Ein Staustrahltriebwerk (engl. Ramjet) ist ein luftatmendes Strahltriebwerk, bei dem die Kompression der dem Verbrennungsraum zugeführten Luft nicht durch bewegliche Teile wie Verdichter erfolgt, sondern durch Ausnutzung der hohen Strömungsgeschwindigkeit des Gases selbst. Staustrahltriebwerke können daher keinen Standschub erzeugen und funktionieren erst bei hohen Geschwindigkeiten.
NASA Ramjet Missile GPN-2000-000347.jpg Das Funktionsprinzip und der grundsätzliche mechanische Aufbau dieser Triebwerke ist verglichen mit Gasturbinen-basierten Antrieben sehr einfach. Die Beherrschung der Aerodynamik bei den Operationsgeschwindigkeiten (neuerdings bis zur zehnfachen Schallgeschwindigkeit) ist jedoch anspruchsvoll.
Triebwerke nach diesem Funktionsprinzip sind schon seit dem 19. Jahrhundert beschrieben, sind aber weiterhin selten und wurden bisher nur bei Luftabwehrraketen wie der SA-4 Ganef oder Bomarc praktisch eingesetzt.
Bei höheren Fluggeschwindigkeiten ergibt sich durch die Stauwirkung des Triebwerks jedoch eine konkurrierende Druckerhöhung, wodurch der Anteil des Axialverdichters an der Druckentwicklung abnimmt. Bei Mach 1 sind es jeweils ca. 50 %, bis Mach 3 sinkt der Anteil auf ca. 0 % ab. D. h. bei mehrfacher Schallgeschwindigkeit sinkt der Wirkungsgrad konventioneller Strahltriebwerke, deren Verdichter mit beweglichen Teilen arbeiten, stark ab. Andererseits führt bei diesen Geschwindigkeiten bereits der Staudruck zu einer hohen Luftkompression.
Bei Staustrahltriebwerken wird dies ausgenutzt, indem auf bewegliche Verdichterräder ganz verzichtet und der Staudruck direkt zur Kompression genutzt wird. Diese Triebwerke funktionieren daher nicht im Stand oder bei niedrigen Geschwindigkeiten, da dann mangels Staudruck keine Kompression erfolgt: Zum Erreichen ihrer Operationsgeschwindigkeit müssen sie stets durch ein Hilfstriebwerk oder andere Mittel beschleunigt werden. Ihr optimales Leistungsspektrum beginnt dort, wo auf Gasturbinen basierende Strahltriebwerke ihr Optimum verlassen.
Nun folgt der Verbrennungsraum, an dem sich der Diffusor wieder verjüngt. Der erhitzten Luft wird hier Kraftstoff zugeführt, der sich von selbst entzündet und eine Expansion des Gases herbeiführt. Das heiße Gas tritt dann nach hinten aus, wird durch die Entspannung in der Düse beschleunigt und in der Strömungsrichtung möglichst axial ausgerichtet. Dies ermöglicht so die Nutzung des Schubs an der Brennkammervorderseite.
Die Leistungsabgabe erfolgt ausschließlich durch den rückwärtigen Gasaustritt, eine direkte Leistungsabführung, die bei Wellentriebwerken zum Betrieb des Kompressors benötigt wird, findet nicht statt. Die nötige Leistung wird der Kompression indirekt zugeführt, indem das Triebwerk eine ausreichende Geschwindigkeit aufrecht erhält.
Die notwendige Kompression für eine effektive Verbrennung ist erst ab einer Luftgeschwindigkeit von etwa 1.000 km/h gegeben. Einen optimalen Lauf gewährleisten Staustrahltriebwerke erst ab doppelter Schallgeschwindigkeit (oberhalb von Mach 2 bzw. 2.400 km/h).
Bei der Kompression wird die einströmende Luft unter die Schallgeschwindigkeit abgebremst, und bei der Verbrennung handelt es sich um eine Unterschallverbrennung. Der Arbeitsbereich dieses Triebwerkstyps liegt bei Fluggeschwindigkeiten bis Mach 5. Englisch wird dieser Triebswerktyp als Ramjet bezeichnet. Angewendet wurde diese Technik bei der Lockheed X-7 in den fünfziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts.
Beim Scramjet (Supersonic Combustion Ramjet – Überschallverbrennungs-Ramjet) wird die einströmende Luft bei der Kompression nicht unter die Schallgeschwindigkeit abgebremst, und auch die Verbrennung findet als Überschallverbrennung statt. Der Arbeitsbereich von Scramjet-Triebwerken liegt bei etwas über Mach 5 bis möglicherweise Mach 15. Technische Merkmale sind: Isolator nach der Kompression, keine Lavaldüse zur Expansion sondern eine normale Düse.
Das Hauptproblem der Überschallverbrennung besteht in der kurzen Verweilzeit der Luft im Triebwerk. Dadurch kann sich der Treibstoff kaum mit der Luft und dem darin enthaltenen Sauerstoff durchmischen. Dieses Hauptproblem kann durch geeignete Maßnahmen bei der Triebswerksausgestaltung gelöst werden.
Der erste Nachweis von Überschallverbrennung in einem Flugkörper gelang am 30. Juli 2002 mit dem Versuch HyShot2 durch die HyShot Group der University of Queensland, Australien. Im Gegensatz zur X-43 der NASA war der hierbei verwandte Scramjet allerdings nicht in einen aerodynamischen Flugkörper integriert. Das Versuchstriebwerk wurde durch eine zweistufige Boosterrakete auf einer parabelförmigen Bahn in die Höhe geschossen, um beim Herabfallen in ca. 30 km Höhe den eigentlichen Versuch durchzuführen. Die erreichte Fluggeschwindigkeit betrug ca. Mach 7,6. Die Tests mit den X-43 Flugkörpern der NASA wurden dagegen auf horizontalen Flugbahnen durchgeführt.
Am 26. März 2004 hat ein unbemannter Testflugkörper (X-43A) der NASA mit Hilfe des Scramjet-Antriebs die siebenfache Schallgeschwindigkeit erreicht und für mehrere Sekunden gehalten. Die nötige Operationsgeschwindigkeit für das Scramjet-Triebwerk wurde durch Verwendung einer Pegasus-Trägerrakete erreicht.
Bereits ein gutes halbes Jahr später (16. November 2004) erreichte die NASA mit nahezu gleichem Versuchsaufbau knapp Mach 10. Dabei wurde die Pegasus-Trägerrakete mit der X-43A von einer B-52 von 12 km Höhe aus gestartet. Der eigentliche Flug der X-43A dauerte knapp 20 Sekunden auf über 33 km Höhe und erreichte Mach 9,8 (11.000 km/h bzw. etwa 3,05 km/s).
Im Gegensatz zum Scramjet durchströmt im Ramjet das Gas den Bereich der Brennkammer mit Unterschallgeschwindigkeit. Dieser Unterschied erfordert voneinander abweichende Bauformen. Um die Einströmgeschwindigkeit in die Brennkammer auf Unterschall zu verringern und damit den Druck zu erhöhen, wird im Bereich des Triebwerkseinlaufs eines Ramjets ein sogenannter Diffusor mit divergenter Formgebung angeordnet. Eine der Brennkammer folgende Lavaldüse beschleunigt das ausströmende Gas dann wieder auf Überschall.
Scramjet-Triebwerke hingegen werden über ihre gesamte Länge hinweg überschallschnell (> Mach 3) durchströmt und müssen deshalb den hieraus resultierenden deutlich höheren Temperaturen standhalten können. So entsteht z. B. bei einer Geschwindigkeit von Mach 8 eine Temperatur von 3.000 °C bis 4.000 °C, welche noch zusätzlich von der Luftdichte abhängig ist. Herkömmliche Turboverdichter könnten diesen Temperaturen nicht standhalten - ein Schaufelbruch wäre wahrscheinlich. Im Gegensatz zum Ramjet besitzt der Scramjet einen sogenannten Isolator, ein Rohrstück mit konstantem Querschnitt. Dieser wird benötigt, um die bei Geschwindigkeiten über Mach 3 drohenden ungewollten Verdichtungsstöße und Blockaden zu verhindern. Im Vergleich zum Ramjet wird der Druck im Scramjet in der Verbrennungszone höher und die Geschwindigkeit niedriger. Dies kann dazu führen, dass durch den rückwärtigen Staudruck der Gesamtdruck nochmals erhöht wird, was den Vortrieb zusätzlich verstärkt.
Die den Brennkammern entströmenden heißen Gase haben je nach Triebwerkstyp unterschiedliche Eigenschaften. Im Falle des Unterschallaustritts steigt die Geschwindigkeit des Mediums, wenn sich der Rohrquerschnitt verringert. Es wird dieselbe Luftmasse, die das Triebwerk in einer Zeit t durchläuft, auch in der Zeit t ausgestoßen. Dies entspricht der Alltagserfahrung. Beim Überschallaustritt ergeben sich jedoch ein gegensätzlicher Effekt. Entscheidender Faktor ist dort die Dichte p des Gases. Die Erweiterung des Düsendurchmessers führt zu einer Beschleunigung des austretenden Mediums. Grund dafür ist die nun freie Entspannung des Mediums, wodurch eine viel größere Expansion und somit auch eine höhere Austrittsgeschwindigkeit erzielt werden kann. Um die Geschwindigkeit des aus der Brennkammer austretenden Gases auf Überschall zu erhöhen, ist eine besonders geformte Düse, die Lavaldüse vonnöten. In ihr sind die Eigenschaften einer konvergenten und einer divergenten Düsenform kombiniert. Im ersten Abschnitt (konvergent) kommt es zur Kompression und somit zur Beschleunigung des Gases. Das Maximum liegt dabei etwa bei Mach 1. Darauf folgt der divergente Düsenteil, in dem sich der Durchmesser immer weiter vergrößert und somit eine Entspannung des Gases erfolgt. Durch diesen Prozess (oben schon beschrieben) kommt es zur erneuten Geschwindigkeitserhöhung auf Werte weit im Überschallbereich.
Bis heute haben sich Staustrahltriebwerke nur in kleinen Bereichen etabliert, da sie trotz extrem großer Vorteile auch extrem große Nachteile mit sich bringen. Zu den Vorteilen gehören z. B. das niedrige Gewicht, die Verschleißarmut und die Fähigkeit, unterschiedliche Brennstoffe zu verwenden. Doch werden die Triebwerke in ihrer Leistungsfähigkeit durch zu niedrige Geschwindigkeit oder eine zu geringe Luftdichte beeinträchtigt. Deshalb werden sie meist als Sekundärtriebwerke, wie z. B. bei der Luft-Luft-Rakete Meteor genutzt, wo die Rakete erst durch ein konventionelles Raketentriebwerk auf die nötige Geschwindigkeit gebracht wird.
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