Die Textkritik oder textkritische Methode (griech. krinèin= vergleichen, scheiden) ist eine Methode, lesbare einheitliche Texte aus Manuskripten oder Erstdrucken zu rekonstruieren. Sie gehört der Editionsphilologie an, die wiederum ein Teilbereich der Literaturwissenschaft ist. Der Zweck einer Edition ist meist eine kritische Ausgabe des Textes, die lesbar sein soll und zugleich die Veränderungen vermerkt, die von den Herausgebern gemacht wurden. Textkritik interessiert sich nicht für die Auslegung des Textes, sondern liefert nur das Material, das dann in der Exegese oder Textinterpretation inhaltlich analysiert wird.
Wenn das Original der Handschrift verloren ist, besteht die Aufgabe der Textkritik darin, einen Archetyp zu rekonstruieren, das heißt, eine Textfassung, die dem "ursprünglichen" Text am nächsten kommen soll. Dabei ist es grundsätzlich nicht möglich, die "ursprüngliche" Fassung, die dem Autor vorschwebte, zu konstruieren, sondern allenfalls eine Fassung zu rekonstruieren, von der aus sich die Überlieferung in Abschriften (oder Drucken) aufgefächert hat. Dennoch blieb die Vorstellung eines auktorial abgesicherten "Urtextes", den die Textkritik zu rekonstruieren hat, lange Zeit eine wirkungsvolle Vorstellung.
1. Sämtliche erhaltenen Textzeugen, das heißt Handschriften oder frühe Druckausgaben des Textes, werden gesammelt. Auch Fragmente und mutmaßliche frühere Fassungen, sofern sie bezeugt sind, werden erfasst.
2. Kollation: Die vorhandenen Textzeugen werden miteinander verglichen und Varianten (Lesarten) festgestellt.
3. Recensio: Die Varianten werden analysiert, insbesondere im Hinblick auf ihr Entstehen. Dabei entsteht ein Stammbaum (Stemma), der darüber Auskunft gibt, welche Handschrift von welcher abgeschrieben wurde. Im Stemma sind auch erschlossene Fassungen (nicht erhaltene Zwischenstufen) eingetragen. Erfahrungsgemäß werden dabei folgende Korruptel gefunden:
4. Der vermutete ursprüngliche Wortlaut des Textes (Archetyp) wird ermittelt.
Wichtige Kriterien beim Erstellen des Archetyps sind:
Während die Grundlagen der Textkritik für alle Arten von Texten gelten, gibt es doch für verschiedene Arten von Texten unterschiedliche Problemstellungen, die teilweise unterschiedliche Methoden oder Schwerpunkte erfordern.
Bei Texten aus der Antike steht die Textkritik vor dem Problem, dass es oft nur wenige Textzeugen gibt, die dazu noch viele Jahrhunderte jünger sind als der Originaltext. Das bestbezeugte Werk ist Homers Ilias mit 700 Textzeugen. Kollation ist damit eine übersehbare Aufgabe. Andererseits spielt die Emendation eine wichtige Rolle, da man oft nicht davon ausgehen kann, dass die ursprüngliche Form einer der wenigen Varianten tatsächlich enthalten ist.
Bei der Hebräischen Bibel war der masoretische Text bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts meist der Endpunkt der Textkritik, da die Masoreten versuchten, schlechtere Texte systematisch zu verdrängen - sprich: zu vernichten.
Durch die Entdeckung der Schriftrollen am Toten Meer (Qumran) und weiterer Textfunde in der Wüste von Judäa gibt es jedoch heute Textzeugen, die über tausend Jahre älter sind, als die ältesten masoretischen Texte, was für die Textkritik des Alten Testaments eine ganz neue Ausgangslage ist.
Siehe auch Biblia Hebraica Stuttgartensia.
Das Neue Testament ist für die Textkritik durch die Anzahl der Textzeugen ein Sonderfall. Es gibt über 5000 Textzeugen in Griechisch, über 10'000 lateinische Übersetzungen und weitere 10'000 Übersetzungen in andere Sprachen. Von daher ist das Erstellen von Stemmata sehr schwierig. Neutestamentliche Textkritiker umgehen das Problem, indem sie die Textzeugen in Gruppen, genannt Text-Typen sortieren und bei der Wahl der Varianten eklektisch vorgehen. Die hauptsächlichen Texttypen sind der Alexandrinische Typ, der Westliche Typ und der Byzantinische Typ.
Andererseits haben Textkritiker des Neuen Testaments gegenüber andern Gebieten der Textkritik den Vorteil, dass es bei der Vielzahl der Textzeugen wahrscheinlich ist, dass die ursprüngliche Form in mindestens einem der Textzeugen erhalten ist.
Siehe auch: Textkritik des Neuen Testaments
Textkritik wird bis heute nur von westlichen Wissenschaftlern betrieben. Der Plan eines apparatus criticus zum Koran von Gotthelf Bergsträsser, Otto Pretzl und Arthur Jeffery aus den 1920er und 1930er Jahren wurde nie verwirklicht.
Der recht alte Koran aus Taschkent, der von muslimischer Seite oft als uthmanisch ausgegeben wird, ist wohl zweihundert Jahre nach Uthman verfasst und weisst eine Vielzahl von Fehlern auf.
Der Autor Christoph Luxenberg hat auf diesem Gebiet in letzter Zeit für viel Wirbel gesorgt.
Textkritik findet auch bei moderner Literatur Anwendung, wenn verschiedene Versionen eines Texts existieren. Besondere Fragen stellen sich dabei, wenn verschiedene Manuskripte aus der Lebenszeit des Autors unterschiedliche Varianten enthalten.
Bereits in der Antike gab es Ausgaben von Texten, mit denen man versuchte, dem Originaltext so nahe wie möglich zu kommen. Die Bibliothek von Alexandria etwa gilt als Produktionsort für die Ausgabe vieler griechischer Klassiker. Meist ist es der modernen Textkritik nur möglich, diese in der Antike vereinheitlichte Textform zu ermitteln, weil sie die letzte (oft auch nur fragmentarisch) erhaltene Fassung eines Textes ist.
Im Mittelalter wurden vor allem im byzantinischen Reich die alten Klassiker gepflegt und schlechte Varianten ausgesondert, Ebenso bemühte sich in dieser Zeit das Judentum sehr darum, seine heiligen Schriften unverfälscht weiterzugeben, was durch die Masoreten in der Zeit von 780 bis 930 seinen Höhepunkt fand.
Die heutige textkritische Methode wurde im 19. Jahrhundert von der klassischen Philologie entwickelt, um antike Texte (die teilweise nur fragmentarisch oder in sehr späten Abschriften, dafür aber in mehreren Traditionslinien überliefert sind) zu rekonstruieren. Herausragende Beiträge zu ihrer Methodik leisteten die Philologen Friedrich August Wolf, Karl Lachmann und F.D.E. Schleiermacher.
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