Als Sozialreformen bezeichnete man im 19. Jahrhundert zunächst politische Bestrebungen, die soziale Lage der Arbeiter und ihrer Familien zu verbessern. Der Begriff hat allerlei unterschiedliche Aspekte.
Als Sozialreform bezeichnet man einzelne Verbesserungsmaßnahmen im Rahmen der Sozialpolitik bis hin zum Aufbau eines Sozialstaates.
Eine Quelle dieser Bestrebungen ist die von Papst Leo XIII. begründete katholische Soziallehre. In diesem Zusammenhang sprach man von "christlicher Sozialreform", welche u. a. auf Wilhelm Emmanuel von Ketteler, Adolph Kolping und Karl von Vogelsang zurückging.
Im frühen Sozialismus in Frankreich, Großbritannien und Deutschland gab es einen jahrzehntelangen Streit um die Rolle von Sozialreformen im politischen und ökonomischen Kampf der Arbeiterbewegung. Saint-Simon und Louis Blanc zum Beispiel waren der Ansicht, dass staatliche Sozialreformen erst die Grundlage dafür schaffen müssten, dass Arbeiterinnen und Arbeiter am kulturellen und politischen Leben teilhaben könnten. Friedrich Engels, Karl Marx und später Rosa Luxemburg kritisierten diese Ansichten als illusorisch und nannten sie "reformistisch", was abwertend gemeint war. Sie sahen darin eine Ablenkung vom Ziel der sozialistischen Revolution. Hinter diesem Streit steckten unterschiedliche Auffassungen vom Charakter des bürgerlichen Staates.
In den 1990er Jahren bekam der Begriff Sozialreform einen ganz anderen Sinn. Unternehmerverbände, Wirtschaftswissenschaftler und -politiker stellten die These auf, angesichts verschiedener Entwicklungen (Arbeitslosigkeit, demographischer Wandel, Globalisierung) könne der Sozialstaat in Deutschland und anderen hoch entwickelten Ländern nur dann "im Kern erhalten" werden, wenn man einschneidende "Reformen der sozialen Sicherungssysteme" durchführe, das heißt: viele einzelne Sozialleistungen beseitige, die Renten absenke, die Arbeitszeiten verlängere usw. Gewerkschafter, linke Sozialdemokraten, Sozialisten, Sozialpolitiker, Globalisierungskritiker, aber auch einzelne Wirtschaftswissenschaftler griffen diese Politik, die sie als Sozialabbau bezeichnen, an. Den Begriff Sozialreform für solche Politik zu verwenden, kritisieren sie als Euphemismus.
Neoliberale Politologen stellten zudem die These auf, dass soziale Sicherheit die Tendenz habe, Menschen gegenüber dem Staat unmündig zu machen. Das war das genaue Gegenteil der These von Saint-Simon, mit der die Geschichte der Sozialreform begonnen hatte. Im 19. Jahrhundert gab es noch einen breiten Konsens bis in die katholische Kirche hinein, dass vor allem Armut die Tendenz habe, die Menschen unmündig zu machen.
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