Begreifen.“ So kulminiert die „Negative Dialektik“, Adornos erst nach seiner Rückkehr verfasstes Spätwerk, denn auch in der Aufstellung eines neuen kategorischen Imperativs, den „Hitler den Menschen aufgezwungen“ habe: „Ihr Denken und Handeln so einzurichten, daß Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe.“ Wenn Adorno sich nach 1945 nicht mehr als Komponist betätigte, dann entsprach er damit auf eigene Weise seinem so unerbittlichen wie berühmt gewordenen Wort: „Nach Auschwitz noch ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch.“
In den 40er Jahren hat Adorno die „Philosophie der neuen Musik“ und, gemeinsam mit Hanns Eisler, die „Komposition für den Film“ geschrieben, eine Art positiven Gegenstücks zur Kritik der „Radiomusik“ in „Current of Music“. Ebenfalls arbeitete er, im Rahmen einer Forschungsgruppe der University of Berkeley und des Institute of Social Research, an der Studie über „The Authoritarian Personality“ mit, die Teil eines groß angelegten Forschungsprojektes über die Ursachen von antisemitischen Vorurteilen war; in Adornos Denken hatte das 1950 veröffentlichte Buch die Funktion, die zentrale Theorie der „Dialektik der Aufklärung“ an empirischem Material zu überprüfen. 1950 ist Adorno Mitverfasser der soziologischen Studie "Die autoritäre Persönlichkeit", die den Zusammenhang von Autoritätsgläubigkeit und Faschismus untersucht.
Im Spätherbst 1949 ging ich nach Deutschland zurück und war jahrelang ganz festgehalten vom Wiederaufbau des Instituts für Sozialforschung, dem Horkheimer und ich damals unsere gesamte Zeit widmeten, und von der Lehrtätigkeit an der Frankfurter Universität. So Adorno selbst in einem der wenigen autobiographischen Texte, die es von ihm gibt. In den 20 Jahren, die ihm noch bevorstanden, ist, gleichsam neben seiner Tätigkeit als Universitätslehrer für Philosophie und Soziologie und als Direktor des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, jenes Werk entstanden, mit dem er sich in die Geschichte der Philosophie eingeschrieben hat: die Bücher über Husserl und Hegel, die „Negative Dialektik“ und die Fragment gebliebene „Ästhetische Theorie“; aus der Emigration mitgebracht hatte er die „Philosophie der neuen Musik“, der eine Reihe musikphilosophischer Schriften, wie die Monographien über Wagner, Mahler und Alban Berg, folgten, mit denen Adorno die Musikphilosophie innerhalb der Philosophie erst eigentlich inaugurierte. Der philosophischen Dechiffrierung von Dichtung waren seine unter dem Titel „Noten zur Literatur“ zusammengefassten Essays gewidmet.
Kein System, in dem deduktiv ein Gedanke aus dem anderen folgt und alle miteinander eine Einheit bilden, scheint Adornos Philosophie sich weithin in die Einzelwissenschaften zurückgezogen zu haben, wendet es sich doch soziologischen, psychologischen, musik- und literaturwissenschaftlichen Fragestellungen fast häufiger als den spezifisch philosophischen zu. Darin bekundet sich ein unbedingter Primat des Inhaltlichen gegenüber den leer gewordenen Abstraktionen der traditionellen Philosophie. Dennoch stellen Adornos Arbeiten keineswegs Beiträge zu den jeweiligen Spezialwissenschaften dar, sie unternehmen im Gegenteil die immanente Kritik jener Arbeitsteiligkeit, welche in der Geschichte immer mehr einzelne wissenschaftliche Disziplinen der Philosophie entrissen und zu gegeneinander abgeblendeten Fächern im gegenwärtigen Wissenschaftsbetrieb gemacht hat. Reflexion auf die gesellschaftlichen Bedingungen der wissenschaftlichen Arbeitsteilung ist derjenige Pol der Adornoschen Philosophie, der ihn zum Kritiker des Positivismus in jeder seiner Gestalten machte.
Einen anderen Pol seines Denkens hat Adorno gern mit einer Formulierung Walter Benjamins, des neben Horkheimer ihm wohl am nächsten verwandten Philosophen, gekennzeichnet, derzufolge das Ewige jedenfalls eher ein Rüsche am Kleid ist als eine Idee. Nicht vom Sein des Seienden oder ähnlichen Abstraktionen, die durch die Fundamentalontologie und ihre Abwandlungen Konjunktur hatten, ist bei Adorno die Rede, der in Heidegger seinen wohl entschiedensten Gegner erkannte. Adornos Denken wendet sich häufig gerade dem Unscheinbaren, Undurchsichtigen, dem Abhub der Erscheinungswelt zu, von dem Freud gesprochen hat. Sieht man ab von den im engeren Sinn fachphilosophischen Schriften, dann lässt der philosophische Gehalt der Adornoschen Texte nur selten sich mit Händen greifen. Meistens ist er der Analyse des Konkreten, dem scheinbar blinden sich Verlieren im Objekt eingesenkt und will vom Leser durch produktive Rezeption erst erschlossen werden. Freilich wird dieser auch dann keine Formeln und Konzepte in die Hand bekommen, sondern zunächst kaum mehr als die Anweisung, selber den Weg des Gedankens nachzuvollziehen, Arbeit und Anstrengung des Begriffs noch einmal auf sich zu nehmen. Der Lohn der Mühe, die Adornos Texte fraglos bereiten, besteht in der Erkenntnis, dass ihre Schwierigkeiten in der Sache selber begründet sind; dass in der Tat in ihnen von nichts anderem gehandelt wird als von der Sache des Lesers selbst, vom Individuum in der gegenwärtigen Gesellschaft.
Dennoch hat Adorno an Philosophie, ja an Metaphysik im Sinn der Spekulation, die im bloß Seienden sich nicht bescheidet, auch festgehalten, nachdem deren Stunde längst geschlagen hatte. Für ihn hat die Metaphysik – von der er, wie Benjamin von der Theologie, hätte sagen können, dass sie heute klein und hässlich sei und sich ohnehin nicht dürfe blicken lassen – sich ins Verhältnis des Denkens zum Bedürfnis, zur materiellen Not der Menschen zurückgezogen. Nur als Negation, so seine Lehre in der Negativen Dialektik, überdauert dies Bedürfnis, es vertritt in der innersten Zelle des Gedankens, was nicht seinesgleichen ist. Die kleinsten innerweltlichen Züge habe Relevanz fürs Absolute. In keinen Platonischen Ideenhimmel geleitet Philosophie bei Adorno mehr, sie ist nur ein letztes Asyl sowohl gegen die Ideologien falsch auferstandener Metaphysiken wie gegen den Kult dessen, was der Fall ist.
Die letzten Jahre Adornos wurden verdunkelt durch Konflikte, in welche er durch seine Studenten gezogen wurde. 1966 war es gegen die Große Koalition von CDU/CSU und SPD zur Bildung einer „Außerparlamentarischen Opposition“ (APO) gekommen, die vor allem gegen die von der neuen Regierung geplanten Notstandsgesetze zu Felde zog. Auch Adorno gehörte zu den entschiedenen Kritikern dieser Politik, gegen die er öffentlich, auf einer Veranstaltung des Aktionskomitees „Demokratie im Notstand“ Stellung nahm. Als am 2. Juni 1967 bei einer Berliner Demonstration gegen den Schah-Besuch der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen wurde, begann sich die APO zu radikalisieren. Es waren nicht zuletzt Schüler Adornos, die den Geist der Revolte repräsentierten und derart „praktische Konsequenzen“ aus der Kritischen Theorie zu ziehen versuchten. Die Köpfe der Frankfurter Schule hatten zwar viel Sympathie mit den studentischen Kritikern, waren aber nicht bereit, deren Aktivitäten vorbehaltlos zu unterstützen. An den Universitäten entwickelte die Gesellschaftskritik sich zur grundsätzlichen Ablehnung der kapitalistischen Gesellschaft. Provokative Aktionen sollten dazu dienen, die „verkrusteten Strukturen aufzubrechen“. Auch und gerade Adorno wurde dabei zur bevorzugten Zielscheibe eines studentischen Pseudo-Aktivismus, der seine Vorlesungen wiederholt sprengte, am spektakulärsten, als Studentinnen mit entblößten Brüsten das Podium besetzten. Das Gefühl, mit einem Mal als Reaktionär angegriffen zu werden, hat immerhin etwas Überraschendes, schrieb Adorno an Samuel Beckett. Auf der anderen Seite waren Adorno und Horkheimer Vorwürfen von rechts ausgesetzt, zu den geistigen Urhebern der studentischen Gewalt zu gehören.
1969 sah Adorno sich gezwungen, seine Vorlesung einzustellen. Als im Januar einige Studenten in das Institut für Sozialforschung eingedrungen waren, um kategorisch eine sofortige Diskussion über die politische Situation durchzusetzen, riefen die Institutsdirektoren – Adorno und Ludwig von Friedeburg – nach der Polizei und zeigten die Besetzer an. Adorno, der immer ein unbeirrbarer Gegner des Polizei- und Überwachungsstaats gewesen war, litt nicht wenig unter diesem Bruch seines Selbstverständnisses, durch den er vor das Frankfurter Landgericht als Zeuge gegen Hans-Jürgen Krahl, einen seiner begabtesten Schüler, gezerrt wurde. Am Tag nach der Gerichtsverhandlung fuhr er mit seiner Frau in den üblichen Sommerurlaub in die Schweizer Berge. Ungenügend in Zermatt akklimatisiert, begab er sich sogleich mit der Seilbahn in noch größere Höhe. „Es setzten Herzbeschwerden ein, derentwegen er in eine Klinik in Visp gebracht wurde. Dort erlag er am 6. August 1969 gegen 11.20 Uhr einem Herzinfarkt. Am 11. September wäre er 66 Jahre alt geworden.“ (Stefan Müller-Doohm)
In einem Nachruf des Pädagogen und Religionsphilosophen Georg Picht war zu lesen: „Gesetzt, der Geist hätte nach Auschwitz in Deutschland noch eine Geschichte, so müßte der Tod von Theodor W. Adorno wirken, als ob plötzlich die Uhr still stünde.“ Als er tatsächlich starb, blieb keine Uhr stehen, eher konnte man ein Aufatmen wahrnehmen, mit dem eine unirritierbare Öffentlichkeit Abschied von ihrem bedeutendsten Theoretiker und unerbittlichen Kritiker nahm.
Adorno hat zumindest im institutionellen Sinn keine „Schule“ zu bilden vermocht, obwohl es ihm an teilweise hochbegabten Schülern nicht gemangelt hat. Sein Lehrstuhl für Philosophie und Soziologie wurde nach seinem Tod sogleich aufgeteilt und mit Wissenschaftlern besetzt, die eher Adorno entgegengesetzte Positionen vertraten. Schnell zerfiel auch das Institut für Sozialforschung und wurde zu einem an Theorie nahezu völlig desinteressierten, rein empirisch ausgerichteten Forschungsinstitut, das sich von zahlreichen anderen nicht mehr unterschied.
Das schriftstellerische Werk Adornos wurde von seinem Schüler Rolf Tiedemann bald in umfangreichen Ausgaben herausgegeben: den „Gesammelten Schriften“ (1970 ff.) und den „Nachgelassenen Schriften“ (1993 ff.), die im Frankfurter Suhrkamp Verlag erschienen. Heinz-Klaus Metzger, zwar kein Adorno-Schüler im engeren Sinn, ihm aber doch musiktheoretisch verbunden, gab gemeinsam mit dem Komponisten Rainer Riehn Adornos „Kompositionen“ in 2 Bänden in der Münchner edition text + kritik heraus (1981), Maria Luisa Lopez-Vito die „Klavierstücke“ (2001).
1985 wurde von der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur das „Theodor W. Adorno Archiv“ in Frankfurt a.M. gegründet, in dem der wissenschaftliche und künstlerische Nachlass Adornos mit dem Nachlass Walter Benjamins vereinigt werden konnte. Das Archiv wurde von 1985 bis 2002 von Rolf Tiedemann aufgebaut und geleitet, der auch die Reihe „Frankfurter Adorno Blätter“, die Erstdrucke Adornoscher Texte mit Diskussionsbeiträgen zu seinem Denken vereinigte, und die „Dialektischen Studien“ herausgab, in denen unzugängliche und neuere Arbeiten aus der Schule bzw. in der theoretischen Folge Adornos publiziert wurden. 2004 wurde, nachdem Tiedemann sein Direktorat niedergelegt hatte, der Benjamin-Nachlass aus dem Theodor W. Adorno Archiv wieder ausgegliedert und in der Archivabteilung der Berliner Akademie der Künste deponiert; der Adorno-Nachlass befindet sich inzwischen im Frankfurter Institut für Sozialforschung.
Zu Adornos engerem Schülerkreis gehörten vor 1933 Wilhelm Emrich, Kurt A. Mautz, Peter von Haselberg; nach 1949 Karl Heinz Haag, Rainer Köhne, Hermann Schweppenhäuser, Rolf Tiedemann, Alfred Schmidt, Günther Mensching, Elisabeth Lenk, Peter Gorsen, Peter Bulthaup, Hans-Jürgen Krahl u.a.
Die Frage der Aktualität einer Theorie, die sich mit Nachdruck auf die Gesellschaftsverhältnisse ihrer Zeit bezieht, ist eine schwierige. Zumal diese Theorie nach dem Tod ihrer Hauptakteure nur noch langsam und vor allem in andere Richtungen weiterentwickelt wurde. Dennoch kann man die Aktualität konstatieren, obwohl sich die Gesellschaft massiv weiterentwickelt hat. Sie hat sich nämlich in die Extreme entwickelt, die Adorno in seinen Texten beschrieb. Vor allem Adornos Thesen zu Themen der Vergangenheit (Auschwitz), Moral (ein zeitloses Thema) oder zur Kulturindustrie sind Beispiele dafür. Letztere hat sich ja seit Adornos Tod zumindest dem Anschein nach viel mehr zu dem entwickelt, was Adorno schon damals in ihren Ansätzen erkannte.
Darzustellen ist auch die Frage nach einer Kritik an der Theorie Adornos. Selbstverständlich gibt es, so wie in beinahe jeder Wissenschaft, vor allem in einer so abstrakten wie der Sozialphilosophie, nicht nur Befürworter dieser Theorie. Es wäre auch nicht im Sinne Adornos, etwas in den Raum zu stellen, ohne den Gegenargumenten ebenso Raum zu lassen, denn es ist anzunehmen, dass das in sich ja schon auf die Methode des dialektischen Materialismus und der Hegelschen Dialektik fundierte Werk Adornos auch mit diesen Methoden weiter zu entwickeln ist.
Die Kritik an Adornos Arbeit kommt meist ebenso wie die Kritische Theorie selbst von Marxisten. Andere Kritiker sind etwa Ralf Dahrendorf oder Karl Raimund Popper und viele Vertreter der quantitativ orientierten empirischen Sozialforschung. Die Marxisten werfen den kritischen Theoretikern vor, den Anspruch zu stellen, "das Erbe der von Hegel über Marx verlaufenden Tradition kritischer Philosophie" zu vertreten, ohne sich dem Marxschen Praxiskonzept verpflichtet zu fühlen.
Nach Horst Müllers "Kritik der Kritischen Theorie" stellt Adorno in vielen Aspekten, in denen er über die Totalität schreibt, diese schon als automatisches System dar. Das scheint in der Tat die Absicht Adornos gewesen zu sein, der in der Gesellschaft ein sich selbst regulierendes System sah, aus dem es zu flüchten galt. Es war für ihn existent, aber nicht menschenwürdig, während Müller entschieden bestreitet, dass ein solches System bestehe; vielmehr seien nur Einzelfälle derart verblendet.
Müller stellt in seiner Argumentation darauf ab, dass die Kritische Theorie kein praktisches Mittel biete, die Gesellschaft zu verändern. So kommt er zu dem Schluss, dass vor allem Jürgen Habermas, aber auch die anderen Vertreter der Frankfurter Schule Marx verfälscht hätten.
Nicht zu übersehen ist Adornos zwiespältiger Einfluss auf die Schriftsprache der ihm folgenden Theoretiker. Denn er vereinigte eine auffällige Gabe der treffenden Formulierung und aphoristischen, ja gnomischen Zuspitzung mit einem Gelehrtendeutsch des 19. Jahrhunderts, das stark von Hegel beeinflusst war (dessen Prosa hatte der glänzende Stilist Schopenhauer bekanntlich einen "Stein- und Gewürmregen" genannt); zudem hatte der hochbelesene Adorno allerlei Stilunarten des wilhelminischen Professorendeutschs aufgenommen: grammatikalisch tadellos geschachtelte Endlossätze, dialektisch jonglierende "zwar-aber"-Konstruktionen, unelastische Verbbehandlung. (Eckhard Henscheid hat dargetan, dass von allen Mitgliedern der Frankfurter Schule Adorno in einem Satz das seinem Verb zugehörige "sich" am längsten zu verzögern sich vorbehielt). Da Adorno auf dem Podium auch ohne Manuskript genauso druckreif sprach, lehrte er schwächere Nachahmer, ihre Zuhörer zu langweilen.
Wichtige postume Einzelausgaben:
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