Bei der Sonatenhauptsatzform handelt es sich um eine musikalische Form, genauer um eine Entwicklungsform.
Der Begriff kommt daher, dass der erste Satz einer Sonate oder einer Sinfonie (die im Grunde eine Sonate für Orchester ist) in der Regel der nachfolgend beschriebenen Form gehorcht.
Aufbau eines Satzes nach der Sonatenhauptsatzform
Ein nach der Sonatenhauptsatzform gegliederter Satz besteht in der Regel aus drei Hauptteilen:
Exposition,
Durchführung und
Reprise. Oft kommen eine
Einleitung und/oder eine
Coda hinzu.
Einleitung
Die Einleitung fehlt häufig. Wenn sie erscheint, dann in meist längeren Sätzen (d.h. eher in einer Sinfonie und seltener in einer Klaviersonate). Man erkennt sie durch eine langsame Tempoangabe: fängt das Stück schnell an, so ist keine Einleitung vorhanden. Ist jedoch eine Einleitung vorhanden, so erhält der Satz üblicherweise zwei Tempoangaben: zunächst das Tempo der Einleitung, und danach das des Hauptsatzes der Exposition, also z. B. Andante – Allegro ma non troppo.
Exposition
Der eigentliche Beginn des Satzes ist die
Exposition.
- Sie stellt zunächst das erste Thema (in der Regel das Hauptthema) vor. Dieser Teil der Exposition wird Hauptsatz genannt. Das Hauptthema steht in der Grundtonart (Tonika) des Satzes.
- Dem Hauptsatz schließt sich ein modulierender oder überleitender Teil an. Er besteht, vor allem in den Werken der Wiener Klassik, oft aus gewollt unthematischen, im allgemeinen sehr motorischen Floskeln und zeigt so den Passagencharakter dieses Teiles deutlich auf.
- Es folgt meist ein zweites, kontrastierendes Thema im so genannten Seitensatz. Es steht immer in einer anderen Tonart, häufig in der Dominante, nicht selten aber auch in der Subdominante, in der parallelen Dur-/Molltonart oder einer anderen verwandten Tonart. (Der Regelfall ist: Hauptsatz in Dur – Seitensatz in der Dominante; Hauptsatz in Moll – Seitensatz in der Durparallele). Diese tonartliche Spannungsbeziehung der Teile Hauptsatz – Seitensatz ist das wesentliche Merkmal der Sonatenhauptsatzform.
- Sodann folgt meist die Schlussgruppe, die aus thematischem Material bestehen kann, in der Regel aus dem ersten Thema.
- Vor Beginn der Exposition kann eine kürzere oder längere Einleitung stehen. Joseph Haydn als prominenter Entwickler der Sinfonie hat sich oft einer Einleitung bedient. Er baut damit eine Spannung vor allem im tonartlichen Gefüge auf, gegen die der Eintritt des Hauptsatzes nicht selten harmlos und somit entspannend wirkt. Die Motorik des meist schnellen Hauptsatzes unterstreicht noch den starken Kontrast zwischen ihm und der Einleitung. Einleitungen werden nach und nach immer bedeutender. In Beethovens Sinfonien findet man diese bei den Nummern 1, 2, 4 und 7, der Übergang in den eigentlichen Satz wird immer fließender. So kann man den Beginn der neunten Sinfonie ebenfalls als Einleitung hören, Charakter und Puls lassen dies zu. Man kann von einer Verselbständigung des Formteils Einleitung sprechen.
Häufig wird die Exposition wiederholt.
Die klassische Lehre behauptet, dass das erste Thema meist einen männlichen, kraftvollen Charakter hat, das zweite dagegen einen weiblichen, lyrischen. Diese Regel wird in der Praxis jedoch häufiger gebrochen als eingehalten. Allerdings können die beiden Themen nicht selten – wenn auch bei weitem nicht immer – als gegensätzlich bezeichnet werden. Man kann die Exposition als Anfang einer Diskussion mit Pro und Contra betrachten.
Durchführung
Nach der Exposition folgt die
Durchführung. Hier werden die in der Exposition vorgestellten Themen musikalisch verarbeitet. Beispielsweise durch harmonische Veränderung, rhythmische Veränderung, Zerlegung von Motiven usw. Die
Tonika wird gemieden, es wird bis in entferntere
Tonarten moduliert (
Modulation).
Die Anwesenheit der Tonika konnte in der Wiener Klassik mit Hilfe der Hörner verdeutlicht werden: als Naturhörner steht diesen Instrumenten nur begrenztes Tonmaterial in der Nähe der Grundtonart zur Verfügung. (Schweigen die Hörner, befindet man sich weit entfernt von der Grundtonart. So setzt sich die Durchführung auch oft klanglich vom stabilen Rest ab.)
Reprise
Mit der Wiederkehr des vollständigen Hauptthemas auf der
Tonika setzt die
Reprise (aus dem
frz.:
reprendre = „wieder aufnehmen“) ein. Es folgt der Seitensatz (bzw. das zweite Thema), in der Reprise nun ebenfalls auf der Tonika.
Für eine Sonate oder Sinfonie in Moll ergibt sich so das Problem, dass der Seitensatz in der Exposition in Dur erscheint (Parallele der Grundtonart), in der Reprise aber Moll verlangt wird. Also muss das zweite Thema sowohl in Dur als auch in Moll „funktionieren“. Dieser Umstand trägt wohl mit dazu bei, dass Werke in Moll seltener anzutreffen sind. Jedoch sind es gerade diese (z. B. bei Beethoven die
Fünfte und die
Neunte als seine einzigen Moll-Sinfonien), die sich besonders durchgesetzt haben.
Coda
Am Ende der Reprise wird nicht selten noch eine
Coda angehängt, die Ausmaße von einem kurzen Anhängsel bis zu einer ausgewachsenen zweiten Durchführung haben kann. Die Coda wird vor allem bei Beethoven zu einem sehr wichtigen Abschnitt, sie ist im Kopfsatz der
9. Sinfonie länger als die Reprise. Oft ist sie nicht nur im Charakter,sondern auch in der Thematik der Durchführung sehr ähnlich.
Beispiel eines Formenplans
Haydn13.png |
Joseph Haydn,
Sinfonie mit dem Paukenschlag Nr. 94, G-Dur, 1. Satz: Adagio cantabile – Vivace assai
- Einleitung (Takt 1-17): hier wird der für den gesamten ersten Satz charakteristische Quartsprung vorgestellt.
- Exposition mit Hauptthema (ab Takt 18) – Überleitung – Seitenthema (ab Takt 69) – Schlussgruppe
- Durchführung (ab Takt 108)
- Reprise mit Hauptthema – Überleitung – Seitenthema – Epilog – Schlussgruppe
Geschichte
Die Sonatenhauptsatzform entwickelte sich allmählich. Zu ihrer Entwicklung, vor allem in Italien und Deutschland, trugen
Sammartini, die
Söhne Bachs,
Boccherini,
J. Stamitz,
Haydn,
Mozart und
Clementi bei. Bereits 1730 ließ sich die Sonatenhauptsatzform im wesentlichen nachweisen. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts, etwa ab 1770, trat die Sonatenhauptsatzform einen wahren Siegeszug an. Die Entwicklungsmöglichkeiten des thematischen Materials sind weitaus vielseitiger als beispielsweise bei der zwei- oder dreiteiligen
Liedform. Einen bedeutenden Reiz bildet der Dualismus der beiden Themen, die – wiederum im Gegensatz zur Liedform – gewissermaßen direkt gegeneinander und/oder miteinander auftreten. Die Sonatenhauptsatzform fand nicht nur im Kopfsatz von
Sonaten (für Klavier und andere kammermusikalische Besetzungen), sondern auch als Kopfsatz von
Sinfonien,
Ouvertüren (z. B. die Ouvertüren zu
Webers Freischütz,
Mendelssohns Fingals Höhle) und anderen musikalischen Gattungen Verwendung.
Obwohl bereits Ende des 18. Jahrhunderts von den Komponisten in einzelnen Elementen vielfach von dem strengen Aufbau der Sonatenhauptsatzform abgewichen wurde, fand im 19. Jahrhundert die Weiterentwicklung der Sonatenhauptsatzform statt: einerseits eine Abkehr von der strengen Form der Komposition, andererseits aber auch eine Erweiterung der Struktur. So wurden sowohl die strengen Regeln des Aufbaus des Sonatenhauptsatzes wie auch die der zwingenden Gegenüberstellung eines dynamischen und eines lyrischen Themas zunehmend durchbrochen, gelegentlich wurde auch ein drittes Thema eingeführt.
Exemplarisch hierfür stehen:
Der Reiz des Dualismus findet sich zwar in gewissem Maße auch in der Fuge, die auch eine Entwicklungsform ist, aber der Kontrapunkt bringt darin kein wirklich eigenständiges Thema. Im Gegensatz zur Fuge, die eine sehr strenge Form ist, ermöglicht die Sonatenhauptsatzform außerdem große Freiheiten. So gesehen passt der Siegeszug der Sonatenhauptsatzform hervorragend in das Zeitalter, in dem sich die bürgerlichen Freiheiten Bahn brachen.
Zu den harmonischen Verwandtschaftsbeziehungen von Tonarten siehe auch: Harmonielehre, Quintenzirkel.
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