Gaius Suetonius Tranquillus (* wohl um 70 n. Chr.; † ca. 130–140 n. Chr.), genannt Sueton, war ein römischer Schriftsteller und Verwaltungsbeamter. Der biografische Ansatz in Suetons populärem Werk galt lange Zeit als Vorbild für historische Arbeiten. Für die modernen Historiker gehört er außerdem zu den wichtigsten Einzelquellen der römischen Kaiserzeit.
Die Familie besaß offenbar bereits über mehrere Generationen Beziehungen zum Kaiserhaus. Sueton zitiert seinen Großvater als Quelle für eine Anekdote über Caligula. Sein Vater Suetonius Laetus gehörte dem Ritterstand (equester ordo) an und nahm am Bürgerkrieg 69 n. Chr. als Militärtribun (tribunus angusticlavius) der 13. Legion auf Seiten Othos teil. Andere Stationen seiner ritterlichen Laufbahn, zu der weitere Offiziers- und Verwaltungsposten gehört haben dürften, sind nicht bekannt.
Im Anschluss an die Ausbildung arbeitete der junge Sueton als Gerichtsredner in Rom, wie zwei Briefe des Plinius zeigen, die in die Regierungszeit Nervas oder die ersten Jahre Trajans gehören dürften. Später, in den ersten Jahren des 2. Jahrhunderts n. Chr., gab er diese Tätigkeit offenbar zugunsten der Schriftstellerei auf.
Der einflussreiche Plinius wurde zu Suetons Förderer: Er half ihm beim Kauf eines kleinen Guts in der Nähe von Rom. Plinius sorgte bei Kaiser Trajan auch dafür, dass Sueton das Privileg des Dreikinderrechts (ius trium liberorum) verliehen bekam. Dieses Recht war eigentlich eine Steuererleichterung für Familienväter oder Mütter mit mindestens drei Kindern. Es nahm Sueton von der Ehepflicht aus, die im römischen Reich bestand. Die Ehepflicht wurde durch Androhung erbrechtlicher Nachteile durchgesetzt: So wäre Sueton beispielsweise, sobald er unverheiratet das 25. Lebensjahr überschritten hätte, für unfähig erklärt worden, Erbschaften anzutreten (caelibatus). Und selbst in einer kinderlosen Ehe (orbi) wäre Sueton dann nur die Hälfte zugefallen. Sueton erhielt also ein steuerliches Privileg, zudem vereinfachte das Dreikinderrecht den Zugang Suetons zu öffentlichen Ämterlaufbahn.
Plinius selbst wurde um 111 n. Chr. vom Kaiser Trajan zum Legaten berufen, dem nächsthöheren Rang über den Tribunen. Das Amt führte Plinius nach Bithynien, einer Gegend in Kleinasien. Der zehn Jahre jüngere Sueton gehörte vermutlich für ungefähr zwei Jahre zu seinem Gefolge. Doch Plinius starb in Bithynien oder kurz nach seiner Rückkehr. Sueton hatte seinen Patron verloren.
117 n. Chr. wurde Hadrian Nachfolger Trajans. Sueton übernahm bei ihm das Amt ab epistulis, die Leitung des Kanzlei des Kaiser. In dieser Funktion besaß er einen bedeutenden politischen wie verwaltungstechnischen Einfluss.
Hochgestellte Privatpersonen, meist aber Beamte oder Körperschaften, konnten an den Kaiser bei juristischen Problemen Anfragen stellen. Dieser ließ sie dann von seiner Kanzlei in höflicher Briefform (epistula) beantworten. Im Kaisertum besaß dann diese Meinungsäußerung Gesetzeskraft; dies macht den Einfluss von Suetons Amt ab epistulis deutlich. Zu den weiteren Aufgaben des Amtes zählten die Versendung der kaiserlichen Befehle, der Briefverkehr mit den Provinzstatthaltern, die Verkündung von Ernennungen und Beförderungen und gelegentlich auch Briefverkehr mit dem Ausland.
Da Sueton nun bei Hadrian in Ungnade gefallen war, zog er sich zurück und widmete sein weiteres Leben ausschließlich den Studien. Er lebte vielleicht noch bis in das vierte Jahrzehnt des 2. Jahrhunderts, über diesen letzten Lebensabschnitt sind aber keine Informationen überliefert.
Das folgende Zitat eines Zeitgenossen Suetons, Plinius des Jüngeren, ist eine der wenigen Beurteilungen von Suetons Charakter:
Die Schriftstellerei war in Rom allerdings gesellschaftlich weniger anerkannt als eine politische oder militärische Tätigkeit. Für Angehörige der Oberschicht blieb sie in der Regel eine Freizeitbeschäftigung, was auch bei Sueton im größeren Teil seines Lebens so gewesen sein dürfte.
Suetons Arbeit steht im Schatten mehrerer literarischer Zeitgenossen. Er ist für die modernen Historiker nur eine von drei wichtigen direkten Informationsquellen dieser Epoche: Außer ihm schrieben noch Tacitus, der dritte Geschichtsschreiber war Plinius der Jüngere, der oben zitiert wurde. Plinius d. J. bildet gewissermaßen das Bindeglied zwischen Tacitus und Sueton, denn er war mit beiden befreundet, für den zehn Jahre jüngeren Sueton gleichzeitig Patron. Plinius, der durch eine Karriere im Staatsdienst zu großem Einfluss gekommen war, wurde selbst eher unbeabsichtigt zur Geschichtsquelle; seine Informationen sind in Form von Briefen überliefert, die er an außerhalb Roms lebende Freunde schrieb.
Neben seiner täglichen Arbeit verfasste Sueton eine Vielzahl von Werken mit historischem, grammatischen und naturwissenschaftlichen Inhalten, die Mehrzahl davon in lateinischer Sprache, einige aber auch in griechischer Sprache. Der Großteil dieser Schriften ist verloren.
Zum Beispiel sind von einer großen Schriftensammlung von 110 n. Chr. mit dem Namen De viris illustribus nur noch Fragmente vorhanden: In vollständiger Form enthielt es wohl Kurzbiographien von Berühmtheiten der römischen Literatur; es hatte die Kapitel Dichter, Redner, Geschichtsschreiber, Philosophen sowie Grammatiker und Rhetoren. Von dieser letzten Abteilung, Grammatiker/Rhetoren, ist etwas mehr als die Hälfte überliefert; außerdem sind zwei weitere Biographien aus anderen Abteilungen erhalten. Ansonsten kennt man De viris illustribus nur aus Zitaten nachfolgender Autoren.
Aus solchen Zitaten kennt man auch noch mindestens vierzehn andere Werke Suetons, z. B. Über die Spiele der Griechen, von denen aber nichts im Original überliefert wurde. Man hat teilweise versucht, einige Werke aus den gefundenen Zitaten zu rekonstruieren.
Jede Biographie steht für sich, die Proportionen sind dabei ziemlich ungleich: Die ersten sechs Biographien mit den Herrschern aus der Familie der Julier und Claudier sind drei- bis viermal so umfangreich wie die der späteren Kaiser. Deshalb wird vermutet, dass Sueton die späteren zuerst verfasst hat.
Er zitiert wörtlich Passagen aus anderen Werken, wie Testamenten oder Briefen. Seine Angaben sind in der Regel präzise, sowohl was die Datierung wichtiger Ereignisse als auch Amtsbezeichnungen anbelangt. Ein Beispiel hierfür ist Suetons Datierung von Tiberius’ Geburt, für die er mehrere Quellen anführt. Er verarbeitete aber auch mündliche Nachrichten, vor allem den Klatsch am Kaiserhof.
Sueton wählte die Form der Biographie, damals eine relativ junge literarische Gattung. In der Biographie gab es mehrere verschiedene Strömungen, was die Struktur betraf: Sueton entschied sich für eine Biographie, wie sie für literarische Persönlichkeiten üblich war. Diese Form stammte aus Alexandria und ging teils chronologisch, teils aber thematisch vor: Den römischen Leser interessierten vor allem der cursus honorum der Person sowie Einzelheiten aus ihrem Leben. Sueton beschäftigte sich mit Träumen, Vorzeichen, Wundern und Anekdoten. Ein Beispiel hierfür kann wieder aus der Biographie von Tiberius genannt werden: Hier verrät der Säugling Tiberius beinahe die Flucht der Eltern.
Die Biographie wählte dabei wegen der besseren Übersicht jeweils einzelne Rubriken und folgte einem bestimmten Schema: 1. Herkunft; 2. Jugend und Erziehung; bis hier geht Sueton noch chronologisch vor; 3. militärische und politische Tätigkeit; 4. Privatleben; 5. Vorzeichen bei Geburt und Tod; 6. Tod, Begräbnis und Testament.
In diesem Schema gibt es dabei kein einheitliches Band, das dieses Bündel von Informationen zusammenhält: Sueton füllt vielmehr das Schema so konsequent aus, dass sich der Leser leicht zurechtfindet. In der Rubrik „militärische und politische Tätigkeit“ ist die Chronologie aufgehoben. Es gibt hier systematische Kategorien wie Kriegstaten, Bauten, Lebensführung u. a., schließlich wird am Ende der chronologische Faden wieder aufgenommen.
Suetons Systematisierung geht bis in skurrile Details: Die Geliebten Caesars werden geographisch geordnet nach solchen a) aus Rom, b) aus den Provinzen, c) von ausländischen Königshöfen. Sonst sind die Kategorien aber sinnvoll gewählt; es gibt z. B. eine Einteilung in Privatleben und öffentliche Leistungen, der Charakter des jeweiligen Herrschers wird beschrieben durch Fehler und Tugenden.
Wichtig ist es zu betonen, dass die Biographieform, die Sueton wählte, eigentlich für Künstler üblich war. Suetons Leistung ist es gewesen, sie auf politische Persönlichkeiten zu übertragen zu haben, nachdem er das Schema schon auf seine Lebensbeschreibungen von literarischen Berühmtheiten, De viris illustribus, angewandt hatte.
In der Renaissance schließlich ließ sich Francesco Petrarca von Sueton inspirieren (De viris illustribus).
Wie kam er zu dieser Behauptung? Zum einen bemängeln Funiaoli und die meisten anderen Suetons Rubrikenschema. Sie halten es für eine unglückliche Entscheidung, dass er die übliche Darstellungsform für literarische Berühmtheiten auf politische Herrscher übertrug. Die Einteilung des Lebens in Kategorien sei zu mechanisch; sie verhindere eine Einordnung in die historische Entwicklung. Selbst zusammenhängende Ereignisse habe Sueton in getrennten Rubriken angeführt.
Dies ist aber nur der erste Vorwurf; der zweite betrifft Suetons Erzählfreudigkeit bei nebensächlichen Einzelheiten. Die Kritiker sagen, ein Flickenteppich von Anekdoten würde beispielsweise eine wirkliche Analyse des Charakters von Tiberius ausschließen, und es würde sich kein psychologisch stimmiges Gesamtbild ergeben. Sueton habe seine Materialsammlung einfach kritiklos zusammengestellt, so dass Nebensächliches gleichwertig würde mit Wichtigem. Ein Beispiel: Sueton beschreibt den Waldbrand in Tiberius’ Kindheit genauso ausführlich wie dessen Feldzüge. So würden historisch bedeutende Ereignisse erheblich an Gewicht verlieren und die historische Perspektive verzerrt werden. Diesen Kritikpunkt formulierte man auch so: Sueton habe die „Sichtweise eines Kammerdieners“, seine enge Perspektive der Darstellung widerspräche der Größe der porträtierten Persönlichkeiten.
Neben der Kritik an der literarischen Qualität ist auch ein gehöriges Maß an inhaltlicher Skepsis bei der Lektüre von Suetons Biographien anzuraten. Sueton übernahm die Behauptungen seiner Quellen kritiklos und zitierte so oft beispielsweise auch Aussagen von politischen Feinden der jeweiligen Personen. Viele Anekdoten basieren auf teils wilden Gerüchten und entbehren jeglicher Neutralität. Gerade was die vielen Schauergeschichten über verschiedene Kaiser angeht, so ist Sueton wohl eher als Klatschreporter, denn als historisch zuverlässige Quelle zu sehen, der in seinen Schriften eher die Sensationslust seiner Leser befriedigen wollte, statt neutral Fakten wiederzugeben.
Sueton hatte vielmehr folgende Absicht: Er schrieb für seine Zeitgenossen. Die geschichtlichen Zusammenhänge waren diesen weitgehend bekannt, deshalb verfasste Sueton eine unterhaltsame Ergänzung zu den Schilderungen eines Tacitus. Suetons Interesse galt vielen Bereichen, so kam es ihm gelegen, die Vielzahl seiner Details in Rubriken zu ordnen. Mit seinen Anekdoten, Klatsch und allzumenschlichen Zügen entsprach Sueton dabei dem Geschmack seiner Leser: Interesse an Einzelheiten war eine typisch römische Eigenschaft.
Sueton stand in der Tradition der römischen Laudatio funebris, der Grabrede. Diese Reden beim Begräbnis Verstorbener, die später aufgezeichnet wurden, waren Suetons Biographien sehr ähnlich sie wollten unterhalten oder sogar Neugier befriedigen. Diese Absicht erklärt auch, weshalb Sueton den Leser kaum politisch oder moralisch beeinflussen will: Er suchte sich die Herrscher Roms deshalb als handelnde Figuren aus, weil sie für alle Bewohner des römischen Reiches die größte Bedeutung hatten. Er legte großen Wert auf eine Beschreibung des Charakters, denn er sah das Leben der Kaiser weniger durch ihre geschichtliche Rolle bestimmt als durch ihre Persönlichkeit.
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