Die
Sozialistische Internationale (SI) ist der weltweite Zusammenschluss von
sozialistischen,
sozialdemokratischen und
Arbeiterparteien. Insgesamt gehören 168 Parteien und Organisationen der Sozialistischen Internationale an. Ihr permanenter Sitz ist
London. Das dort gelegene Sekretariat koordiniert ihre Tätigkeiten, organisiert die Ratssitzungen und Kongresse, führt das Pressekommuniqué und lässt ihre Publikationen produzieren. Als nichtstaatliche Organisation verfügt die Sozialistische Internationale über beratenden Status (Kategorie I) bei den
Vereinten Nationen. In
Deutschland erreichte die Sozialistische Internationale durch die Präsidentschaft
Willy Brandts von
1976 bis
1992 einen hohen Bekanntheitsgrad, dagegen wird die SI in der Gegenwart nur sehr schwach wahrgenommen.
Die obersten Beschlussorgane der Internationale sind der Kongress, der alle drei Jahre stattfindet, und der Rat, der sich aus Vertretern aller Mitgliedsparteien konstituiert und jeweils zweimal jährlich tagt. Die letzte Ratssitzung fand Ende Januar 2006 in Athen statt. Auf dieser wurde der ehemalige griechische Außenminister Georgios Andreou Papandreou als Präsident neu und Luis Ayala aus Chile als Generalsekretär der Internationalen wiedergewählt. Der Rat wählte auch die Vizepräsidenten, die zusammen mit dem Präsidenten und dem Generalsekretär das Präsidium der Internationale bilden.
Die International Union of Socialist Youth (IUSY) ist der Zusammenschluss der sozialdemokratischen und sozialistischen Jugendorganisationen.
Geschichte
Jean Jaurès.png auf einer Friedenskundgebung in
Stuttgart 1907]]
Die Organisation hat ihre Wurzeln in der von
Karl Marx angeregten
Internationalen Arbeiterassoziation (IAA), die am 28. September
1864 gegründet wurde, mit der Abspaltung der
Anarchisten unter
Michail Bakunin 1872 zerbrach und sich bis
1876 auflöste. Sechs Jahre nach Marx Tod (1883) wurde die neue Sozialistische Internationale, die die Tradition der heute bestehenden SI begründete, am
20. Juli 1889 in
Paris als
Zweite Internationale gegründet. Diese Gründung war das Ergebnis des am
14. Juli 1889 (dem bewusst gewählten 100. Jahrestag des Beginns der
Französischen Revolution) einberufenen internationalen Sozialistenkongresses, an dem etwa 400 Delegierte aus 20 Staaten bzw. rund 300 verschiedenen Arbeiterorganisationen und -parteien teilnahmen. Der Kongress war wesentlich von
Friedrich Engels, der Marx´ ideelles Erbe übernommen hatte, angeregt und mit vorbereitet worden, auch wenn Engels nicht persönlich daran teilnahm. Die mit 85 Delegierten unter der Leitung von
Wilhelm Liebknecht (Reichstagsabgeordneter der
SAP, ab 1890 umbenannt in SPD) stehende deutsche Delegation war dabei die einflussreichste und stärkste Fraktion des Kongresses, die dessen Inhalte maßgeblich prägte. Dabei waren die Aktivitäten der deutschen
Sozialdemokratie außerhalb des
Reichstags und der Landtage zu der Zeit im
Deutschen Reich selbst aufgrund der von 1878 bis 1890 gültigen
Sozialistengesetze verboten.
In ihren frühen Jahren setzte sich die SI, allem voran, gegen den sich mit einer imperialistischen Kolonialpolitik verschärfenden Nationalismus und die Aufrüstungspolitk im den Staaten Europas des beginnenden 20. Jahrhunderts, sowie für die Stärkung der Arbeiterbewegung weltweit, ein. Die Ausrufung des 1. Mai als internationalem „Kampftag der Arbeiterklasse“ im Jahr 1889 und ursprünglich des 19. März (heute 8. März) als internationalem Frauentag im Jahr 1910 wirken bis heute nach. In dem diplomatischen Prozess fiel besonders Jean Jaurès eine tragende Rolle zu, der sich bis zu seiner Ermordung am 31. Juli 1914 für eine Aussöhnung zwischen Frankreich und dem Deutschen Reich einsetzte.
Mit der Auslösung des ersten Weltkriegs brach die Internationale auseinander: Die deutsche SPD, die österreichische SDAPÖ, die britische Labour Party u.a. nahmen die politischen Positionen ihrer jeweiligen nationalen Regierung an (vgl. Burgfrieden), wodurch die Konzeption der Internationalen Solidarität de facto scheiterte und die Basis für eine weitere Zusammenarbeit auf lange Zeit entzogen war. Letztlich führte die Oktoberrevolution und die Etablierung des russischen Sowjetsystems (vgl. auch Real existierender Sozialismus) zur Spaltung zahlreicher Mitgliedsparteien in einerseits reformorientierte sozialistische/sozialdemokratische und andererseits kommunistische Parteien mit revolutionärem Anspruch. Viele der letzteren schlossen sich der 1919 unter Federführung Lenins gegründeten so genannten Dritten -, der Kommunistischen Internationale (Komintern) an.
Der Versuch, in den 1920er Jahren die zweite Internationale als Internationale Arbeitsgemeinschaft Sozialistischer Parteien (auch als zweieinhalbte Internationale bezeichnet) wiederzubeleben, erwies sich mit aufgrund der uneinheitlichen Vorstellungen über eine gemeinsame Stellung zur noch jungen UdSSR als auch aufgrund divergierender Ansichten zur Art der Opposition gegen den sich verstärkenden Faschismus in mehreren europäischen Staaten als wenig erfolgreich, so dass die SI in ihrer heutigen Form erst nach dem zweiten Weltkrieg, auf dem Kongress in Frankfurt am 30. Juni 1951, entstand. In den 70er Jahren unterstützte die Organisation maßgeblich in Spanien und Portugal die sozialdemokratischen Parteien im Wiederaufbau und beim Übergang von einer Diktatur zur Demokratie.
Gegenwart
In der heutigen Zeit besteht die SI aus einer heterogenen Sammlung von Parteien und Bewegungen, schwerpunktmäßig aus Europa und Lateinamerika, die aufgrund ihrer Herkunft und ihres Werdeganges oft unterschiedliche Auffassungen haben. So finden sich auf der einen Seite ehemalige Befreiungsbewegungen wie der
African National Congress, die
Sandinistas oder der
Farabundo Martí, und auf der anderen Seite Parteien wie
New Labour, die deutschen und österreichischen Sozialdemokraten, die französische
Parti Socialiste, Spaniens
PSOE, Italiens
Democratici di Sinistra und die schwedische
Socialdemokraterna. Dabei dominiert eher eine Sozialdemokratie mit moderater Tendenz (
Dritter Weg). So ist es nun nicht mehr Ziel, wie zu Zeiten Engels, den Kapitalismus zu beseitigen und die Gesellschaft sozialistisch umzugestalten, sondern eine erneuerte Sozialdemokratie in Zeiten des globalisierten Kapitalismus in den Blickpunkt gerückt.
Vollmitglieder
- Äquatorialguinea - Convergencia para la Democracia Social
- Ägypten - Hizb al Dimuqratiyah al Wataniyah
- Albanien - Partia Socialiste e Shqiperise, Partia Socialdemokrate e Shqiperise
- Algerien - Front des Forces socialistes
- Andorra - Parti Socialdemòcrata
- Angola - Movimento Popular de Libertação de Angola
- Argentinien - Partido Socialista, Unión Cívica Radical
- Armenien - Haj Heghapochakan Daschnakzuzjun
- Aruba - Movimiento Electoral di Pueblo
- Australien - Australian Labor Party
- Barbados - Barbados Labour Party
- Belgien - Parti Socialiste, Sociaal Progressief Alternatief
- Benin - Parti Social-Démocrate
- Bolivien - Movimiento de la Izquierda Revolucionaria Nueva Mayoría
- Bosnien-Herzegowina - Socijaldemokratska Partija BiH
- Brasilien - Partido Democrático Trabalhista
- Bulgarien - Balgarska Socialističeska Partija, Partija Balgarski Socialdemokrati
- Burkina Faso - Congrès pour la Démocratie et le Progrès
- Cape Verde - Partido Africano da Independência de Cabo Verde
- Chile - Partido por la Democracia, Partido Socialista de Chile, Partido Radical Socialdemócrata,
- Costa Rica - Partido Liberación Nacional
- Curaçao - Partido Movementu Antia Nobo
- Dänemark - Socialdemokraterne
- Deutschland - Sozialdemokratische Partei Deutschlands
- Dominikanische Republik - Partido Revolucionario Dominicano
- Ecuador - Izquierda Democrática
- Elfenbeinküste - Front Populaire Ivorienne
- Estland - Sotsiaaldemokraatlik Erakond
- Finnland - Suomen Sosialidemokraattinen Puolue
- Frankreich - Parti Socialiste
- Griechenland - Panellinio Sosialistiko Kinima
- Großbritannien - Labour Party
- Guinea - Rassemblement du Peuple de Guinée
- Haiti - Parti Fusion des Sociaux-Democrates Haitiens
- Irland - Irish Labour Party
- Island - Samfylkingin
- Israel - Avoda, Meretz-Jachad
- Italien - Democratici di Sinistra, Socialisti Democratici Italiani
- Jamaika - People's National Party
- Japan - Shakai Minshutō
- Kamerun - Social Democratic Front / Front Social Démocrate
- Kanada - New Democratic Party of Canada
- Kolumbien - Partido Liberal Colombiano
- Kroatien - Socijaldemokratska Partija Hrvatske
- Lettland - Latvijas Sociāldemokrātu Stradnieku Partija
- Libanon - Hizb al-Taqadummi al-Ishtiraki
- Litauen - Lietuvos Socialdemokratų Partija
- Luxemburg - Lëtzebuerger Sozialistesch Arbechterpartei
- Makedonien - Socijaldemokratski Sojuz na Makedonija
- Malaysia - Parti Tindakan Demokratik
- Mali - African Party for Solidarity and Justice
- Malta - Malta Labour Party / Partit Laburista
- Marokko - Union Socialiste des Forces Populaires
- Mauritius - Parti Travailliste, Mouvement Militant Mauricien
- Mexiko - Partido Revolucionario Institucional, Partido de la Revolución Democrática
- Mongolei - Mongolyn Ardyn Xuw'sgalt Nam
- Montenegro - Socijaldemokratska Partija Crne Gore
- Mosambik - FRELIMO
- Nepal - Nepali Congress
- Neuseeland - New Zealand Labour Party
- Nicaragua - Frente Sandinista de Liberación Nacional
- Niederlande - Partij van de Arbeid
- Niger - Parti Nigérien pour la Démocratie et le Socialisme
- Nordirland - Social Democratic and Labour Party
- Norwegen - Arbeiderpartiet
- Österreich - Sozialdemokratische Partei Österreichs
- Panama - Partido Revolucionario Democrático
- Pakistan - Pakistan Peoples Party
- Paraguay - Partido Revolucionario Febrerista
- Peru - Partido Aprista Peruano
- Polen - Sojusz Lewicy Demokratycznej, Unia Pracy
- Portugal - Partido Socialista
- Puerto Rico - Partido Independentista Puertorriqueño
- Rumänien - Partidul Social Democrat
- San Marino - Partito dei Socialisti e dei Democratici
- Schweden - Socialdemokraterna
- Schweiz - Sozialdemokratische Partei der Schweiz / Parti socialiste suisse
- Senegal - Parti Socialiste du Sénégal
- Slowakei - Smer – sociálna demokracia
- Slowenien - Socialni demokrati
- Spanien - Partido Socialista Obrero Español
- Südafrika - African National Congress
- Tschechien - Česká strana sociálně demokratická
- Türkei - Cumhuriyet Halk Partisi
- Tunesien - Rassemblement Constitutionnel Démocratique
- Ungarn - Magyar Szocialista Párt, Magyarországi Szociáldemokrata Párt
- Uruguay - Partido Socialista del Uruguay, Nuevo Espacio
- USA - Democratic Socialists of America, Social Democrats USA
- Venezuela - Acción Democrática
- Zypern - Kinima Sosialdimokraton
Assoziierte Parteien
Beobachterparteien
Kongresse der Sozialistischen Internationale seit der Neugründung 1951
- I, Frankfurt, 30. Juni - 3. Juli 1951
- II, Mailand, 17. - 21. Oktober 1952
- III, Stockholm, 15. - 18. Juli 1953
- IV, London, 12. - 16. Juli 1955
- V, Wien, 2. - 6. Juli 1957
- VI, Hamburg, 14. - 17. Juli 1959
- VII, Rom, 23. - 27. Oktober 1961
- VIII, Amsterdam, 9. - 12. September 1963
- IX, Brüssel, 5. - 6. September 1964
- X, Stockholm, 5. - 8. Mai 1966
- XI, Eastbourne, 16. - 20. Juni 1969
- XII, Wien, 26. - 29. Juni 1972
- XIII, Genf, 26. - 28. November 1976
- XIV, Vancouver, 3. - 5. November 1978
- XV, Madrid, 12. - 14. November 1980
- XVI, Albufeira, 7. - 10. April 1983
- XVII, Lima, 20. - 23. Juni 1986
- XVIII, Stockholm, 20. - 22. Juni 1989
- XIX, Berlin, 15. - 17. September 1992
- XX, New York, 9. - 11. September 1996
- XXI, Paris, 8. - 10. November 1999
- XXII, São Paulo, 27. - 29. Oktober 2003
Geschwisterorganisationen
Assoziierte Organisationen
- Sozialdemokratische Partei Europas
- Fraktion der Sozialdemokratischen Partei Europas
- Internationale Vereinigung der sozialistischen und demokratischen Presse
- Internationaler Arbeiter Sportbund
- Internationale Liga religiöser Sozialisten
- Internationale sozialdemokratische Vereinigung für Bildung
- Allgemeiner jüdischer Arbeiterbund
- National Democratic Institute for International Affairs
- Sozialdemokratische Fraktion des Lateinamerikanischen Parlamentes
- Weltweite Zionistische Arbeiterbewegung
Siehe auch
Weblinks
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