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Die Kognitive Entwicklungstheorie des moralischen Urteils von Lawrence Kohlberg basiert auf John Rawls moralphilosophischer Gerechtigkeitstheorie und stellt eine Weiterentwicklung von Jean Piagets Theorie der Moralentwicklung dar. Konzeptionell baut Kohlbergs Theorie auf Jean Piagets Modell der kognitiven Entwicklung auf. Lawrence Kohlbergs Theorie der Entwicklung des Moralbewusstseins beim Menschen beruht auf seiner Dissertationsarbeit (1958), ihr folgte eine beinahe 30 Jahre laufende Längsschnittstudie. Zeit seines Lebens hat Kohlberg an seiner Theorie der moralischen Urteilsentwicklung gearbeitet und sie beständig revidiert und erweitert. Die Theorie geht davon aus, dass sich das Moralbewusstsein beim Menschen stufenweise in immer derselben Reihenfolge entwickelt, wobei nicht alle Menschen die höheren Stufen des Moralbewusstseins erreichen.

Ermittlung moralischer Urteile


Mit sogenannten "moralischen Dilemmata" untersuchte Kohlberg die moralische Entwicklung des Menschen. Den Probanden wurden zehn hypothetische Dilemmata vorgelegt. Durch diese fiktiven Geschichten wurden sie mit moralischen Problemstellungen konfrontiert, z.B. geraten die Protagonisten in einen inneren Konflikt mit Normen und Gesetzen wenn die Forderung einer Autorität im Widerspruch zum Wohlergehen anderer Personen steht. Die wohl geläufigste Geschichte ist das Heinz-Dilemma, welches von Kohlberg und seinen Mitarbeitern wiederholt benutzt wurde um das Auswertungssystem zu erklären und so größere Bekanntheit erlangte. Die Geschichte handelt von einem Mann namens Heinz, dessen Frau sterbenskrank ist. Der einzige Apotheker der Stadt hat ein Medikament entwickelt, das die Frau heilen könnte. Der Apotheker verkauft das Medikament für den zehnfachen Preis, den ihn die Herstellung kostet und er ist nicht bereit, Heinz das Medikament zu einem geringeren als den veranschlagten Preis zu verkaufen. Trotz zahlreicher Bemühungen gelingt es Heinz nicht, ausreichend Geld zu beschaffen um das Medikament kaufen zu können. Verzweifelt bricht Heinz in die Apotheke ein und stiehlt das Medikament für seine Frau. Die Probanden wurden daraufhin befragt: Ob und warum Heinz das Medikament stehlen sollte, was als schlimmer eingestuft werden kann: jemanden sterben lassen oder stehlen, ob Heinz auch das Medikament stehlen sollte wenn er seine Frau nicht lieben würde, ob man auch für einen Freund oder gar ein Haustier das Medikament stehlen sollte und ob ein Richter Heinz für den Diebstahl bestrafen sollte. Alle von Kohlbergs Dilemmata handeln jeweils von zwei sich widersprechenden, also nicht zu vereinbarenden moralischen Normen. Auf das Heinz-Beispiel bezogen wäre es also der Wert des Lebens, der im Widerspruch zum Diebstahlt steht. Die Dilemmata haben eine simple Struktur und eine optimale Lösung kann niemals gefunden werden. Heinz kann niemals seine Frau retten und zur gleichen Zeit den Apotheker zufrieden stellen. Welcher Lösungsweg von den Probanden gewählt wird, ist somit egal, es ergeben sich in jedem Fall fatale Konsequenzen. Kohlberg führt keine inhaltliche, sondern eine strukturelle Analyse der Antworten auf die Dilemmata durch. Für Kohlberg ist es nicht von Bedeutung, welche durch den Inhalt geprägte Handlungsalternative (z.B. Heinz solle das Medikament stehlen oder nicht) gewählt wird. Kohlberg führt eine Analyse der Struktur des moralischen Urteils durch, er untersucht die Argumente bzw. angegebenen Begründungen für die jeweilige Entscheidungsrichtung. An diesem Analyseschema kann man sehr gut einen der Hauptpunkte von Kohlbergs Theorie erkennen: Sie unterscheidet nicht in moralisch "gute" und moralisch "schlechte" Entscheidungen in Bezug auf das Dilemma, da dies eine "gute" oder eine "böse" Moral voraussetzen würde, die nicht existiert.

Kohlbergs Theorie - eine kognitive Entwicklungstheorie


Kohlberg bezeichnet seine Theorie als eine kognitive Entwicklungstheorie. Die Bezeichnung "kognitiv" muss in diesem Zusammenhang als das Denken und Urteilen über moralische Problemstellungen verstanden werden. Kohlberg hat in seinen Untersuchen jegliche affektiven Aspekte der moralischen Entwicklung außer Acht gelassen. Er geht davon aus, dass moralisches Urteilen auf der kognitiven Entwicklung aufbaut, man muss also erst logisch denken können bevor man moralisch urteilen und handeln kann.

Grundlagen


Die nachfolgend beschriebenen Entwicklungsstufen des moralischen Bewusstseins durchläuft jeder Mensch, unabhängig von der Kultur, in der er aufwächst, immer in derselben Reihenfolge und ohne einzelne Stufen zu überspringen. Die Stufen des Moralbewusstseins entsprechen dabei verschiedenen Stufen einer Entwicklung der kognitiven Prozesse, mit denen ein Mensch moralische Konfliktfälle und Fragen beantwortet. Der wesentliche Bereich, in dem sich die Entwicklung dabei vollzieht, liegt in der Fähigkeit des Menschen, sich in die Lage anderer Menschen hinein zu versetzen (Rollentausch).

Die Stufen des Moralbewusstseins


Kriterien für die Entwicklung

Um von einer Stufe des Moralbewusstseins zu einer anderen zu gelangen, muss ein Mensch auf drei Bereichen Fortschritte machen:
  1. Seine soziale Perspektive muss sich erweitern, weg von einer rein egozentrischen Perspektive hin zur Realisierung der Ansprüche anderer Menschen in der Gemeinschaft
  2. Seine moralische Selbstbestimmung muss sich verbessern, er muss moralische Normen hinterfragen und begründen lernen.
  3. Die Begründung der Regeln seines Handels muss sich verbessern. Eine reine egozentrische Lust/Unlust-Begründung muss schrittweise einem postkonventionellen Normbegründungskonzept weichen.

Drei Stufen mit je zwei Unterstufen

Kohlberg erkennt drei Hauptniveaus des moralischen Urteilens, die jeweils aus zwei Unterstufen bestehen:

Präkonventionelle Ebene

Diese Ebene entspricht dem Niveau der meisten Kinder bis zum neunten Lebensjahr, einiger Jungendlicher und vieler jugendlicher und erwachsener Straftäter.

1. Stufe Die Orientierung an Strafe und Gehorsam: In der ersten Stufe orientieren sich diese nicht an moralischen Ansprüchen, sondern im wesentlichen an wahrgenommenen Machtpotenzialen. Die von Autoritäten gesetzten Regeln werden befolgt, um Strafe zu vermeiden.

2. Stufe Die instrumentell-relativistische Orientierung: In der zweiten Stufe erkennen Kinder die Gegenseitigkeit menschlichen Verhaltens. Rechthandeln besteht darin die eigenen Bedürfnisse und gelegentlich die von anderen als Mittel (instrumentell) zu befriedigen. Menschliche Beziehungen werden vergleichbar mit der Austauschbeziehung des Marktes verstanden. Sie orientieren ihr Verhalten an dieser Gegenseitigkeit, reagieren also kooperativ auf kooperatives Verhalten, und üben Rache für ihnen zugefügtes Leid ("tit for tat")/("do ut des" -> ich gebe, damit du gibst).

Konventionelle Ebene

Dieser Ebene sind der Großteil der Jugendlichen und Erwachsenen zuzuordnen.

3. Stufe Die interpersonale Konkordanz- oder "good boy - nice girl"-Orientierung: Moralische Erwartungen anderer werden erkannt. Den Erwartungen der Bezugspersonen und Autoritäten möchte das Kind entsprechen ("good boy"/"nice girl"), nicht nur aus Angst vor Strafe. Wird es den Erwartungen nicht gerecht, empfindet es auch Schuldgefühle. Korrespondierend dazu richtet es ebenfalls moralische Erwartungen an das Verhalten anderer. Es wird darüber hinaus häufig aufgrund der zugehörigen Intention argumentiert ("Er hat es doch gut gemeint").

4. Stufe Die Orientierung an Gesetz und Ordnung: Über die dritte Stufe hinaus erkennt das Kind die Bedeutung moralischer Normen für das Funktionieren der Gesellschaft. Auch die nicht von Bezugspersonen an das Kind gerichteten Erwartungen werden erkannt (allgemeine moralische Regeln der Gesellschaft) und befolgt, da sie für das Aufrechterhalten der sozialen Ordnung erforderlich sind ("law and order")

Zwischen- bzw. Übergangsstufe

4 1/2. Stufe: Bei der Auswertung einer Längsschnittstudie wurde festgestellt, dass Highschool-Absolventen wieder moralische Urteile entsprechend der Stufe 2 fällten. Daraufhin wurde die Zwischenstufe nachträglich in die Theorie integriert.

In der Übergangszeit zum Erwachsenwerden befinden sich Jugendliche typischerweise in einer Übergangsphase. Um sich vom konventionellen Niveau des Moralbewusstseins zu lösen, ist es wichtig, moralische Normen zu hinterfragen und nicht blind Autoritäten zu folgen. In der Übergangsphase gelingt es dem Menschen noch nicht, die Begründung von Normen auf ein neues, intersubjektives Fundament zu stellen, er ist moralisch orientierungslos. Menschen dieser Stufe verhalten sich nach ihren persönlichen Ansichten und Emotionen. Ihre Moral ist eher willkürlich, Begriffe wie "moralisch richtig" oder "Pflicht" halten sie für relativ. Im günstigen Fall gelingt ihnen die Entwicklung zur 5. Stufe des Moralbewusstseins, es kann aber auch sein, dass sie in der Übergangsstufe verbleiben oder zur 4. Stufe zurückfallen. Die Zwischenstufe wird als postkonventionell angesehen, obwohl moralische Urteile auf diese Stufe noch nicht prinzipiengesteuert sind.

Postkonventionelle Ebene

Nur eine Minderheit von Erwachsenen erreichen diese Ebene, meistens auch erst nach dem 20. Lebensjahr.

5. Stufe Die legalistische Orientierung am Sozialvertrag: Moralische Normen werden jetzt hinterfragt und nur noch als verbindlich angesehen, wenn sie gut begründet sind. In der fünften Stufe orientiert sich der Mensch an der Idee eines Gesellschaftsvertrags. Aus Gedanken der Gerechtigkeit oder der Nützlichkeit für alle werden bestimmte Normen akzeptiert. Nur etwa ein Viertel aller Menschen erreicht diese Stufe.

6. Stufe Die Orientierung am universalen ethischen Prinzip: Die sechste Stufe wird schließlich nur noch von weniger als 5% der Menschen erreicht. Hierbei wird die noch diffuse Begründung von Normen der fünften Stufe verlassen. Die Moralbegründung orientiert sich jetzt am Prinzip der zwischenmenschlichen Achtung, dem Vernunftstandpunkt der Moral. Das richtige Handeln wird mit selbst gewählten ethischen Prinzipien, die sich auf Universalität und Widerspruchslosigkeit berufen, in Einklang gebracht. Wobei es sich also nicht mehr um konkrete moralische Regeln, sondern um abstrakte Prinzipien handelt. Konflikte sollen argumentativ unter (zumindest gedanklicher) Einbeziehung aller Beteiligten gelöst werden. Diese Stufe ähnelt der Normbegründungsform der Diskursethik.

Kohlbergs Stufenmodell und die Religion

7. Stufe: Für Kohlberg steht die Religion ganz oben, über dem Modell, weil sie einen Sinn hat, der nicht auf Moral aufbaut. Die Religion stellt für Gläubige den Inhalt der Beurteilung. In einer nicht-monoreligiösen Gesellschaft muss die Religion neutrale Sichtweisen berücksichtigen.

Des weiteren führt Aloysius Regenbrecht in einer Kritik zu den empirisch nachgewiesenen Stufen der Moralentwicklung nach Lawrence Kohlberg an, dass ein "innerer Grund" und die Erfüllung und Belohnung durch moralisch "richtiges" Handeln, eine zentrale Rolle spielen. Regenbrecht kritisiert auch, dass durch die Aufstellung dieser imaginären, siebten Stufe die Theorie Kohlbergs in sich unstimmig ist, da Kohlberg streng an der amerikanischen Verfassung festhielt, die bekannterweise Kirche und Staat strikt trennte.

Kritik


Kohlbergs Theorie fand neben einer Vielzahl von Anhängern ebensoviele Kritiker. Kohlbergs verwirrende Publikationspraxis mit einer schier unüberschaubaren Menge an Veröffentlichungen wird ihm ebenso vorgeworfen wie angebliche Widersprüchlichkeiten zwischen der Theorie und den empirisch gewonnenen Daten. Die Revisionen der Theorie (siehe Stufe 4 1/2) führten ebenso zu einer schlechten Beurteilung derselbigen. Kritiker behaupten, dass bei einer Inkonstistenz zwischen Theorie und empirischen Daten, entweder die Auswertungsmethoden geändert oder Theorieveränderungen vorgenommen wurden. Kohlbergs Theorie beschränkt sich außerdem nur auf die kognitiven Aspekte, der "kognitive Überhang" seiner Entwicklungstheorie wurde ebenso bemängelt. Weiterhin wurde Kohlberg vorgeworfen, dass seine Studien ausschließlich mit männlichen Probanden durchgeführt wurden, so wurde ihm das Arbeiten mit nicht repräsentativen Daten vorgeworfen.

Literatur


  • Lawrence Kohlberg, "Zur kognitiven Entwicklung des Kindes", Baden Baden 1974, Suhrkamp Verlag

  • Lawrence Kohlberg, "Die Psychologie der Moralentwicklung", Frankfurt am Main 1996, Suhrkamp Verlag

Ethische Theorie | Entwicklungspsychologie

Kohlberg's stages of moral development

 

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