Spiritismus oder spiritistische Lehre ist eine spiritualistische Religion, deren Grundlage die Annahme ist, dass die Seelen Verstorbener, sogenannte Geister, sich mit Hilfe eines Mediums mitteilen oder sich als Phantome bzw. Materialisationen zeigen können. Die Nachrichten, die auf diesem Weg empfangen worden sein sollen, bilden die Lehre des Spiritismus. Seine ursprünglichen Form geht auf Allan Kardec zurück, der dessen Grundlagen systematisierte und von 1857 bis 1868 in fünf Büchern veröffentlichte. Um den Spiritismus Kardecs von anderen spiritualistischen Religionen besser abzugrenzen, spricht man auch von Kardecianismus oder Kardecianischem Spiritismus.
Der Spiritismus beruft sich auf die von Allan Kardec gesammelten Prinzipien und Gesetze. Er behauptete, diese mittels verschiedener Medien von verschiedenen höheren Geistern erhalten zu haben. Er hielt sich nicht für den Autor dieser Werke, sondern lediglich für einen Sammler von Nachrichten, die im Rahmen spiritistischer Sitzungen empfangen worden sein sollen. Er habe sie nur thematisch geordnet und erklärt. Seiner Meinung nach stellt die Übereinstimmung der Nachrichten, die in verschiedenen Ländern von verschiedenen oft jugendlichen Medien empfangen worden sein sollen, die Glaubwürdigkeit der Werke sicher. So schreibt er:
Die so entstandenen Werke bilden die spiritistische Bibel, die sogenannte "Spiritistische Kodifikation":
Obwohl diese Bücher von 1857 bis 1868 veröffentlich wurden, stellen sie auch heute noch die Grundlage der spiritistischen Lehre dar. Sie wurden in 30 Sprachen übersetzt.
Kardec schrieb auch eine kurze Einführung ("Was ist Spiritismus?") und gab eine spiritistische Zeitschrift heraus ("Revue Spirite"). Seine Aufsätze und Artikel wurden gesammelt und posthum veröffentlicht.
Das Universum sei von Gott als dem höchsten Geist geschaffen. Es bestehe aus den materiellen Dingen und den spirituellen Wesen. Die Geister bilden als geistige, intelligente Wesen eine geistige Welt, die sich von den rein materiellen Dingen unterscheide und dieser in der Schöpfung zeitlich vorangehe als auch diese überdauern werde. Inkarnierte Geister sollen mit der geistigen Welt über Medien kommunizieren können. Inkarnationen sollen auch auf anderen Planeten außer der Erde stattfinden.
Wichtiger Bestandteil des Kardecianismus ist eine Seelenwanderungslehre. Geister leben in zwei Zuständen: inkarniert und nicht inkarniert. Die Geister seien unwissend erschaffen und bedürfen einer stufenweisen geistig-moralischen Entwicklung, die sie besser im inkarnierten Zustand erfahren können, in welchem die Erinnerungen an vorherige Inkarnationen und den nichtinkarnierten Zustand jedoch verdrängt seien. Dabei gehe die geistige Entwicklung stets in Richtung auf eine höhere Stufe oder stagniere. Einen Fall auf eine niedrigere Stufe gebe es nicht. Beim Aufstieg helfen die bereits höher entwickelten Geister (z.B. Schutzengel), zu denen auch Jesus als Wesen, das verantwortlich für die Erde sei und das den gesamten Aufstieg vollständig durchlaufen hat, gezählt wird.
Die christliche Ethik und der Dekalog sind in den Spiritismus integriert. Abtreibung, Selbstmord, Todesstrafe, Euthanasie und Sucht sind nicht mit der spiritistischen Lehre vereinbar. Moralisch richtiges Handeln im Einklang mit dieser Ethik wird als wichtiger angesehen als Gebete. Gebete werden jedoch als wichtig angesehen um mit Schutzengeln und befreundeten Geistern in Kontakt zu bleiben. Es gibt keine vorgeschriebenen Gebetsformen. Das Vater Unser gilt als vollkommenes Gebet.
Ein wichtiges Element sind spiritistische Sitzungen, die der geistigen "Höherentwicklung", nicht der Vorhersage künftiger Ereignisse, dienen sollen. Die Fähigkeit, Medium zu sein, wird als natürliche menschliche Gabe betrachtet, die jeder hat und entwickelt werden kann. Die besondere Stellung beschränkt sich dabei auf das Wirken in der Séance und entspricht keinem priesterlichen Stand und darf auch nicht gegen Entgelt ausgeübt werden.
Der Spiritismus wird nicht immer als Religion anerkannt, da er
Es gibt keine religiöse Hierarchiestruktur wie in abrahamitischen Religionen, ebensowenig ein religiöses Oberhaupt. Es gibt keine spiritistischen Tempel. Viele Spiritisten treffen sich in spiritistischen Zentren um sich über die Lehre auszutauschen oder Séancen abzuhalten. Spiritistische Zentren sind in der Regel aktiv in der Wohlfahrt und Fürsorge engagiert.
In Brasilien ist der Spiritismus in der Federação Espírita Brasileira auf nationaler Ebene organisiert. Internationaler Dachverband ist der "Internationale Spiritistische Rat" mit Sitz in Paris.
Die meisten Anhänger hat der Spiritismus in Südamerika. In Brasilien ist der Spiritismus am meisten verbreitet, eine staatlich anerkannte Religion und hat rund 4,6 Mio. Anhänger. Noch verbreiteter ist dort Umbanda, eine Religion die den Kardecianistischen Spiritismus mit Vorstellungen afrikanischer Herkunft verbindet.
Insgesamt bekennen sich auf der Welt rund 15 Mio. Menschen zum Spiritismus. Siehe auch Religionen in Zahlen
Die gesamte Glaubwürdigkeit des Spiritismus beruht auf der Existenz von Medien, die mit dem "Jenseits" kommunizieren können und der Echtheit der so übermittelten Nachrichten.
Schriftstücke, die ein Medium unter notarieller Aufsicht aufgeschrieben hatte, vor Gericht als Aussagen des Verstorbenen und somit als Beweise anerkannt. Ein Fall vom Mai 2006 wird in * auf Portugiesisch beschrieben.
In der Verfassung des brasilianischen Bundesstaates Pernambuco * wird in Art. 174 Medien der besondere Schutz des Staates versichert:
Der Kardecianistische Spiritismus nimmt in vielerlei Hinsicht eine Sonderstellung ein. Zum einen ist er eines der wenigen Beispiele, an denen beobachtet werden kann, wie aus einem zunächst als Schreibtischprodukt entstandenen schriftlichen Werk eine kultische, sozusagen "schamanistische" Religion entstehen kann. Zum anderen steht er an einem relativ frühen Punkt der Entwicklung spiritistischer Vorstellungen. Bei späteren Richtungen ist immer von direkter oder indirekter Kenntnis des Werks Kardec auszugehen, so dass man mit einer gewissen Berechtigung von einer "reinen" Form des Spiritismus sprechen kann, während die anderen Richtungen als Ableger unter Aufnahme anderer Vorstellungen zu betrachten sind.
Mehrere Nachrichten, die im Rahmen spiritistischer Sitzungen empfangen worden sein sollen, weisen auf eine besondere Rolle der Plansprache Esperanto in der Welt hin. Demnach bestehe in der geistigen Welt der nichtinkarnierten Geister ebenfalls ein Sprachproblem, da nur bereits weit fortgeschrittene Geister ausschließlich mit Gedanken kommunizieren können, während einfache und mittlere Geister noch eine Art Sprache dazu benötigen. Zur Lösung dieses Sprachproblems soll Esperanto erschaffen worden sein. Der Geist L. L. Zamenhof sei dann inkarniert um Esperanto auf der Erde zu verbreiten.
Esperanto stellt für Spiritisten jedoch kein Objekt religiöser Verehrung dar, sondern ist für sie nur ein Werkzeug um andere Menschen besser zu verstehen. Die zwischenmenschliche Verständigung durch die Anwendung und Verbreitung von Esperanto zu ermöglichen, gilt als Akt der Nächstenliebe.
Die große Mehrheit der Esperantosprecher weiß nichts von der Bedeutung von Esperanto für den Spiritismus. In Brasilien sind die meisten Esperantosprecher gleichzeitig Spiritisten, in anderen Teilen der Welt nur eine verschwindend geringe Minderheit. Siehe auch Esperanto und Religion
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