Die Soziale Rolle ist ein dem Theater entlehnter Begriff der Soziologie und Sozialpsychologie, der die Gesamtheit der einem gegebenen Status (z.B. Mutter, Vorgesetzter, Priesterin etc.) zugeschriebenen kulturellen Modelle darstellt (Definition nach Linton). Dazu gehören insbesondere vom sozialen System abhängigen Erwartungen, Werte und Verhaltensweisen (→ Rollenerwartungen), die an den die entsprechende Position einnehmenden Akteur gestellt werden. Die Rollentheorie beschreibt, welche Spiel- und Handlungsfreiräume dem Individuum in einer Rolle offenstehen, wie es die gesellschaftlich vorgegebenen Rollen erlernt, verinnerlicht und ausfüllt.
Zu inhaltlichen Beiträgen der im Folgenden genannten Autorinnen und Autoren siehe unten "Soziologische Rollentheorie".
In der Soziologie dann begründete Ralph Linton 1936 die Rollentheorie (The Study of Man), wobei er mit dem Konzeptpaar Status und Rolle arbeitete, und beide in Funktion der sozialen Struktur stellte. Nach Linton verfügt ein Individuum über mehrere Status, wobei jedem Status eine bestimmte Anzahl von Rollen zugeschrieben wird. Nach Linton gleicht das Individuum diese Rollen mit der Zeit einander an, um Rollenkonflikte zu vermeiden oder zu lösen. In Lintons vereinfachter Theorie gibt es keine dem sozialen System innewohnende Dynamik, die zur Entstehung von Rollenkonflikten führen könnte, diese entstehen immer auf Grund externer Faktoren (z.b. räumliche Mobilität des Individuums oder technischer Fortschritt).
Parsons übernahm Lintons Konzepte und beschrieb mit Hilfe seiner Pattern variables die Handlungsalternativen, die einem Akteur in einer gegebenen Rolle zur Verfügung stehen. Sein Schüler Robert K. Merton übernahm das konzeptuelle Gerüst und erweiterte es auf ein mehrdimensionales Modell (Social Theory and Social Structure, 1949). Bei ihm entspricht jedem Status ein role set, d. h. ein Bündel an verschiedenen Rollen; jedes Individuum verfügt über ein status set, d. h. ein Bündel an verschiedenen Status. Die verschiedenen Status, die ein Individuum einnimmt, kommen Merton zufolge dadurch zustande, dass sich ein Individuum in verschiedenen gesellschaftlichen Subsystemen oder Institutionen bewegt. Die Art und Weise, wie alle Individuen alle ihre Status und die damit einhergehenden Rollen gestalten, bildet wiederum die Sozialstruktur. Merton interessiert sich insbesondere dafür, wie die Individuen vorgehen, um nicht ständig Konflikte auflösen zu müssen.
Eine weiter gehende Rollendebatte fand in der angelsächsischen Soziologie nicht statt, was aber bedeutende Einzelbeiträge, etwa von Erving Goffman und Rose Laub Coser, nicht ausschloss.
Die Wendung »eine Rolle spielen« hat sich inzwischen in der alltagssprachlichen Verwendung von ihrer ursprünglichen Bedeutung gelöst und wird in der Umgangssprache nahezu universal eingesetzt. Die häufigsten Verwendungen finden sich mit den Bedeutungen
Soziale Akteure befinden sich ihr Leben lang in unterschiedlichen sozialen Rollen; mitunter wird auch in mehreren Rollen gleichzeitig agiert (in sozialen Umfeldern, die sich nur in geringem Maße überschneiden). Sozialhistorisch entstehen dabei soziale Rollen neu, wandeln sich und gehen unter. Das Rollenhandeln beeinflusst dabei immer folgende Aspekte:
An diesen drei sozialen Tatsachen orientieren Akteure offen oder verborgen ihre eigenen Handlungen und bewerten Beobachter sowie die Handlung anderer. Heinrich Popitz definiert soziale Rolle entsprechend als Bündel von Verhaltensnormen, die eine bestimmte Kategorie von Gesellschafts- bzw. Gruppenmitgliedern im Unterschied zu anderen Kategorien zu erfüllen hat. Verhaltensnormen sind dabei Verhaltensweisen, die von allen oder einer bestimmten Kategorie von Gesellschafts- oder Gruppenmitgliedern in einer bestimmten Konstellation regelmäßig wiederholt und im Fall der Abweichung durch eine negative Sanktion gegen den Abweichler bekräftigt werden.
Der australische Männerforscher Robert W. Connell kritisiert diesen Rollenbegriff: "Männlichkeit" sei kein Rollenverhalten, sondern eine Praxis. Der rollentheoretische Standpunkt ist in diesen und vergleichbaren Fällen erkentnistheoretisch, dass eine "Praxis" nicht dagegen spreche, zu ihr eine "Theorie" vorzulegen.
In der US-amerikanischen Soziologie hat Robert K. Merton den bedeutsamen Unterschied zwischen dem intrapersonalen und dem interpersonalen Rollenkonflikt heraus gearbeitet. Im ersten Fall muss sich zum Beispiel der Industriemeister in dieser Rolle zwischen den Erwartungen seiner Untergebenen und seiner Vorgesetzten seine persönliche Rolle ausformen und hat dabei nach Kurt Holm drei Rollentypen zur Auswahl: 'Radfahrer' = "nach oben buckeln, nach unten treten", 'Kumpel' oder sachlich-distanziert verbrämte 'wechselnde Parteinahme'. Im zweiten Fall müsste er seinen eigenen Rollen-Kompromiss mit seinen anderen Rollen als Betriebsratsmitglied, Familienvater, Vereinsmitglied, Hobbybastler usf. finden.
Ralf Dahrendorf hat den Unterschied zwischen den durch negative Sanktionen bewehrten „Muss-Erwartungen“, den durch negative und positive charakterisierten „Soll-Erwartungen“ und den durch positiven Sanktionen bedankten „Kann-Erwartungen“ heraus gearbeitet: Der Werkmeister muss unkorrupt sein, er soll keine Bezugsgruppe nachhaltig unzufrieden machen, und er kann persönlich verständnisvoll sein.
Im Bereich differenzierter Rollen entsteht auch die Evidenz, mit der der "Rollen"-Begriff aus dem Theater übernommen worden ist – hierzu vgl. besonders Erving Goffman, dem allerdings das "Theater"-Gleichnis mit "Vorderbühne" und "Hinterbühne" ein zentraleres Anliegen als der "Rollen"-Begriff ist. Doch beschrieb er z.B. genau den jähen "Rollen"-Wechsel eines Akteurs 'auf der Bühne' und 'hinter den Sofitten' (vgl. Rollendistanz) oder die Nullrolle etwa eines Lakaien, in dessen Gegenwart Adelige sich unterhalten, streiten, sogar intim werden, als ob er gar nicht da wäre (vgl. Verachtung).
Solche Rollen können auch ein Berufsproblem sein, beispielsweise in der Palliativmedizin und der Medizinsoziologie "der Sterbende".
Schwieriger tun sich die kollektivbezogenen Theorien - zum Beispiel der Strukturfunktionalismus oder die Ethnotheorie. Denn sie fassen die stets notwendigen Rollen-Kompromisse der Akteure eher als ein Fehlverhalten oder als "eurozentrisch hinein getragen" auf und analysieren sie mit anderen Begriffen, etwa als "dysfunktional" oder als "kulturimperialistisch".
Wo "Theorien der Gesellschaft" von "soziologischen Theorien" unterschieden werden, etwa im Marxismus oder in der Systemtheorie, da wird "Rolle" entweder als gefährlicher Konkurrenzbegriff vehement zurückgewiesen oder er wird einfach übergangen: Frigga Haug beanstandete als Marxistin, dass sowohl die Geschichte der Gesellschaft und ihre ökonomischen Bedingungen als auch das dialektische Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft mit dem Begriff "Rolle" in das Individuum verlegt würden; die Theatermetapher "Rolle" erleichtere zudem die Selbsttäuschung, Rollenforderungen seien eine äußere Übermacht, vor der das Individuum sich in die "innere Emigration" zurückziehen könne - siehe dazu Rollendistanz. Gesellschaftliche Verhältnisse erschienen dementsprechend fälschlich als unveränderbar. - Eine systemtheoretische Begriffseinvernahme und Umdefinierung der "Rolle" steht noch aus.
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