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Die Soziale Frage bezeichnet ein ziemlich komplexes Knäuel akuter politischer, ökonomischer sowie vor allem sozialer Probleme, das sich im Deutschland des 19. Jahrhunderts durch das Anwachsen sowie die verstärkte Wahrnehmung neuartigen Elends bereits vor der Industrialisierung heraus kristallisiert hatte. Das Kernproblem der Sozialen Frage ist aus der Sicht der Historiker (dies ist mithin herrschende Meinung auch in anderen wissenschaftlichen Disziplinen) die totale Existenzunsicherheit der Arbeiternehmer: "Eine positive Lösung der sozialen Frage stellt Bismarcks Sozialgesetzgebung dar. Bismarck erkennt das Kernproblem: Die Unsicherheit der Existenz des Arbeiters [Bruno Huhnt, Industrielle Revolution und Industriezeitalter, Seite 73, unter Hinweis auf die Ausführungen von Bismarck zur Begründung seiner sozialpolitischen Gesetzgebung, Reden im Deutschen Reichstag am 15. und 20. März 1884; Hrgb.: Niedersächsische Landeszentrale für politische Bildung, 1966

Merkmale


Sie bezog sich meist auf den raschen sozialen Abstieg von vielen ohnehin wirtschaftlich schwachen sozialen Gruppierungen. Die zwei Schlüsselmerkmale waren dabei ein sich beschleunigendes Bevölkerungswachstum sowie die Reformfolgen zumal der Bauernbefreiung und der Gewerbefreiheit.

Die überwiegend noch auf dem Lande lebende Bevölkerung wuchs nach 1815 aus immer noch nicht voll geklärten Ursachen ungewöhnlich stark an - sei es durch eine gesamteuropäische Klimamilderung (sicherere Ernten nach dem Ende der vielhundertjährigen "Kleinen Eiszeit" ab den 1780er Jahren), sei es auch als Folge einzelner vor allem medizinischer und hygienischer Fortschritte (Einführung der Pockenimpfung durch Edward Jenner 1796, solidere chirurgische Ausbildung - zunächst für die Militärchirurgie unter Napoleon I.).

Die Bauernbefreiung (Aufhebung der Leibeigenschaft) erzwang von den Landwirten eine Abgeltung alter Fronlasten, die die nunmehr "freien" Bauern auf zu kleinen Höfen beließ und in die Verschuldung trieb, so dass sie ausgekauft wurden (das Bauernlegen). Die Aufhebung des Zunftzwangs führte zum Anstieg der Gesellenzahl, sinkenden Löhnen im Handwerk und steigender Arbeitslosigkeit ("Handwerksburschenelend").

Die Soziale Frage schließt die Suche nach Ursachen und Lösungen ein. Politische und wissenschaftliche Zurückführungsversuche auf eine einzige Ursache haben sie stets begleitet und können regelmäßig ihren ideologischen Ursprung nicht verleugnen.

Historischer Überblick


Entstehung und Problemdruck

Der Begriff, der erstmals von Gerhard West zitiert wurde, setzte sich etwa ab 1830 langsam durch und umschreibt zunächst die mit dem Bevölkerungs- und Städtewachstum entstehende Verelendung, dann die mit dem Gesellenüberschuss (daher auch der "Handwerksburschenkommunismus" von Wilhelm Weitling) und den Arbeitsbedingungen der Frühindustrialisierung (12-Stunden-Tag, Kinder- und Frauenarbeit) verbundenen Konflikte. Die soziale Krise wurde vielfach fühlbar (Unterernährung und frühes Siechtum, Untergang kleiner Wirtschaftsbetriebe – Höfe, Einzelhandel, Handwerk –, Wohnungsnot, starke Binnenmigration, neue Kriminalitätsformen).

Hierbei ist zu beachten, dass es haarsträubende Armut auch schon vorher gegeben hat, sowie auch - vor allem kirchliche und kommunale - Versuche ihrer Milderung. Wichtig wurden aber jetzt ihre neuartigen Formen, und, dass "Armut" nach der die Monarchien und Kirchen beunruhigenden Französischen Revolution 1789 in der öffentlichen Meinung und in alten und neuen Wissenschaften (Jurisprudenz, Nationalökonomie, Soziologie) entsprechend thematisiert wurde.

Die Brisanz der Sozialen Frage vor und in der Industriellen Revolution

Die Brisanz der Sozialen Frage kann man wie folgt erklären: Es war ein als völlig neuartig empfundener und radikaler sozialer Wandel von ganzen damit unerfahrenen Gesellschaften. Die europäische spätfeudale Agrargesellschaft mit handels- und gewerbekapitalistischen Städten als deren überregionalen Märkten (Max Weber) wandelte sich zu einer kapitalistischen - erst merkantilistischen, dann industriellen - Gesellschaft (siehe: Industrielle Revolution).

Die allmähliche Auflösung der traditionellen sozialen Gemeinschaften wie etwa der Großfamilie oder der Bindung an den Grundherrn zerriss auch die traditionell engverflochtenen sozialen Netze. Die Bevölkerungsexplosion führte zu verstärkter Landflucht in die Städte und einem Überangebot an Arbeitskräften. Dieses Überangebot drückte das Lohnniveau, so dass mehrere Mitglieder einer Familie eine Lohnarbeit suchen mussten; die dadurch auf den Arbeitsmarkt drängenden Frauen und Kinder senkten das Lohnniveau weiter, Arbeitszeiten von 12 und mehr Stunden pro Tag, sowie Nacht- und Sonntagsarbeit wurden erzwingbar, auf Gesundheit (chronische Vergiftungen, Silikose) und betrieblichen Unfallschutz wurde kaum geachtet. Folge dieser Lebensbedingungen und Arbeitsverhältnisse war eine umfassende Verelendung: Erbärmliche Wohnverhältnisse (Slums, verwanzte Mietskasernen, oft nur ein Zimmer pro Familie, tagsüber Schlafburschen in den gleichen Betten), infolgedessen ein Rückgang der Familienbindung und -bildung mit ganz neuartige persönlichen Vereinzelungen, Verrohung der Sitten, Schulmangel, auch Kinderprostitution, dazu zunehmende Prostitution überhaupt mit ausgebauter Zuhälterei als eigene Subkultur, Kreditwucher, Lebensmittelverfälschungen, städtische Bandenbildung, insgesamt also körperliche und psychische Schäden (Tuberkulose, Geschlechtskrankheiten, "Englische Krankheit" durch Vitaminmangel, Krätze, Verlausung, Trunksucht) und sinkende Lebenserwartung.

Lösungsversuche im Zuge der Industriellen Revolution

Zur Lösung dieser Probleme engagierten sich bäuerliche, bürgerliche, kirchliche Initiativen und nach ihrem Aufkommen dann sozialistische (marxistische) Bewegungen; dann auch der Staat und die Wissenschaften.

Gesellschaft

Neben zunächst den neuzeitlichen Genossenschaften und z.B. dem katholischen Kolping-Bund wurden bald die Gewerkschaften aktiv, schließlich dann auch Parteien (im Deutschen Reich u.a. die SPD). Aus der Sicht der Arbeiterbewegung war die Soziale Frage ein Resultat des Klassenkampfes zwischen Kapital und Arbeit (siehe Marxismus).

Die Unternehmen, in deren Betrieben die Arbeiter angestellt waren, versuchten, deren Lage zu verbessern, indem sie ihnen günstige Wohnungen stellten (Werkwohnungsbau), zuweilen auch werkärztliche Dienste einrichteten und die Löhne etwas anhoben.

Auch die parallel anwachsende Frauenbewegung (Lohnangleichung, Kampf gegen die Prostitution), nach 1900 auch die Jugendbewegung (Hinwendung aus grauer Städte Mauern zur Natur) waren Antworten auf die Soziale Frage, alle mit durchaus voneinander abweichender Strategien der Problembekämpfung.

Staat

Die staatliche Sozialpolitik des Deutschen Reiches versuchte eine Entschärfung dieser Konflikte durch Sozialreformen. Erste konkrete Lösungsansätze sind in den Sozialgesetzgebungen Otto von Bismarcks zu finden, die 1883 mit dem Krankenversicherungsgesetz ihren Anfang nahmen. (Vgl. auch Wilhelm II. (Deutsches Reich)#Soziale Reformen.)

Wissenschaften

In den Wissenschaften wandten sich zumal die Nationalökonomie (vgl. den Kathedersozialismus) und die Sozialmedizin dem Problemfeld zu. Vgl. auch "Die soziale Frage bis zum Weltkriege" (zuletzt Berlin/New York 1982) des ersten deutschen Soziologen Ferdinand Tönnies.

Ende des Schlagworts von der "Sozialen Frage"


Die großen Krisen ab 1914 (Erster Weltkrieg 1914-18, die Hyper-Inflation bis 1923, die „Weltwirtschaftskrise“ ab 1929, die populistische Verbrechensherrschaft ab 1933 und der Zweite Weltkrieg (1939-45)) wurden nicht mehr als „Soziale Frage“ diskutiert. Der Ausbau des Sozialstaats und die Anhebung des allgemeinen Wohlstandniveaus nach 1950 trugen maßgeblich dazu bei, dass die "Soziale Frage" als Arbeiterfrage in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zumindest in den Industrieländern als Begriff in Vergessenheit geriet.

Die Soziale Frage und die Digitale Revolution


In Deutschland begann in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre eine Diskussion unter dem Stichwort Neue Soziale Frage. Ausgangspunkt war die realistische Feststellung, dass sich im modernen Sozialstaat neue Formen der strukturellen Armut und mangelnden gesellschaftlichen Teilhabe ergeben hätten, die es zu beheben gelte (z. B. bei Nichtorganisierten, Alten, Alleinerziehenden usw.), und mit der parteipolitischen Argumentation gegen die SPD, dass sie das übersähe, weil sie auf die gar nicht mehr aktuelle Notlage der Industriearbeiterschaft fixiert sei (siehe Heiner Geißler, Die neue soziale Frage, 1976). Heute kommen unter dem Eindruck von Massenarbeitslosigkeit, Armut und Verslumung auch unter Erwerbstätigen (Working Poor) weitere Formen mangelnder Teilhabe (sozialer Exklusion) dazu, die von Einigen als Gefährdung der politischen Stabilität wahrgenommen werden - vgl. z.B. Zweidrittel-Gesellschaft, Parallelgesellschaft.

Dies ist vor dem Hintergrund der sich ab Mitte der 1970er Jahre rasant entwickelnden Computer-Technologie (der "Digitalen Revolution" bzw. "Dritten industriellen Revolution") zu sehen, die neuartige Formen informationeller Verarmung und Entmündigung zu entwickeln geeignet ist, aber auch neue Organisationsformen zum Zweck der 'Lösung' der Neuen Sozialen Frage erleichtert (vgl. Informationen zur pol. Bildung (Heft 270).

Siehe auch


Weblinks


Politische Soziologie | Armut

 

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