Das Schlagwort von einer türkisch-islamischen bzw. türkisch-muslimischen Synthese zum Staatsvolk der Türkei wird spätestens seit 1960 sowohl von Nationalisten als auch von offiziellen Demographen verwendet. Diese Haltung ist Ausdruck der Minderheitenpolitik der Türkei und beruht auf der Annahme einer Homogenisierung bzw. Assimilierung der über 40 Ethnien in Anatolien. Daher wird zwischen der ethnischen Identität und der Staatszugehörigkeit nicht unterschieden - muslimische, türkischsprechende Staatsbürger werden als türkisiert angesehen. Das Staatsverständnis der Türkei definiert 98% seiner Bürger als ethnische Türken.
Vor der Einwanderung der Türken hatten viele verschiedene Völker auf dem Gebiet der heutigen Türkei gelebt (z.B. Griechen, Lasen, Kurden, Armenier, Araber). Die ersten Türken wanderten in großer Zahl erst im 11. Jahrhundert ein.
Seit dieser ersten Einwanderungswelle der Seldschuken hätten sich in Anatolien vor allem unter der Herrschaft der Osmanen die ansässigen Muslime (Araber, Kaukasier und Kurden) und später eingewanderte muslimische Turkvölker nach und nach verschmolzen bzw. alle wären von den Osmanen allmählich und nachdrücklich turkisiert worden, so z.B. der jungtürkische Nationaldichter und von Kemalisten geschätzte Philosoph Ziya Gökalp. Aus dem osmanisch-muslimischen Staatsvolk sei dann nach Errichtung der laizistischen Republik und der Verdrängung des Islam durch Kemal Atatürk die türkische Nation entstanden.
Nach dem Ersten Weltkrieg ging aus dem Osmanischen Reich die Türkei hervor. Der folgende Unabhängigkeitskrieg gegen die Alliierten war kein rein türkischer Kampf, sondern vielmehr der gemeinsame Kampf vieler Ethnien um eine gemeinsame Republik. Nach den Kriegen und der Vertreibung der Griechen wurde die junge Republik in ihrer religiösen Zusammensetzung scheinbar homogen, es lebten nur noch wenige Christen in der Türkei. Doch innerhalb der moslemischen Bevölkerung gab es dennoch gravierende Unterschiede. Neben den Sunniten leben auch eine große Minderheit von Alewiten in der Türkei, Schätzungen zufolge sogar bis zu einem Drittel sowohl der türkischen als auch der kurdischen Bevölkerung.
Durch diverse Reformen und Zwangsmaßnahmen versuchte die Regierung, nach europäischem Vorbild die ethnische Heterogenität der Gesellschaft der Türkei zu verringern bzw. ganz zu homogenisieren. (Dagegen gerichtete Aufstände der Tscherkessen und Kurden wurden niedergerungen.) Grundlage für diese Maßnahmen bildete der Islam als größter gemeinsamer Nenner, z.B. wurden die Verwendung der türkischen Übersetzung des Koran (statt des arabischen Originals) und der türkischen Sprache bei Predigten in den Moscheen durch die strengen Sprachgesetze gefördert.
Die Ideologie der Türkisch-Muslimischen Synthese fällt in eine Zeit der Zurückdrängung des Islam (Militärputsch der Kemalisten 1960 gegen islamische Regierung) und hat Wurzeln auch im antikommunistischen Kulturverständnis. Seit 1965 wird zudem bei türkischen Volkszählungen nicht mehr zwischen den einzelnen Anteilen dieser vermeintlichen Synthese unterschieden. In den amtlichen Statistiken wird nicht mehr die Ethnie erfasst, sondern lediglich die Religions- bzw. Sprachzugehörigkeit.
Je ein weiteres Prozent ist trotz Synthese noch heute stolz auf albanische oder bosnische Stammbäume. Wie Bosnier und Albaner geben auch fünf bis sieben Prozent der türkischsprechenden Staatsbürger an, von Tscherkessen oder anderen Nordkaukasiern abzustammen, weitere drei bis fünf Prozent von Lasen (muslimische Georgier), die noch heute geschlossene Siedlungsgebiete an der Schwarzmeerküste bewohnen. Einige kaukasische und tatarische Kulturvereine in der Türkei setzen den prozentualen Anteil doppelt so hoch an.
Der Anteil der als „Bergtürken“ vereinnahmten, sich der Synthese aber widersetzenden Kurden an der Gesamtbevölkerung kann nur vage zwischen 20 und 30 Prozent geschätzt werden.
Eine umfassende Vermischung dieser Aseris und Turkmenen mit den verwandten Osmanen hatte zumindest bis zum Ersten Weltkrieg noch nicht stattgefunden. Jungtürkische Emporkömmlinge, oft albanisch-stämmig, hatten gerade erst zuvor (erfolglos) die Verschmelzung mit aristokratischen Araberfamilien zum Volk der Edeltürken angeregt. Noch 1919 sondert der Orientalist Ewald Banse (ebenso wie Meyers 1889) Turkmenen, Jürüken (Juruken) und Kisilbasch (Aseris) von den Osmanen ab, bis 1927 kamen aus dem russischen Kaukasus weitere Aseris und muslimische Georgier dazu.
Nach dem Völkermord an den Armeniern dürfte dann auch zum Zeitpunkt der Gründung der Türkischen Republik der vermeintlich tatsächliche Anteil der Türken am Staatsvolk lediglich 40 Prozent ausgemacht haben. (Dem nicht unähnlich beträgt auch in der Nachbarrepublik Iran der Anteil persischer Iraner nur etwa 50 Prozent. Der Anteil der staatstragenden Paschtunen in Afghanistan liegt ebenfalls nur bei 40 Prozent. Auch in Kasachstan macht das türkisch-muslimische Staatsvolk nur 50 Prozent aus.) Durch die erzwungene Verwendung ausschließlich des Türkischen (Schulpflicht, Wehrpflicht usw.) wurde aber schließlich auch ein Großteil der Kurden tatsächlich turkisiert.
"Dieses Sachgebiet stellt für manche türkische Forscher ein heikles Thema dar, welches man durch z.T. spitzfindige Argumentation, Auslassungen, Verzerrungen bzw. durch Verschweigen unbequemer Tatsachen zu bewältigen sucht, um gemäß den Wunschvorstellungen von einem ethnisch homogenen türkischen Staat für die Geschichte und Ethnogenese der verschiedenen Volksgruppen nachträglich ein neues Kleid schneidern zu können." (Kobro, S. 271)
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"Türkisch-muslimische Synthese".
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