Der säkulare hebräische Begriff Shoa (auch „Schoa“, „Shoah“ oder „Schoah“, hebr. שואה, deutsch: Zerstörung, große Katastrophe) meint den systematischen nationalsozialistischen Völkermord an etwa zwei Drittel der jüdischen und jüdischstämmigen Bevölkerung Europas (insgesamt ca. 6 Mio. Menschen).
Der Artikel beschreibt die Herkunft des Begriffs, seine Verwendung und die Debatte um die Singularität der Shoa, die in Deutschland vor allem seit dem Historikerstreit 1986 geführt wird. Die eigentliche Geschichte und Durchführung der Shoa beschreibt der Artikel Holocaust: Diese Bezeichnung für die Shoa hat sich in der Bundesrepublik seit 1979 überwiegend durchgesetzt.
Unter den Juden und in Israel sind Begriff und Bedeutung von „Shoa“ im Zuge der langen Geschichte der Judenfeindlichkeit und der damit verbundenen Pogrome schon vor dem Holocaust geläufig gewesen. Der Ausdruck ging daher in die Unabhängigkeitserklärung Israels von 1948 ein. Seitdem wird er von Juden überwiegend für dieses Ereignis verwendet.
Ein Grund dafür ist auch, dass das Wort Holocaust (griechisch: „vollständiges Brandopfer“) nach Ansicht vieler Juden zu sehr die Opferrolle der Ermordeten betont und einen positiven religiösen Sinn des Geschehens impliziert. Der Begriff Shoa wird wiederum von manchen Vertretern nicht-jüdischer Opfergruppen des Holocaust abgelehnt, da er den Blick allein auf die ermordeten Juden einenge.
Shoa wird seit 1979 auch von manchen Nichtjuden bevorzugt, weil sich mit dem Begriff Holocaust seit 1979 die Assoziation des Hollywood-Filmes verbindet, der damals als mehrteilige US-Fernsehserie unter dem Titel „Holocaust - Die Geschichte der Familie Weiß“ ausgestrahlt wurde. Der Film stieß auf Kritik, da seine „romantisierende“ und „reißerische“ oder gar „voyeuristische“ Umsetzung des Stoffes dem tatsächlichen Schrecken des Themas vielen nicht angemessen erschien.
Gleichwohl hat sich die Bezeichnung Holocaust in Deutschland seit 1979 als Begriff für die Shoa durchgesetzt, wobei hier die Sicht der „Nachfahren“ der Täter einen gewissen Vorrang hat. Die Geschichte der Shoa von der schrittweisen Entrechtung der Juden seit 1933 über ihre Enteignung, Deportation, Ghettoisierung (1938-1941) bis zu systematischen Massenerschießungen, Konzentration und Vergasungen in den Vernichtungslagern beschreibt daher der Artikel Holocaust.
Über diesen einzigartigen Charakter der Shoa wird in der Geschichtswissenschaft seit längerem diskutiert, vor allem seit dem von Ernst Nolte 1986 ausgelösten Historikerstreit. Als dessen Fazit kann man zusammenfassen:
Demgegenüber ist der Historiker Götz Aly der Ansicht, Hitler habe sich die Zustimmung zu seiner Diktatur vor allem dadurch erkauft, indem er die eroberten Länder und die Juden ausbeutete. In der Studie Hitlers Volksstaat (2005) hatte Aly untersucht, wie die Nazis in allen Ländern Europas den jüdischen Besitz in die Staatskassen transferierten. Er sagte dazu:
Die Einzigartigkeit des Holocaust besteht nach Ansicht der meisten Historiker darin, dass die Verbrechen von einem Staat und seinen Institutionen (Exekutive, Legislative, Judikative) systematisch und mit „deutscher Gründlichkeit“ geplant, legalisiert, verordnet und umgesetzt wurden. Mehr noch - in den überfallenen und mit Krieg überzogenen europäischen Staaten (u.a. Polen, Frankreich, Niederlande, Tschechoslowakei oder Sowjetunion) wurde sofort der Zugriff auf die jeweiligen jüdischen Bevölkerungsteile organisiert und die Vernichtung industriell betrieben. Als weiteres Kriterium der Singularität gilt, dass die Vernichtungslager und Konzentrationslager des Holocaust bei den Plänen und Maßnahmen des NS-Regimes absolute Priorität hatten. Da von der Wehrmacht dringend benötigtes Material zunächst an die Vernichtungslager geliefert wurde, wurde für die Shoa also sogar eine Verzögerung beim Nachschub für die Front in Kauf genommen. Der Zusammenhang zwischen Krieg, Massenvernichtung und Legalität wurde in dem Nürnberger Nachfolgeprozess über die „Einsatzgruppen“ ebenfalls hergestellt.
Zusammenfassend kann man sagen, dass die Singularität der Shoa in erster Linie in einer Institutionalisierung eines staatlich verordneten Rassismus besteht, der in der quasi industriellen Vernichtung mündete und ihre genozidale Dimension nur erreichen konnte, weil diese rassistischen Ideen mittels eines Krieges auf ganz Europa übertragen wurden.
So untersuchte Medardus Brehl, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Diaspora- und Genozidforschung an der Ruhr-Universität Bochum, die zeitgenössische Rezeption des Völkermords an Nama und Herero 1904. Er zeigte, dass der damalige Rassismus die Vernichtung bestimmter Völker und Volksgruppen propagierte, um sie aus der Volksgemeinschaft auszugrenzen, damit diese am Ende homogen und geschlossen „äußeren Bedrohungen“ gegenüberstehen konnte. Dies lasse sich neben den Aufständen in Deutsch-Südwestafrika auch im Völkermord an den Armeniern durch die Türkei und eben in der Shoa beobachten.
Diese These steht in gewisser Spannung zu der oben beschriebenen Tatsache, dass die Nazis sogar Kriegsorganisation zu Gunsten der Shoa zurückstellten. Jedoch diente der „Ausschluss“ der Juden tatsächlich einer „Homogenität“ der "Volksgemeinschaft" zu einer stärkeren Selbstbehauptung nach außen, daher ist diese These glaubwürdig.
Die Thesen von Ernst Nolte, wonach die Arbeitslager Stalins die unmittelbaren Vorbilder für die Lager der Nazis und Hitlers Krieg gegen die Sowjetunion eine Präventivmaßnahme gewesen seien, führte in Deutschland zum Historikerstreit. Im Ergebnis hielten die meisten Historiker daran fest, dass der Holocaust als Einzelereignis von der Größenordnung der Opferzahlen wie der Systematik seiner Durchführung her einzigartig war und sich nicht im obigen Sinn „relativieren“ lasse. Das revisionistische Interesse an einer „Relativierung“ der Shoa beruht auf dem Irrtum, dadurch ließe sich die Schuld und Verantwortung dafür mildern. Diese bleiben jedoch in jedem Fall gegeben. Die Frage nach der Schuld und der Verantwortung für die Folgen ist unabhängig von der historischen Frage nach den Ursachen und der Vergleichbarkeit der Shoa zu beantworten.
Die Diskussion darüber ist belastet, weil das Leiden ziganischer Völker während des Holocaust bis heute noch unzureichend anerkannt wird. Bis 1979 wurde der versuchte Völkermord an ihnen in der Bundesrepublik geleugnet. Bayern führte die SS-Zigeunerzentrale als Landfahrerzentrale bis in die 70er-Jahre weiter. Erst seit 1982 dringt das Porajmos allmählich verstärkt in das öffentliche Bewusstsein. Im Historikerstreit 1986 war es jedoch noch kein Thema.
Bis in die 90er-Jahre hinein mussten einige von dessen Überlebenden und ihre Angehörigen sich ihre Anerkennung gerichtlich erstreiten. Doch seitdem finden die ziganischen Gruppen in der Bundesrepublik zunehmend Akzeptanz für ihr Anliegen, das Porajmos ebenso wie die Shoa zu würdigen. Dies tat 1996 der damalige Bundespräsident Roman Herzog.
Deutsche Historiker meinen jedoch mehrheitlich nach wie vor, der Mord an den ziganischen Völkern sei nicht mit dem Mord an den Juden zu vergleichen. Der Stuttgarter Professor Eberhard Jäckel spricht hier von „Legendenbildungen bezüglich der Zigeuner, die sich sehr geschickt den verfolgten Juden gleichstellen möchten“. Der kulturpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion Eckhardt Barthel erklärte:
Demgegenüber verweisen die Vertreter der Sinti und Roma darauf, dass die ziganischen Völker trotz der scheinbar niedrigeren Opferzahlen von 500.000 teils vehementer als die Juden verfolgt wurden. Aufgrund der mangelnden Berücksichtigung dieser Tatsache fühlen sie sich weiterhin als Opfer zweiter Klasse behandelt. Auch im Ausland teilen Historiker die Position Jäckels u.a. nicht, sondern sehen eine weitgehende Übereinstimmung des Porajmos mit der Shoa.
Der folgende Auszug aus einem zeitgenössischen liberal-progressiven jüdischen Gebetbuch zeigt eine jüdische Sicht auf die Shoa auf:
Gebet
''Wir gedenken der sechs Millionen Toten und aller, die starben, als Wahnsinn die Welt regierte und das Böse in der Welt wohnte. Wir gedenken derer, die wir gekannt haben und derer, von denen selbst der Name verloren ist.
Wir trauern um alle, die mit ihnen starben, um ihre Güte und um ihre Weisheit, die die Welt hätten retten und so viele Wunden hätten heilen können. Wir trauern um den Geist und den Humor, der starb, um das Lernen und das Lachen, das für immer verloren ist. Die Welt ist ärmer geworden, und unsere Herzen werden kalt, wenn wir an die großen Dinge denken, die hätten sein können.
Wir sind dankbar für ihr Beispiel an Anstand und Güte. Wie Kerzen leuchten sie aus der Dunkelheit jener Jahre heraus, und in ihrem Licht erkennen wir, was gut ist - und was böse.
Wir gedenken jener nichtjüdischer Männer und Frauen, die den Mut hatten, außerhalb der Masse zu stehen und mit uns zu leiden. Auch sie sind deine Zeuginnen und Zeugen, eine Quelle der Hoffnung, wenn wir zu verzweifeln drohen.
Um des Leids unseres Volkes willen möge eine solche Zeit nie wieder kommen. Möge ihr Opfer nicht umsonst gewesen sein. In unserem täglichen Kampf gegen Grausamkeit und Vorurteile, gegen Tyrannei und Verfolgung gibt uns die Erinnerung an sie Kraft und leitet uns.
In der Stille gedenken wir derer, die Gottes Namen auf der Erde geheiligt haben.
Aus dem Gebetbuch: "Das Jüdische Gebetbuch - Gebete für Schabbat, Wochentage und Pilgerfeste, Bd. 1, von Jonathan Magonet (Hsgb.) und Walter Homolka, Gütersloher Verlagshaus, 1997 (5758)"
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