Unter einem Milieu versteht man in der Soziologie die Gesamtheit der sowohl natürlichen als auch sozialen Bedingungen, unter denen ein Individuum oder eine Gruppe von Individuen existiert. Zu den sozialen Bedingungen zählen z.B. Normen, Gesetze, sowie wirtschaftliche und politische Bedingungen. Nach Hippolyte Taine zählt auch die innere geistige Umgebung (z.B. Mentalitäten und Gesinnungen) zum sozialen Milieu. Alle diese Bedingungen wirken sich auf die bloße Subsistenz, aber auch auf auf die Möglichkeiten zur Entwicklung (Sozialisation,d.h. Lern- und Reifungsprozesse) und Entfaltung (d.h. soziales Handeln) aus. Terminologiesch bezeichnet man diese Bedingungen als Milieufaktoren.
Emile Durkheim unterscheidet begrifflich zwischen äußerem und innerem sozialen Milieu. Beide sind für ihn gesellschaftliche Subsysteme, wobei das äußere Milieu die sozial festgelegten Verhaltens- und Erlebensweisen, sowie die sozialen Gebilde insgesamt umfaßt. Das innere Millieu besteht aus denjenigen Weisen der Festlegung von Verhalten und Erleben, sowie aus den Strukturprinzipen des Aufbaus sozialer Gebilde, die innerhalb einer Gesellschaft wirken. Das innere soziale Milieu definiert sich sequentiell als Verhältnis eines abgrenzbaren sozialen Gefüges zu allen seinen zeitlich vorhergegangenen Gegenständen und Produkten sozialer Aktivitäten. Als wichtigste Faktoren für das innere soziale Milieu begreift er Soziales Volumen (Zahl der sozialen Einheiten aus denen sich ein soziales Gebilde zusammensetzt) und Dichte (Anzahl der Interaktionen oder Kontakte innerhalb eines sozialen Volumens) der miteinander in Beziehung stehenden Individuen oder Gruppen.
Ständisch geprägte Gesellschaften hatten sehr deutlich voneinander unterschiedene Milieus (in Deutschland z.B. Klosterinsassen oder evangelische Pfarrhäuser, Hof- oder Gutsadel, Offiziere, Gelehrte, Handwerker, Schauspieler bis hin zum Fahrenden Volk), die sich zerstreut auch heute (2006) noch finden.
Seit den 1960er Jahren fand der Begriff in Deutschland durch Rainer Lepsius Eingang in die politische Kulturforschung und insbesondere in eine historisch orientierte Erforschung des kulturell überformten Wahlverhaltens. Lepsius unterschied für die Zeit des Kaiserreichs und der Weimarer Republik vier große sozial-moralische Milieus.
Sowohl die Entstehung wie auch die Auflösung der großen "historischen Milieus" waren stark abhängig von bestimmten sozialen oder politischen Prozessen. Die Milieubildung wurde im Fall der Katholiken stark vom Kulturkampf und bei den Sozialisten von den Folgen der Sozialistengesetze bestimmt.
In der Forschung ist freilich umstritten, ob man von einem liberalen oder konservativen Milieu überhaupt sprechen kann. Weitgehend einig ist man sich über das Bestehen eines sozialdemokratischen und eines katholischen Milieu. Deren Strukturen haben während des Kaiserreichs und der Weimarer Republik das Leben der ihnen Zugehörigen "von der Wiege bis zur Bahre" in hohen Maß beeinflusst.
Zum Teil umstritten in der Forschung ist die Frage, wann die großen historischen Milieus ihren Bedeutungshöhepunkt überschritten hatten. Einige sehen erste Erosionstendenzen bereits während der Weimarer Republik, andere betonen die egalisierende Wirkung und den Terror der nationalsozialistischen Herrschaft, wieder andere sehen den Bruch in der SED-Diktatur im Osten und den Folgen des "Wirtschaftswunders" im Westen. Dabei haben etwa neue Freizeitangebote oder allgemeine Säkularisierungsprozesse die Bedeutung der Milieus immer stärker eingeschränkt. Seit den 1960er und spätestens den 1970er Jahren spielen die alten Milieustrukturen kaum noch eine Rolle.
An ihre Stelle traten zahlreiche unterschiedliche Lebensstile und andere Merkmale sozialer Differenzierung. Für den Aussenstehenden etwas verwirrend ist, dass sich auch die Lebensstil- und Ungleichheitsforschung seit den 1980er Jahren immer stärker auf den Milieubegriff zurückgreift, damit aber etwas ganz anderes als die "historischen Milieus" meint. Die Lebensstilforschung geht davon aus, dass durch die zunehmende Pluralisierung der Gesellschaften und die Individualisierung der Lebensstile die vormals enge Verknüpfung zwischen sozialer Lage und Milieus entkoppelt wird, auch wenn soziale Milieus weiterhin nach Status und Einkommen hierarchisch eingeordnet werden können.
Das Konzept der sozialen Milieus wurde in der Wahlforschung und in der Marktforschung aufgegriffen und weiterentwickelt. Hier werden unterschiedliche, empirisch gewonnene Milieutypologien verwendet und mit Einstellungen in Verbindung gebracht, die bestimmte Konsumorientierungen und Wahlverhalten hervorbringen.
So wurden am SINUS-Institut für Markt- und Wahlforschung durch über 55.000 Interviews Werte, Einstellungen und Alltagsorientierungen erforscht und eine Typologie von Milieus in der postmodernen deutschen Gesellschaft herausgearbeitet (derselbe Milieuansatz wird von SIGMA benutzt; beide Milieumodelle waren bis in die 1990er Jahre nahezu identisch):
Nach der Wende wurde für die Neuen Bundesländer eine eigene Milieutypologie erarbeitet, da von wesentlichen Unterschieden in den Lebenswelten in Ost- und Westdeutschland ausgegangen werden musste:
Die Typologien wurden von den Sozialwissenschaften übernommen und lösten in den 1990er Jahren in der "neuen Sozialstrukturforschung" eine Welle von Lebensstiluntersuchungen aus. Aus den jährlichen Erhebungen des SINUS-Instituts lassen sich Veränderungen seit der Jahrtausendwende erkennen. Die traditionellen Arbeiter- und bürgerlichen Milieus schrumpfen deutlich zusammen, während Milieus mit konventionellen, individualistischen und hedonistischen, bzw. erlebnisbezogenen Einstellungen wachsen. Insgesamt differenzieren sich die Milieus weiter aus.
Im Jahr 2001 hat das Sinus-Institut (jetzt: Sinus Sociovision) ein neues, gesamtdeutsches Milieumodell vorgelegt, das sich deutlich vom vorherigen Modell unterscheidet (s. http://www.sinus-sociovision.de).
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