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Unter einem Sprachbund versteht man eine Gruppe von Sprachen, die in geographischer Nachbarschaft zueinander liegen und Ähnlichkeiten (typologische Konvergenzen) aufweisen, die sie von anderen Sprachen unterscheiden. Der Unterschied zu einer Sprachfamilie liegt darin, dass ein Sprachbund Mitgliedssprachen hat, die genetisch nicht oder nur entfernt verwandt sind.

Ein Sprachbund entsteht durch besonders intensiven Sprachkontakt, bei dem größere Gruppen von Sprechern verschiedener Sprachen über eine lange Zeit ein hohes Maß von Interaktion miteinander haben, wobei verbreitete Zwei- oder Mehrsprachigkeit (vgl. Mehrsprachigkeit) als ein wichtiger Faktor angesehen wird.

Die durch die konvergente Entwicklung im Sprachbund entstandenen Ähnlichkeiten werden in Fällen, wo genetische Verwandtschaftsbeziehungen nicht klar ermittelt werden können, teilweise als Zeichen für genetische Verwandtschaft fehlinterpretiert. Ein gutes Beispiel dafür sind südostasiatische Sprachen wie Thai und Vietnamesisch, die Eigenschaften von benachbarten Sprachen angenommen haben: Ebenso wie das Chinesische haben sie einsilbige Wörter und die Tonhöhen sind bedeutungsunterscheidend (vgl. Tonsprache). Trotzdem geht man heute nicht (mehr) von einer Verwandtschaft zur sino-tibetischen Sprachfamilie aus.

Einige Linguisten nehmen an, dass die Turksprachen, die mongolischen Sprachen und die mandschu-tungusischen Sprachen miteinander verwandt sind und rechnen sie zur altaischen Sprachfamilie. Die gemeinsamen Merkmale wie zum Beispiel die Vokalharmonie könnten aber statt durch Verwandtschaft auch durch Sprachkontakt erklärt werden.

Einige bekannte Sprachbünde


Im folgenden werden einige bekannte Sprachbünde kurz näher erläutert. Sie dienen als Beispiele dafür, wie relativ unterschiedliche Sprachen (ein Sprecher der einen Sprache kann den Sprecher der anderen Sprache nicht auf Grund der genetischen Verwandtschaft verstehen) sich grammatisch angleichen.

Der Balkansprachbund

Zum „Balkansprachbund“ (vgl. den detaillierteren Artikel der englischsprachigen Wikipedia) werden Albanisch (das einen eigenen Zweig in den indogermanischen Sprachen darstellt), Rumänisch (gehört zu den romanischen Sprachen) sowie die zwei slawischen Sprachen Bulgarisch und Mazedonisch gezählt; auch das Neugriechische teilt gewisse Züge dieser Sprachen. Das Türkische ist dabei einer der Einflussfaktoren, die zur Herausbildung dieses Sprachbundes beigetragen haben. Die ungarische Sprache wurde zwar ebenfalls vom Türkischen beeinflusst, wird jedoch im Allgemeinen nicht zum Balkansprachbund gezählt. Neben Superstrat-Einwirkung werden zur Erklärung der betreffenden sprachlichen Gemeinsamkeiten gegenseitige sprachliche Beeinflussung und die Ähnlichkeit des kulturellen Milieus herangezogen.

Die zu diesem Sprachbund gerechneten Sprachen gehören mit Ausnahme des Türkischen (und des Ungarischen) zur indogermanischen Sprachfamilie, stammen aber aus unterschiedlichen Zweigen. Dennoch teilen sie einige Besonderheiten miteinander, die sich, soweit bekannt, erst relativ spät herausgebildet haben und in früheren Sprachstufen wie dem Altgriechischen, dem Latein und dem Altkirchenslawischen noch nicht vorhanden waren.

Am wichtigsten sind folgende Merkmale:

  • nachgestellte (postponierte) Artikel, vergleiche rumän. lup „Wolf“ vs. lup-ul „der Wolf“
  • das Fehlen der Kategorie Infinitiv
  • das Futur wird mit dem jeweiligen Verb für „wollen“ umschrieben.

Der südasiatische Sprachbund

siehe Südasiatischer Sprachbund

Der baltische Sprachbund

Manchmal wird ein baltischer Sprachbund genannt, zu dem die baltischen Sprachen sowie einige russische und weißrussische Dialekte gehören. Folgende Merkmale sind für die Sprachen dieses Sprachbunds typisch:

Man vermutet, dass diese Gemeinsamkeiten auf ein baltisches Substrat zurückgehen (s. auch altnowgoroder Dialekt, Dniepr-Balten).

SAE-Sprachbund

Der SAE-Sprachbund (auch Standard Average European oder Charlemagne-(„Karl-der-Große“-)Sprachbund genannt) umfasst folgende Merkmale:

  • die Unterscheidung zwischen unbestimmtem und bestimmtem Artikel (z.B. dt. ein/eine : der/die/das) (Ausnahmen: nur einen bestimmten Artikel kennen das Isländische, Irische, Walisische, Bulgarische und Maltesische, gar keine Artikel kennen die slawischen Sprachen außer dem Bulgarischen, die baltischen Sprachen sowie das Finnische)
  • die Bildung von Relativsätzen, die nach dem betroffenen Hauptwort stehen und mit einem veränderbaren Relativpronomen (z.B. dt. der/die/das; welcher/welche/welches) eingeleitet werden (Ausnahmen: die keltischen Sprachen und das Malte­si­sche)
  • eine Konstruktion mit haben als eine Möglichkeit der Vergangenheits­bildung (z.B. dt. ich habe gesagt) (Ausnahmen: die keltischen und slawischen Sprachen, die Sprachen des Baltikums, das Finnische, das Ungarische und das Maltesische)
  • eine Passivkonstruktion, bei der das Objekt der Handlung zum Subjekt des Satzes wird und das Partizip Perfekt (oder „Mittelwort der Ver­gangenheit“) mit einem Hilfszeitwort kombiniert wird (z.B. dt. der Wein wird getrunken) (Ausnahmen: das Walisische, das Finnische und das Estnische)
  • Steigerungsformen mit einer speziellen Endung (z.B. -er im Deutschen und Englischen: klein-er, small-er „kleiner“), wenngleich teilweise nur noch rudimentär.

Der Alpensprachbund

In der letzten Zeit wird der sog. Alpensprachbund erforscht, dem einige oberdeutsche und (räto-)romanische Dialekte vor allem in der Schweiz angehören (die Forschung beschränkt sich vorerst auf diese zwei Gruppen). Als typische Merkmale dieses Sprachbunds gelten zum Beispiel:

  • Passiv mit kommen (z.B. die Brücke kommt gebaut);
  • Futur mit kommen (z.B. das kommt heuer zum Auszahlen);
  • Dativkodierung durch Präpositon+Dativ (gib's an/in der Mutter);
  • geminierte Pronomina (betont+klitisch; vor allem im (Höchst-)Alemannischen, aber seltener auch im Südbairischen, z.B. mir hamma ).

Auf dem Gebiet des historischen Karantanien werden ähnliche Interferenzerscheinungen für Südbairisch, Friaulisch und teilweise auch Slowenisch beobachtet.

Literatur


  • Hock, H.H. und Joseph, B.D.: Language History, Language Change, and Language Relationship, Berlin/New York 1996
  • Reiter, Norbert: Grundzüge der Balkanologie - ein Schritt in die Eurolinguistik, Wiesbaden 1994
  • Stolz, Thomas: Sprachbund im Baltikum? Estnisch und Lettisch im Zentrum einer sprachlichen Konvergenzlandschaft, Bochum 1991

Weblinks


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