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Gaius Sollius Modestus Sidonius Apollinaris (* um 430 in Lyon † nach 479 in Clermont-Ferrand) ist dem Historiker Eric Goldberg zufolge der einzige wichtige überlebende Autor aus dem 5. Jahrhundert Galliens. Er war 468 Stadtpräfekt von Rom, danach bis zu seinem Tod Bischof der Auvergne. Seine Schriften stellen eine wichtige Quelle für die Geschichte Galliens in der ausgehenden Spätantike dar.

Leben


Sidonius war ein hoher gallo-römischer Aristokrat, dessen Leben und Beziehungen ihn in die Mitte der römischen Politik des 5. Jahrhunderts setzen. Vater und Großvater hatten das hohe Amt eines praefectus praetorio Galliarum, des höchsten Zivilbeamten in der spätrömischen Präfektur Gallien. Die Ausbildung des Sidonius erfolgte in Lugdunum selbst und in Arles (Arelate) in Grammatik und Rhetorik nach dem seit Quintilian geltenden System, in dem eine formale Schulung an brillanten Dichtern, mythologischen Stoffen und der römischen sowie der griechischen Geschichte besonders gepflegt wurde. Ob Sidonius über Kenntnisse des Griechischen verfügte ist umstritten.

Ungefähr um 452 n. Chr. heiratete Sidonius seine Cousine Papianilla, die Tochter des Eparchius Avitus, der führende Aristokrat Galliens und spätere weströmische Kaiser (455–56). Aus dieser Ehe gingen vier Kinder hervor: Ein Sohn namens Apollinaris sowie drei Töchter, Roscia, Severiana und Alcima. Ein Teil der Mitgift seiner Frau war das Gut Avitacum.

Nachdem Avitus mit Unterstützung der Westgoten, welche seit dem Jahr 418 in Aquitanien als foederati (Föderaten) siedelten, auf den Sturz des Kaisers Petronius Maximus hin 455 selbst den Purpur genommen hatte, folgte Sidonius seinem Schwiegervater nach Rom, wo er zu dessen Ehren im folgenden Jahr vor dem Senat einen panegyricus, eine Lobrede, vortrug. Avitus belohnte ihn dafür mit der Errichtung eines Bronzestandbildes auf dem forum Traianum. Doch die Herrschaft der westgotisch–gallischen Partei währte nur kurz. Schon 456 putschten sich die Vertreter der italienischen Senatoren, der comes domesticorum Maiorianus und der magister militum Ricimer an die Macht, und ersterer wurde Kaiser.

Sidonius unterwarf sich dem neuen Machthaber und hielt ihm bei seinem Einzug in das mit burgundischer Unterstützung revoltierende Lyon ebenfalls einen panegyricus. Diese Geste leitet eine neue Phase politischer Aktivitäten im Leben des Sidonius ein, über welche fast keine Informationen vorliegen. Er empfing den Titel comes und wurde an die Tafel des Kaisers zugelassen. Die Ermordung des Maiorianus‘ im August 461 beendete dann für eine längere Zeit die politische Karriere von Sidonius, und er scheint sich auf seine Domänen in der Auvergne und im Lyonnais zurückgezogen zu haben, wo er sich der Poesie, seinen Freunden und seinen Kindern widmete. Vermutlich bekleidete er aber auch in jener Zeit Ämter im Staatsdienst.

Als Sidonius 467 offiziell aufgefordert wurde, sich in Rom einzufinden, zog er als Vorsteher einer Delegation der Auvergne zum neuen Kaiser Anthemius, der mit oströmischer Unterstützung nach zweijährigem Interregnum anschliessend an die Ermordung des Kaisers Libius Severus (465) an die Herrschaft gekommen war. Als Symbol der Versöhnung der gallischen mit den italienischen Senatoren verfasste Sidonius auch für Anthemius einen panegyricus, und wurde von diesem dafür mit dem Amt eines praefectus urbi Romae entlöhnt.

Besonders erfolgreich scheint Sidonius in der Ausübung dieses Amtes nicht gewesen zu sein, aber er wurde nach Ablauf der Stadtpräfektur 468 mit der Würde eines patricius ausgezeichnet. Der darauf folgende Rückzug aus dem politischen Leben in Rom steht wahrscheinlich in Zusammenhang mit dem Prozess gegen seinen Freund Arvandus, der sich der Verschwörung schuldig gemacht hatte. Sidonius wandte sich in Folge desillusioniert wieder der Musse des Landlebens auf seinem Gut Avitacum zu, unterbrochen von Aufenthalten in Lyon und Clermont (Arverni ), der Metropole der Auvergne. Dort baute er sich offenbar Beziehungen zum einflussreichen Bischof Patiens von Lyon und anderen Klerikern auf und bekleidete vielleicht sogar eine kirchliche Würde, worauf er 469/70 auserwählt wurde, Bischof von Clermont zu werden.

Das grosse Ansehen seiner Familie und der seines Schwiegervaters, des ehemaligen Kaisers, mochte es bewirkt haben, dass politische Einflussmöglichkeiten, über die er aufgrund seiner Bekannt- bzw. Freundschaft zu Inhabern hoher und höchster weltlicher und geistlicher Ämter verfügte, für seine Wahl ausschlaggebend waren.“ (Kaufmann, 56)

Es scheint also fraglich, ob seine Frömmigkeit dabei eine Rolle gespielt hat. Mit der Annahme dieser Wahl wurde Sidonius zum politischen Führer der Auvergne, denn in dieser Zeit der Auflösung der Reichsgewalt war besonders in Gallien das Bischofsamt auch zu einem politischen Amt geworden, weshalb in zunehmendem Masse Angehörige des gallischen Hochadels wegen ihren Fähigkeiten und Möglichkeiten auf diese Posten beruften wurden. Auf diese Weise wurde die katholische Kirche zur Rückzugstellung des „Römertum“ in Gallien.

In der Eigenschaft als Führer und Bischof der Auvergne stellte Sidonius zusammen mit seinem Schwager Ecdicius, den er zum militärischen Führer bestimmte, mit eigenen Mitteln und der Unterstützung anderer Aristokraten eine Truppe auf, und verteidigte erfolgreich während vier Jahren (471–474) die Auvergne gegen alljährliche Eroberungsversuche durch die arianischen Westgoten unter ihrem König Eurich, der das foedus (Bündnis) von 418 gebrochen hatte und sein Reich bis ans Mittelmeer und an die Rhône zu erweitern suchte (zu Eurichs Bruder und Vorgänger, Theoderich II., hatte Sidonius jedoch offenbar gute Beziehungen unterhalten). Nach diesen Ereignissen musste Sidonius seine Hoffnung begraben, dass die römische Ordnung in Gallien mit Hilfe der föderierten Westgoten erhalten werden könnte. Deshalb zeichnet sich eine grundlegende Wandlung seiner Identität ab: Weg von der Duldung der arianischen Kirche und vom Prinzip des foedus hin zu römischem Patriotismus und zur katholischen Kirche.

Besonders hervorgetan hat sich Sidonius im Kampf gegen Eurich bei mehreren Belagerungen der Stadt Clermont, deren Bewohner er mit seinen rhetorischen Fähigkeiten immer wieder von neuem ermutigen konnte. Dieser hartnäckige Widerstand einer Region gegen ein Germanenvolk war im zerfallenden Römischen Reich eher eine Ausnahme. Der Friedensschluss des weströmischen Kaisers Julius Nepos (474–75) mit dem Westgotenkönig Eurich 474 brachte dann jedoch letzterem nicht nur die Anerkennung seiner Souveränität, sondern auch die Abtretung der Auvergne durch Rom, obwohl Sidonius sich bis zuletzt dagegen aufgelehnt hatte. Er wurde deshalb von Eurich nach der Festung Livia bei Carcassonne verbannt.

Aus der Verbannung konnte Sidonius bald in sein Bistum zurückkehren. Sein Freund Leo, der das Amt des höchsten Verwaltungsbeamten am Hof des Westgotenkönigs bekleidete, scheint ihm dabei behilflich gewesen zu sein. Auch sein Landbesitz wurde ihm zurückerstattet, nachdem er 476 in Bordeaux einen panegyricus auf Eurich gehalten hatte. Damit fand sich auch die schillerndste Figur des römischen Widerstandes damit ab, dass das Westgotenreich in Gallien an die Stelle des Imperium Romanum getreten und dass politisch und militärisch am Sieg der Germanen nicht mehr zu rütteln war – wer in Gallien politisch überleben wollte, hatte sich nun der pax Gothica zu fügen.

Die folgenden Jahre bis zu seinem Tode nutzte Sidonius zur Zusammenstellung seiner Briefsammlung, um seinen literarischen Ruhm für die Nachwelt zu erhalten. Kurz vor seinem Ableben wurde Sidonius nach Gregor von Tours noch mit einer Intrige von zwei neidischen Priestern konfrontiert, die ihn für kurze Zeit seines Amtes beraubten – auf wundersame Weise wurde aber dieses Komplott vereitelt. Sein Todesjahr ist nicht genau datierbar, liegt aber irgendwann zwischen 480 und 490.

Werke


Sidonius' Schriften sind eine unschätzbare Quelle für Informationen über Geschehnisse und Positionen während seines Erwachsenenlebens, wobei seinen Briefe einen guten Einblick in die Verhältnisse Galliens während der ausgehenden Spätantike geben. In den zahlreich überlieferten Briefen (epistulae) kommen denn auch seine Ohnmachtsgefühle bezüglich des Kollaps des römischen Staates deutlich zum Ausdruck. Er schrieb auch mehrere Lobreden nach Art des Claudian, die einige wichtige politische Ereignisse dokumentieren. Carmen 7 ist eine Lobrede auf seinen Schwiegervater Avitus zu seiner Erhebung zum Kaiser. Carmen 5 ist eine Lobrede auf Kaiser Majorian, was auch beweist, dass Sidonius in der Lage war, Gefühle gegenüber jemandem hintan zu stellen, der für den Tod seines Schwiegervaters verantwortlich war. Carmen 2 ist eine Lobrede auf den Kaiser Anthemius, Teil von Sidonius’ Anstrengungen, Stadtpräfekt von Rom zu werden. Auch brachte Sidonius, der sich sehr der Dichtung gewidmet hatte, fünfzehn Epigrammata heraus.

Bedeutung


Sidonius' verwandtschaftliche Beziehungen können über mehrere Generationen verfolgt werden, von der Zeit seines Großvater väterlicherseits, in den Berichten über das Familienvermögen, vom Prominentenstatus im späten Rom bis zum nachfolgenden Abstieg unter den Franken im 6. Jahrhundert. Durch Sidonius, der keinen Zugang in die sich formierende germanische Welt fand und noch stark der spätantiken Tradition verhaftet war, rettete die Kirche wenigstens einen Teil der antiken Kultur für das Mittelalter.

Sidonius Apollinaris wurde später heiliggesprochen, sein Tag ist der 23. August.

Werkausgaben und Übersetzungen


  • Gai Sollii Appollinaris Sidonii Epistulae et Carmina, recensuit et emendavit Christianus Lüetjohann, in: Monumenta Germaniae Historica, Auctorum Antiquissimorum Tomus VIII, Berlin 1887.
  • Sidonius Appollinaris: Poems and Letters, with an English translation, introduction and notes by W. B. Anderson, London 1936-65.
  • Sidonius Appollinaris: carm. 22: Burgus Pontii Leontii, Einleitung, Text und Kommentar von Norbert Delhey, Untersuchungen zur antiken Literatur und Geschichte 40, Berlin 1993.
  • Sidonius Appollinaris: Texte établi et traduit par André Loyen. Collection des Universités de France. Bd. 1: Poèmes, (1960). Bd. 2: Lettres, Livres I–V (1970). Bd. 3: Lettres, Livres XI–IX (1970), Paris.
  • Helga Köhler: C. Sollius Apollinaris Sidonius, Briefe, Buch I, Einleitung, Text, Übersetzung, Kommentar, in: Bibliothek der klassischen Altertumswissenschaften, N.F., Reihe 2, 96), Heidelberg 1995.

Literatur


  • Patrick Amory: Ethnographic Rhetoric, Aristocratic Attitudes and Political Allegiance in Post-Roman Gaul, in: Klio 76 (1994), S. 438-453.
  • Eric J. Goldberg: The Fall of the Roman Empire Revisited: Sidonius Apollinaris and His Crisis of Identity, in: Essays in History, Vol. 37, University of Virginia, Charlottesville 1995.
  • Jill Harries: Sidonius Apollinaris and the fall of Rome, AD 407-485, Oxford 1994. Rezension (Wiener Studien 112, 1999)
  • Frank-Michael Kaufmann: Studien zu Sidonius Apollinaris, in: Europäische Hochschulschriften, Reihe 3, Bd. 681, Frankfurt am Main 1995.
  • Lynette Watson: Representing the Past, Redefining the Future. Sidonius Apollinaris' panegyrics of Avitus and Anthemius, in: The Propaganda of Power. The Role of Panegyric in Late Antiquity, hrsg. von Mary Whitby, Leiden 1998, S. 177-198.

Weblinks


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