Der Begriff Klasse bezeichnet in der Soziologie (genauer Sozialstrukturanalyse) eine Gruppe von Menschen, die sich durch bestimmte gemeinsame (insbesondere ökonomische) Merkmale, aber häufig auch durch ein spezifisches Zusammengehörigkeitsgefühl oder Klassenbewusstsein auszeichnen. Sehr viel stärker als die Begriffe Schicht oder Milieu betont der Begriff Klasse ein Unterdrückungs- und Ausbeutungsverhältnis. Im englischsprachigen Raum wird dieses Verhältnis auch als Classism (Klassismus) bezeichnet.
Der Marxismus betont den historischen Charakter der Klassen: Die menschliche Gesellschaft war nicht immer in Klassen gespalten und wird auch nicht immer in Klassen gespalten bleiben.
In der Urgesellschaft existierten keine Klassen. „Die gering entwickelten Produktivkräfte bedingten das gemeinsame Eigentum an den Produktionsmitteln, die gemeinsame Arbeit aller Mitglieder der Gesellschaft und schlossen die Möglichkeit der Ausbeutung des Menschen aus.“ (Georg Klaus / Manfred Buhr (Hrsg): Marxistisch-Leninistisches Wörterbuch der Philosophie, S. 619)
Zu einer Entstehung von Klassen kam es erst, als die Menschen die Fähigkeit erlangten, mehr zu produzieren, als für ihr unmittelbares Überleben erforderlich war. Die Entwicklung der Produktivkräfte und die beginnende gesellschaftliche Arbeitsteilung bildeten die Grundlage für die Entstehung der Klassen.
Diese Klassen existieren solange, wie die gesellschaftliche Gesamtarbeit einen Ertrag liefert, der das zum Überleben Notwendige nur wenig überschreitet und die Arbeit, diesen Ertrag hervorzubringen, die Zeit der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung in Anspruch nimmt. „Neben der ausschließlich der Arbeit frönenden großen Mehrheit bildet sich eine von direkt produktiver Arbeit befreite Klasse, die die gemeinsamen Angelegenheiten der Gesellschaft besorgt: Arbeitsleitung, Staatsgeschäfte, Justiz, Wissenschaften, Künste usw.“ (Friedrich Engels: Anti-Dühring, S. 224).
Die Klassenspaltung ist dann nicht mehr notwendig, wenn die gesellschaftlichen Produktivkräfte so hoch entwickelt sind, dass alle notwendigen Güter in so kurzer Zeit hergestellt werden können, dass sich die gesamte Bevölkerung neben ihrer produktiven Tätigkeit auch um die allgemeinen Angelegenheiten der Gesellschaft kümmern kann. Dieser hohe Stand der Produktivkräfte ist nach Auffassung vieler Marxisten im gegenwärtigen Kapitalismus erreicht. So hält es Ernest Mandel für möglich, den Arbeitstag auf vier Stunden zu verkürzen. Unter der Voraussetzung eines Kollektivbesitzes an den Produktionsmitteln und einer Planwirtschaft könne es dann zu einem Absterben der Klassen kommen, was ein wichtiges Merkmal des Sozialismus darstellt (Vgl. Ernest Mandel: Marxistische Wirtschaftstheorie, Band 2, S. 829ff).
In Verlauf der Geschichte haben sich die Formen des Eigentums an den Produktionsmitteln mehrfach geändert und damit die Klassenstruktur der jeweiligen Gesellschaft. Darüber hinaus kann innerhalb einer Gesellschaft auch zwischen Grundklassen und Nebenklassen unterschieden werden.
Die vorherrschende Form des Eigentums an den Produktionsmitteln bildet die Basis für die Existenz der jeweiligen Grundklassen. Neben diesen vorherrschenden Formen existieren auch andere Formen des Eigentums. Diese untergeordneten Formen sind die Grundlage für die Existenz der jeweiligen Nebenklassen.
In den verschiedenen Ökonomische Gesellschaftsformationen existierten bisher folgende Klassen:
| ökonomische Gesellschaftsformation | Hauptklassen | Nebenklassen |
| Urgesellschaft | keine | |
| Asiatische Produktionsweise | Staatsbürokratie / persönlich freie Bauern | Sklaven, Proletarier, Handwerker, Handelsbourgeoisie |
| Sklavenhaltergesellschaft (Antike) | Sklavenhalter / Sklaven | Freie Bauern und Handwerker, Proletarier |
| Feudalismus | Feudalherren / Leibeigene (Bauern) | Zunftbürger, Bourgeois, Proletarier |
| Kapitalismus | Bourgeois / Proletarier | Großgrundbesitzer, Bauern, Handwerker |
Nebenklassen können Reste alter oder Erscheinungen neuer, noch unzureichend entwickelter Produktionsverhältnisse sein.
„Das Verhältnis zwischen der jeweils Herrschenden Grundklasse und den Nebenklassen ist immer auch ein Verhältnis der Herrschaft und Knechtschaft, aber nicht immer ein Verhältnis der Ausbeutung.“ (Georg Klaus / Manfred Buhr (Hrsg): Marxistisch-Leninistisches Wörterbuch der Philosophie, S. 620). Wie aus der obigen Tabelle ersichtlich ist, verwandeln sich im Laufe der Entwicklung der ökonomischen Gesellschaftsformationen Nebenklassen in Hauptklassen und umgekehrt. So waren z.B. die Bauern im Feudalismus eine Hauptklasse, im Kapitalismus sind sie nur noch eine Nebenklasse.
Im Kapital beschreibt der Begriff Klasse nicht mehr nur empirisch bestimmte Bevölkerungsschichten, sondern Marx versucht, diese „Schichtungen“ zu erklären. Sie sollen selbst aus den spezifischen Produktions- und Reproduktionsverhältnissen der Gesellschaft abgeleitet werden. Marx geht davon aus, dass nur die Arbeit wertschaffend ist (Arbeitswertlehre). Die Arbeitskraft, die von den Lohnarbeitern verkauft wird, ist nach dieser Theorie die einzige Ware, deren Gebrauchswert darin besteht, mehr Wert zu bilden, als sie selbst besitzt. Denn ihr Wert wird wie der Wert aller anderen Waren durch die zu ihrer Produktion notwendigen durchschnittlichen gesellschaftlichen Arbeitszeit bestimmt. Das heißt in diesem Fall, der Wert der Ware Arbeitskraft entspricht dem Wert aller Waren, die die Arbeiteren benötigen, um sich (einschließlich der "Ersatzmannschaft", des Nachwuchses) zu reproduzieren. Allerdings können die Arbeiter länger arbeiten, als es notwendig wäre, um nur das Äquivalent ihrer eigenen Reproduktion zu erzeugen. Denn:
Die Kapitalisten suchen also im Klassenkampf beständig nach Mitteln und Wegen, um den unbezahlten Teil des Arbeitstages gegenüber dem bezahlten zu vergrößern. Hierfür gibt es zwei Möglichkeiten:
Die Kapitalisten konsumieren nun aber nicht den gesamten Mehrwert, sondern sie reinvestieren einen Teil davon und verwandeln in Kapital zurück. Ein Teil des Mehrwerts wird konsumiert, ein anderer dient der Kapital-Akkumulation. Dies führt dazu, dass sich die Trennung in Arbeiter und Kapitalisten immer wieder reproduziert und dauerhaft ist. Die Arbeiter können sich nicht die Arbeit von anderen aneignen. Denn ihr Lohn reicht gewöhnlich nur zur Reproduktion ihrer Arbeitskraft aus. Daher stehen sich Kapitalisten und Arbeiter als gegensätzliche Klassen gegenüber, deren Ausgangspunkt im Laufe des Akkumulationsprozesses ständig neu hergestellt wird.
Neben Arbeitern und Kapitalisten, also denjenigen Klassen, die direkt aus der kapitalistischen Produktionsweise hervorgehen, finden sich in einer konkreten Gesellschaftsformation noch Klassen, die auf andere Produktionsweisen zurückgehen. Dabei handelt es sich z.B. um die einfachen Warenproduzenten (altes Kleinbürgertum), die noch selbst Eigentum an Produktionsmitteln haben, aber keine oder nur wenige Arbeitskräfte ausbeuten und um die Großgrundbesitzer, die nur über Eigentum an Land verfügen, es aber nicht selbst bearbeiten, sondern eine Grundrente beziehen.
Alle diese Produktionsformen und Klassen sind aber über den kapitalistischen Markt vermittelt. Daher konkurrieren die Angehörigen dieser Klassen untereinander und mit den kapitalistisch hergestellten Waren.
Allerdings bedeutet die Existenz von objektiv existierenden Klassen noch nicht, dass sich ihre Mitglieder ihrer Gemeinsamkeiten subjektiv bewusst sind und einheitlich auftreten. Aber Marx und seine Nachfolger gingen davon aus, dass die Bewusstwerdung der Arbeiterklasse quasi automatisch aufgrund ihrer objektiven Situation erfolgen werde ("Das Sein bestimmt das Bewusstsein.") Diese Annahme hat sich nicht immer bestätigt.
Bereits in der Nachfolge Marx' wurde sein Klassenbegriff kritisch differenziert. So hob 1910 Rudolf Hilferding in Das Finanzkapital die ausschlaggebende Bedeutung der Banken hervor.
Genauso wie Marx ging das PKA von der Existenz zweier die bürgerliche Gesellschaft spaltenden Hauptklassen aus: Die Klasse der Kapitalisten und die der Arbeiter.
Die Kapitalistenklasse setzt sich zusammen aus aktiven Kapitalisten und bloßen Kapitaleigentümern, wobei die Anzahl der letzteren Kategorie zunehmen soll. Auch Lohnarbeiter gehören zur Kapitalistenklasse, wenn ihr Lohn so groß ist, dass er tatsächlich ein Teil des Mehrwerts darstellt. Dies ist bei leitenden Angestellten der Fall.
Zum Kleinbürgertum gehören Personen, die noch eigene Produktionsmittel besitzen aber keine oder nur sehr wenige Lohnarbeiter ausbeuten. Abgrenzungskriterium zur Kapitalistenklasse ist die Größe des von ihnen erlangten Mehrwerts. Wenn er so groß wird, dass sie durch Investitionen ihr Kapital vergrößern und zur Kapitalakkumulation übergehen können, werden sie zur Kapitalistenklasse gezählt. Nach Ansicht des PKA waren zwischen 1950 und 1970 in der Bundesrepublik hierfür die Beschäftigung von ca. 3,7 Lohnarbeitern notwendig. Zum Kleinbürgertum gehören also auch noch Personen, die bis zu 3 Lohnarbeiter beschäftigen.
Neben dem alten Kleinbürgertum gibt es auch noch lohnabhängige Zwischenklassen, also hauptsächlich Staatsangestellte, die im marxistisch–ökonomischen Sinn Dienst leisten, deren Einkommen also von den primären Revenuen Arbeitslohn und Gewinn über die Steuern abgezweigt ist. Zu dieser Klasse gehören jedoch auch nichtstaatlich Beschäftigte, also Angestellte von Parteien, Gewerkschaften, Kirchen etc., aber auch Diener oder Putzkräfte in Privathaushalten.
Die Arbeiterklasse kann in produktive und nichtproduktive Lohnarbeiter (im marxistischen Sinne)untergliedert werden (vgl. Max Koch: Vom Strukturwandel einer Klassengesellschaft, S. 42ff). Diese Untergliederung ist nicht moralisch wertend gemeint, sondern gibt nur die Stellung der jeweiligen Personen im Produktionsprozess wieder, siehe Artikel: Produktive Arbeit (Marxismus).
Nach dieser Gliederung verteilten sich im Deutschen Reich bzw. in der Bundesrepublik Deutschland die Klassen wie folgt auf die jeweilige Erwerbsbevölkerung:
| Klassen(fraktion) | 1907 | 1978 | 1985 |
| Kapitalisten | 3,0 | 2,5 | 1,5 |
| Kleinbürgertum | 34,0 | 11,5 | 8,3 |
| Lohnabhängige Mittelklasse | 13,0 | 19,7 | 24,8 |
| Arbeiterklasse | 50,0 | 66,3 | 65,4 |
| davon produktive Arbeiter | ? | 42,8 | 37,8 |
| davon nichtproduktive Arbeiter | ? | 19,7 | 18,5 |
| davon arbeitslos | ? | 3,8 | 9,3 |
| Zusammen | 100 | 100 | 100 |
Tabelle: Anteil an der Erwerbsbevölkerung pro Klasse (Daten aus: B. Erbslöh / T. Hagelstange / D. Holtmann / J. Singelmann / H. Strasser: Klassenstruktur und Klassenbewusstsein in der Bundesrepublik Deutschland, Endbericht eines DFG-Forschungsprojektes, Duisburg 1987, zitiert nach Koch: Vom Strukturwandel einer Klassengesellschaft, S. 45). Der Rückgang der KapitalistInnenklasse ist auf statistische Ungenauigkeiten zurückzuführen.
Die Autoren des Projekts Klassenanalyse wollten auch feststellen, ob den unterschiedlichen Klassen auch bestimmte Bewusstseinsformen (Klassenbewusstsein) entsprechen. Sie erwarteten, dass das Eintreten für die herrschende Ordnung in der Kapitalistenklasse größer ist als beim Kleinbürgertum und dass bei den Lohnabhängigen die Distanz zur herrschenden Ordnung am größten ist. Innerhalb dieser Kategorie sollte das Bewusstsein des Klassencharakters der Gesellschaft um so ausgeprägter sein, je mehr die Lohnarbeiter dem Kapital direkt subsummiert sind. Es sollte also bei den lohnabhängigen Mittelklassen verhältnismäßig gering sein, und bei den produktiven Arbeiter am höchsten. Die nichtproduktiven Arbeiter würden eine Zwischenposition einnehmen. Um das Klassenbewusstsein zu messen, führten die Autoren des Projekts Klassenanlyse 1987 eine repräsentative Umfrage zu typischen „Arbeitereinstellungen“ durch. Ein Beispiel ist: „Arbeitnehmer in unserer Gesellschaft brauchen Gewerkschaften, um ihre Interessen durchzusetzen.“ Diese Aussagen werden dann auf einer Skala von 1 (extreme Pro-Kapital-Einstellung) bis 8 (extreme Pro-Arbeitnehmer-Einstellung) geordnet.
Die Ergebnisse waren:
| Klasse | Bewusstseinsindex |
| Kapitalisten | 3,2 |
| Kleinbürgertum | 3,7 |
| Lohnabhängige Mittelklasse | 5,3 |
| Arbeiterklasse | |
| davon produktive Arbeiter | 5,7 |
| davon nichtproduktive Arbeiter | 5,1 |
| davon arbeitslos | 6,0 |
Zwar stimmten die Werte der Kapitalisten, des Kleinbürgertums und der Lohnabhängigen insgesamt mit den theoretischen Klassenpositionen überein, jedoch erwies sich die lohnabhägige Mittelklasse kapitalismuskritischer als die der nichtproduktiven Arbeiter (hauptsächlich Angestellte). Insofern erscheint die Differenzierung zwischen verschiedenen Lohnarbeiterkategorien im Bezug auf das Klassenbewusstsein als problematisch (vgl. Koch: Vom Strukturwandel einer Klassengesellschaft, S. 46ff).
Ernest Mandel definiert dementsprechend die Arbeiterklasse anders: Zu ihr gehören alle Menschen, die gezwungen sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen. Das schließt sowohl die eigentlichen industriellen Hardarbeiter (im wesentlichen „produktive Arbeiter“), als auch die kommerziellen Arbeiter (im wesentlichen „unproduktive Arbeiter“), aber auch große Teile der Staatsangestellten („Lohnabhägige Mittelklasse“) ein. Sie alle sind den gleichen fundamentalen Zwängen unterworfen: Nichteigentum an Produktionsmitteln, Fehlen des direkten Zugangs zur Produktion von Lebensmitteln, ungenügender Geldbesitz, um die Mittel des Lebensunterhalts ohne den mehr oder weniger regelmäßigen Verkauf der eigenen Arbeitskraft erwerben zu können.
Andererseits gehören nach Mandel diejenigen Personen nicht zur Arbeiterklasse, die zwar formal angestellt sind, deren Einkommensniveau es ihnen aber gestattet, zusätzlich zu ihrem „normalen“ Lebensstil Kapital akkumulieren zu können, wie z.B. Manager (vgl. Mandel: Kontroversen um „Das Kapital“, S. 153f).
Der Soziologe Max Weber unterscheidet generell zwischen Erwerbs-, Besitz-, und Sozialen Klassen.
Besitzklasse meint die Unterscheidung nach Besitz. Hier stehen sich insbesondere die Rentner (besser Rentiers im Sinne von Beziehern arbeitslosen Einkommens wie z.B. Aktienbesitzern) einerseits und die Unfreien, Sklaven, Deklassierten, Schuldner und Armen andererseits gegenüber.
Erwerbsklasse meint die Unterscheidung nach den Chancen der Marktverwertung von Gütern oder Leistungen. Hier können Unternehmer, Mittelklassen der Handwerker und Bauern sowie Arbeiter unterschieden werden.
Erwerbs- und Besitzklassen an sich sind für Weber jedoch noch keine sozialen Einheiten. Eine soziale Klasse umfasst nach seiner Definition jedoch die Gesamtheit der Lebensbedingungen. Hierbei sind insbesondere die Kategorien Besitz und Erwerb zu berücksichtigen. In seiner Zeit, also zu Beginn des 20. Jahrhunderts, sah Weber in Deutschland drei Hauptklassen:
Darüber hinaus unterscheiden sich die Menschen auch noch im Bezug auf ihre ständische Lage, d.h. ihre sozialen Schätzung, begründet auf:
Praktisch drückt sich die ständische Lage aus vor allem in:
Die ständische Lage kann auf der Klassenlage beruhen, aber sie ist nicht allein durch sie bestimmt.
(Zitate: Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft, Kapitel I,IV vgl. auch Korte/Schäfers: Einführung in die Hauptbegriffe der Soziologie, S. 140)
Eine Voraussetzung für die Darstellung der Klassentheorie von Pierre Bourdieu ist die Klärung seines Kapitalbegriffs. Im Unterschied zu Karl Marx geht er davon aus, dass es nicht nur ökonomisches Kapital gibt, sondern auch noch andere Kapitalformen wie soziales oder kulturelles Kapital. Für ihn ist Kapital akkumulierte Arbeit, die sich entweder in Form von Material entäußert, oder die verinnerlicht und inkorporiert wird. Diese Inkorporierung schlägt sich habituell nieder, was bedeutet, dass es klassenspezifisch je unterschiedliche Wahrnehmungsweisen, Geschmäcker, Ängste und Verhaltensmuster gibt. Da dies häufig unbewusst geschieht, spricht Bourdieu auch vom Habitus als dem 'Klassenunbewusstem'.
Viele Praktiken, wie etwa der Gabentausch oder die Ehrenhändel in vorkapitalistischen Gesellschaften oder der Kulturbereich in kapitalistischer Gesellschaften besitzen den Anschein der Uneigennützigkeit, denn sie sind nicht auf unmittelbaren ökonomischen Gewinn ausgerichtet. Dennoch gehorchen sie einer ökonomischen Logik. Auch hier ist das Ziel der Beteiligten eine Maximierung der Profite des jeweiligen Feldes etwa in Form von Ehrenerweisen oder Ansehen.
Diese können u.U. auch in ökonomisches Kapital konvertiert werden. Die von Bourdieu entwickelten „Ökonomie der Praxis“ umfasst also alle Sorten von sozialen Transaktionen. Der Warentausch ist lediglich ein spezieller Fall des sozialen Austausches.
Soziales Kapital Bourdieu definiert das soziale Kapital folgendermaßen: „Das soziale Kapital ist die Gesamtheit der aktuellen und potentiellen Ressourcen, die mit dem Besitz eines dauerhaften Netzes von mehr oder weniger institutionalisierten Beziehungen gegenseitigen Kennens oder Anerkennenes verbunden sind; oder, anders ausgedrückt, es handelt sich dabei um Ressourcen, die auf der Zugehörigkeit zu einer Gruppe beruhen.“ (Pierre Bourdieu: Ökonomisches Kapital – Kulturelles Kapital – Soziales Kapital, S. 63)
Die sozialen Beziehungen können nur auf der Grundlage von materiellen und/oder symbolischen Tauschbeziehungen existieren, zu deren Aufrechterhaltung sie beitragen. Dabei kann es sich um des Austausch von Worten, Geschenken oder Frauen (d.h. Heiraten in archaischen Gesellschaften) handeln.
Ökonomisches Kapital Als Ökonomisches Kapital bezeichnet Bourdieu den Besitz, das Vermögen, Einkommen und Eigentumsrechte. Im Gegensatz zum Kapitalbegriff von Marx meint Bourdieu mit dem Begriff Ökonomisches Kapital nur die Verfügung über Geld und Einkommen, die quantitativ gemessen wird. Für Marx dagegen ist mit Kapital nur dasjenige Geld gemeint, das ausgelegt wurde, um mehr Geld zu produzieren, als ursprünglich vorhanden war („Geld heckendes Geld“). Demnach verfügen für Bourdieu alle Menschen über ökonomisches Kapital, wobei nur der Umfang der Kapitalausstattung unterschiedlich ist. Das ökonomische Kapital dominiert in modernen kapitalistischen Gesellschaften gegenüber den anderen Kapitalsorten (Vgl. Bourdieu: Ökonomisches Kapital – Kulturelles Kapital – Soziales Kapital, S. 55).
Kulturelles Kapital Das kulturelle Kapital kann in drei Formen existieren:
Die Aneignung des inkorporierten kulturellen Kapitals ist sehr zeitaufwendig und setzt voraus, dass die Individuen von der Notwendigkeit der unmittelbaren gesellschaftlichen Reproduktion freigestellt werden, etwa um die Universitäten besuchen zu können.
Symbolisches Kapital Das symbolische Kapital die als legitim auch von den Beherrschten anerkannte Formen der drei anderen Kapitalsorten. Dies ist eine unabdingbare Voraussetzung für die Wirksamkeit der drei primären Kapitalsorten überhaupt und auch eine Voraussetzung für die Entstehung von Herrschaft. Denn ein gesellschaftliches Herrschaftsverhältnis kann ohne den Schleier symbolischer Verhältnisse nicht oder nur zeitweilig Wirklichkeit werden.
Historisch gesehen ist das Feld der sozialen Beziehungen, in dem soziales Kapital akkumuliert wird, das älteste. Es dominierte in den vorkapitalistischen Agrargesellschaften. Das grundlegende Prinzip der Kapitalakkumulation ist hier die Konkurrenz um Ansehen und Ehre. Diese wird durch hervorragende Leistungen, z.B. im Krieg, aber auch durch Großzügigkeit bei Austauschvorgängen wie dem Gabentausch erreicht. In dieser Hinsicht erfolgreiche Personen werden auch ökonomisch profitieren, etwa indem sie sehr wertvolle Gegengeschenke erhalten oder über die Arbeitskraft von anderen Personen verfügen können, wenn diese nicht in der Lage sind, Geschenke zu erwidern, die sie nach den Regeln des Gabentausches machen müssen. Allerdings funktioniert hier die Akkumulation von Reichtum nicht nach den Gesetzen des ökonomischen Feldes, die z.B. von Karl Marx beschrieben wurde.
Erst zu einem späteren Zeitpunkt in der Geschichte der Menschheit spaltete sich das ökonomische Feld mit eigenständigen Gesetzen von Feld der sozialen Beziehungen ab. Eine Voraussetzung war die Verwendung des Geldes als Kapital und die Existenz eines Staates, der die Einhaltung der vertraglich eingegangenen Verpflichtungen garantieren kann. Das Prinzip der Kapitalakkumulation auf diesem Feld wurde von Marx und anderen Ökonomen beschrieben: Es geht darum, Geld so zu verwerten, dass am Ende eines bestimmten Zeitraums mehr Geld herauskommt, als am Anfang in diesen Prozeß hineingesteckt wurde. Nach Bourdieu entstand das ökonomische Feld mit eigenständigen Gesetzen zuerst in der klassischen Antike bei den Griechen und Römern. Allerdings dominierte es damals noch nicht die Gesellschaft. Dies ist erst in den modernen kapitalistischen Industriegesellschaften der Fall.
Das Feld der kulturellen Produktion spaltete sich ebenfalls erst zu einem späteren Zeitpunkt vom Feld der sozialen Beziehungen ab. Eine Voraussetzung hierfür ist die Verwendung der Schrift und zumindest eines rudimentären Schulsystems. Auf diesem Feld konkurrieren Individuen gegeneinander um eine hervorragende wissenschaftliche und / oder philosophische Leistung. Dies geschah zum ersten mal in der Geschichte bei den griechischen und chinesischen Philosophenschulen ab dem Jahr 600 v.u.Z.. Obwohl dieses Feld in den modernen kapitalistischen Industriegesellschaften stark an Bedeutung gewinnt, dominiert es doch in keinem Fall eine Gesellschaft (Vgl. Bourdieu: Sozialer Sinn, S. 208ff).
Allerdings dürfen objektive Klassen nicht mit mobilisierten Klassen verwechselt werden. Denn bei letzteren handelt es sich um ein Ensemble von Akteuren, die sich zusammengefunden haben zum Kampf für eine Bewahrung oder Veränderung der Verteilungsstruktur der Kapitalsorten unter die Klassen.
Die oben genannten relevanten Merkmale können durch die Stellung der Individuen zu den einzelnen Kapitalsorten beschrieben werden. Sie hängen von deren Verfügung über Kapital in den von Bourdieu genannten Feldern ab, die in drei Dimensionen beschrieben werden können:
Die Unterschiede, die die Hauptklassen einer Gesellschaft ausmachen, liegen im Gesamtvolumen des Kapitals begründet als Summe aller effektiv aufwendbaren Ressourcen und Machtpotentiale, also als Gesamtheit der Verfügung über ökonomisches, kulturelles, soziales und symbolisches Kapital. Die Verteilung der Klassen in einer modernen kapitalistischen Gesellschaft erstreckt sich von den am reichhaltigsten mit ökonomischem und kulturellem Kapital ausgestatteten bis zu den in beiden Bereichen am stärksten benachteiligten Individuen.
Diese Hauptklassen sind noch einmal differenziert nach Klassenfraktionen mit unterschiedlichem Umfang der einzelnen Kapitalsorten bei etwa gleichem Volumen des Gesamtkapitals. Der Rang der verschiedenen Kapitalsorten innerhalb des sozialen Raumes ist in verschiedenen Gesellschaften unterschiedlich, doch für die kapitalistischen Industriegesellschaften geht Bourdieu davon aus, dass das ökonomische Kapital das dominierende Ordnungsprinzip darstellt. An zweiter Stelle kommt hier schon das kulturelle Kapitals, während das soziale Kapital in Vergleich zu vorhergehenden Gesellschaftsformationen an Bedeutung verloren hat. Die Klassenfraktionen oder einzelne Berufsgruppen innerhalb dieser Fraktionen unterscheiden sich noch zusätzlich durch ihre aufsteigende oder absteigende soziale Laufbahn.
Neben diesen primären Unterschieden wird eine Klasse auch noch determiniert durch eine Reihe von sekundären Teilungsprinzipien wie Geschlecht, Ethnie, Wohnort sowie weiteren Eigenschaften.
Gemäß diesen Merkmalen kann eine moderne kapitalistischen Gesellschaft in die grundlegende Klassen aufgegliedert werden.
Die erste Klasse ist die herrschende Klasse oder Bourgeoisie, die in zwei Fraktionen gespalten ist: denjenigen Fraktionen der Klasse, deren Reproduktion von ökonomischem, meist ererbtem Kapital abhängt, stehen die an ökonomischem Kapital relativ schwächsten Fraktionen gegenüber, deren Reproduktion in der Hauptsache über kulturelles Kapital verläuft. So wächst beispielsweise von den Künstlern bis hin zu den Industrie- und Handelsunternehmern der Umfang des ökonomischen Kapitals ständig, während der des kulturellen Kapitals abnimmt. Die herrschende Klasse zeigt in ihrem Aufbau also eine chiastische Struktur, wobei die Fraktion, deren Reproduktion vor allem über das ökonomische Kapital verläuft, hier die dominierende ist. Bourdieu bezeichnet sie als die "herrschenden Herrschenden" oder den "dominierenden Teil der herrschenden Klasse".
Dagegen bezeichnet er die Fraktion, die über mehr kulturelles als ökonomisches Kapital verfügt, also beispielsweise Künstler und Intellektuelle, als "beherrschte Herrschende" oder den "dominierten Teil der herrschenden Klasse". Diese Rangfolge ist aber auch dauernd der Gegenstand von Klassenkämpfen. Der herrschenden Klasse entspricht der Habitus des legitimen Lebensstils.
Die zweite große Klasse ist die Mittelklasse oder das Kleinbürgertum, dessen Kapitalvolumen deutlich geringer ist, als das der Bourgeoisie. Diese Klasse ist wie die Bourgeoisie in zwei Fraktionen gespalten. Auch hier besteht ein Gegensatz zwischen den „alten“ Mittelklassen, also den kleinen Kaufleuten und Handwerkern, deren Reproduktion primär von ihrem ökonomischen Kapital abhängt, und den „neuen“ Mittelklassen, also z.B. den Angehörigen der neuen Dienstleistungsberufe, deren Reproduktion über das kulturelle Kapital verläuft. Im Vergleich zu anderen Klassen ist hier das Kriterium der Laufbahn besonders wichtig, denn in der Mittelklasse sind die Mobilitätsprozesse am größten. So nimmt das Kapitalvolumen und der numerische Umfang der alten Mittelklasse (Kleinhändler, Handwerker) tendenziell ab, während die Bedeutung der neuen Mittelklassen zunimmt. Der mittleren Klasse entspricht der Habitus des Strebens.
Die dritte Klasse ist die Arbeiterklasse oder beherrschte Klasse, deren Kapitalvolumen sehr gering ist. Eine chiastische Struktur dieser Klasse kann Bourdieu mangels Daten nicht nachweisen. Er nimmt aber an, dass sie in abgeschwächter Form auch hier existiert. Der beherrschten Klasse entspricht der Habitus der Notwendigkeit.
Diese Klassengliederung, die primär durch das Kapitalvolumen und die beiden Kapitalsorten ökonomisches und kulturelles Kapital bestimmt wird, gilt nur für kapitalistische Gesellschaften. In anderen Gesellschaftsformationen, zum Beispiel im Feudalismus, nehmen andere Kapitalsorten die dominierende Stellung ein. In diesem Beispiel (Feudalismus) wären dies das soziale und das kulturelle Kapital (Vgl. Bourdieu: Die feinen Unterschiede, S. 175ff und Wayand: Pierre Bourdieu: Das Schweigen der Doxa aufbrechen, S. 223)
Demnach wäre zu erwarten, dass Individuen, die derselben Klasse oder Klassenfraktion angehören, auch einen ähnlichen Habitus besitzen und damit dem gleichen sozialen Milieu zuzurechnen sind. Wie sozialwissenschaftliche Beobachtungen gezeigt haben, ist diese Hypothese nur bedingt richtig. Eine wichtige Ursache hierfür ist der Hysteresis (Trägheit)-Effekt, auch Don Quixote–Effekt genannt. Denn der Habitus besitzt ein Beharrungsvermögen. Er kann an Existenzbedingungen angepasst sein, die bereits nicht mehr existieren und demnach mit den aktuellen Existenzbedingungen nicht mehr übereinstimmen. Eine solche Fehlanpassung muss freilich nicht so extrem sein, wie im Fall des Beispiels der literarischen Figur des Don Quixote selbst, der nicht mehr in der Lage war, ein eigenständiges Leben in der realen Welt zu führen. Sie kann auch zur Folge haben, dass Handlungsmöglichkeiten, die aufgrund der Entwicklung der Produktivkräfte potentiell gegeben wären, nicht wahrgenommen werden. Dies kann bei gleicher Klassenlage zu einer Ausdifferenzierung der Milieus führen, je nachdem, in welchem Maß der Habitus bereits an die aktuellen Existenzbedingungen angepasst ist (vgl. Bourdieu: Die feinen Unterschiede, S. 175ff)
Eine solche Entwicklung konnte die SINUS-Studie für die Bundesrepublik Deutschland empirisch nachweisen. Die auf der Basis von Bourdieus Klassentheorie durchgeführte Untersuchung konnte im Jahr 1992 neun soziale Großmilieus identifizieren. Danach ist die Gesellschaft einerseits noch vertikal in Klassen bzw. unterschiedliche Habitusformen gegliedert, andererseits hat sie sich quer dazu horizontal pluralisiert, in dem Sinne, dass mehrere Werthaltungen miteinander konkurrieren.
Insbesondere die Ausweitung des Massenkonsums nach dem zweiten Weltkrieg, aber auch die soziale, politische und sexuelle Liberalisierung in Gefolge der 68er Bewegung führte - trotz Beibehaltung der Klassengegensätze - in Teilen der Klassen zu einem Wertewandel. Während die an traditionellen Werten orientierten Milieus schrumpften, nahmen die an „modernen“ Werten orientierten Milieus stark zu. Als moderne Werte werden Bildung, Selbstverwirklichung, Individualität und Authentizität betrachtet. Traditionelle Werte dagegen sind Solidarität und materielle Sicherheit.
Wenn jetzt die Klassen und die Werthaltungen kombiniert werden, ergeben sich die oben genannten neun Milieus. Diese Milieus unterscheiden sich durch ihre spezifische Kombination von Klassenlage und Modernisierungsgrad, der sich vor allem in ihrer Haltung zu Werten und Lebenszielen ausdrückt.
| Klasse / Werthaltung | Modernisiert (20%) | Teilmodernisiert (45%) | Traditionell (35%) |
| Oberklasse (19%) | Alternatives Milieu (2%) | Technokratisch liberales Milieu (9%) | Konservativ gehobenes Milieu (8%) |
| Mittelklasse (59%) | Hedonistisches Milieu (13%) | Aufstiegsorientiertes Milieu (24%) | Kleinbürgerliches Milieu (22%) |
| ArbeiterInnenklasse (22%) | Neues Arbeitnehmermilieu (5%) | Traditionsloses Arbeitnehmermilieu (12%) | Traditionelles Arbeitnehmermilieu (5%) |
Tabelle: Die Sozialen Milieus in der Bundesrepublik Deutschland in Jahr 1992. Die Prozentzahlen geben den Anteil der Klasse, der Werthaltung oder des Milieus an der Gesamtbevölkerung an. Diese Aussagen gelten nur für Westdeutschland und nicht für die neuen Bundesländer der ehemaligen DDR (vgl. Vester et. al: Soziale Milieus, S. 16).
Die Ausdifferenzierung der Milieus nach Modernisierungsgrad ist nicht deckungsgleich mit der Differenzierung der Klassen in unterschiedliche Fraktionen, je nach der dominierenden Kapitalsorte. (vgl. Vester et. al: Soziale Milieus, S. 15f)
Helmut Schelsky stellte in den 50er Jahren die These auf, die sozialen Schichten in der Bundesrepublik hätten sich einander so weit angenähert, dass man von einer Nivellierten Mittelstandsgesellschaft sprechen könne.
Ralf Dahrendorf verwarf 1957 (in Soziale Klassen und Klassenkonflikt in der industriellen Gesellschaft) desgleichen das Merkmal "Besitz-Nichtbesitz von Produktionsmitteln" als zu eng und baute seine "Klassen"-Konzeption auf dem Besitz und Nichtbesitz von Machtmitteln auf.
Während Marx und die klassischen Soziologen (Tönnies, Weber, Durkheim) und auch noch Dahrendorf mit gesellschaftlichen Dichotomien arbeiten (wie etwa Sklavenhalter-Sklave, besitzend-besitzlos, landbesitzend-landlos, mächtig-machtlos), verfeinerten spätere Autorinnen und Autoren ihre Konzepte, weswegen dann z.T. auch andere Terminologien verwendet wurden. Siehe dazu auch Sozialstruktur und Stratifikation (Soziologie).
In der Nachkriegszeit wurden in der deutschen Soziologie dem Konzept Klasse die Konzepte Schicht und Milieu gegenüber gestellt und intensiv diskutiert. Der Klassenbegriff ist so bis heute eng mit der Verwendung durch Marx verbunden geblieben. Das führte dazu, dass Klassenkonzepte aus anderen Ländern, z.B. aus der angelsächsischen oder französischen Soziologie, oft nicht dem hiesigen Verständnis gleichzusetzen sind.
Siehe auch: Politische Klasse.
Sozialstruktur | Marxismus | Theorie der Praxis
Социална класа | Social class | Sotsiaalne klass | Clase social | Classe sociale | Classe sociale | מעמד | Klasė (sociologija) | Klasa społeczna | Classe social | Klassamhälle
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