Der Struwwelpeter ist die Titelfigur des gleichnamigen Kinderbuchs des Frankfurter Arztes Heinrich Hoffmann. Es gehört wohl zu den erfolgreichsten deutschen Kinderbüchern. Das Bilderbuch wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. H_Hoffmann_Struwwel_03.jpg
Struwwelpeter_1.jpg | 1844 suchte der Arzt Heinrich Hoffmann nach einem Bilderbuch als Weihnachtsgeschenk für seinen damals dreijährigen Sohn Carl, fand aber nichts, was ihm für ein Kind dieses Alters passend erschien. Über die Ursprünge des Struwwelpeter schrieb Dr. Hoffmann 1871 in der Zeitschrift „Die Gartenlaube“:
Hoffmann kam schließlich mit einem leeren Schreibheft zurück und beschloss, selbst für seinen Sohn ein Bilderbuch zu schreiben bzw. zu zeichnen. Das Geschenk hatte die erhoffte Wirkung und erzielte schließlich in Hoffmanns Bekanntenkreis großes Aufsehen:
Es war schließlich der befreundete Verleger Zacharias Löwenthal (später Carl-Friedrich Loening), der Hoffmann zur Veröffentlichung bewegen konnte. 1845 erschien das Buch zum ersten Mal im Druck unter dem Titel „Drollige Geschichten und lustige Bilder für Kinder von 3–6 Jahren“, aber seit der 4. Auflage schließlich unter dem Titel „Struwwelpeter“. Seit 1858 erschien das Buch mit veränderten Darstellungen. Bei der Erstveröffentlichung hatte Hoffmann noch das Pseudonym Reimerich Kinderlieb benutzt.
Namen wie Zappelphilipp, Suppenkaspar oder Hans-Guck-in-die-Luft sind in die deutsche Umgangssprache aufgenommen worden. Textpassagen wie „Konrad" sprach die Frau Mama, „ich geh aus und Du bleibst da.“ sind heute ebenfalls Gemeingut.
Auf geschickte Weise verbindet Hoffmann zwei hochaktuelle Themen des frühen 19. Jahrhunderts:
Zum einen nimmt er bahnbrechend die Thematik der bürgerlichen Erziehung auf. Erstmals kommt diese Thematik überhaupt in die Wahrnehmung breiter Bevölkerungsschichten. „Erziehung“ als Charakterbildung des Menschen mit ihrer immanenten Problematik des Formens war bis in das 19. Jahrhundert hinein eine Thematik adeliger Schichten. Aber selbst dort war Erziehung in erster Linie Ausbildung, durch professionelle Erzieher zu besorgen, wenn auch auf eine breite Charakterbildung ausgelegt.
In bürgerlichen Schichten dagegen war bis in das Biedermeier hinein „Erziehung“ in erster Linie Berufsausbildung. Der erste, der in der deutschen Literatur ein eigenständiges bürgerliches Bildungsideal propagiert hatte, war Goethe mit "Wilhelm Meisters Lehrjahre" (1795/1796); beeinflusst war dabei auch er von Rousseaus Émile (1762) und den Idealen einer naturgemäßen Kindererziehung, der jedoch selber seine Kinder im Waisenhaus, also einer Institution außerhalb der Familie, aufwachsen ließ.
Mit seinem Suppenkaspar bringt Hoffmann die Erziehungsproblematik des selbsterziehenden Bürgerhauses auf eine unterhaltsame literarische Ebene.
Das zweite Thema, das pointiert verarbeitet wird, ist die plötzliche Möglichkeit einer Verhaltensweise, die die Wissenschaft heute als Anorexie bezeichnet. Erst bedingt durch die landwirtschaftlichen Revolutionen des 19. Jahrhunderts kann das Thema der freiwilligen Essensverweigerung überhaupt Bedeutung gewinnen.
Bis zur Jahrhundertwende waren Hunger und Hungersnöte dermaßen Teil des Jahres- und Lebenslaufes, dass die Verweigerung der Nahrungsaufnahme vielleicht eine absurde Idee, niemals jedoch eine reale psychische Verirrung hätte seine können. Der „Suppenkaspar“ ist wahrscheinlich der Literatur erster Anorektiker – und der Freudsche Hintergrund als Erziehungsproblematik wird sogleich mitdiskutiert. Hoffmann, der selbst als leitender Arzt der Frankfurter „Anstalt für Irre und Epileptische“ im Feld der Jugendpsychiatrie arbeitete, hat hier möglicherweise Krankheitsfälle aus der eigenen Praxis verarbeitet.
Es gilt heute als wahrscheinlich, dass die Geschichte vom Suppenkaspar einen realen Hintergrund besitzt. Am Jakobifriedhof in Leoben befand sich bis vor wenigen Jahren das Grab eines im Jahre 1834 verstorbenen neunjährigen Jungen, das mit „Suppenkaspar“ beschrieben war. Als Todesursache findet sich in den Kirchenbüchern der Eintrag „verweigert Nahrungsaufnahme“. Ob Hoffmann jemals selbst auf seinen Reisen das Grab gesehen hat, ist unklar – möglicherweise beruht seine Inspiration auf dem Hörensagen. Das Grab des „Suppenkaspars“ ist mit der teilweisen Einebnung des Friedhofs beim Ausbau der B116 1984 leider eingeebnet worden.
In der Geschichte geht es um den Jungen Philipp, der am Tisch nicht still sitzen kann und mit dem Stuhl schaukelt und am Ende mitsamt der Tischdecke und der Mahlzeit auf die Erde fällt – "und die Mutter blicket stumm auf dem ganzen Tisch herum."
In der Geschichte ist Hans-guck-in-die-Luft ein Junge auf dem Weg zur Schule, der mit seinen Gedanken ständig woanders ist (dargestellt dadurch, daß er immer den Blick zum Himmel gerichtet hat) und deshalb erst einen Hund über den Haufen rennt, um dann zur Erheiterung der Fische samt Schulmappe ins Wasser zu fallen.
Der Daumenlutscher, ein Junge namens Konrad, lutscht stets an seinen Daumen, obwohl es ihm seine Mutter ("Frau Mama") verboten hat. Sie warnt ihn vor dem Schneider, der ihm seine Daumen abschneiden würde, wenn er nicht mit dem Lutschen aufhöre, doch Konrad hört nicht auf die Warnung und der Schneider schneidet ihm schließlich mit einer übertrieben groß gezeichneten Schere (fast so groß wie der Schneider selbst) beide Daumen ab.
Das Daumenlutschen könnte symbolisch gemeint sein und für Masturbation stehen. Diese Bedeutung wäre gut möglich, da zur Zeit, als das Buch veröffentlicht wurde, noch nicht offen über solche Themen geschrieben werden durfte. Als Warnung für Kinder wäre die Geschichte dann jedoch unpassend, weil sie die Anspielung nicht bemerken würden.
http://www.fln.vcu.edu/struwwel/daumen.html
Es gibt aber auch Autoren, die immer wieder auch das durchaus anarchische, anti-bürgerliche Element in den Geschichten betonen (vgl. "Hase und Jäger") – ein facettenreiches Gesamtbild, das der Struwwelpeter mit seinen "Neffen im Geiste" Max und Moritz teilt.
Beide Bilderbuchklassiker sind dennoch bis heute aus den Regalen von Buchhandlungen und Bibliotheken nicht wegzudenken, die Verse gelten weithin als Volksgut und jedermann bekannt. Interessanterweise findet der – von der moderneren Kritik als brutal und nicht kind- und zeitgerecht gegeißelte – Struwwelpeter gerade auch bei Vorschulkindern großen Anklang.
Bis heute sind von dem Buch mehr als 540 Auflagen erschienen, es wurde vertont und in alle möglichen Sprachen übersetzt, darunter auch in Blindenschrift. Auf Chinesisch heißt Struwwelpeter übrigens – in Pinyin – "Peng tou bi de"; auf Lateinisch: "Petrulus Hirrutus" oder "...Hirsutus"
Die klassische englische Übersetzung stammt von Mark Twain.
Man darf allerdings auch nicht vergessen, dass der Ur-Struwwelpeter in Zeiten aufkommender bürgerlicher Emanzipation entstand, während die Struwweliese ein Produkt der Wilhelminischen Ära ist.
Wie im Struwwelpeter warnt auch Lüthje vor alltäglichen Gefahren der Zeit, vor allem Zündeln und abgerichtete „scharfe“ Hunde.
Struwwelhitler erschien während des zweiten Weltkrieges im Verlag der illustrierten englischen Zeitung Daily Sketch und war ein Beitrag zum Daily Sketch War Relief Fund, der die britischen Truppen und die Opfer des deutschen Luftkriegs unterstützte. Die beiden Autoren – zu ihrer Zeit namhafte Illustratoren und bei der Entstehung der Parodie bereits 68 und 70 Jahre alt – dichteten die allseits bekannten Struwwelpeter-Geschichten auf Nazideutschland gemünzt um: So wird aus Paulinchen mit dem Feuerzeug The dreadful Story of Gretchen and the Gun, Mussolini tritt an die Stelle von Hans-Guck-in-die-Luft (Little Musso Head-in-the-Air); Hitler selber übernimmt den Part des Zappelphilipp (Fidgety Adolf) und bekommt zu hören: „Uncle Sam said: Boy! Behave! Aunt Britannia looked grave.“
Bereits zu Beginn des Ersten Weltkrieges war 1914 eine antideutsche Struwwelpeter-Parodie erschienen: Kaiser Wilhelm II. trat darin an die Stelle des „bösen Friederich“ und tötet als „Swollen-Headed-William“ unschuldige Friedenstauben.
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