Stratigrafie bzw. -graphie oder Schichtenkunde ist ein Teilgebiet der Geowissenschaften. Der Ausdruck Stratigrafie, gebildet aus dem lateinischen Stratum = Lager, Decke und Griechischen grápheïn = (be)schreiben bezeichnet die Untersuchung von Schichtungen und ihre zeitliche Zuordnung. Stratigrafische Analysen sind vor allem für die Geologie und Archäologie von Bedeutung und helfen bei der relativen oder absoluten Datierung von Ablagerungen und Formationen.
Stratigrafie ist als Zweig der historischen Geologie die Grundlage zur Rekonstruktion der Entstehung der Erde. Ziel ist die Aufstellung einer Zeitskala zur Datierung der vergangenen geologischen Vorgänge auf der Erde. Grundlage der Stratigrafie sind die Gesteine, die anhand der Summe ihrer organischen und anorganischen Merkmale, der Gesteinsfazies, nach ihrer zeitlichen Bildungsfolge geordnet werden.
Stratigrafische Untersuchungen laufen in zwei Schritten ab: In einem analytischen Teil werden die Geländedaten erfasst und aufbereitet. Anschließend folgt die Interpretation dieser Daten in den verschiedenen Unterdisziplinen, wie z. B. der Geochronologie, Paläogeografie oder der Archäometrie.
Die Geochronologie als Unterdisziplin beschäftigt sich zum Beispiel mit der Zeitmessung und Zeitbestimmung der erdgeschichtlichen Vergangenheit. Die Biostratigrafie hingegen untersucht vor allem die Abfolge der fossilen Lebensformen in den Gesteinen. Für alle Unterdisziplinen gilt, dass sie auf die Erkenntnisse und Methoden ihrer Nachbardisziplinen angewiesen sind.
Bei der Stratigrafie handelt es sich um Untersuchung, Betrachtung sowie zeitliche Bildungsfolge von Gesteinen mit all ihren anorganischen und organischen Merkmalen und Inhalten (z.B. Sedimenten und Fossilien). Im allgemeinen gilt, dass bei ungestörter Lagerung die tieferliegenden Gesteinsschichten älter sind als die höherliegenden. Das erkannte schon Nicolaus Steno im Jahre 1669. Dieser Sachverhalt wird auch als das "stratigrafische Grundgesetz" bezeichnet. Nach den Kriterien der Schichten-Untergliederung werden u.a. die folgenden Unterdisziplinen unterschieden:
| Chronostratigraphische Einheiten | Geochronologische Einheiten |
| Äonothem | Äon |
| Ärathem | Ära |
| System | Periode |
| Serie | Epoche |
| Stufe | Alter |
Zusätzliche Interpretationen finden durch die Paläogeografie und Archäometrie statt.
Die Stratigrafie liefert wesentliche Informationen zum Erstellen der geochronolgischen Zeitskala und zur Datierung von geologischen Ereignissen und Vorgängen. Ihrem Wesen nach sind die Einteilungen der Stratigrafie großteils nur relativ und werden durch Schichtlücken, Abtragungen und tektonische Bewegungen erschwert.
Erst die Entdeckung der Radioaktivität und die Entwicklung der radiometrischen Altersbestimmungen erlauben reelle zeitdimensionelle Vorstellung von geologischen Vorgängen und absolute Datierungen. Dabei sind die verschiedenen radiometrische Altersbestimmungen jeweils für bestimmte Zeitspannen tauglich. Die bekannte Kohlenstoffmethode C14-Methode ist z.B. nur für die jüngste geologische Vergangenheit (~55000 Jahre) verwendbar und wird hauptsächlich in der Archäologie zur Datierung eingesetzt.
In den 1960er Jahren entdeckte man, dass sich das Erdmagnetfeld mehr oder weniger regelmäßig im Abstand von einigen hunderttausend Jahren umpolt. Dies lässt eine weitreichende Datierung zu und führte zum Wissensgebiet des Paläomagnetismus und wichtigen Erkenntnissen für die Geophysik der Plattentektonik und Kontinentaldrift.
Siehe auch Geologische Zeitskala (Tabelle), Stratameter
Als archäologische Stratigrafie bezeichnet man die bei Ausgrabungen die in einem vertikalen Schichtprofil feststellbare Abfolge von Straten, die durch natürliche Ablagerungen und anthropogene Baumaßnahmen (Aufschüttung, Graben, Schacht, Brunnen, Pfostenloch, Planierung, Verfüllung etc.) entstanden ist.
Die zeitliche Einordnung von in der Fläche ergrabenen Befunden kann durch das Verhältnis dieser Schichten zueinander relativ bestimmt werden als: älter / jünger / zeitgleich / keine direkte Beziehung. Voraussetzung ist eine wissenschaftlich durchgeführte Grabung mit entsprechender Dokumentation!
Hilfsmittel dabei sind unter anderem geologische Schichtanalysen samt C14-Datierung (siehe oben) oder andere naturwissenschaftliche Datierungsmethoden. Hinzu kommen in den einzelnen Straten gefundene Artefakte, wie z.B. Bruchstücke von Tongefäßen oder Holz, Pollenanalysen, Färbung der Erde und Brandschichten.
Die relative Altersbestimmung war die erste Form der Datierung, die in der Geologie zur Rekonstruktion der Erdgeschichte herangezogen wurde. So wurde im 19. Jahrhundert mit den grundlegenden Prinzipien der horizontalen Ablagerung und dem Prinzip der Lagerungsfolge eine chronologische Reihenfolge erstellt. Die Probleme, die sich dabei ergaben, liegen in einer sinnvollen Einordnung bezüglich des Alters: Wie sich bereits beim Abschnitt über die Sedimente herausgestellt hat, können weder die Dicke der Schichten noch die Abfolge der Schichten Auskunft über die Dauer der Entstehung einer solchen Schicht geben. Hinzu kommen zeitliche Lücken, d.h. Schichten die vor der Ablagerung einer nächsten Schicht abgetragen wurden und so eine so genannte Schichtlücke bilden. Dies tritt zum Beispiel bei tektonischen Aktivitäten auf. Ein solchen Phänomen wird auch als Winkeldiskordanz bezeichnet: Mit der Gebirgsbildung setzt eine Abtragung ein, die zu einer Einebnung der Erdoberfläche führt. Anschließend lagern sich jüngere Sedimente auf der ehemaligen Abtragungsfläche ab.
Solche und weitere Störungen der Lagerungsverhältnisse erlauben eine zeitliche Einordnung der Deformations- und Intrusionsereignisse, da diese offensichtlich nach der Bildung der betroffenen Sedimentschichten eingetreten sind. So lassen sich diese Ereignisse in einen relativen Rahmen einordnen, der durch die stratigraphische Abfolge vorgegeben ist.
Im Zusammenhang mit der Entdeckung von Fossilien hat sich ein weiterer Zweig der Stratigrafie herausgebildet, die Biostratigrafie. So werden Fossilien in Zusammenarbeit mit der Chorologie zur relativen Datierung herangezogen, indem fossile Ablagerungen verglichen werden. Gleiche Fossiliengehalte ermöglichen eine Korrelation von Gesteinsformationen.
Auf diese Weise wurden stratigraphische Abfolgen mit den fossilen Ablagerungen kombiniert und alle Formationen miteinander korreliert. Dies ermöglichte eine erste für die ganze Erde anwendbare Zeitskala.
Auch die Unterteilung der Erdgeschichte in die verschiedenen Epochen wurde bereits aufgrund dieser relativen Datierungsmethoden vorgenommen. So ergibt sich nicht nur unser heutiges Bild von der Entstehung der Erdoberfläche, sondern auch von der Entstehung und Entwicklung der Pflanzen und Tiere. Um eine zeitliche Vorstellung der Epochen zu bekommen, reichen relative Datierungsmethoden jedoch nicht aus. Die Forscher des späten 18. und des 19. Jahrhunderts setzen erstmals die Vorstellung durch, dass die Erde nicht innerhalb weniger tausend Jahre entstanden ist. Doch auch sie konnten zunächst nur schätzen, in welchen Zeiträumen die Erde und das Leben auf ihr tatsächlich entstanden ist (Press/Siever, 1995).
Im 20. Jahrhundert ermöglichten neue Erkenntnisse in den Naturwissenschaften verläßliche Methoden für eine absolute Datierung der geologischen Zeiträume. Durch die Erforschung der chemischen und physikalischen Vorgänge in der Natur war man in der Lage, die Uhren der Natur zu erkennen und Methoden zu entwickeln, diese Uhren zu lesen.
In Gesteinen sind dieser Anzeiger die Minerale, die Bestandteile der Gesteine sind und in denen während der Kristallisation radioaktive Elemente eingebaut werden. Bei der radiometrischen Altersbestimmung wird das Mengenverhältnis Mutter-/Tochterisotop in einem Mineral festgestellt. Das Ergebnis bedarf sorgfältiger geologischer Interpretationen, denn nur unter günstigen Bedingungen ist das radiometrische Alter der Mineralien gleich dem Alter der Gesteine.
Auch fossile Funde von Tieren und Menschen beinhalten 14C, das durch die Nahrungskette in die Organismen gelangt. So gelangt das radioaktive Isotop auch in die Knochen der Lebewesen und bleibt so erhalten. Daher können auch diese zur Bestimmung mit der 14C Methode herangezogen werden (Kastel, 1996).
Auch bei einigen Sedimenten kann eine Magnetisierung auftreten. Bei der Bildung von Sedimentschichten kann es zu einer dem Magnetfeld entsprechenden Ausrichtung der Verwitterungsprodukte kommen, die bei der Ablagerung bewahrt bleibt. Die chronologische Abfolge der Magnetfeldumkehrungen liefert also in Verbindung mit der thermoremanenten Magnetisierung einer Gesteinsfolge zuverlässige und weit zurückreichende Hinweise auf das stratigraphische Alter (Press/Siever, 1995).
Die Dendrochronologie wird auch benutzt, um den schwankenden 14C-Gehalt der Atmosphäre zu ermitteln und so die 14C-Methode zuverlässig zu eichen (Mommsen, 1986).
Siehe auch: geologische Zeitskala, Paläomagnetismus, botanische Zeitskala, Gräberfeld, Ringwall
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