Sudetenland ist eine vorwiegend nach 1918 gebrauchte Hilfsbezeichnung für ein Gebiet im heutigen Tschechien, in dem überwiegend Deutsche nach Sprache und Herkunft lebten. Diese erst im 20. Jahrhundert als "Sudetenland" bezeichneten Regionen umfassten rd. 28.943 km².
Die Sudetenländer sind nicht identisch mit dem Sudetenland, sie orientieren sich also an den Sudeti montes der Antike, die – vielleicht irrig – mit dem Bereich vom Isergebirge bis zum Adlergebirge identifiziert wurden. Der Terminus umfasste die Gesamtheit der historischen Länder Böhmen, Mähren, Schlesien. Diese Bedeutung von Sudetenländer findet sich heute beispielsweise noch im Namen der Historischen Kommission der Sudetenländer, dort mit dem bei einer Satzungsänderung 1981 zur Verhinderung von Missdeutungen als notwendig befundenen Erklärung „Sudetenländer im Sinne der Gesamtheit der böhmischen Länder". (Zitat Hans Lemberg, Collegium Carolinum, München)
Man kann das Sudetenland auf verschiedene Arten definieren:
In ethnischer Hinsicht war das "Sudetenland" seit 1918 die zusammenfassende Bezeichnung für die Gebiete Böhmens, Mährens und Mährisch-Schlesiens, in denen Einwohner deutscher Nation und/oder Muttersprache eine Mehrheit bildeten (eigene Bezeichnung: Deutschböhmen, später Sudetendeutsche benannt).
Durch den Vertrag von Saint-Germain wurde das Gebiet schließlich im September 1919 der neu gegründeten Tschechoslowakei zugeschlagen. Die vorhandenen nationalen Gegensätze zwischen den (nun bestimmenden) Tschechen und den Deutschen, die sich benachteiligt fühlten, wurden größer. Der Versuch der Sudetendeutschen, die deutsprachigen Grenzgebiete im Jahre 1918 vom historischen Gebiet Böhmens abzutrennen, nicht der neu entstandenen Tschechoslowakei zuschlagen zu lassen, sondern es an die ebenfalls eben entstehende Republik Deutschösterreich anzuschließen, wurde von den Siegermächten des Ersten Weltkrieges verboten und von der Tschechoslowakischen Regierung zunichtegemacht, teilweise mit Waffengewalt. Am 4. März 1919 wurden bei Demonstrationen der Deutschen in ihrem Siedlungsgebiet für ihr Selbstbestimmungsrecht und die Zugehörigkeit zu Deutsch-Österreich, die anlässlich der in Österreich stattfindenden Wahlen stattfanden, insgesamt 54 Deutsche und zwei Tschechen von tschechischen Soldaten erschossen.
In einem Interview mit der damals führenden französischen Tageszeitung "Le Matin" vom 10. Januar 1919 erklärte der Gründungspräsident der CSR, Masaryk:
Viele Sudetendeutsche lehnten eine Zugehörigkeit zur Tschechoslowakei ab, weil entgegen den von US-Präsident Wilson versprochenen Grundsätzen eine Volksabstimmung über die Staatszugehörigkeit ihrer seit fast sieben Jahrhunderten legal besiedelten Städte und Landschaften verweigert worden war.
Die Siegermächte hatten in Versailles und Saint Germain entschieden, das historische Gebiet der böhmischen Kronländer nicht aufzuteilen. Ein Anschluss der (zumindest nördlichen und westlichen) böhmischen Grenzgebiete an Österreich wäre auch rein geografisch recht merkwürdig gewesen. Die Gebirge des "böhmischen Vierecks" bildeten ein militärisch nützliches Hindernis gegen mögliche Angriffe des Deutschen Reiches und Österreichs, deren Schuld am Ersten Weltkrieg kurz vorher ultimativ festgeschrieben worden war.
Im neuen Vielvölkerstaat Tschechoslowakei verfügten sämtliche Völker über eigene politische Parteien, eine ihrer Anzahl angemessene Vertretung im Parlament, über ein eigenes Schulsystem, und Abgeordnete im Parlament haben sogar ihre Vorträge in ihrer jeweiligen Muttersprache gehalten.
Es wurde am 1. Oktober 1933 um Konrad Henlein die Sudetendeutsche Partei (SdP) gegründet. Anfangs setzte sich die Partei nur für eine größere Autonomie des Sudetenlandes ein, gestützt auf vertragliche Zusicherungen der Tschechoslowakei. Nach Absprache mit Hitler orientierte sich die Partei später zunehmend an Hitler und den Nationalsozialisten (NSDAP) im benachbarten Deutschen Reich.
Abgeschirmt von der Öffentlichkeit erklärte Hitler im November 1937 den Oberbefehlshabern der Wehrmachtteile, dass der Anschluss Österreichs und die Niederwerfung der Tschechoslowakei die nächsten Schritte auf dem Weg zum Lebensraum im Osten seien. Im April 1938 bekräftigte Hitler gegenüber der Wehrmacht seinen Plan, "die Tschechoslowakei in absehbarer Zeit durch eine Militäraktion zu zerschlagen". Auf diesem Weg zu der von ihm so proklamierten "Lösung der deutschen Raumfrage" war die SdP ein willfähriger Partner. Henlein wurde beauftragt, die tschechoslowakische Regierung mit Maximalforderungen der Sudetendeutschen zu konfrontieren, um die innenpolitische Krise anzuheizen.
Immer stärker unter Druck verkündete die Tschechoslowakei im Mai 1938 mit dem Hinweis auf Kenntnisse eines unmittelbar bevorstehenden deutschen Angriffs die Mobilmachung. Die Bündnispartner Frankreich und England waren im Zugzwang und bekundeten ihre Unterstützung. Deutschland seinerseits forcierte die Krise und versetzte die Wehrmacht in Bereitschaft. Unter Vermittlung Mussolinis gelang es England schließlich noch einmal, den von Hitler eigentlich angestrebten Waffengang zu verhindern.
Durch das Münchener Abkommen vom 29. September 1938 sah die deutsche Bevölkerung des Sudetenlandes ihre beim Zerfall der Monarchie Österreich-Ungarn 1918 angestrebte, aber durch den Vertrag von St. Germain verhinderte Selbstbestimmungsrecht mit zwanzig Jahren Verspätung nun doch endlich eingelöst. Die deutsch besiedelten Randgebiete Böhmens wurden dem Deutschen Reich als „Reichsgau Sudetenland“ angegliedert.
Wenige Monate nach Abschluss des Münchener Abkommens wurden durch den inzwischen zurückgetretenen und in London ansässigen ehemaligen Präsidenten Edvard Beneš erste Ideen entwickelt, die auf eine Rückgewinnung der gerade abgetretenen Gebiete sowie eine Ausweisung der dort lebenden deutschen Bevölkerung zielten.
Die Grenze zwischen dem zu 96% von Tschechen bewohnten Protektorat und dem Sudetenland durfte nur mit staatlicher Genehmigung überschritten werden. Die Zollgrenze zum Protektorat wurde jedoch am 18. September 1940 aufgehoben.
Unmittelbar nach Beginn des Zweiten Weltkrieges gründete der ehemalige tschechoslowakische Präsident Edward Beneš das tschechoslowakische Nationalkomitee, das sowohl von der britischen als auch der französischen Regierung anerkannt wurde. Nach dem deutschen Sieg über Frankreich im Juni 1940 erkannten die Briten die Gruppe um Beneš als tschechoslowakische Exilregierung und Beneš als Präsidenten an. In dieser Position verstärkte Beneš seine Anstrengungen hinsichtlich der vollständigen Wiedererrichtung der Tschechoslowakei unter Einschluss des Sudetenlandes und der Ausweisung der Minderheitsbevölkerungen der Deutschen, Ungarn und Polen.
Bereits weit vor Kriegsende erreichte Beneš von den Westalliierten die grundsätzliche Zustimmung zu seinen Entrechtungs- und Vertreibungsplänen. Ebenfalls wurden die darauf abzielenden und später als Beneš-Dekrete bekannt gewordenen Gesetze und Verordnungen größtenteils bereits ab 1943 von Beneš formuliert.
Insgesamt wurden 3,0 Millionen der knapp über 3,2 Millionen Sudetendeutschen aus ihrer Heimat vertrieben. Bei "Rache-Massakern" kamen viele Deutsche um, genaue Zahlen wird man wohl nicht mehr feststellen können. Etwas über 30.000 sind anzunehmen. Nach verschiedenen Bevölkerungsbilanzen hat sich die Zahl der Sudetendeutschen zwischen Anfang Mai 1945 und den beiden Volkszählungen in der Bundesrepublik und der DDR vom August und September 1950 um über 200.000 vermindert.
In die gewaltsam geräumten Regionen zogen überwiegend Tschechen aus dem Landesinnern und auch Tschechen, die vorher von den Deutschen von dort vertrieben worden waren, sowie Slowaken und Roma. Die Meisten erhielten den Zuschlag auf die jeweilige zuvor von Sudetendeutschen oder Ungarn enteignete Immobilie unentgeltlich über ein Auslobungsverfahren, welches die Regierung unter der tschechischen und slowakischen Bevölkerung durchführte. Einzelne nahmen Häuser noch unter Anwesenheit der Vorbewohner gewaltsam in Besitz. Weiterhin wurden etwa 44.000 Ungarn in das verlassene Sudetenland zum Arbeitsdienst deportiert. Nach ein bis zwei Jahren wurde den Ungarn erlaubt, in die Südslowakei zurückzukehren, was auch rund 24.000 von ihnen taten.
Durch die Neuverteilung der geräumten Immobilien kam es bei vielen Tschechen "als Ausgleich für durch die Nationalsozialisten verübtes Unrecht" zu einem erheblichen Wohlstandszuwachs. Bis heute sorgt dieses Thema für Spannungen zwischen den Regierungen Österreichs, Deutschlands und Ungarns einerseits und der tschechischen Regierung andererseits. Man hat versucht, diese Spannungen mit der gemeinsamen Erklärung vom Januar 1997 zu entschärfen.
Der Wortschatz wird beschrieben im Sudetendeutschen Wörterbuch. Die Sprachgeographie wird neuerdings erforscht vom Atlas der historischen deutschen Mundarten auf dem Gebiet der Tschechischen Republik.
Siehe auch: Liste deutscher Bezeichnungen tschechischer Orte
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