Der Staatsstreich von Kaiserswerth war 1062 ein bis dahin beispielloses Vorgehen einer Gruppe von Reichsfürsten unter der Führung des Erzbischofs Anno II. von Köln gegen den amtierenden Herrscher, den minderjährigen König Heinrich IV. und seine Mutter Kaiserin Agnes, Witwe Kaiser Heinrichs III.. Durch eine Entführung des jungen Königs und die erfüllte Forderung nach der Herausgabe der Reichsinsignien erlangten sie die Kontrolle über die Regierungsgewalt.
Anno führte den König anschließend nach Köln und erpresste von Kaiserin Agnes die Herausgabe der Reichsinsignien. Damit lag die Staatsgewalt in den Händen der Aufrührer, zu denen neben Anno und dem von Lampert erwähnten Grafen Ekbert von Braunschweig u.a. auch noch Otto II. von Northeim und die Erzbischöfe Adalbert von Bremen und Siegfried I. von Mainz gehörten.
So scheint Lamperts Bericht noch verhältnismäßig objektiv, wenn er schreibt, dass die Entführer und vor allem Anno danach trachteten, "den Sohn dem Einfluss seiner Mutter zu entziehen, und die Verwaltung des Reiches in die Hände zu bekommen." Lampert wagt keine Spekulationen über die Beweggründe der Verschwörer. Er führt zwar die Möglichkeit an, Anno habe "aus politischem Ehrgeiz gehandelt", räumt aber ein, dass er auch zum Wohl des Reichs gehandelt haben könnte.
Das Urteil der Vita Heinrici ist jedoch eindeutig subjektiv und wird verständlicher, wenn man davon ausgeht, dass der Autor dem Königshaus sehr nahe gestanden haben muss. Hier wird als Motiv für die Tat u.a. die Angst vor "Reife, Weisheit und strengen Sitten" Agnes genannt. Der offizielle Grund sei gewesen, dass es sich nicht gehöre, dass das Reich von einer Frau regiert würde, dem der Autor, Adalbold von Utrecht, aber entschieden widerspricht. Es wird hier sogar behauptet, man habe den jungen König nur entführt, um ungestört die eigene Macht ausbauen zu können.
Bruno gibt mehr oder weniger sogar Heinrich selbst die Schuld an seiner eigenen Entführung: Der junge Heinrich habe "aufgebläht von königlichem Hochmut kaum mehr auf die mütterlichen Ermahnungen" gehört. Der "ehrwürdige" Anno habe ihn nach der Entführung "mit aller Sorgfalt" erziehen lassen. Bruno spricht damit Agnes nicht nur gänzlich Durchsetzungsvermögen ab, d.h. dass Bruno sie für zu schwach erachtet (ob nur, um für die richtige Erziehung des jungen Königs Sorge zu tragen oder auch für die Regentschaft, sei dahingestellt), sondern lobt auch Anno für seine Politik. Die Kritik an Heinrich IV. selbst ist wohl damit zu erklären, dass Bruno mit Heinrichs späterer, eigener Politik nicht konform ging und hier schon negative Charakterzüge Heinrichs in früher Jugend förmlich herbeischreibt. Dass er politisch wohl auch nicht auf Seiten Agnes stand, ist offensichtlich.
Obwohl die Quellen augenscheinlich nichts Verlässliches über die Motivlage der Entführer berichten, geht die Forschung heute davon aus, dass sowohl das Streben nach Machtgewinn (insbesondere bei Anno von Köln) aber auch Sorge um die Verwahrlosung und um die Erziehung Heinrichs IV. ausschlaggebend für die Tat waren.
Kaiserin Agnes hingegen war nach dem Staatsstreich der Regierungsgewalt beraubt. Dennoch war ihr Verbleib im Reich auch weiterhin erforderlich, galt sie doch bis zur Volljährigkeit Heinrichs IV. als Leiterin des salischen Hauses. Nur durch ihren Verbleib im Reich konnte sie für ihren Sohn die Herrschaftsansprüche im Reich erhalten. Vor diesem Hintergrund erhält Lamperts Bericht, Agnes hätte auf Drängen ihrer Ratgeber ihren Entschluss, ins Kloster zu gehen, wieder aufgegeben, einen konkreten rechtlichen Hintergrund und gewinnt somit an Authentizität. Erst als Heinrich IV. durch die zeremonielle Schwertleite am 29. März des Jahres 1065 mündig wurde, konnte Agnes ihren lange gehegten Wunsch nach einem Leben im Kloster nachgeben. Zuvor konnte sie aber ihren Sohn noch davon abhalten, gegen den verhassten Anno zu Felde zu ziehen, wie dieser es sofort nach seiner Schwertleite vorhatte.
Erst von diesem Moment der Schwertleite an lag die Regierungsgewalt wieder in den Händen des rechtmäßigen Herrschers. Die fast drei Jahre währende Dauer der Übergangsregierung war zu Ende, wenn auch Adalbert von Bremen solange der wichtigste Ratgeber Heinrichs blieb, bis dieser ihn im Januar 1066 nach einem Hoftag in Trebur auf Fürstengeheiss als Berater entlassen musste.
Deutsche Geschichte (Heiliges Römisches Reich) | Mittelalter
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"Staatsstreich von Kaiserswerth".
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