Tariq Ramadan (* 26. August 1962 in Genf; Tāriq Ramaḍān) ist ein Schweizer Islamwissenschaftler und Publizist ägyptischer Herkunft. __TOC__
Tariq Ramadan gilt als einflussreiches Vorbild vieler junger Muslime in der Diaspora, nicht zuletzt wegen der von ihm propagierten Partizipation der Muslime an der westlichen Gesellschaft.
Er ist ein Enkel von Hasan al-Banna, einem Mitbegründer der Muslimbrüder, der 1949 ermordet wurde. Sein Vater Said Ramadan, ein angesehener Vertreter der Muslimbrüder, musste unter dem politischen Druck des ägyptischen Staatschefs Gamal Abdel Nasser seine Heimat verlassen und ließ sich später in Genf (Schweiz) nieder. Er organisierte Islamische Zentren in München und Genf.
Im Jahr 2000 wählte das "Time Magazine" Tariq Ramadan zu einer der wichtigsten Personen des 21. Jahrhunderts und bezeichnete Ramadan später zu einem der einflussreichsten Vordenker. *
Tariq Ramadan ist verheiratet und hat mehrere Kinder. Seine Frau konvertierte als Katholikin zum Islam. Ramadan hat sich wiederholt von den Aussagen seines Bruders Hani Ramadan distanziert, der von Kritikern als Hardliner bezeichnet wurde, da er u.a. die Steinigung von Ehebrecherinnen forderte.
Tariq Ramadan tritt für eine neue europäisch-muslimische Identität ein. In seinem Buch "Muslimsein im Westen" fordert er die Partizipation am gesellschaftlichen Leben, kulturelle Projekte im Einklang mit der europäischen Kultur und der muslimischen Ethik. Seine Kritiker sehen in ihm gleichwohl eine sich nur scheinbar aufgeklärt gebende Stimme des im Kern antiwestlich orientierten Islamismus. Sie lasten ihm überdies den Konflikt mit dem französischen Journalisten und Globalisierungskritiker Bernard-Henri Lévy und Alain Finkielkraut an, denen er Tendenz zum "jüdischen Kommunitarismus" vorwarf. Ein weiterer Fauxpas sei seine Forderung gewesen, jüdische Mitbürger sollten nicht "reflexartig" Israel verteidigen. Dagegen finden seine Aufforderungen an die Muslime Zustimmung, sich von Regimen wie dem saudischen und vom Terrorismus zu distanzieren.
In Genf hat Ramadan die Aufführung von Voltaires Mahomet verhindert. Er plädierte für ein "Moratorium" und eine "breite innerislamische Debatte" über die Frage der Steinigung von Ehebrecherinnen und Ehebrechern, um einen die gesamte islamische Welt umfassenden Konsens zu erzielen. Er verteidigte während der Kopftuch-Debatte die Kleidung der Muslima als "Zeichen ihrer Identität" und als "islamische Pflicht", die jedoch kein "Zwang" werden dürfe.
Ramadan hat mehrfach öffentlich alle Terroranschläge verurteilt.
Berufliches
Tariq Ramadan hat an der Universität Genf mit einer Arbeit über seinen Großvater Hasan al-Banna promoviert. Die erste Fassung der Arbeit wurde von Professor Genéquand wegen ihrer apologetischen Tendenz abgelehnt. Tariq Ramadan gab als Lehrbeauftragter an der
Universität Freiburg (Schweiz) Kurse zur Einführung in den Islam. Als Experte gehörte er mehreren Kommissionen des Europaparlamentes an und ist Mitglied der "Gruppe der Weisen für den Dialog der Völker und Kulturen" bei der Europäischen Kommission unter Vorsitz von
Romano Prodi.
Anfang 2004 hätte er an der katholischen Universität von Notre Dame in Indiana eine Professur für Religion, Konflikt- und Friedensforschung antreten sollen. Das nach dem 11. September 2001 geschaffene
US-Heimatschutzministerium hat dann aber das bereits erteilte Einreisevisum kurzfristig zurückgezogen.
Derzeit ist Ramadan Forschungsstipendiat am St Antony's College der Oxford University. Das College nennt ihn "Professor", obgleich er das nicht ist. Er selbst bezeichnet sich widerrechtlich als Professor (Titelanmaßung).
Positionen
Ausgangspunkt von Ramadans Lehre ist die Tatsache, dass weder der Islam noch die
shari'a in der Geschichte statische Größen gewesen sind, wie die muslimischen Fundamentalisten behaupten. Das bedeutet, dass der Begriff des
dar al-harb (Haus des Krieges) heute überholt ist, zumal in Europa volle
Religionsfreiheit gewährleistet ist, Muslime also nicht verfolgt werden. Ansonsten wären sie gezwungen, das
dar al-harb zu verlassen und ins
dar al-islam (Haus des Friedens) zu flüchten. Wichtig ist es, in der heutigen Zeit in einem nicht-islamischen Land zu unterscheiden zwischen den
Traditionen der islamischen Welt und den eigentlichen
Kern, dem
Ziel der Religion. Als eigenständige Leistung in der islamischen Begrifflichkeit gilt sein Konzept des
dar asch-schahada (Haus des Glaubensbekenntnisses).
Ramadan formuliert 5 Hauptprinzipien für Muslime als Minderheit in Europa:
- Der Begriff dar al-harb muss als veraltet angesehen und daher aufgegeben werden.
- Ein Muslim, der seinen Aufenthalt oder gar die Staatsbürgerschaft in einem europäischen Land hat, muss sich in den dortigen Gesellschaftsvertrag (im Sinne von Jean-Jacques Rousseau) fügen. Das bedeutet die Annahme der moralischen und sozialen Werte samt der geltenden Gesetze.
- Im Gegenzug müssen die europäischen Gesetzgeber im Rahmen der garantierten Religionsfreiheit den Muslimen die Möglichkeit geben, beispielsweise repräsentative Moscheen bauen zu können.
- Die Muslime müssen sich im vollen Umfang als Mitbürger betrachten, die am gesellschaftlichen Leben in allen seinen verschiedenen Aspekten teilhaben, und gleichzeitig darauf achten, dass sie ihre eigenen - islamischen - Werte dabei nicht aufgeben.
- Innerhalb der gesetzlichen Rahmenbedingungen der europäischen Staaten sind die Muslime selbstverständlich frei, wie alle anderen Bürger Entscheidungen nach ihren persönlichen Glaubensvorstellungen zu treffen. Beispiel: Man kann als Muslim in Europa ohne Weiteres auf Alkohol und Schweinefleisch verzichten. Im Falle von Loyalitätskonflikten, wie dem (ungerechten) Angriff auf ein islamisches Land, ist es dem Muslim erlaubt, den Kriegsdienst aus Gewissensgründen zu verweigern.
Ramadans Konzept wendet sich sowohl gegen die von fundamentalistischen Predigern geforderte Abschottung und Ghettosierung der Muslime, als auch die übertriebene Assimilation von Muslimen bei Aufgabe des Islam. Für ihn gibt es kein entweder - oder zwischen Islam und Westen, sondern ein sowohl - als auch.
''Quellen dieses Abschnitts:
Zitate
"Die westliche Lebensweise stützt sich auf und erhält sich durch die Verführung zur Aufstachelung der natürlichsten und primitivsten Instinkte des Menschen: sozialer Erfolg, Wille zur Macht, Drang zur Freiheit, Liebe zum Besitz, sexuelles Bedürfnis usw." - "Der Islam und der Westen", S. 319
"Daraus folgt die Notwendigkeit, unsere Religion im Lichte unserer Überzeugung von ihrer Universalität darzustellen, allerdings in einer Weise, die unserer jeweiligen Umgebung angemessen ist: so gestaltet sich unseres Erachtens die Vorgehensweise, die den Muslimen ermöglicht, ihre Präsenz in Europa in positiver Weise zu begreifen." - "Muslimsein in Europa"
Literatur
Auf Deutsch:
Auf Französisch:
- Jihad, guerre, et paix en Islam ISBN 2909087840
- Musulmans d'Occident: Construire et contribuer ISBN 2909087816
- De l'Islam ISBN 2909087808
- La foi, la voie, et la Résistance ISBN 2909087824
- Les Musulmans dans la laïcité ISBN 2909087379
- Faut-il faire taire Tariq Ramadan ?, Aziz Zemouri; ISBN 2841876470
- Frère Tariq : Discours, stratégie et méthode de Tariq Ramadan, Caroline Fourest; ISBN 2246667917
- Le sabre et le coran, Tariq Ramadan et les frères musulmans à la conquéte de l'Europe, Paul Landau, 2005, ISBN 2-268-05317-2
- Lionel Favrot : Tariq Ramadan dévoilé - hors série de Lyon Mag'.
- Jack-Alain Léger, Tartuffe fait Ramadan, Denoël, 2003,
- À contre CORAN, livre de Jack-Alain Léger, mars 2004, collection « Hors de moi », éditions HC
Über Tariq Ramadan:
- Ralph Ghadban: Tariq Ramadan und die Islamisierung Europas. Berlin: Schiler Verlag, 2006. 172 S. - ISBN 3-89930-150-1 (Rezension 1; Rezension 2)
Weblinks
- Homepage von Tariq Ramadan
- Falschfahrer der euro-islamischen Reformation, Udo Wolter, kritischer Artikel bei Telepolis, 7. Juli 2006
- Auszug aus „Muslimsein in Europa“
- „Wir müssen der Vernunft mehr Gehör verschaffen“, Interview mit Tariq Ramadan, Spiegel Online, 11. Februar 2006
- Unter Verdacht, Artikel im Schweizer Magazin, 7. Januar 2006
- Sie sind ein arroganter Mensch, "Interview mit Tariq Ramadan: Was ein kontroverser Dialog mit dem islamistischen Autor hätte werden sollen, geriet zum Fiasko", Hanspeter Born und Eugen Sorg, Die Weltwoche, 47/2004
- Tariq Ramadan zu den Anschlägen in London 2005
- Er spielt mit den Worten, taz-Interview von Dorothea Hahn mit Caroline Fourest, 2. März 2005
- Al Taqwa, the Ramadan brothers and Pakistani radicals Weblog, November 23, 2005
-
Mann | Schweizer | Geboren 1962 | Islamischer Philosoph | Philosoph (21. Jh.) | Person des Islam | Islamwissenschaftler | Islamische Literatur
Tariq Ramadan | Tariq Ramadan | Tariq Ramadan | Tariq Ramadan | Рамадан, Тарик