Eine Standpunkt-Theorie behauptet eine Abhängigkeit der Erkenntnisgewinnung von der Position innerhalb gesellschaftlicher Herrschaftsverhältnisse. Sie sagt aus, dass es bessere und schlechtere Standpunkte gebe, von der aus die Welt betrachtet und interpretiert werden könne. Tendenziell sei der Blickwinkel einer dominierten Gruppe besser geeignet für eine objektive Wahrnehmung als die Perspektive vom Standpunkt einer herrschenden Gruppe.
Der Begriff Standpunkttheorie ist erst in der Postmoderne in der akademischen Diskussion geprägt worden. Besonders häufig kam der Terminus als Feministische Standpunkttheorie vor, wurde aber auch auf andere Ansätze erweitert. Vertreter und Vertreterinnen verschiedener feministischer und marxistischer Theorien verwenden selbst den Begriff, während alle anderen Zuordnungen im Nachhinein vorgenommen werden, in den Systemen selbst kommt der Ausdruck nicht vor.
Die Standpunkt-Theorie ist oftmals Bestandteil von "Identitätspolitiken".
Einen radikalen Klassenstandpunkt nahm die Proletkult-Bewegung (1917-1925) ein. Ihr Haupttheoretiker Alexander Bogdanow forderte in seinem Buch Die Wissenschaft und die Arbeiterklasse die Schaffung eigener proletarischer Universitäten sowie die Entwicklung einer eigenen proletarischen Wissenschaft vom Arbeiterstandpunkt aus.
Georg Lukács bezeichnete in Geschichte und Klassenbewußtsein den historischen Prozess als das, worin sich die Wahrheit der Praxis einer Klasse ausbilde.
Auch Ernst Bloch vertritt eine Standpunkt-Theorie, in dem er von einer wechselseitigen Subjekt-Objekt-Beziehung ausgeht: Man kann nicht erkennend außerhalb des Erkennens stehen, einen Standpunkt des Objekts gewinnen, der nicht selbst wieder nur ein bloßer Standpunkt der erkennenden Subjekt-Objekt-Beziehung wäre.
Im englischen Sprachgebrauch gibt es für den Ansatz, der vom Standpunkt der Arbeiter ausgeht, den Begriff Workerism. Im italienischen Operaismus wurde dieser Standpunkt ebenfalls vertreten.
Nach Pierre Bourdieu beruhen die Machtverhältnisse einer Gesellschaft, die sich unter anderem im Raum der Lebensstile zeigen auf der Verfügung von Klassen über Kapitalsorten. Bourdieus Standpunkttheorie ist eine der Kritik an der von ihm so genannten Scholastik, der scheinbar voraussetzungslosen und folgenlosen Erkenntnisproduktion, die aber in Wirklichkeit auf inkorporiertem, d.h. verinnerlichtem Bildungskapital des familiären Umfeldes beruhe. Die scholastische Situation sei ein Ort und ein Zeitpunkt sozialer Schwerelosigkeit. Es sei wichtig, dass die Subjekte der Objektivierung sich selber objektivieren und damit den einem Akteur bzw. einer Klasse möglichen Bewusstseins- und Handlungsspielraum ausnutzen.
Sandra Harding unterscheidet die schwache Objektivität, welche lediglich vom Wissenschaftler und von der Wissenschaftlerin eine Objektivität verlangt, von der strengen Objektivität, welche sich dadurch auszeichne, dass Forscher und Forscherinnen den Standpunkt ihrer eigenen sozialen Gruppenzugehörigkeit in die wissenschaftliche Arbeit bewusst miteinbezögen. Die Forschung sollte bei den dominierten Gruppen beginnen. Harding fordert von Angehörigen dominanter Gruppen ein verräterisches Bewusstsein, womit die eigene Arroganz und Ignoranz gegenüber dominierten Gruppen beendet werden solle. Allerdings müsse berücksichtigt werden, dass die Menschen gleichzeitig verschiedenen Gemeinschaften angehörten und somit oftmals gleichzeitig dominierten und dominanten Gruppen zugehörig seien. Donna Haraway teilt mit der feministischen Standpunkt-Theorie die Kritik an der scheinbaren Objektivität der (patriarchalen) Wissenschaft, die nicht die soziale Situiertheit von Wissen mitbedenke. Sie spricht in diesem Zusammenhang vom Gottes-Trick, da der Wissenschaftler so täte, als nähme er eine Position außerhalb des Forschungsobjektes ein, als sei sein Standpunkt erhaben und gottähnlich.
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