Suspense (engl. für "Gespanntheit") ist ein Begriff aus den Kulturwissenschaften, der ein Gefühl der Spannung in Zuschauern oder Lesern kennzeichnet. Er leitet sich von dem lateinischen "suspendere" ab: "in Unsicherheit schweben" hinsichtlich eines bestimmten Eintreffens. Dadurch wird ein Spannungsbogen im Ablauf erzeugt
Suspense ist neben der Überraschung eines der wesentlichsten Mittel dramatischen Erzählens.
Bestandteile
Suspense zerfällt in
Erwartung und
Zweifel. Die Erwartung ist an die Vorstellung von etwas künftig Eintreffenden geknüpft. Da jede vorgestellte Zukunft auch nicht eintreffen kann, ist ihre Erwartung immer auch mit der Vorstellung von Nicht-Erfüllung oder – positiver – dem
Eintritt von etwas anderem verbunden, dessen Wahrwerden die Verwirklichung des ursprünglich Erwarteten verhindern würde. Im Zustand von Suspense oder Spannung springt nun die Phantasie des Zuschauers zwischen solch entgegengesetzten Zukunftsvorstellungen, einer befürchteten und einer erhofften ("Er schafft's!" - "Er schafft's nicht!" - "Er schafft's doch!" usf.), hin und her.
Sorten
Je nach Erwartungs-Inhalt handelt es sich um eine
Entscheidungs- oder
Erklärungsspannung; im ersten Fall ist man gespannt auf den Ausgang des Außen- oder
Innenkampfes zwischen Held und Widerspiel, im zweiten auf die Erklärung eines rätselhaften Umstands (in der Regel eines Mords im
Krimi). Entscheidungs- beziehungsweise Erklärungsspannung bedingen unterschiedliche Formen der
Überraschung.
Zum Ziel der Erwartung können entweder berechnende oder beschwörende Handlungen führen. Die Berechnung steht etwa bei einem ungestört verlaufenden Diebstahl im Vordergrund, die Beschwörung bei einer Liebeswerbung. Beim (unmanipulierten) Glücksspiel helfen weder die Berechnung noch die Beschwörung, daher hat es eine besondere dramaturgische Bedeutung.
Stärke
Die
Stärke des Spannungsgefühls hängt von der Wichtigkeit der vorgestellten künftigen Ereignisse für den
Protagonisten, mehr noch aber für den Zuschauer (wie brennend seine persönlichen Interessen davon berührt sind) ab sowie von der Erheblichkeit des Unterschiedes zwischen Erhofftem und Befürchtetem.
Verlauf
- Anspannung – künftiges Ereignis taucht in Phantasie auf
- Überraschung – Nicht-Erfüllung oder Eintreffen von etwas anderem scheint möglich
- Verwicklung – Voraussetzungen der Erfüllung vollziehen sich eine nach der anderen, unterbrochen durch neue zweifelbegründende Ereignisse
- Lösung – nach den Erfahrungsgesetzen muss die Erfüllung, indem der Ring der Notwendigkeiten sich schließt, eintreten
Erzeugung
- Titel stiften bestimmte Erwartungen: "Jäger des verlorenen Schatzes", "Der Freund meiner Freundin", "Tod eines Handlungsreisenden", "Warten auf Godot"
- Genre-Konventionen implizieren ein bestimmtes Eintreffen (z.B. der Überwältigung des Widersachers durch den Helden oder die Klärung des Rätsels durch den Ermittler/Detektiv)
- Informationsvergabe
- Konflikt zwischen Beleidigtem (Protagonist) und Beleidiger (Antagonist) oder in der Brust des Beleidigten (Innenkampf) stellen einen Entscheidungskampf in Aussicht, auf dessen Ausgang man spannt
- ein überraschender Vorfall – häufig ein Mord (Whodunnit) – heischt nach Aufrollung seiner Vorgeschichte, auf deren Klärung man gespannt ist
- Mantik – Träume, Ahnungen, Sinnbilder, Vorhersagen, aufziehendes Wetter oder verheißende Musik implizieren ein bestimmtes Eintreten
Geschichtliche Entwicklung
Suspense als öffentlich geduldetes und gefördertes
Medienphänomen gibt es erst seit dem
Sport oder dem
Bühnenmelodram seit dem späteren
18. Jahrhundert. Das öffentliche Entfachen starker Emotionen setzt ein recht hohes
Zivilisationsniveau voraus, um nicht aus dem Ruder zu laufen. Zudem stand die christlich-mittelalterliche
Ethik, die sich in Opposition zu den römischen
Wagenrennen und
Gladiatorenkämpfen entwickelt hatte (
Tertullian), jeder Art von Suspense entgegen: Alle Versuche, etwas gemeinsam zu planen und gespannt auf Bestätigung zu warten, hatten kaum Wert gegenüber der Hoffnung, von Gott oder andern Autoritäten erhört zu werden. Erst die
Französische Revolution brachte diese
Gnadenordnung grundsätzlich ins Wanken.
Alfred Hitchcock gilt als "master of suspense". Zwar wurden Techniken der Spannungssteigerung und Suspenseerzeugung schon lange in narrativen Medien benutzt, doch Hitchcock perfektionierte sie und prägte damit die Filmlandschaft.
Siehe auch
Melodram (Theater),
Thriller,
Actionfilm,
Sport
Literatur
- Henning Eichberg: Leistung, Spannung, Geschwindigkeit. Sport und Tanz im gesellschaftlichen Wandel des 18./19. Jahrhunderts. Stuttgart: Klett 1978
- Peter Vorderer, Hans J. Wulff, Mike Friedrichsen (Hrsg.): Suspense: Conceptualizations, Theoretical Analyses, and Empirical Explorations. Hillsdale NJ: Lawrence Erlbaum 1996
- Eric Dunning, Norbert Elias: Sport und Spannung im Prozess der Zivilisation. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2003
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