Technokratie (griech.: τεχνοκρατία „Herrschaft der Technik“) bezeichnet - oft im abwertenden Sinne - eine Regierung von Fachleuten und Experten. Kennzeichnend für technokratische Regierungen ist die Ausrichtung ihrer Entscheidungen (ausschließlich) an wissenschaftlich-technischen Argumenten und Sachzwängen. Im Vordergrund steht die rationale, effektive Planung und Durchführung zielorientierter Vorhaben. Während sich die Aufmerksamkeit ganz auf Mittel und Wege konzentriert, verringert sich die Bedeutung demokratischer Willensbildung und politischer Entscheidungsprozesse hinsichtlich der Wahl gesellschaftlicher Ziele.
Merkmale der Technokratie sind:
Die grundlegende Vorstellung ist aber viel älter. Bereits Plato entwarf das Bild des Philosophenkönigs, der die Geschicke der Gemeinschaft durch sein überragendes Wissen am besten lenkt. Als technokratische Utopien können auch der "Sonnenstaat" von Thomas Campanella (1602) oder "New Atlantis" von Francis Bacon (1627) gelten. Mit der Industrialisierung gewann die technokratische Utopie im 19. Jahrhundert eine neue, realitätsnähere Prägung. Henri de Saint-Simon und sein Schüler Auguste Comte haben im Sinne des Positivismus Gesellschaftsentwürfe formuliert, in denen der instrumentellen Vernunft ein fast uneingeschränktes Herrschaftsrecht zukam.
Die von Veblen, aber auch etwa von Walter Rathenau gegen Ende des Ersten Weltkriegs vertretene Vorstellung, Ingenieure würden das Gemeinwohl am besten verwalten, ist sowohl in den Kontext einer fundamentalen Krise des Kapitalismus einzurücken als auch auf die Russische Revolution zu beziehen. Die Technokratie der Zwischenkriegszeit, die sich in den USA unter Howard Scott als "Technocracy Inc." zu einer politischen Partei verdichtete, verstand sich als "dritter Weg" zwischen Kapitalismus und Sozialismus. Wichtige Ideologen des Nationalsozialismus wie Gottfried Feder nahmen in diesem Sinne technokratisches Gedankengut auf. Freilich sind technokratische Elemente auch tief im sowjetischen Modernisierungsprojekt verwurzelt, wie es Lenin am VIII. Sowjetkongress 1920 entwarf ("Kommunismus - das ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes"). Und auch der US-Amerikanische "New Deal" unter Roosevelt kann als technokratisches Vorhaben interpretiert werden.
Die technokratische Vorstellung, wirtschaftliche Entwicklung sei am erfolgreichsten durch mächtige Expertenstäbe zu realisieren, lag dem US-amerikanischen Wiederaufbauplan für Westeuropa nach 1945 zu Grunde (Marshall Plan). Technokratische Planung etablierte sich in der Folge unter dem Stichwort Planification insbesondere in Frankreich. Die französischen Planvorstellungen, die wesentlich von Jean Monnet konkretisiert wurden, bildeten ihrerseits ein wesentliches Grundelement für die Europäische Union. Technokratische Planung erhielt in der Nachkriegszeit in allen westlichen Wohlfahrtsstaaten hohe Bedeutung. Sie wurde unter Wirtschaftsminister Karl Schiller selbst in der BRD wirksam, wo bisher ordoliberale Ideologien prägend waren.
In den 1950er-Jahren wurde das Technokratiethema insbesondere in Frankreich durch Jean Meynaud und Jacques Ellul aufgenommen, die den Verlust wertorientierter Handlungsoptionen angesichts einer sich eigendynamisch entwickelnden Technik beklagten. In Deutschland trat Helmut Schelsky in gleicher Absicht hervor. In den 1960er-Jahren haben sich, aufbauend auf der Kritik der instrumentellen Vernunft von Max Horkheimer, insbesondere Herbert Marcuse und Jürgen Habermas gegen die Anmassung einer Technokratie gestellt. Wesentliche Beiträge zum Thema verfasste auch Hermann Lübbe.
1. Technokratie als Herrschaft der Techniker. Politische Macht wird legitimiert durch Wissen und Expertise (im wissenschaftlich-technischen Sinn der europäischen Aufklärung)
2. Technokratie als Herrschaft der Technik. Der politische Handlungsraum als Sphäre normativer Entscheide verringert sich im Zuge der Technisierung zunehmend. Technik gerät ausser Kontrolle (Langdon Winner) und bringt schließlich den Bereich des Politischen insgesamt zum Verschwinden.
3. Technokratie als Herrschaft der instrumentellen Vernunft. Eine spezifische Denkweise, die dem kapitalistischen Industriesystem dienlich ist, lenkt soziale Handlungen in allen Bereichen gesellschaftlicher Aktivität.
Von diesen drei Definitionsmustern leiten sich drei Theorietraditionen ab, die jeweils zustimmend-utopischen oder ablehnend-katastrophischen Charakter besitzen:
1. Elitetheorien, die das Aufkommen einer fachkompetenten Expertenklasse in positiv oder negativ wertender Weise durchdenken. Nach Plato, Saint-Simon und Veblen hat etwa Alfred Frisch das Potenzial einer reinen Experten-Regierung als wünschenswerte Zukunftsvision beschworen. Ablehnend stellten sich hingegen insbesondere Jean Meynaud, später auch Daniel Bell und John Kenneth Galbraith zu der Perspektive, dass Experten als Wissensträger in der entstehenden Informationsgesellschaft eine akzentuierte Machtposition einnehmen könnten.
2. Strukturtheorien, die der Eigendynamik der technischen Entwicklung in positiv oder negativ wertender Weise ein immenses Wirkungspotenzial auf die Gesellschaft zuschreiben. Positiv formuliert sind die Hoffnungen, soziale Probleme würden durch den technischen Fortschritt obsolet. Eine solche Argumentationsstruktur findet sich in den Schriften von Lenin. Ähnlich funktioniert aber auch die Argumentation von Bill Gates, der in "The Road Ahead" 1995 den neuen Informations- und Kommunikationstechnologien, v.a. dem Internet, die Fähigkeit zusprach, einen "friktionsfreien" Kapitalismus zu realisieren. Die negativen Versionen der Strukturtheorie sind Legion. Sie beklagen den Freiheitsverlust, mit dem der moderne Mensch wegen der zunehmenden Technisierung seiner Umwelt zu rechnen hat. Besonders wirksam waren die Formulierungen von Jacques Ellul, Helmut Schelsky und Herbert Marcuse.
3. Ideologiekritiken, die die Herrschaft der instrumentellen Vernunft auf das kapitalistische Industriesystem beziehen. Wichtigste Stimme in diesem Chor war Jürgen Habermas (Technik und Wissenschaft als 'Ideologie'), 1969.
In der 68er-Bewegung wurde diese Kritik an der Technokratie auf breiter Basis aufgegriffen, der Technokratie und dem mit ihr verbundenen rationalen Sachzwang-Denken wurden von Künstlern und Intellektuellen beispielsweise Konzepte wie Subjektivität, der individuelle Wunsch, Selbstverwirklichung und Demokratisierung (bis hin zur Wirtschaftsdemokratie, siehe Mai 68) entgegengestellt. Es gehört freilich zur Ambivalenz des Themas, dass auch die gesellschaftsverändernden Visionen der Neuen Linken nicht frei von technokratischen Aspekten waren.
Bedürfnis, Technik, Technischer Fortschritt, Technikfolgenabschätzung, Technikphilosophie, Schöne neue Welt, Moderne Zeiten, Sozialpsychologie, Social Engineering (Gesellschaftswissenschaft), Social Marketing, Kybernetik, Governance, Lobbyismus
Staatsform | Politischer Begriff
Technocratic movement | Technocratie | Technocratie | Teknokrati | Teknokrati | Teknokrasi
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