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Tallinn (amtlich bis 1918 deutsch
Reval, russisch Ревель = Rewel) ist die
Hauptstadt von
Estland.
Sie liegt am
Finnischen Meerbusen der
Ostsee, etwa 80 km südlich von
Helsinki.
Geschichte
Tallinn entsteht als estnische Siedlung namens
Lindanise.
1219 wird es von den
Dänen erobert und zur Stadt ausgebaut. Woher der Name
Tallinn kommt, ist nicht geklärt. Entweder stammt es vom altestnischen
taani linna (Dänenburg), oder von
tali linna (Winterburg). Die Bezeichnung
Reval leitet sich von einer alten estnischen Bezeichnung für die Region,
Rävala, ab. Im Jahre
1285 wird Reval Mitglied der
Hanse und in den Ostseehandel eingebunden. Die Deutschen bleiben die Herren im Land und stellen die Mehrheit der Bürgerschaft, kontrollieren die Rechtspflege und die Verwaltung,
Deutsch ist Amtssprache. Die
estnische Sprache und Kultur bleibt den Bauern vorbehalten, die hauptsächlich außerhalb der Stadtmauern, insbesondere auf der Fischermai, wohnen.
1346 wird Reval an den Deutschen Orden verkauft, ein Jahr später an den Schwertbrüderorden.
1549 erhält die Olaikirche einen gotischen Turm mit einer Höhe von 159 Metern; zu dieser Zeit außergewöhnlich, bis zum Brand von 1629 bleibt er das höchste Gebäude der Welt. Heute ist er nach einem Wiederaufbau im 19. Jh. nur noch 123,7 Meter hoch.
1561 wird die Stadt schwedisch. Die Schweden reduzieren nach und nach die Vorrechte der Deutschen, jedoch nicht in dem Ausmaß, wie es die Esten im Hinblick auf den Status der Bauern in Schweden zunächst erhofften.
Infolge des Großen Nordischen Krieges fällt Reval 1721 an Russland. Peter der Große setzt die alten deutschen Ratsgeschlechter wieder vollständig in ihre ursprünglichen Positionen, in den nächsten zwei Jahrhunderten werden die Rechte der Stadtregierung peu à peu wieder zurückgesetzt.
1918 schließlich wird die Stadt, die fortan Tallinn heißt, Hauptstadt des unabhängigen Estlands. Die eigentliche Unabhängigkeit wird im Freiheitskrieg (1918-1920) erkämpft und durch den Friedensvertrag mit dem sowjetischen Russland gekrönt.
Ein geheimes Zusatzprotokoll zum Hitler-Stalin-Pakt (im August 1939) macht den Weg für die völkerrechtswidrige Okkupation und Annexion Estlands durch die Sowjetunion frei. Die deutschbaltische Bevölkerung wird vom Tallinner Hafen aus auf Befehl Hitlers in den neuinstallierten Reichsgau Wartheland umgesiedelt. Nach der sowjetischen Okkupation im Juni 1940 wird die „Estnische Sowjetrepublik“ ausgerufen, deren Tallinn Hauptstadt bleibt. Es beginnen die ersten Deportationen der estnischen Bevölkerung - insbesondere der politischen und kulturellen Elite - nach Sibirien und Nordrussland.
1941 besetzt die Deutsche Wehrmacht Tallinn. Hitler verfolgt das Ziel, Estland dem Deutschen Reich anzugliedern. Die von den Esten erhoffte Wiederherstellung der Unabhängigkeit erfolgt nicht. Dennoch beteiligen sich viele junge Esten am Vormarsch der Deutschen gen Osten und nehmen an Vernichtungsaktionen teil. Die jüdische Bevölkerung Tallinns und Estlands wird nahezu gänzlich ermordet.
Während des Krieges bleibt der Charakter der Altstadt trotz Bombardierungen durch sowjetische Luftwaffe gegen die in und um Tallinn stationierten deutschen Truppen erhalten. Die Wehrmacht wird bis Ende 1944 aus Tallinn und Estland zurückgedrängt und die sowjetische Herrschaft wiederhergestellt.
Nach 51 Jahren wird Tallinn am 20. August 1991, zur Zeit des Moskauer Putsches, erneut zur Hauptstadt eines unabhängigen Estlands, das kurz darauf der UNO beitritt. Seit 2004 ist Estland auch Mitglied der EU.
Tallinn wird nicht zuletzt dank der konsequenten Abfallwirtschaft, strenger Gesetze und guter Pflege auch als sauberste Stadt Europas bezeichnet.
Einwohnerentwicklung
- 1934 - 137.792
- 1959 - 281.714
- 1970 - 369.583
- 1979 - 441.800
- 1989 - 499.421
Tourismus
Sehenswürdigkeiten
Die Stadt hat eine schöne mittelalterliche
Altstadt mit
Stadtmauer und
Türmen, die
1997 von der
UNESCO zum
Weltkulturerbe erklärt wurde. Das Zentrum bildet der Rathausplatz (estn.:
Raekoja plats), der von dem 1322 erstmals erwähnten gotischen Rathaus und anderen stattlichen Gebäuden umschlossen wird. Von der öffentlich zugänglichen Aussichtsplattform des Rathauses bietet sich ein hervorragender Blick über Stadt, Hafen und Meerbusen. Das Wahrzeichen Tallinns - die Figur des Stadtknechts "Alter Thomas" (estn.:
Vana Toomas) - schmückt seit 1530 die Turmspitze.
Gegenüber befindet sich die Ratsapotheke (estn.: Raeapteek), 1422 erstmals erwähnt und damit eine der ältesten Apotheken der Welt.
Sehenswert sind weiterhin die Nikolaikirche (estn.:
Niguliste kirik), ein schönes Beispiel der im 13. Jahrhundert verbreiteten "Kaufmannskirchen" (der Dachstuhl der Kirche diente als Warenlager), die Hl. Geist-Kirche (estn.:
Pühavaimu kirik) mit ihrem spätmittelalterlichen Flügelaltar des Lübecker Meisters
Hermen Rode und einem Fragment des Totentanzgemäldes von
Bernt Notke, die Olaikirche (estn.:Oleviste kirik), benannt nach dem norwegischen König
Olaf II., der die Christianisierung Nordeuropas betrieb sowie die russisch-orthodoxe
Alexander-Newski-Kathedrale (estn.:
Aleksander Nevski katedraal) mit ihren weithin sichtbaren Zwiebeltürmen, 1894-1900 als Sinnbild der Russifizierung Estlands erbaut.
Von der mittelalterlichen Burg auf dem Domberg (estn. Toompea loss) sind nur noch die nördliche und westliche Mauer sowie drei Türme erhalten, darunter der "Lange Hermann" (estn.: Pikk Hermann). Daneben befindet sich das repräsentative Schloss, dessen wesentliche Umbauten im 18. Jahrhundert von der russischen Zarin Katharina II. veranlasst wurden. Heute ist es Sitz von Parlament und Regierung.
Am Stadtrand befindet sich das Schloss Katharinental (estn. Kadriorg).
Revals deutscher Friedhof Ziegelskoppel (estn. Kopli) auf der gleichnamigen Halbinsel nördlich der Altstadt, Schauplatz einiger Erzählungen von Werner Bergengruen (siehe unten), und der Friedhof der Grauen also der estnischen Bevölkerung auf der Fischermai sind leider keine Sehenswürdigkeiten mehr. Beide wurden in den 1960er Jahren in 'Parks' umgewandelt. Umfassungsmauern und Baumreihen lassen die frühere Nutzung noch erkennen, alle Grabsteine sind aber entfernt worden. Während in der Fischermai eine Inschrift an dem kürzlich restaurierten Eingangstor des Friedhofes wieder an die frühere Nutzung erinnert, lässt sich der Friedhof von Ziegelskoppel nur durch einen Vergleich alter und neuer Stadtpläne ausfindig machen.
Im Stadtteil Pirita nordöstlich des Stadtzentrums gibt es einen Yachthafen sowie einen ausgedehnten Sandstrand, der von einem Kiefernwald begrenzt wird. An warmen Sommertagen ist dort Partystimmung angesagt und der Strand deswegen oft sehr voll. Bei Joggern und Inlineskatern ist vor allem die Promenade zwischen Pirita und der Stadtmitte beliebt.
Eine idyllische Abwechslung bietet dagegen die dem Festland vorgelagerte Insel Naissaar in der Tallinner Bucht.
Den besten Ausblick auf die Stadt und bei guten Sichtverhältnissen sogar bis zur finnischen Küste bietet der Fernsehturm (estn. Teletorn) mit seiner Aussichtsplattform.
Einkaufen
In der Altstadt dominieren vor allem Souvenirläden sowie kleine Bekleidungsgeschäfte. In der neuen City nahe der Altstadt gibt es im
Viru keskus, einem großen Einkaufszentrum, zahlreiche Bekleidungsgeschäfte von Sportartikeln bis hin zu Schuhen sowie kleinere Cafés und einen großen Supermarkt.
Vor allem für Finnen ist Tallinn ein beliebter Einkaufsort, da die Preise in Estland moderater sind und die Verbindung zwischen Helsinki und Tallinn mit Schnellbooten weniger als zwei Stunden dauert.
Größere Supermärkte sind in Estland jeden Tag bis zu 23:00 Uhr geöffnet.
Gastronomie
Die Altstadt von Tallinn bietet viele Restaurants wie auch Biergärten an. Im Sommer kann man an den verkehrsfreien Gassen draußen essen. Eine recht umfangreiche Liste Tallinner Restaurants findet man auf
das bekannteste ist das Mittelalterrestaurant [http://www.oldehansa.ee Olde Hansa.
Verkehr
Tallinn ist ein bedeutender
Ostsee-
Fährhafen (Verbindungen nach
Helsinki,
Stockholm,
Åland und
Sankt Petersburg). Daneben besitzt Tallinn einen internationalen Flughafen (
Tallinn Airport), der rund vier Kilometer vom Stadtzentrum entfernt ist. Tallinn ist
Estlands wichtigster Knotenpunkt des Straßenverkehrs. Das Eisenbahnnetz ist eher schwach ausgebaut, im internationalen Personen-Fernverkehr gibt es nur eine Verbindung nach Moskau. Der Verkehr zu anderen Städten in Estland wird größtenteils mit Linienbussen abgewickelt.
Daneben betreibt die finnische Gesellschaft
Copterline eine Hubschrauberverbindung nach Helsinki.
Die Stadt ist durch den
ÖPNV mit 4 Straßenbahnlinien, 8 Oberleitungsbuslinien sowie etlichen Buslinien sehr gut erschlossen.
Bildung
In Tallinn befindet sich die
Technische Universität Tallinn. Weitere dort ansässige Bildungseinrichtungen sind die
Sport
Während der
Olympischen Spiele 1980 in Moskau wurden die Segelwettbewerbe vor Tallinn ausgetragen. Einige Einrichtungen, wie die Stadthalle, das olympische Hotel, die Post wie auch das Segelsportzentrum im
Stadtteil Pirita, wurden für dieses Ereignis gebaut.
Söhne und Töchter der Stadt
- Evald Aav, Sänger, Komponist und Chorleiter
- Alexius II., Patriarch von Moskau und ganz Russland
- Fjodor Fjodorowitsch Andresen, russischer Maler
- Andrus Ansip, Premierminister und Vorsitzender der Estnischen Reformpartei
- Ants Antson, estnischer Eisschnellläufer
- Alexander von Benckendorff, russischer General
- Georg Dehio, deutscher Kunsthistoriker
- René Eespere, estnischer Komponist
- Jaan Ehlvest, estnischer Schachspieler
- Jakob de la Gardie, Heerführer in verschiedenen Diensten, Generalgouverneur von Livland
- Magnus Gabriel de la Gardie, schwedischer Feldherr und Staatsmann
- Robert Gernhardt, Schriftsteller, Maler, Zeichner und Karikaturist, lebte in Frankfurt am Main
- Dieter Hasselblatt, Hörspiel- und freier Romanautor
- Kristjan Järvi, estnischer Dirigent
- Neeme Järvi, estnischer Dirigent
- Piret Järvis, Mitglied von Vanilla Ninja
- Carmen Kass, Supermodel
- Siim Kallas, Vizepräsident der Europäischen Kommission
- Gerd Kanter, Leichtathlet und Silbermedaillengewinner bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft 2005
- Johannes Kirchner, deutscher klassischer Philologe und Epigraphiker
- Maarja Kivi, Ex-Mitglied von Vanilla Ninja
- Wolfgang Köhler, gilt mit Max Wertheimer und Kurt Koffka als einer der Begründer der Gestaltpsychologie bzw. der Gestalttheorie
- Otto von Kotzebue, deutschbaltischer Entdecker und Offizier der Russischen Marine
- Jaan Kross, estnischer Schriftsteller der Gegenwart
- Lenna Kuurmaa, Mitglied von Vanilla Ninja
- Alexei Fjodorowitsch Lwow, russischer Violinist und Komponist
- Hermann Marsow, lutherischer Theologe und Reformator von Livland
- Lennart Meri, früherer estnischer Staatspräsident
- Irene von Meyendorff, Schauspielerin
- Vladas Mikėnas, litauischer Schachspieler
- Tõnu Õim, estnischer Schachmeister, 9. und 14. Fernschachweltmeister
- Andres Oper, estnischer Fußballspieler
- Juhan Parts, Premierminister und Vorsitzender der rechtsliberalen estnischen Partei Res Publica
- Mart Poom, estnischer Fußballspieler
- Friedrich Karl von Prittwitz, kaiserlich russischer Generalmajor und Direktor der Militär- und Zivil-Ingenieure
- Gustav Friedrich von Rosen, livländischer General in schwedischen Diensten
- Alfred Rosenberg, NSDAP-Politiker und Ideologe des Nationalsozialismus
- Ingrid Rüütel, Ehefrau des estnischen Staatspräsidenten Arnold Rüütel
- Paul Felix Schmidt, estnisch-deutscher Schachmeister
- Thomas Johann Seebeck, Physiker
- Katrin Siska, Mitglied von Vanilla Ninja
- Heinrich Stahl, deutschbaltischer Theologe
- Carl Gustaf Ströhm, deutscher Journalist
- Harald Tammer, estnischer Gewichtheber und Leichtathlet, Olympiamedaillengewinner
- Karl Toll, General in der russischen Armee
- Tõnu Trubetsky, Punkrocksänger und Anarchist
- Edgar Valter, zeitgenössischen Kinderbuchautor, Illustrator und Karikaturist in Estland
- Elsa Wagner, deutsche Film- und Theater-Schauspielerin
Literatur
- Werner Bergengruen: Der Tod von Reval. Hamburg 1939, Arche-Verlag, Zürich 2003. ISBN 3716023248
- Kai U. Jürgens: »Die Spur ist die Mutter des Weges.« Tallinn und Kiel - Die Geschichte einer Städtepartnerschaft, Verlag Ludwig, Kiel 2006. ISBN 978-3-937719-44-3
- Jaan Kross: Das Leben des Balthasar Rüssow. Roman. DTV, München 1990, 1999. ISBN 3423125632
Weblinks
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