Techniksoziologie ist eine Spezielle Soziologie. Unter Einbeziehnung anderer Bereiche ist das Fach z.B. auch als Wissenschafts- und Techniksoziologie oder Industrie- und Techniksoziologie etabliert. Techniksoziologie wird an verschiedenen Hochschulen im deutschsprachigen Raum meist als Unterdisziplin anderer Fachbereiche geführt. An der TU Berlin wird ein Diplomstudiengang Techniksoziologie angeboten.
Ziele und Sichtweisen der Techniksoziologie
Im Mittelpunkt der Techniksoziologie stehen gesellschaftliche Auswirkungen von
Technik, sei es in der Form der
Technikfolgenabschätzung, sei es in eher
philosophisch-anthropologischer Weise. Zum Teil versucht Techniksoziologie, interdisziplinär allgemeine Soziologie mit
Ingenieurwissenschaften zu verbinden. Gegenstandsbereich der Techniksoziologie können dabei ebenso
Großtechnologien (
Infrastrukturen) als auch der alltägliche Umgang mit
Haushaltstechnik sein. Anfang der 1990er Jahre entstanden durch die intensive Beschäftigung mit dem
Computer und mit
computervermittelter Kommunikation neue Felder.
In der Sozionik fragen Soziologen und Informatiker gemeinsam danach, ob und wie sich Gesellschaft im Computer simulieren lässt.
Feministische Techniksoziologie beschäftigt sich mit der geschlechtlichen Arbeitsteilung und männlich dominierten Kultur im Bereich der Technikentwicklung, der Unterrepräsentanz von Frauen in technischen Studiengängen und Berufen, der Vergeschlechtlichung von technischen Artefakten und Prozessen sowie den Grenzziehungen zwischen Natur/Kultur bzw. Körper/Maschine; durchgesetzt hat sich dabei ein Verständnis von Technik und Geschlecht als ko-konstruiert.
Technikbegriff
Unterschieden wird prinzipiell zwischen Sachtechnik -- der „Technik“-Begriff reicht im Bereich der „materiellen
Kultur“ vom steinzeitlichen
Faustkeil und dem Graszelt bis zum
Mobiltelefon und dem Hochhaus -- und Handlungstechnik oder auch
Organisationstechnik; hier kann Technik von der steinzeitlichen Großwildjagd bis zur
Konzernorganisation reichen. Die von
Arnold Gehlen einbezogenen „magischen Techniken“ vom
Regentanz bis zum Daumendrücken vor der
Lottosendung im Fernsehen werden zumeist nicht oder nur am Rande behandelt. Den Schwerpunkt der Techniksoziologie bildet noch immer die Auseinandersetzung mit verschiedenen Sachtechniken und deren gesellschaftlicher Ausgestaltung und Einbettung.
Eine Grundannahme der Techniksoziologie ist die Sicht auf Technik als sozialen Prozess. Darüber hinausgehend umfassen techniksoziologische Sichtweisen je nach Schule Annahmen von der Technikdeterminiertheit des Sozialen bis hin zur rein sozialen Formung von Technik.
Exemplarisch sind im folgenden einige weitergehende Aussagen zur soziologischen Sicht auf Technik aufgeführt, wie sie von Werner Rammert, einem einflussreichen deutschen Techniksoziologen, vertreten werden:
- Technik sei „nicht mehr eine Substanz (eine Sache, ein Ding) oder ein Stoff mit bestimmten Eigenschaften, ein Artefakt, sondern eine Form der Wirklichkeit mit eigentümlichen Funktionen“ Rammert 1999;
- Technik sei „nicht mehr ein allgemeines Mittel, sondern als ein erst in der ‘Performanz’ realisiertes spezifisches Werkzeug für einen Zweck in einem konkreten Kontext zu fassen“ Rammert 1999, das heißt: Technik werde von Menschen in der sozialen Handlung ausgehandelt;
- Technik lasse sich nicht mehr auf einzelnen Erfinder zurück führen, sondern viele Akteure entwickelten auf einander bezogen eine bestimmte technikbezogene Rationalität;
- Technik sei „nicht mehr ein passives Objekt, sondern als ein mitwirkenden ‘Agent’ zu sehen" Rammert 1999, das meint: Technik interagiere;
- weiter gehend: Technik sei immer eine prozessurale (figurative) Sozialbeziehung (von Borries 1978 – vgl. Norbert Elias); Akteure interagieren dem gemäß neben der Technik, mit Hilfe der Technik oder in Gestalt der Technik; im letzteren Fall interagiere, wer seine Tasse Kaffee trinke, zugleich mit
- (a) dem Ingenieur (hier: dem Erfinder/Konstrukteur der Tasse),
- (b) dem Finanzierer ihrer Produktion (hier: dem Porzellanfabrik-Unternehmer) und
- (c) ihren arbeitenden Herstellern (hier: der Belegschaft der Fabrik).
Siehe auch: Entfremdung.
- Technikentwicklung sei nicht mehr linear und phasenhaft, sondern in einem multidimensionalen Kontext eingebettet, das heißt, in die Resultate gingen gesellschaftliche und ökonomische Interessen, politische Machtpotentiale und kulturelle Werthaltungen höchst unterschiedlich zu höchst unterschiedlichen Zeiten ein; dabei können Techniken auch 'verloren gehen'.
Siehe auch
Webseiten
Literatur
Einführungen
- Rammert, Werner: Technik aus soziologischer Perspektive. Opladen: Westdeutscher Verlag. Band 1: 1993, Band 2: 2000
Klassiker (nach DGS u. a.)
- Gilfillan, Seabury Colum: The sociology of invention. An essay in the social causes of technic invention and some of its social results; especially as demonstrated in the history of the ship. Chicago: Follett Publishing Company 1935
- Hughes, Thomas P.: Networks of Power. Electrification in Western Society, 1880-1930. Baltimore u. a.: Johns Hopkins University Press 1983
- Linde, Hans: Sachdominanz in Sozialstrukturen. Tübingen: Mohr 1972
- Noble, David F.: Forces of Production: A Social History of Industrial Automation. Oxford: Oxford University Press 1984
Techniktheorie | Techniksoziologie