Theodor Litt (* 27. Dezember 1880 in Düsseldorf; † 16. Juli 1962 in Bonn) war ein Pädagoge und Philosoph mit maßgeblichem Einfluss u.a. auf Wolfgang Klafki.
Theodor Litt, einer der bedeutendsten Vertreter der Kultur- und Sozialphilosophie und Pädagogik der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts ist Sohn des Oberlehrers und späteren Gymnasialprofessors Dr. Ferdinand Litt.
Von 1890 bis 1898 besucht Litt das humanistische Gymnasium in Düsseldorf. Im Anschluss an das Abitur widmet er sich einem Lehramtstudium der Philosophie, Geschichte und klassischen Philologie (mit einem Studiensemester in Berlin) an der Universität Bonn. Im Jahr 1904 schließt er sein Studium ab und wird mit einer in lateinischer Sprache verfassten Dissertation in Altphilologie promoviert. Seiner anschließend vierjährigen Beschäftigung als Oberlehrer für Alte Sprachen und Geschichte in Bonn und Köln am Friedrich-Wilhelm Gymnasium folgt eine halbjährige Anstellung als Referent im preußischen Kultusministerium in Berlin. Litts Hinwendung zu Philosophie und wissenschaftlicher Pädagogik soll unter anderem durch das Trauma des Ersten Weltkrieges ausgelöst worden sein. Bereits im Jahr 1919 wird Litt als außerordentlicher Professor für Pädagogik an die Universität Bonn berufen. In diesem Jahr erscheint außerdem das Werk Individuum und Gemeinschaft, mit dem Litt einen Abriss der Kultur- und Sozialphilosophie veröffentlicht. Als eigenständiger Denker neben Ernst Troeltsch, Ernst Cassirer und Georg Simmel wird Litt Mitglied der Leipziger Schule für Sozialphilosophie. Ein Jahr später übernimmt er als Nachfolger Eduard Sprangers, der seine Lehrtätigkeit an der Universität Berlin fortsetzt, den Lehrstuhl für Philosophie und Pädagogik als ordentlicher Professor an der Universität Leipzig, an der er bis 1937 als Hochschullehrer bzw. Direktor (1931–1932) tätig ist. 1927 publiziert Litt das Werk Führen und Wachsenlassen, in dem er die pädagogische Hauptproblematik thematisiert. Seine darin beschriebene Ablehnung vernunftwidriger, organologischer und romantischer Ideologien sowie sein Anspruch zur Achtung des heranwachsenden und sich entwickelnden Menschen, schafften die Ausgangsebene für die Anfeindung mit den Nationalsozialisten. In seiner Antrittsrede als Rektor der Universität Leipzig im Jahr 1931 spricht er sich für die Erhaltung der Unabhängigkeit der Universität aus. Die Etablierung der national-sozialistischen Herrschaft bedeutet für Litt das Ende seiner ersten Schaffensperiode, die von 1919 bis 1937 dauert. Er beabsichtigt nicht sich den totalitären Strukturen des Regimes zu beugen, welches versucht Einfluss auf seine antinationalsozialistische Haltung zu nehmen. Im Jahr 1934 kommt es vermehrt zu schweren Störungen seiner Vorlesungen. Die Universität Leipzig wird aufgrund dessen sogar vorübergehend geschlossen. 1936 unternimmt Litt eine Vortragsreise nach Wien, die er aber nicht beendet, weil die NS-Behörden ihm ein Vortragsverbot auferlegen. Er kehrt zurück nach Leipzig und fordert seine frühzeitige Versetzung in den Ruhestand, was er 1937 auch durchsetzen kann. Litt lässt sich durch das Vortragsverbot nicht davon abhalten im Jahr 1938 die kleine Schrift Der deutsche Geist und das Christentum zu veröffentlichen. Er kritisiert darin Alfred Rosenbergs antisemitisches Werk Der Mythos des 20. Jahrhunderts. Rosenberg spricht sicht für eine Religion aus, die das Christentum ersetzen soll. Litts Publikation findet großen Anklang unter den gläubigen Christen und die verhältnismäßig hohe Anzahl an Exemplaren ist sofort vergriffen. Er zeigt sich sehr enttäuscht aufgrund der Zurückweisung durch seine geisteswissenschaftlich gleichgesinnten Kollegen wie Spranger, Flitner und Nohl, die während des Dritten Reichs trotz der Übereinstimmung mit Litts Forderung der Bildung des frei denkenden Geistes auf ihren Lehrstühlen verbleiben. Als ihm 1944 auch verboten wird in der Sächsischen Akademie Vorträge zu halten und sich diese aufgrund dessen von Litt abwendet, zieht sich dieser beruflich zurück. Litts zweite Schaffensperiode beginnt im Jahr 1945 nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Auf Empfehlung Ernst Cassirers wird ihm die Aufgabe der demokratischen Reformation der Universität Leipzig zugewiesen. Litt nimmt seine Lehrtätigkeit 1946 wieder auf. Aber aufgrund eines von ihm gehaltenen Vortrags über Die Bedeutung der pädagogischen Theorie für die Ausbildung des Lehrers in Ostberlin, entsteht ein Konflikt mit dem diktatorischen Herrschaftssystem der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED), der ihn eine Professur für Philosophie und Pädagogik an der Universität Bonn übernehmen lässt. Litt ist Gründer und bis zu seinem Tod Vorstand des Instituts für Erziehungswissenschaften. Seine zahlreichen Vorlesungen wie bspw. Die Selbstkritik in der modernen Kultur oder Politische Ethik und Pädagogik finden ebenso hohe Resonanz wie seine folgende Schrift Die politische Selbsterziehung des deutschen Volkes, die zum Anlass zur Eröffnung einer Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung genommen wird. Im Jahr seines Todes 1962 erscheint Litts letzte Schrift Freiheit und Lebensordnung, in dieser geht es einmal mehr um seine Auseinandersetzung mit den totalitären Machtarten und ihren politischen Theorien.
Als Philosoph ist Theodor Litt stark von der dialektischen Denkweise geprägt, die durch seine Auseinandersetzung mit Kant und Herder einerseits und Hegel andererseits bestimmt wurde. Er wird wie Eduard Spranger, Herman Nohl, Wilhelm Flitner und Erich Weniger dem Lager der geisteswissenschaftlichen Pädagogik zugeordnet. Er selbst bezeichnete seine Position als Kulturpädagogik. Denker wie Simmel, Dilthey und Husserl beeinflussten seine philosophische Weltanschauung. Aber auch Cohns Buch Theorie der Dialektik inspirierte ihn dazu Problemkreise der Pädagogik dialektisch zu durchleuchten. Litts Dialektik unterscheidet sich aber von der Cohns. Für Litt ist eine kritische Auseinandersetzung mit Widersprüchen zum Zweck der Bildung nicht nötig. Die Dialektik zeigt sich für Litt in der Antinomie von Individuum und Gemeinschaft, in der Antinomie von Vernunft und Leben, sowie im subjektivem Geist (Person) und objektivem Geist (objektive Geistgestaltung. Mit seiner dialektischen Denkweise bezweckt Litt die Aufhebung eindimensionaler Anschauungen, sowie deren Glaubwürdigkeit in einem allumfassenden Kontext. Er geht dabei rational denkend, konträr und gleichzeitig dialektisch vor. Er konzipierte eine umfangreiche Kulturphilosophie (Individuum und Gemeinschaft) sowie eine philosophische Anthropologie (Mensch und Welt). Den für ihn grundlegenden Antagonismus von Erkennen und Leben versuchte er durch die Gesamtanschauung deutender Ideen zu einer geordneten Ganzheit zusammenzubringen. An Litts didaktischer Herangehensweise zur Unterstützung geisteswissenschaftlicher, vor allem aber historischer Bildung unter Bezugnahme von Technik, Naturwissenschaft und der Arbeitswelt knüpfen die frei denkenden Erziehungswissenschaften von Klafki und die Bildungsbewegung der sechziger Jahre.
Der Mensch ist im geschichtlichen Kontext zu sehen. Unter Geschichte versteht Litt nicht nur die Vergangenheit, sondern auch die von den Menschen gestaltete künftige Geschichte. Er definiert Geschichte als „kulturelle Gesamtlage“, womit die Gesamtheit dessen was Menschen in einer Gemeinschaft durch Denken, Handeln und Herstellung erschaffen haben, gemeint ist. Geschichte ist Kulturgeschichte im Sinne der geistigen Welt. Erziehung ist unter dieser Bedingung ein „Handeln, das seinem Wesen nach gerichtet ist auf den Zusammenhang der menschlich-gesellschaftlichen Welt, d.h. der geistigen Welt.“ (Führen und Wachsenlassen, Stuttgart 1952, S. 89) Diese angenommene Gesamtheit ist aber so in der Welt nicht gegeben. Man findet, kennzeichnend für die kulturelle Gesamtlage indes Ungleichheiten, Disjunktionen und Diversitäten vor. Das in der Welt bereits Gegebene ist das getrennte, nebeneinander Vorhandensein. Die menschlichen Handlungen unterscheiden sich in ihrer Absicht und Zielführung und bestehen deswegen getrennt nebeneinander.
Durch die Schaffung von Synthesen können Spannungen und Widersprüche zusammengebracht, und somit behoben werden. Diese Spannungen sind nicht ein vom Verstand ausgedachtes Konzept, sondern ein reales, antinomisches Gefüge menschlichen Seins. Die Ursache für die Widersprüchlichkeit, für das Antinomsche in der menschlichen Psyche liegt in der dialektischen Grundstruktur menschlichen Seins. Die dialektische Grundstruktur lässt sich nicht von außen beheben in Form von psychologischen Maßnahmen, die allerhöchstens Aufschluss über diese Widersprüchlichkeit geben können, aber nicht darüber wie der Einzelne mit der Aufklärung umzugehen vermag. In der Erziehung eines Kindes ist die Auflösung der dialektischen Spannungen nicht realisierbar, weil die Spannungen dem Erzieher (Führer) genauso anhängen wie dem zu Erziehenden und er ebenso wenig aus ihnen heraustreten kann. Litt sieht aber auch nicht im natürlichen Wachsenlassen die Lösung für die dem Menschen innewohnenden Spannungen und Widersprüchlichkeiten, zumal dieses Wachsenlassen von der Annahme ausgehen müsste, dass die Entwicklung von vorneherein zweckmäßig und sinngemäß sei. Dies würde aber wiederum bedeuten, dass in der Natur, dem Teil des Seins und der Wirklichkeit, der wissenschaftlich erklärbar ist und Tatsachenforschung betreibt, eine Maxime liegt, welche die Darlegung der Natur untersagen würde. Diese Maxime würde die selbstständige Entfaltung der Natur fördern und den Wissenschaften, im besonderem der Naturwissenschaft keinen Platz lassen. Die Naturwissenschaft hat sich im Laufe der Zeit von der Bedingtheit durch vorgegebene religiöse Richtlinien befreit.
Zwischen menschlich geistigem Dasein und organischem Dasein liegt eine Kluft. Der Natur entspricht kein „Sollen“ und Sinn. Die Natur ist nicht bestrebt Widersprüche zu beseitigen. Dies ist vielmehr das fiktive Verlangen der Menschen, weil von ihrem Geist gefordert wird in Eintracht mit „Allem-Was-Ist“ zu leben und weil dieser die harmonische Vollkommenheit sucht. Der menschliche Geist verlangt die Aufhebung von Widersprüchen durch selbstständige gedankliche Arbeit. Litt zufolge kann das Sein der Erziehung nur im Hinblick auf ihr „Sollen“ begriffen werden. Dieses „Sollen“ ist die Synthese, die hergestellt werden muss um Widersprüche anzuerkennen und als gegeben hinzunehmen als das Produkt des menschlichen Geists, der den Anspruch Widersprüche durch geistige Anstrengung zu kontrollieren und in Vereinbarung zu bringen. Das Zusammenführen von sich entgegenstehenden Polen ist für den menschlichen Geist möglich, weil diese ja naturgemäß auch von diesem stammen.
Litt betont die Bedeutung des Individuums: Ich und Welt sind aufeinander angewiesen und stehen in einem wechselseitigen Erschließungsprozess. Litt kritisiert die eindimensionale Auslegung Hegels, bei dem das Individuum in den Schatten gedrängt wird. Die objektiven Gehalte müssen in das Leben des jeweiligen Subjekts aufgenommen werden um nützlich zu sein. Der Terminus Tradition ist von dem der Individuation untrennbar. „Mensch“ und „Welt“ wirken wechselseitig aufeinander und stehen in einer positiven dialektischen Spannung zueinander, indem sich beide aneinander abarbeiten. Durch diese wechselseitige „Abarbeitung“ bilden beide einander. Der Mensch bildet sich in seiner Definition von sich selbst, und die Welt als die Gesamtheit der geistig-gesellschaftlich-geschichtlichen Inhalte bildet sich in ihrer tugendhaften Anspruchserhebung, die geachtet und gestärkt wird. Was als Brauch, Sitte, Sittlichkeit, Gesetz den Umgang der Genossen regelt, was als gemeinsam verfolgtes Willensziel ihr Handeln ausrichtet, was als gläubige Gewissheit ihre Gemüter über das Erdentreiben emporführt: alles dies schließt sich zu einem Gefüge von Verbindlichkeiten zusammen, an denen die Willkür des Individuums ihre Schranke findet(Mensch und Welt, München 1948, S. 24). Wissenschaft, Arbeitswelt und Technik sind als Welt bezeichnet und stehen mit dem Menschen in einer wechselseitigen Interaktion. Der Mensch bildet und schafft die Welt und hat somit "Weltbildungscharakter". Die als Welt zusammengefassten Bereiche sind „bildende Mächte“.
Für Litt gibt es keinen idealen Entwurf von Bildung. Dennoch gibt es Bildungsrubriken wie z.B. Religion, Wissenschaft, Kunst und Moral, die in ihrem Bildungscharakter unantastbar bleiben. Litt meint es sei kennzeichnend für unsere Gesellschaft ein Bildungsideal des zu gestaltenden Menschen herstellen zu wollen, um gewisse Inhalte der Bildung vor Kritik zu schützen, und sieht diese Tendenz als ungeeignet und fragwürdig an. Etwas anderes ist es hingegen, wenn man die Konstrukte des Geistes um ihrer selbst willen sucht und in reiner Selbstvergessenheit um ihre Bedeutung und ihren Zweck wirbt. Erziehung kann auch ohne ein Bildungsideal zielführend sein und erlangt ohne einen ideellen Entwurf den Zweck der Selbstformung des Subjekts, um zu sich selbst zu kommen, indem sich der Mensch zu seiner eigentlichen Daseinsgestalt durcharbeitet und sich somit zu erkennen gibt. Die Bildung des Menschen lässt sich aus keinem Bildungsideal schließen, genauso ist es mit dem Geist, der entweder ist oder nicht ist. Um das Selbst zu formen, das sich Selbst bewusst ist, ist es nötig die Welt als gegebene einzeln zu erörtern. Weder die Erziehung noch die Bildung müssen, einem Idealbild, sei es aus der Religion oder Politik folgen, um diese brauchbar zu gestalten. Hingegen der freidenkende Geist, der in der Welt zu sich kommen will, verpflichtet sich zur Bildung und Erziehung. Es ist Sache der Erziehung den freidenkenden Geist durch die kritische Durchleuchtung der Welt zu bilden.
Litt betont die Bedeutsamkeit der Auswahl von Bildungsinhalten. Wegen der Vielfältigkeit an Bildungsinhalten in der Pädagogik ist es um so bedeutender diese auf ihren Gehalt zu prüfen. Keiner der Bildungsinhalte kann allgemeine Gültigkeit für sich beanspruchen, weil sich ihre Relevanz an bestimmten Lebenszusammenhängen der jeweiligen Kultur misst. Die Pädagogik muss versuchen sich von einer Gesamtheit der kulturellen Gegebenheiten zu den einzelnen Bereichen der Kultur zu begeben, um auf diesem Weg eine Struktur in die Kulturgebiete und Kulturgüter zu bringen, und diese nach Wichtigkeit zu klassifizieren. Ein solches Vorgehen lässt aber noch grundlegende Entscheidungen, betreffend dem Kulturgut und dem Bildungsgut außer Acht. Für den Betrachtenden und Genießenden kann ein Kulturgut große Bedeutsamkeit haben. Dadurch ist aber deren Relevanz für die Bildung nicht geklärt. Dem zu folge gibt es kein Zusammentreten von Kulturgütern und Bildungsgütern. Damit sich Kulturgüter als Bildungsgüter bewähren, müssen sie sich in die innere Bewegung des lebendigen Ganzen einfügen und sich in Beziehung setzen lassen zu dem Ganzen der jugendlichen Seelenentwicklung (Die Kultur der Gegenwart 1921, S. 293). Sie müssen den Weltanschauungen der Jugend entsprechen. Wenn man die geeigneten Bildungsgüter ausgesucht hat müssen diese noch präzisiert werden, für eine vorgesehene Zielgruppe mit vergleichbarer Denkweise.
Durch die Bildung, deren Aufgabe es darstellt, dem Menschen beizubringen sich selbst und seine Beziehung in Ordnung zu halten, hat dieser einen besseren Zugang dies auch zu verwirklichen. Arbeit hat mit ihrer Sachlichkeit die Aufgabe positiv auf den Menschen zu wirken und damit eine Lebensübertragung zu schaffen, die es dem Menschen möglich macht, sich der Arbeit innewohnenden Ordnung anzugleichen, um durch das Arbeiten menschlich zu wachsen. Litt setzt die Pädagogisierung der Gesellschaft in die Praxis um. Auch die funktionsfähigste Familie könne für die Befähigung des Heranwachsenden den Alltag erfolgreich zu meistern nicht mehr die Leistung erbringen, die zu Zeiten Pestalozzis oder Diesterwegs noch vorstellbar war. Die Schule würden laufend neue Aufgaben übernehmen, die die Alltagstauglichkeit und die Eigenverantwortung des Heranwachsenden gewährleisten und unterstützen sollen. Aufgrund dieser Verpflichtung der Schule ist eine Trennung von Erziehung und Erwachsenenwelt (Berufswelt) nicht denkbar. Kinder würden vom Kindergarten an auch von der Notwendigkeit der Erwachsenenwelt erfahren.
Weiters fordert Litt, dass tagespolitische Kontroversen im Unterricht herausgehalten werden. Die Schule solle nicht für parteipolitische Zwecke missbraucht werden. Er unterstreicht hingegen die Wichtigkeit der Festigung des „jugendlichen“ Charakters durch Geistigkeit und Moralität. Trotz Litts Ablehnung politischer und schulischer Verflochtenheit, spricht er sich für die Erziehung hin zur Demokratie aus. Ein funktionierendes Schulsystem zeigt sich durch Beständigkeit, so Litt. Die Schule solle sich vom allgemeinen, intellektuellen und kulturellen Klima distanzieren, um nicht dem falschen Glauben zu verfallen auf politische Kontroversen reagieren zu müssen. Schule hat erhaltenden Charakter, weil sie die „Bildungssolidarität der Generationen“ weiterzugeben imstande ist und auch in Zeiten des Wandels zur Beständigkeit verpflichtet ist.
Litt setzt sich für das Fortbestehen des gegliederten Schulsystems ein und lehnt die Schaffung von Einheitsschulsystemen kategorisch ab. Weiters spricht sich Litt für die Bewahrung der an Allgemein bildenden höheren Schulen gebotenen gymnasialen Ausbildungsrichtungen mit ihrem jeweiligen Kerngehalt aus. Die Aufgabe der höheren Schulen ist es leistungsstarken Schülern eine anspruchsvolle Ausbildung zu bieten. Die an den höheren Schulen gebotene Ausbildungsvielfalt, werde an Berufsschulen sehr eingeschränkt, da man Experte auf einem Gebiet bleibt und die Allgemeinbildung, die auch die Erlernung von grundlegenden sozialen und geistigen Kompetenzen nicht ausschließt, zu kurz kommt. Das heißt die Berufsschule hätte die Aufgabe sich grundlegenden Bereichen des Vorhandenseins zu öffnen und sich mit ihnen zu verbinden. Sie sollte Kultur und Geschichte in einen für die jeweilige Berufssparte passenden Kontext setzen. Verständnis und Respekt sollten auch an diesen Schulen ein wichtiger Aspekt der Bildungsaufgabe sein, da diese ein zentraler Punkt zur Verhinderung von eklatanten und massiven Menschenrechtsverletzungen sind.
Für Litt sind „Unterricht“ und „Erziehung“ miteinander verknüpft und nicht als voneinander getrennt anzusehen, weil in den Unterricht auch immer ein erziehender Aspekt einfließt. Die pädagogische Wirkung ist maßgeblich für den ordentlichen und beständigen Unterricht, welcher die Erziehung zur Sachgerechtheit, Arbeitsmoral und der Erfüllung von Pflichten ins Auge fasst. Litt findet es vorteilhaft, wenn die oben genannten Werte von Lehrkörpern weitergegeben werden, ohne dass diese in ihrem Sinne direkten Einfluss auf Schüler ausüben sollen, da jeder Lehrer eine andere erzieherische Strahlkraft und Betrachtungsweisen hat. Neben der reziproken Verflechtung von „Unterricht“ und „Erziehung“ besteht ebenso eine für „Intellekt“ und „Charakter“ bzw. „Wissen“ und „Bildung“. „Wissen“ ist immer eine Einschätzung der Lage und das Einswerden von Wissen und Gewissen ist Voraussetzung dafür, dass die Handlung dem Wissen (Glauben) entspricht.
Litt ist zwar der Meinung, dass es durchaus geborene Erzieher gibt, die von Natur aus mit einer herausragenden erzieherischen Begabung versehen wurden, dennoch ist für die meisten Pädagogen die Erlernung von bestimmten Hilfsmitteln und Erziehungsmethoden unerlässlich. Im engeren Sinn ist darunter die Beständigkeit und Bestimmtheit der pädagogischen Formgebung und unumschränkte Kenntnisse der Unterrichtsmethoden zu verstehen. Darüber hinaus spricht sich Litt für das Methodische aus, weil durch systematisches, planmäßiges Vorgehen Fehlkonstruktionen kein Platz gelassen wird. Neben dem Wissen um die Anwendung des Methodischen ist die pädagogische Theorie als Anforderung an den Lehrer hervorzuheben, auch wenn sie mit der praktischen Durchführung an sich nichts zu tun hat. Sie hat vielmehr ein „geschichtliches Standortbewusstsein“ (Führen und Wachsenlassen, S. 119) beizubringen, das Lehrer nützen sollten, um es den Schülern zu erleichtern sich im Weltgeschehen zurechtzufinden. Unter dem geschichtlichen Standortbewusstsein versteht Litt auch die "Weite des geistigen Horizontes“ durch den dem Lehrer gestattet wird die „geistigen Mächte deren Niederschlag ihm als Inhalt seiner lehrenden Tätigkeit entgegentritt“ überzeugend zu vertreten (Ebd. S. 120) und darüber hinaus die Kompetenz zeitgenössischer Phänomene prüfend und gewissenhaft gegenüberzutreten. Die pädagogische Theorie hat auch zur Aufgabe dem angehenden Lehrer ein Gespür für seine pädagogische Selbstbestimmung mitzugeben, die auf der inneren Freiheit und dem Pflichtbewusstsein basiert. Einen guten Lehrer erkennt man daran, dass er die Selbstbeherrschung besitzt nicht Partei zu ergreifen, sondern fähig ist strittigen Themen und zentralen Lebensfragen auf einer Ebene der Einigkeit zu begegnen. Die Schule ideologisch durchdringen und beeinflussen zu wollen, stellt für Litt eine Gefahr dar.
Es sei ein Fehler Schülern die Möglichkeit Entscheidungen in Bezug auf ihre persönliche Weltanschauung zu nehmen, indem man sie frühzeitig für die der erziehenden Generation einzunehmen versucht. Es sollte ihnen stattdessen die Gelegenheit geboten werden ihr eigenes Zukunftsbild zu gestalten. Dies verlangt vom Lehrer Toleranz und eine Bändigung seiner eigenen Wunschbilder und Vorstellungen. Dadurch gelingt es ihm auch besser die Schüler mit der objektiven Kultur in Verbindung zu bringen und als Vermittler zwischen „Ich“ und „Welt“ zu fungieren, damit der Bildungsprozess über die Person zur Sache führt. Der Lehrer hat die Pflicht seinen Schülern objektive Gehalte näher zu bringen. Erziehung erfüllt nur dann ihren Zweck, wenn neben dem „Wachsenlassen“ des werdenden Menschen auch das Führen als ein Bestandteil des Bildungsprozesses gesehen wird. Nur die Entwicklungsrichtung eines Kindes zu beobachten und dessen Erfordernisse und Vorliebe zu erfüllen, sowie seine Interessen zu fördern ist als alleinige „Erziehungsmaßnahme“ rückschrittlich und in keinem Fall ausreichend für den werdenden Menschen, da „Ich“ und „Welt“ in einem wechselseitigen Erschließungsprozess stehen und die Auseinandersetzung mit objektiven, dem Alter sowie den Begabungen entsprechenden Gehalten grundlegend sind für den Menschenwerdungsprozess.
Litt veröffentlichte zahlreiche wissenschaftstheoretische und methodenkritische, sowie kulturphilosophische und philosophisch-anthropologische Arbeiten, darunter:
Mann | Pädagoge (20. Jh.) | Philosoph (20. Jh.) | Deutscher | Geboren 1880 | Gestorben 1962
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